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Berühr mich
© Hansjörg Egger, Uster
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| Verkümmert der Tastsinn? Psychologen sprechen von einer «berührungsarmen» Gesellschaft. |
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Jahrhundertelang wurde er verachtet, doch heute weiss man: Ohne den Tastsinn geht gar nichts. Ein Loblied auf den grundlegendsten aller Sinne.
Von Anja Jardine
Ein direkter Weg, unser zwei Quadratmeter grosses Sinnesorgan zu erforschen, ist der, sich nackt auszuziehen, einen weissen Frottébademantel überzustreifen und den «Kleinen Himmel» aufzusuchen. Der liegt im Spreewald, ist hell und luftig, wie es sich für einen Himmel gehört, allerdings nicht von Engeln bewohnt, sondern von sogenannten Quelven – dienstbaren Geistern, die einen betreuen wie ein Kind. Das Paradies ist exklusiv für Damen und nicht ganz billig. Aber theoretisch lässt sich das Fühlen nun mal nicht ergründen. Und zum Fühlen sind Wellness-Oasen wie der Kleine Himmel ja da, im frühen 21. Jahrhundert.
«Ohne den Tastsinn können wir nicht existieren. Er wird als erster von allen Sinnen ausgebildet, schläft nie und stellt das Bezugssystem für alle anderen Sinne zur Verfügung», sagt Martin Grunwald. Der Psychologe ist Leiter des Haptiklabors der Universität Leipzig – so sein offizieller Titel, in Wahrheit aber ist Grunwald Kämpfer für ein verkanntes Genie: den Tastsinn. In einem recht heruntergekommenen Gebäudetrakt versucht er mit Hilfe eines selbsterfundenen «Haptameters» und anderer Gerätschaften, unserem wichtigsten Sinnesorgan auf die Spur zu kommen. Lange Zeit hatte sich die akademische Welt wenig für den Tastsinn interessiert, galt er doch als dem Sehsinn unterlegen. Ein fataler Irrtum, wie Grunwald glaubt.
Bereits in der achten Schwangerschaftswoche, wenn der Fötus nur gerade 2,5 cm gross ist, nimmt der Tastsinn den Dienst auf. Riechen, hören und schmecken kann er erst im letzten Drittel der Schwangerschaft, die Augen öffnet er erst nach der Geburt. «Die erste geistige Grosstat, die wir als Zellklumpen unternehmen, besteht darin, zu begreifen: Hier bin ich, und dort beginnt die Umwelt», sagt Grunwald. «Nur das Bewusstsein für Innen und Aussen schützt uns davor, den eigenen Zeh zu fressen.»
Das ist ein interessanter Gedanke, zumal wenn gerade eine Quelve zu den eigenen Füssen hockt, sie in lauwarmem Wasser badet und mit Meersalz abreibt. Langsame kreisende Bewegungen an den Sohlen, zwischen den Zehen, am Knöchel, bis hinauf zu den Waden. Da lernt man den Zeh ganz neu zu schätzen. Bereitwillig schliesst man die Augen, verzichtet gern für einen Moment auf den sonst so dominanten Sehsinn.
Das Pantoffeltierchen hat schliesslich auch keinen. Es kann weder sehen noch riechen, weder schmecken noch hören. Es ist als Einzeller in Tümpeln unterwegs und weiss dennoch Futter, Feind und Sexualpartner voneinander zu unterscheiden. Das Pantoffeltierchen ist gewissermassen der personifizierte Tastsinn. «Diesem winzigen biologischen System gelingt es, seinen dreidimensionalen Lebensraum zu erkunden, um die für sein Leben notwendigen Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Und zwar, indem es sich bewegt. Genau wie wir!» ruft Grunwald. «Bewegung und Erkundung sind aneinander gekoppelt. Darin zeigt sich ein Grundprinzip, das evolutionsbiologisch sehr alt ist.»
