NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Jazz, Pop oder Ethno

© Markus Bühler, Zürich
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Wen ein Psychologe und ein professioneller Einrichter in diesen Räumen vermuten.

Von Franziska K. Müller

BERTHOLD ROTHSCHILD, PSYCHOLOGE UND PSYCHIATER:

Hier haust ein Single. Und selbst wenn es sich um eine Wohngemeinschaft handeln würde, der Single-Individualist prägt den Eindruck. Es gibt hier Verspieltheit, Offenheit für Veränderungen. Der Bewohner gehört wohl eher der männlichen Subspezies an. Jedenfalls ist es eine eigenwillige, von Beziehungsturbulenzen nicht unbelastete Person, die hier haust, das Alleinsein fällt ihr nicht unbedingt schwer.

Die Wohnung zeigt mehr vom Menschen als von seiner Kauflust - le style c'est l'homme. Musisches liegt der Person nahe: Jazz, Pop oder Ethno - man ist ja schliesslich weit herumgekommen. Vielleicht ersetzt die vielfältige Erfahrung das Leben selber, dasjenige, was man an Büchern oder Bibliotheken hier nicht sieht. Er liebt den Raum und seine Topographie im Grünen ebenso sehr wie die Ausstattung, die er sich im Brockenhaus, auf Flohmärkten und bei Gelegenheitskäufen komponiert hat. Kein Stuhl gleicht dem anderen, stückweise, pezzo a pezzo, setzt sich auch die Erfahrung zusammen.

Die Behausung irgendwo am Rande des hektischen urbanen Geschehens ist mitgeprägt von seiner individuellen Geschichte, und es wäre sicher nicht uninteressant, mehr von dieser zu erfahren. Heute kommt ein Gast - er oder sie bekommt auf der Veranda ein einfaches, aber wohldurchdachtes Mahl vorgesetzt. Und das Kindergedeck? Vielleicht kommt heute die Freundin oder Exfrau mit Kind (es könnte sogar sein eigenes sein) zu Besuch. Ob dann noch eins gekifft wird? Es könnte lustig werden und im Schlafzimmer seine lange Fortsetzung finden. Zum Glück ist man nicht an die üblichen Bürozeiten gebunden.

JEAN-PIERRE DOVAT, DESIGNER UND INNENARCHITEKT:

Eine schöne Altbauwohnung, o. k. Das Gute vorneweg: Positiv fällt die rote Sitzgruppe ins Auge. Nicht wegen der Form - Gott bewahre -, sondern weil es sich hier endlich mal um eine bequeme Sitzgelegenheit handelt. Eine Seltenheit in Schweizer Wohnungen und Häusern, wie mir aufgefallen ist.

Den Gras-Stuhl lasse ich nur knapp durchgehen. Möbel sollen in erster Linie funktionstüchtig sein - und wirklich nichts anderes. Der Bewohner oder die Bewohnerin ist vermutlich schon einige Male umgezogen, und geschmacksmässig haben sich die Präferenzen mit den Jahren verändert. Leider hat man darauf verzichtet, jene Dinge wegzuwerfen, die man als Ersteinrichter bei Ikea gekauft hat. Natürlich sparen heute die wenigsten jungen Leute komplette Wohnungseinrichtungen zusammen. Das wäre doch zu bieder.

Das Schicksal sogenannter Einrichtungs-Individualisten ist es, bis ans Ende ihrer Tage Altlasten mit sich rumschleppen zu müssen, die ihnen nicht mehr entsprechen und eine Neuausrichtung im Wohnbereich praktisch verhindern. In dieser Wohnung passt kein einziges Teil zum andern. Zusammengestückelt sieht das aus und nicht etwa, wie vorgegaukelt, originell.

Vielleicht haben sie kein Geld? Da kann ich nur herzhaft lachen: Für Klamotten geben die Jungen das Geld mit vollen Händen aus, aber im Wohnbereich herrscht diesbezüglich der blanke Geiz. Wenn es an den nötigen Finanzen fehlt, um eine ganze Wohnung neu einzurichten, der Wille aber irgendwann doch da ist, rate ich: ein Zimmer nach dem andern in Angriff nehmen und den Rest vorerst nur mit dem Allernötigsten ausstatten. Die Lust auf verschiedene Stilrichtungen und Stimmungen kann so voll ausgelebt werden, und trotzdem entsteht jeweils ein konsequentes, in sich geschlossenes Ganzes.

. . . und wer wirklich darin wohnt

TOM WALTERT, RAUMPLANER, EIN KIND:

Anja und ich sind seit zwei Jahren ein Paar und leben seit dem vergangenen Dezember zusammen. Seit ich mit zwanzig von zu Hause weggegangen bin, bin ich siebenmal umgezogen. Ich habe in Solothurn, Luzern, Rapperswil gelebt, und gegenwärtig bin ich in Basel zu Hause. Das Heimatgefühl hat sich natürlich verändert. Ich fühle mich wenig sesshaft. Etwa einen Drittel der Zeit habe ich allein gelebt, sonst immer mit anderen Menschen zusammen. Zuletzt mit der Mutter meiner vierjährigen Tochter Anna.

Anja, meine jetzige Partnerin, ist in den letzten Jahren viermal umgezogen. Sie ist Kunststudentin. Von ihr stammen die Musikinstrumente und der Gras-Stuhl - auf dem es sich vorzüglich sitzen lässt -, einige Bilder an den Wänden, das Geschirr von der Grossmutter, der Staubsauger und das Bügeleisen. Die ersten Möbel, die ich besass, waren von Ikea, oder ich habe sie auf der Strasse gefunden und selbst restauriert. Die rote Sitzgruppe war ein Zufallsschnäppchen: Es sind überzogene Kinosessel. Im Verlauf der Zeit hat sich vielleicht mein Qualitätsempfinden, nicht aber mein Geschmack verändert.

Anja - sie ist sechs Jahre jünger als ich - behauptet, ich wolle neustens Dinge anschaffen, die quasi für die Ewigkeit halten. Dabei habe ich nur eine auf dem Abfall gefundene Leseliege neu beziehen lassen. Gut, das hat ein Vermögen gekostet, aber was soll's? Nächstens möchte ich einen Hi-Fi-Turm nach eigenen Ideen bauen lassen und einen Spieltisch realisieren.

Das Wichtigste ist mir, dass der Stilmix gepflegt wird wie bisher. Was einst aus einer Notsituation heraus entstand - wenig Geld und ein unstetes Nomadenleben -, ist zu einem festen Einrichtungsstil avanciert, obwohl das WG-Leben der Vergangenheit angehört und ich einen Job habe. Alles andere würden wir beide als statisch und auch als konformistisch empfinden.

Besonders gut gefallen uns hier der Balkon und der Garten. Gästen tischen wir Spaghetti oder ein siebengängiges Menu auf, aber immer unkompliziert und ohne Showeinlagen. Die wichtigste Besucherin bleibt natürlich meine Tochter, die alle zwei Wochen drei Tage bei uns ist. Hinsichtlich Wohnen haben wir noch viel vor: zum Beispiel die Bananenkisten wegräumen. Die stehen jetzt schon monatelang im Gang rum. Was ich von meinen Sachen am ehesten weggeben könnte? Alles. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ausser Anja.


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