NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister   Inhaltsverzeichnis

«Seit wir uns anschwiegen, ging es mit unserer Leistung bergauf»

© Franziska Frutiger, Biel
Das Schweigen der Männer: Paul Laciga und Martin Laciga, erfolgreichste Schweizer Beachvolleyballer. Linktext
Die Lacigas waren Pioniere des Beachvolleyballs und spielten 12 Jahre lang an der Weltspitze. Ihr Erfolgsrezept: Schweigen. Heute arbeitet Paul im Familienbetrieb, Martin ist nach wie vor Profi. Sie sind Nachbarn. Aber reden weiterhin nur das Nötigste.

Von Michael Krobath

Paul Laciga, 38

Es geschah im Sommer 1996 bei einem Turnier in Italien. Wie so oft zu Beginn unserer Karriere hatten wir uns während eines Spiels gegenseitig wüst beschimpft und die Partie dadurch leichtfertig aus der Hand gegeben. Aber diesmal waren wir zu weit gegangen. Unsere Eltern schämten sich und meinten, dass sie so nicht mehr zu unseren Spielen kämen. Und plötzlich sagte Martin: «Mit dir red i nümm.» Und so war es dann auch.

Von jenem Tag an kommunizierten wir auf dem Feld fast nur noch mit Blicken und Gesten. Das war nicht leicht. Am Anfang wollte ich nach einem Sieg instinktiv auf ihn zulaufen und ihn umarmen. Mit der Zeit funktionierten wir wie zwei Einzelsportler. Jeder motivierte sich selbst und teilte seine Emotionen mit dem Publikum oder dem Schiedsrichter. Auch neben dem Feld gingen wir uns zunehmend aus dem Weg, sprachen nur noch das Nötigste. Ein deutscher Beachvolleyballer, der einmal mit uns im Trainingslager war, meinte danach fassungslos in einem Interview: «Die beiden haben vielleicht zehn Worte in einer Woche gewechselt.»

So what? Wir hatten unsere Erfolgsstrategie gefunden. Seit wir uns anschwiegen, ging es mit unseren Leistungen bergauf. Mich hat das nie gross belastet. Im Gegenteil, ich empfand es als überwiegend positiv. Wenn man miteinander redet, geht es nur um Schuldzuweisung. Wenn man nicht redet, ist die Chance, dass man an seinen Fehlern arbeitet, viel grösser. Ich möchte, dass die Menschen das verstehen. Denn in den Medien wurde unsere Beziehung jahrelang viel zu sehr problematisiert. Und gleich noch eine zweite Klarstellung: Es kam auch vor, dass wir auf dem Feld manchmal sprachen: taktische Anweisungen; zwei, drei Worte. Bloss hat das niemand gemerkt.

In der Kindheit stritten wir uns kaum. Wir sind viereinhalb Jahre auseinander, und er war für mich einfach immer der kleine Bruder. Ihm fiel vieles leichter als mir. In der Schule musste er weniger lernen, um gute Noten zu bekommen; im Kraftraum musste er weniger trainieren, um die gleiche Sprunghöhe zu erreichen. Charakterlich sind wir uns sehr ähnlich. Das ergab auch ein psychologischer Test. Der grösste Unterschied: Ich bin eher extrovertiert, er eher introvertiert. Seine Verschlossenheit machte mir manchmal zu schaffen. Zum Beispiel auf unseren vielen Reisen. In solchen Momenten hätte ich gerne mehr mit ihm geredet. Aber er blockte immer ab. Zumindest empfand ich das so.

Was uns all die Jahre verband, war unser Siegeswille. Solange der stimmte, war alles andere zweitrangig. Ein Partnerwechsel kam für mich nicht in Frage. Zum einen, weil es in der Schweiz lange Zeit keinen gab, der so gut war wie er. Zum anderen, weil ich wusste, dass es auch mit einem anderen Spieler zu Konflikten kommen würde. Trotzdem haben wir uns nach den Olympischen Spielen 2004 getrennt. Oder genauer: Er hat sich von mir getrennt. Erfahren habe ich es von unserer Managerin. Ich hätte mir gewünscht, dass er mir dies persönlich mitgeteilt hätte.