Wer nun einwenden möchte: Moment mal, ich kann die Welt auch erkunden, ohne mich vom Fleck zu rühren, indem ich meinen Blick streifen lasse!, dem hält Grunwald entgegen: «Lesen Sie mal das Höhlengleichnis von Platon. Da sehen die Menschen ihr Leben lang Schatten aus einer anderen Welt und denken, diese Wesen seien schwarz und platt. – Ohne unser Verständnis vom Raum könnten wir visuelle Signale gar nicht entschlüsseln. Jeder visuelle und jeder auditive Reiz braucht jenes Bezugssystem, das der Tastsinn schon beim Fötus anlegt.»
Wie also kommt der Fötus zu seinem Bezugssystem? Die Erkundungstouren des Ungeborenen im Fruchtwasser lassen sich wunderbar nachempfinden, wenn man bis zur Nasenspitze in einem Vollbad liegt, das umsichtige Quelven eingelassen, wohl temperiert und mit feinen Essenzen versetzt haben. Je länger man dort liegt und darüber nachdenkt, dass es dem Fötus gelingt, zum Beispiel am Daumen zu nuckeln, desto erstaunlicher kommt es einem vor. Woher weiss er, wo der Mund ist?
Jeder Tritt gegen Mutters Bauchdecke, jedes Sich-selbst-Begreifen (im Wortsinn) des Ungeborenen, jedes Durchgeschütteltwerden, wenn die Mutter tanzt, dient dem Aufbau eines inneren Bildes vom Selbst: Körperschema genannt. Es wird millisekündlich aktualisiert. Dümpelt das Selbst zum Beispiel in einer Badewanne, registrieren die Sinnesrezeptoren Feuchtigkeit, Temperatur, verringerte Muskelspannung, horizontale Gelenkstellung.
Ein gigantisches und hochsensibles Netzwerk aus vielen Millionen Sensoren – niemand kennt die genaue Zahl – gibt permanent Auskunft über äussere Reize wie Druck, Vibration, Kälte, Wärme, Dehnung, Schmerz. Die Rezeptoren sitzen in der Haut, in den Gelenken, den Muskeln und Sehnen; derzeit sind zehn verschiedene Typen bekannt. Sie tragen so schöne Namen wie Vater-Pacini-Körperchen, Meissner-Körperchen oder Ruffini-Körperchen. Jedes sieht anders aus, ihre Formen reichen von einfachen Nervenenden bis hin zu hochkomplizierten Sensorkörperchen, die an Knospen, Zwiebeln oder Raumsonden erinnern.
Das Vater-Pacini-Körperchen zum Beispiel sitzt in den unteren Hautschichten sowie an Muskeln und Sehnen, es kann bis zu 4 Millimeter lang sein und reagiert nur auf Vibrationen. Andere Rezeptoren reagieren auf kurz andauernde Druckreize, und wieder andere auf lang andauernde. Allein die Tastsensoren in der Nähe der etwa 5 Millionen Haarfollikel nehmen einen Lufthauch wahr, der ein Haar um einen Tausendstelmillimeter krümmt.
Die Rezeptoren übersetzen den Reiz in elektrische Impulse, die in 30 Millisekunden durch die Nervenbahnen ins Gehirn jagen. Dort werden die Informationen decodiert und mit Kommandos für die betroffenen Muskeln und Sehnen beantwortet. In meinem Fall lautet das Kommando: Körper strecken und Fussspitzen leicht gegen den Wannenrand stemmen – eine in der Tat existenzsichernde Massnahme, denn die Wanne ist deutlich grösser als die Badende und das Wasser tief. Ich würde schlicht absaufen.
Diese Einordnung des Körpers in den Raum bewerkstelligen die Sinnesorgane gemeinsam mit dem Hirn fast immer, ohne unser Bewusstsein damit zu behelligen. Zum Glück. Ergreife ich zum Beispiel das Glas Fruchtsaft, das die Quelve mir reicht, registrieren die Sensoren in den Fingern, wie stark das Gewicht des Glases die Haut verformt, und ob das Gefäss schwerer oder leichter ist als erwartet. Binnen Millisekunden sorgen sie dafür, dass der Druck auf die Glaswand entsprechend korrigiert wird, damit es mir nicht entgleitet oder ich es zerbreche. Dank dem Tastsinn führe ich das Glas zum Mund und nicht zum Ohr, und die Lippen sind zur rechten Zeit so geformt, dass sie eine Flüssigkeit aus exakt diesem Gefäss aufnehmen können. Zweifelsfrei eine technische Höchstleistung.
