NZZ Folio 10/03 - Thema: Im Büro   Inhaltsverzeichnis

Krank geschrieben

© Friedel Ammann
Büroarbeit kann einen Rücken nicht entzücken, doch auf der Baustelle wär’s gefährlicher. Linktext
Jeder Dritte hat Rückenweh, jeder Zweite Augenbeschwerden. Oft nützt ein neuer Chef mehr als ein neuer Stuhl.

Von Viviane Manz

Das Büro ist, denkt man, ein ungefährlicher Arbeitsplatz. Es ist warm und trocken, die Zahnbürste liegt in der Schublade, der Weg zum Kühlschrank ist ohne Abgründe. Im Büro fühlt man sich sicher – was soll schon passieren? Gut: man kann seinen kleinen Zeh mit dem Bürostuhl überfahren oder sich mit dem Druckerpapier in den Finger schneiden. Kein Vergleich aber zur Arbeit etwa mit Traktoren und Fräsmaschinen.

Die Statistik sagt jedoch: Das Büro macht krank. In einer Studie der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizin über die Arbeit am Bildschirm klagten fast 80 Prozent der Befragten über Beschwerden während oder nach der Arbeit, vor allem über Rückenschmerzen, Verspannungen in Nacken und Schultern, über Augenbeschwerden und Kopfweh. In der Schweiz haben sich die Klagen der Arbeitsbevölkerung über solche Beschwerden von 1984 bis 2000 verdoppelt – es arbeiten auch immer mehr Leute am Computer. Heute kämen sogar schon Lehrlinge wegen Hand- und Armproblemen bei der Computerarbeit in die Klinik, sagt der Zürcher Handchirurg Daniel Herren. Schmerzen in Rücken und Nacken, Händen und Armen sind laut Expertenschätzungen für rund zehn Prozent der Absenzen von Büroarbeitern verantwortlich. Bei sitzender Arbeitsweise verdoppelt sich zudem das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Die Symptome der Büroleiden sind oft diffus und die Ursachen selten eindeutig bestimmbar. Die Arbeitsmediziner konzentrieren sich deshalb darauf, die Risikofaktoren zu benennen. Sehr viel weiter als im 17. Jahrhundert ist man mit den Erkenntnissen nicht. Schon damals nannte ein Arzt als Gründe für Schmerzen im Hand-Arm-Bereich bei Leuten mit Schreibberufen: sitzende Arbeitsweise, repetitive Bewegungen, hohe Konzentration und die Angst, Fehler zu machen. Nur nannte man die Beschwerden noch nicht Repetitive Strain Injuries (RSI). Dazu zählt man heute Sehnenscheidenentzündungen, Tennisellbogen, das Schulter-Arm-Syndrom und das Karpaltunnelsyndrom, eine Nervenstörung im Handgelenk. Leute, die besonders oft und lange am Computer sitzen, klicken sich häufig einen «Mausarm» an, der sich in Schmerzen und Lähmungen der Armmuskeln äussert.

Wie Sekretärinnen gehören auch Journalisten zu den Risikogruppen, beide schreiben oft lange und unter Zeitdruck am Computer. Eine Journalistenkollegin, kürzlich aus den USA auf Heimurlaub in der Schweiz, hat sich den schönen lila Gips, den sie trug, allerdings mit der klassischen Denkerpose geholt. Über Jahre hatte sie über ihren Artikeln jeweils mit aufgestütztem Ellbogen gebrütet, das Kinn in die Handfläche gepresst. Was mit einem Kribbeln im kleinen Finger begann, wuchs sich zu heftigen Schmerzen und Lähmungen aus und endete mit einer Operation und mit fünfzigprozentiger Arbeitsunfähigkeit. Mit etwas Glück wird sie ihre Hand irgendwann wieder richtig bewegen können. Der Nerv, der über den Ellbogen geht und umgangssprachlich als «Narrenbein» bekannt ist, war mit der Zeit regelrecht zerquetscht worden.

