NZZ Folio 10/99 - Thema: Panama   Inhaltsverzeichnis

E-Mail aus dem Cyberspace -- Die Taste Irgendein

Von Franz Zauner

KORYPHÄEN SIND eine bedrohte Art. Wo gibt es heute noch lange, ruhige Lebenswege, die aus kleinen Anfängen über natürliche Anstiege in hohe Schaffenszenite leiten? Solche Biotope werden von der Technik gründlich verbaut. Überall errichtet sie kleinteilige Wissensbezirke, in denen man tagelang im Kreis laufen muss, vom Wesentlichen abgelenkt, mit Händen voller Gebrauchsanweisungen, Juckreiz am Hinterkopf und brennenden Fragen auf der Zunge. Das ist der Fluch des ewigen Laientums, das in einer Welt, in der sich alles ändert, zwangsläufig zur dominanten Lebensform wird.

Anfang letzten Jahres tummelten sich 100 Millionen Menschen im Internet, Anfang nächsten Jahres werden es 200 Millionen sein. Und während die Hälfte aller Surfer soeben die Initiationsrituale der Netzwelt in Angriff nimmt, steht wenigstens 5,5 Milliarden Menschen der Erstkontakt mit einem Computer noch bevor. Eine Armee der Finsternis - aus der Bunkersicht der Kundendienste. Sollte auch nur ein winziger Teil ihrer «True Support Stories» wahr sein, dann hört alles auf.

Von einer namhaften Computerfirma heisst es, dass sie die Abschaffung der Botschaft «Press Any Key» in Erwägung zieht: Die Flut der Anfragen, wo genau sich der «Any Key» auf der Tastatur befinde, sei einfach nicht mehr zu bewältigen. Rächt sich der ewige Laie für seine Infantilisierung, indem er sie auf die Spitze treibt? Angeblich soll einer schon gefragt haben: «Können Sie mir dieses Internet nicht auf eine Diskette kopieren?»

Aber auch der kurze, gerade Weg ist in der EDV verbaut. Ein Novize, der vom digitalen Pannendienst aufgefordert wurde, Kopien seiner defekten Disketten an die Zentrale zu schicken, lief schnurstracks zum Fotokopierer und kam mit einer tadellosen Ablichtung der Vorder- und Rückansicht seiner Disketten zurück, die er dann ins Kuvert steckte. Und alles, was er hörte, war Gelächter aus einer anderen Galaxis, weit, weit entfernt. So wie jener bedauernswerte Beginner, der an seinem Computer verzweifelte, weil der ständig behauptete: «Drucker nicht vorhanden.» Dabei hatte er den Bildschirm eigens so gedreht, dass der Drucker unübersehbar im Blickfeld der Maschine liegen musste.

Computer machen das, was man ihnen sagt, niemals das, was man von ihnen will. Diese Spitzfindigkeit fordert heraus, man hat ja noch andere Sorgen. Wenn wieder einmal einer dieser Besserwisser behauptet, er könne das Internet nicht auf eine Diskette kopieren, wird ihm sofort die erboste Frage entgegendonnern: «Warum nicht?»


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