Im Laufe des Lebens erstellt der Mensch ganze Atlanten von Karten seines Selbst in allen erdenklichen Lebenslagen. Dabei erweist sich das Körperschema als extrem flexibel. Nicht nur der Bauch der Schwangeren wird umstandslos integriert, damit das Ungeborene nicht andauernd gegen etwas stösst. Sobald wir hinter dem Steuer eines Autos sitzen, erweitern wir die innere Karte von unserem Selbst auf Carrosserieformat. Der Chirurg «fühlt» die Spitze des Skalpells, der Arm des Holzfällers verlängert sich um die Axt, der Schreibende spürt die Bleistiftspitze auf dem Papier. Voraussetzung ist Körperkontakt mit Skalpell, Axt und Bleistift.
Jeder gesunde Mensch ist zu Tastleistungen dieser Art imstande, so wie man jedem Klavier Töne entlocken kann. Je besser geschult der Tastsinn, desto vielseitiger und grandioser jedoch das Spiel. Das gilt für alle Sinnessysteme. Würde man beispielsweise einem Neugeborenen nach der Geburt für zwei Monate die Augen verbinden, würde es erblinden. Das System degeneriert, da es nicht mit Licht stimuliert wird. Genauso muss der Tastsinn lebenslang trainiert und stimuliert werden, um zu reifen. Je vielseitiger die Tasterfahrungen, desto besser. Und da Sensoren nicht nur in der Haut sitzen, sondern auch in Muskeln, Sehnen und Gelenken, ist Bewegung essentiell für die Entwicklung des Tastsinns. «Motorik und Sensorik gehören immer zusammen», sagt Grunwald.
Aktuelle Studien, darunter die WHO-Gesundheitsstudie und der Jugendgesundheitsbericht des Robert-Koch-Instituts, zeigen einen deutlichen Rückgang der Fitness und der körperlichen Aktivität bei Kindern und Jugendlichen. Auffällig viele Kinder sind beim Einschulungstest nicht in der Lage, blind auf einer Linie zu laufen, auf einem Bein zu stehen oder zu hüpfen. Aber nicht nur bei Störungen der Koordination und Motorik vermuten Fachleute einen Zusammenhang mit mangelnder Bewegung, sondern auch bei Hyperaktivität, Aggression, Ablenkbarkeit, körperlicher Unruhe und Fettleibigkeit. Vielen Kindern mangelt es an Naturerlebnissen. Wer hauptsächlich von Plastic umgeben ist und sich mehr im virtuellen Raum aufhält als im Wald, dem fehlen Sinneseindrücke. Aber gerade «dieser Sinneseindrücke bedarf es für die sensorische, kognitive, neurologische und physische Entwicklung eines Menschen», so der Psychologe Charles Spence, der sich an der Oxford University mit dem Tastsinn beschäftigt.
Wir lernen, dass Glas sich nicht nur kalt anfühlt, sondern auf eine bestimmte Weise glatt. Und nur wer den Vergleich kennt, weiss, dass sich diese Glätte anders anfühlt als die Glätte von Seide oder Hochglanzpapier. «Ein Büroarbeiter, der erblindet, kann mit Glück noch die Blindenschrift erlernen», sagt Grunwald, «einem Bauarbeiter aber, der jahrzehntelang mit groben Materialien hantiert hat, wird das kaum noch gelingen.» Das Auge kann im Bereich von 100 Mikrometern Erhebungen wahrnehmen, der Tastsinn fühlt 4 Mikrometer Differenz. Unsere Vorstellung von der stofflichen Beschaffenheit der Welt verdanken wir wesentlich dem Tastsinn. Genau wie die Vorstellung von uns selbst.