Rund ein Drittel der Büroarbeiter leiden unter Schmerzen im Nacken, an den Schultern oder im Rücken. Der Grund ist oft unklar. Manchmal sind es schlecht durchblutete Bandscheiben, manchmal sind es Druckpunkte am Übergang zwischen Sehne und Knochen, manchmal sind die Nerven gereizt. Klar ist, dass langes Sitzen schadet. Das Skelett wird dabei übermässig belastet, weil die Stützmuskulatur erschlafft, wenn man nichts dagegen unternimmt. Wer vornüber- gebeugt im Stuhl hängt, belastet die Bandscheiben; aber auch wer länger als zehn Minuten am Stück aufrecht sitzt, tut sich nichts Gutes. Jede starre Haltung ist schlecht. Nicht nur für den Rücken. Langes Sitzen verringert für Männer die Chancen auf Nachwuchs: Die Qualität der Spermien leidet, wenn die Hoden im Sitzen an die Leisten gepresst und über die Idealtemperatur erwärmt werden.

Fast die Hälfte der Leute, die am Computer arbeiten, klagen über Augenbeschwerden. Zwar können überanstrengte Augen tatsächlich vorübergehend kurzsichtiger werden, die Störung verschwindet aber nach einer Erholungszeit, etwa in den Ferien. Wenn die Augen abends brennen, kann das an einem zu hoch placierten Bildschirm liegen, weil man da immer leicht nach oben schauen muss, die Augen daher weit geöffnet sind und schneller austrocknen. Manchmal brennen oder tränen die Augen aber auch wegen der trockenen Luft oder der Klimaanlage.

Die Klimaanlage gehört zu den Hauptverdächtigen bei typischen Büroleiden wie Kopfschmerzen, Verspannungen oder Müdigkeit. Der Strauss diffuser Beschwerden, deren Ursache man im Raumklima vermutet, ist unter dem Begriff Sick Building Syndrome (SBS) zusammengefasst. Bei SBS ist die Definition von Symptomen und Ursachen besonders schwierig: Wie soll man beweisen, dass die Müdigkeit mit dem Arbeitsplatz zusammenhängt? Hingegen ist die sogenannte Befeuchterlunge, eine asthmaähnliche allergische Erkrankung, die bei schlecht gewarteten Klimaanlagen auftreten kann, ein medizinisch klarer Fall und wird von der Suva als Berufskrankheit anerkannt.

Bei einem Angestellten, der über Kopfweh und Unwohlsein klagte, nachdem er in ein neues Bürogebäude gezogen war, stellte sich heraus, dass er 16 Stunden täglich arbeitete und keine Anerkennung von seinem Vorgesetzten bekam. Damit kommt der schillerndste aller Krankheitsfaktoren ins Spiel: das Arbeitsklima. Die Fachleute sind sich einig, dass für viele Beschwerden weder die Büroeinrichtung noch die Tätigkeit an sich ausschlaggebend ist, sondern ein schlechtes Arbeitsklima. Die Hälfte aller Absenzen, sagt Dieter Kissling vom Institut für Arbeitsmedizin in Baden, hätten eine mangelnde Motivation zum Grund. Das heisst: Die Leute könnten eigentlich zur Arbeit kommen, aber sie sind unmotiviert und bleiben im Zweifelsfall zu Hause. Wenn auf einer Abteilung überdurchschnittlich viele Absenzen vorkommen, reiche es manchmal, den Chef auszuwechseln, und die Fehltage gingen zurück, sagt der Personalverantwortliche einer Bank.

Eine englische Studie stellte fest, dass Beschäftigte umso häufiger wegen Rückenschmerzen fehlten, je tiefer sie in der Bürohierarchie standen. Fehltage sind ausserdem konjunkturabhängig: Verschlechtert sich die Wirtschaftssituation, überlegt sich jeder zweimal, ob er blaumachen soll. Verschärft sich die Situation im Unternehmen derart, dass die Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz fürchten, werden sie vor Angst manchmal wirklich krank, und die Absenzenkurve steigt wieder an.

Mit Problemen dieser Art kämpft man zurzeit auch in der ABB Schweiz. Man stellte fest, dass die Angestellten von Abteilungen mit düsteren Aussichten vermehrt über Kopfschmerzen klagen. Mit einem gezielten «Absenzenmanagement» versucht man nun, die Ursachen von Fehltagen herauszufinden und sie zu reduzieren. Dazu gehört, sich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen. Zu oft habe es der Vorgesetzte nicht bemerkt, wenn jemand krank zu Hause blieb. Man will verhindern, dass sich ein Mitarbeiter unbewusst in die Invalidität flüchtet, weil er keine andere Perspektive mehr sieht. Die Kombination aus Stress, Angst vor dem Stellenverlust und Überforderung ist wohl der grösste Krankmacher, nicht nur im Büro.