Wie realitätsfern die sein kann, stellte Grunwald fest, als er Probanden verschiedene Relieftafeln ertasten liess, um die wahrgenommenen Formen danach aufzuzeichnen. Unter den meist perfekt nachgezeichneten Figuren entdeckte er eine völlig missratene Serie. Sie stammte von einer Magersüchtigen; sie wog bei 176 cm Körpergrösse 30 Kilogramm und empfand sich selbst als unerträglich fett. «Eine Reihe von Versuchen bei mehreren Magersüchtigen belegte, dass bei schwerer Magersucht nicht nur die Selbstwahrnehmung gestört ist, sondern der Tastsinn allgemein», sagt Grunwald. Er vermutet, dass eine bestimmte Hirnregion, der rechte Parietalcortex, die körpereigenen Informationen nicht richtig verarbeitet.
Auf der Suche nach einer Methode, um der jungen Frau zu helfen, kam Grunwald auf die Idee, die 19-jährige Langzeitpatientin für die Dauer von 15 Wochen dreimal täglich eine Stunde lang in einen hautengen Neoprenanzug zu stecken. Auf ihre Körperoberfläche sollte konstant starker Druck ausgeübt werden, so dass sich das Druckempfinden bei jeder Bewegung änderte. Auf diese Weise erhielt das Gehirn Informationen, wo genau der Körper zu Ende ist, wo sich die Gelenke befinden usw., und vielleicht, so die Hoffnung, würde das Gehirn registrieren, dass der Körper bei weitem nicht die Ausmasse hatte, die es gespeichert hatte. Tatsächlich zeigte die Messung der Hirnströme mit der Zeit Aktivität im rechten Parietalcortex, wo vor dem Experiment Ruhe geherrscht hatte. Die Wahrnehmungsleistungen der Patientin verbesserten sich, ihre Körpertemperatur, die knapp unter 36 Grad gelegen hatte, stieg, und sie nahm deutlich an Gewicht zu. Sie sagte aus, dass sie seit Jahren zum ersten Mal wieder Wärme und Kälte auf ihrer Haut spüre und dass sie sich offener fühle für Kontakt mit anderen Menschen.
Doch als das Experiment beendet war, rutschte die junge Frau in die Magersucht zurück. Sie bat Grunwald, ihr den teuren Anzug auszuleihen, und hat ihn trotz mehrfacher Aufforderung nie zurückgegeben. Heute lebt sie mit ihrem Catsuit im Ausland.
«Das Körperschema der jungen Frau ist nachhaltig gestört», sagt Grunwald. Mit Hilfe der Ganzkörper-Überstimulation durch den Anzug sei es vorübergehend gelungen, es zu korrigieren, doch das reichte nicht aus, um das in 15 Jahren Magersucht entstandene Schema zu überlagern. «Auch unter Bodybuildern finden sich viele, die schwere Körperschema-Störungen haben», so Grunwalds These. «Wenn die Grundmatrix verzerrt ist, kann der Mensch auch visuelle Reize nicht richtig verarbeiten.» Egal, wie unermüdlich sich einer an den Kraftmaschinen abarbeitet, der Blick in den Spiegel wird ihm nie Linderung bringen. «Die Sicht auf sich selbst bleibt verzerrt.» Deswegen, so glaubt Grunwald, können Gesprächstherapien bei Essgestörten wenig ausrichten, eine umstrittene Theorie. Doch Grunwald ist überzeugt: «Sie können Ihre vor- und nachgeburtliche Geschichte mit Worten aufarbeiten – Ihr Körper ist trotzdem nicht bei Ihnen! Es ist der Tastsinn, der die Wahrnehmung leitet.»
Dennoch wurde der Tastsinn jahrhundertelang als niederer Sinn betrachtet, von Philosophen geringgeschätzt, von Moralwächtern und Hygienikern verdammt, von Wissenschaftern ignoriert. Seine Nähe zu Erotik und Sexualität ist es, die ihn so verdächtig macht. Nicht ganz zu Unrecht, wie man feststellt, wenn man splitterfasernackt auf einem Leinentuch liegt und von einer fremden Frau, Quelve hin oder her, von den Schultern bis zu den Knöcheln mit Quark und Leinöl eingesalbt wird. Angespannt und wachsam verfolgt das System, ob die Tabuzonen respektiert und die anderen Regionen auf die «richtige» Weise berührt werden.
Was «richtig» ist, muss stets aufs neue ausgehandelt werden. Jeder Kulturraum und jedes Individuum hat seine eigenen Regeln für den Umgang mit Berührungen. Bereits die Fusswaschung zur Begrüssung im «Kleinen Himmel» im Spreewald bedeutet für die Mitteleuropäerin eine Neuverhandlung der Grenzgebiete. Wir sind es gewohnt, einem fremden Menschen die Hand zu reichen, bestenfalls die Wange, nicht aber den Fuss. Im Orient hingegen gilt die Fusswaschung als Symbol der Gastfreundschaft. Das simple Waschen eines fremden Fusses bekundet die Bereitschaft, zu dienen. Nachdem Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend seiner Kreuzigung das letzte Abendmahl gehalten hatte, wusch er ihnen die Füsse. Die Bedeutung einer Berührung ist abhängig von Kultur, Situation, Geschlecht und Verhältnis der Beteiligten. Ein Schulterklopfen zum Beispiel steht im westlichen Kulturkreis nur einem ranghöheren oder gleichgestellten Menschen zu. Und im südostasiatischen Raum sollte man einem Kind nicht über den Kopf streichen: Es verletzt seine Seele.
Überhaupt gilt Asien als berührungsärmste Region der Welt, vor Nordeuropa, Nordamerika und Kanada. Nirgends fasst man sich so viel an wie im Mittelmeerraum und in den meisten Ländern Südamerikas. Ein hohes Mass an Körperkontakt kann auch in Osteuropa, inklusive Russland, den arabischen Ländern und Indonesien beobachtet werden. In letzteren allerdings nur zwischen Menschen gleichen Geschlechts, während Berührungen zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit tabu sind.
Es gibt kaum eine Berührung, die belanglos ist. So bekamen Kellnerinnen in einem Experiment der University of Mississippi mehr Trinkgeld, wenn sie den Gast flüchtig berührten. Zweimal ein leichtes Streifen mit den Fingern über die Hand des Gasts für je eine halbe Sekunde brachten im Schnitt 37 Prozent mehr Trinkgeld ein.
Auch ein Experiment an der Psychologischen Fakultät der Yale University zeigt eindrücklich, wie sehr wir uns von Berührungen beeinflussen lassen. Auf dem Weg zum Labor trafen die Probanden – vermeintlich zufällig – im Fahrstuhl eine Assistentin, die sie bat, kurz ihren Kaffeebecher zu halten, während sie sich Notizen machte. In manchen Fällen war der Kaffee heiss, in manchen kalt. Im Labor wurden die Probanden um eine Einschätzung einer dritten Person gebeten, die im Fahrstuhl nicht dabei war. Jene, die einen warmen Becher gehalten hatten, beurteilten sie als deutlich sozialer, freundlicher, grosszügiger als jene, die einen kalten Becher hatten halten müssen.
Selbst unbewusste Eigenberührungen, wie sie jeder hundert Mal am Tag ausführt, haben einen messbaren Effekt, wie Grunwald feststellte. Jedes Mal, wenn sich jemand das Haar hinters Ohr streicht oder an die Nasenspitze fasst, verändern sich die Hirnströme in bestimmten Bereichen, was darauf hindeute, dass sich der Mensch zum einen beruhige und zum anderen seine Konzentration wachrufe.