Bei allen Klagen über das Büro – es gibt Schlimmeres. Zum Vergleich: Rückenschmerzen kommen bei Bauarbeitern oder Bauern fast doppelt so oft vor. Nur greifen die eher zu Schmerzmitteln. Die Häufigkeit eines Leidens innerhalb einer Berufsgruppe hat auch Einfluss darauf, ob die Suva es als Berufskrankheit anerkennt. Bei Krankheiten, die auch in der nichtberufstätigen Bevölkerung häufig vorkommen, ist die Suva in ihrer Anerkennungspraxis sehr restriktiv, Rückenprobleme etwa gelten als Volkskrankheit. Bei Büroarbeitern anerkennt sie normalerweise weder Rückenschmerzen noch RSI-Beschwerden, da es fast unmöglich zu beweisen ist, dass sie ausschliesslich oder stark überwiegend von der Arbeit verursacht wurden und der Grund nicht zum Beispiel in einer Veranlagung liegt.

Die meisten Bürokrankheiten laufen unter dem Begriff «berufsassoziierte Gesundheitsstörungen», deren Kosten für Behandlung und Arbeitsausfälle vor allem die Krankenkassen tragen. Wird jemand durch solche Störungen invalid, muss er mit massiv schlechteren Rentenleistungen vorliebnehmen, denn die ergänzende Unfallversicherungsrente erhält man nur bei Berufskrankheiten. Würden Gesundheitsstörungen wie die typischen Büroleiden als Berufskrankheiten anerkannt, müssten die Unfallversicherer laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Kosten in Milliardenhöhe übernehmen. Da es in der Schweiz aber kaum statistische Daten gibt, wieweit Arbeitsbedingungen Gesundheitsprobleme verursachen, ist es schwierig, die Verantwortlichkeit festzulegen. Schwierig ist somit auch eine zielgerichtete Prävention.

Egal wer dafür bezahlt: kranke Arbeitnehmer belasten die Volkswirtschaft. Ein von der EU in Auftrag gegebener Bericht kommt zum Schluss, dass arbeitsbedingte Muskel- und Skeletterkrankungen die Mitgliedländer bis zu zwei Prozent ihres Bruttosozialprodukts kosten. Aus dieser Sicht kann der Aufwand für die Prävention gar nicht zu gross sein.

Nicht, dass man das Problem nicht erkannt hätte: Mit den Plakaten, Merkblättern, Zeitungsartikeln und Forschungsberichten über die Leiden der Büroarbeiter könnte man halb Europa einen Winter lang heizen. «Gemeinsam gegen Muskel- und Skelettkrankheiten», ruft die EU, und die Briten stellen nüchtern fest: «Gesunde Rücken arbeiten besser.» «Klick, klick, klick, klick…», warnt man in den Niederlanden vor den Schmerzen mit der Maus, die Suva titelt: «Ergonomie – Erfolgsfaktor für jedes Unternehmen.» Grossunternehmen wie UBS, CS, Nestlé, Novartis oder ABB richten ergonomische Arbeitsplätze und Fitnesscenter ein, unterstützen Sportclubs; manchmal gibt es bezahlte Gesundheitschecks und Fitness-Gummibänder für alle.

Man könne, sagt Kissling, mit einfachen Mitteln einen Arbeitsplatz optimieren. Zurzeit hätten die Firmen sowieso kein Geld für teures ergonomisches Spielzeug. Das Zauberwort heisst «der bewegte Arbeitsplatz». Sind Tisch- und Stuhlhöhe erst richtig eingestellt, solle man sich ruhig mal zurücklehnen und die Füsse auf den Tisch legen, Pausen machen und zur Kaffeemaschine pilgern, zur Büronachbarin gehen, statt sie anzurufen. Überhaupt raten die Fachstellen: Treppe statt Lift, Velo statt Auto, Rücken- und Bauchmuskulatur stärken. Sowie: Sei froh, Mensch, und ärgere dich nicht (ha!).

So branden die Papierfluten von Informationsmaterial an die Felsen der Bequemlichkeit. Derweil haben die Stuhlhersteller vor der Schwäche des Fleisches kapituliert und bringen Stühle mit langsam rotierender Sitzfläche auf den Markt. Nach dem Motto: Wenn du dich nicht bewegst, bewege ich dich.


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