Der Greifreflex eines Säuglings ist stark genug, um sein eigenes Gewicht zu halten. Er scheint geradezu dafür gemacht zu sein, sich an der Mutter festzuhalten – statt im separaten Bett im separaten Zimmer zu liegen. In der Zwiesprache mit dem Körper der Mutter lernt das Neugeborene das Abc für alle künftigen körperlichen Erfahrungen. In den 1950er und 1960er Jahren haben Affen-Experimente deutlich gemacht, dass Primatenbabies zugrunde gehen, wenn man sie nicht berührt. Und Erfahrungen in Waisenhäusern lehrten, dass auch Menschenbabies kaum das zweite Lebensjahr erreichten, wenn sie keine körperliche Zuwendung erfuhren. Ihr Immunsystem, wird vermutet, war zu schwach, um auch nur die kleinsten Infektionen abzuwehren.
Berührungsmangel führt zu einem Abfall des Serotoninspiegels, während Dopamin- und Testosteronspiegel ansteigen; das Ergebnis sind Aggressionen. Die existentielle Notwendigkeit von Hautkontakt ist heute unbestritten. So haben Untersuchungen gezeigt, dass Streicheleinheiten auch bei Erwachsenen den Herzschlag verlangsamen, den Blutdruck verringern, die Konzentration steigern, das Immunsystem stärken und Stress abbauen.
Nicht von ungefähr ist eine Massage auch der Höhepunkt des Baderituals im Kleinen Himmel. Haut auf Haut. Die Quelve streift die Handschuhe ab. Endlich haben die Fingerkuppen, die Stars der körperlichen Tastmannschaft, ihren grossen Auftritt. 24 Meissner-Körperchen allein auf einem Quadratmillimeter, ingesamt 2000 topgeschulte Rezeptoren in jeder Fingerbeere. Auch wenn sie nicht auf das sensibelste Terrain des Körpers losgehen, ist es nun an der Zeit, jeden Widerstand aufzugeben. Keine Fragen mehr. Loslassen, bis das Körperschema zerfliesst wie ein Eis in der Sonne und der Kopf schweigt.
Ein Bedürfnis, das immer mehr Menschen zu haben scheinen. Körpertherapien erfreuen sich wachsenden Zulaufs, die Wellness-Branche boomt. «Als wir in den 1990er Jahren unser Spa einrichteten», erzählt Christine Clausing vom Hotel Zur Bleiche, zu dem der Kleine Himmel gehört, «ging es darum, den Gästen auch im Winter eine Beschäftigung anzubieten. Heute gibt es auch im Sommer kaum noch eine Buchung ohne Bäder und Massagen.»
Der englische Psychologe Charles Spence spricht von einer «berührungshungrigen Generation», die durch die Vereinzelung der Individuen, künstliche Arbeitswelten und fehlende Naturerlebnisse mittlerweile ein solches Defizit an haptischen und taktilen Erfahrungen habe, dass sie ihr Bedürfnis danach durch Wellness-Angebote zu decken versuche. Gekaufte Zärtlichkeit.
«Baderituale und Massagen sind jahrhundertealt und in vielen Kulturen verankert. Das Bedürfnis nach Berührung gab es immer», sagt Christine Clausing, «mein Eindruck ist eher, dass es im Alltag vielen schwerfällt, auf ‹berührungsbereit› umzuschalten. Berührung bedarf der Musse, und die fehlt vielen. Wenn sie aber einen speziellen Ort aufsuchen, gelingt das Umschalten leichter.»
Solche Sorgen hat das Pantoffeltierchen nicht. Denn es hat kein Hirn, das es vom Fühlen ablenken könnte. Tatsächlich hat es keine einzige Nervenzelle. Und das ist es, was dem Haptikforscher Grunwald den Schlaf raubt. «Woher, bitte schön, weiss die blöde Amöbe auf ihren kopflosen Streifzügen, dass das ein Blatt ist, das sie sich einverleiben kann, und das ein Feind, vor dem man sich hüten muss?» Erst wenn wir das verstanden haben, so Grunwald, können wir versuchen, uns zu verstehen.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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