Inzwischen sind vier Jahre vergangen. Während Martin noch immer Profi ist, arbeite ich im Familienbetrieb. Wir sind Nachbarn, ich bin der Götti seines dreijährigen Sohns. Zwar reden wir immer noch wenig, aber ich glaube, wir kommen uns langsam näher. Als ich zurücktrat, verabschiedete mich der Volleyballverband mit einer Ehrung. Zu meiner Überraschung war auch mein Bruder gekommen, er hielt sogar eine Laudatio. Dabei sagte er einige nette Dinge. Und ich begriff, dass er eigentlich kein Problem mit mir hat.

Martin Laciga, 33

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in unserer Kindheit jemals zusammen eine Sandburg gebaut hätten. Jeder baute seine eigene Burg, und dann hat er die des anderen zerstört. Wir empfanden das als völlig normal. Später duellierten wir uns auf dem Tennisplatz, und mit 15 war es so weit: Ich hatte ihn eingeholt. Aber daheim am Küchentisch drehte er es immer wieder so, dass er wie der Sieger aussah. Schliesslich begannen wir mit dem Beachvolleyball. Irgendwann spielten die Gegner gezielt auf ihn. Er war der Schwachpunkt. Es war der Zeitpunkt gekommen, an dem er an sich arbeiten und von mir etwas lernen konnte. Aber er wollte den Lead nicht abgeben. Da blieb nur das Schweigen. Sonst hätten wir uns getrennt. Paul und ich verstanden uns als Geschäftsmodell. Wir wollten nie als Freunde um die Welt reisen, sondern um Erfolg zu haben. Der interne Konkurrenzkampf fand auf einem höheren Niveau statt als der Kampf gegen die Gegner. Ich akzeptierte nicht, wenn er zweimal denselben Fehler machte. Er musste ihn eliminieren. Das gab ich ihm deutlich zu verstehen. Komplimente waren tabu. Dem anderen eine gute Leistung zu bescheinigen, wäre einer Niederlage gleichgekommen. Damit hätte man zugegeben, dass man selber schwächer gespielt hatte.

Was uns vereinte, war der Wille zum Erfolg. Und der Erfolg selbst. Was uns trennte, war der Weg zum Erfolg. Paul ist ein Marathonmann. Seine Formel lautet: 100 Prozent Seriosität bringen 100 Prozent Erfolg. Er kann alles Störende ausblenden oder sogar ins Positive wenden. Heute weiss ich: Wir haben es ihm zu verdanken, dass wir es als erstes europäisches Team an die Weltspitze schafften.

Ich habe lange zu Paul aufgeschaut. Aber dann begann ich mich abzugrenzen und Dinge auf meine Art zu machen. Ich wollte wissen, wie das ist, wenn man etwas Spass zulässt. Ich gönnte mir auch einmal ein Dessert oder ein Glas Wein, schlief etwas länger. Das passt zu mir. Er empfand das als Provokation und konnte es nie akzeptieren. Da haben sich unsere Wege getrennt. Wir sprachen auch neben dem Feld nur noch das Nötigste. In all diesen Jahren sprachen wir nie über Probleme, wir gaben einander keine Schwächen preis. Ich glaube, er findet Gefühle unwichtig. Das sind für ihn Details. Er betrachtet sie als negativ, als etwas, das nichts bringt. Gleichzeitig bin ich sehr empfindlich. Ich empfinde vieles von ihm als Kritik. Selbst wenn es positiv gemeint ist. Die wenigen Versuche, den Konflikt zu lösen, waren nie seriös. Es hätte uns zu viel Überwindung und Arbeit gekostet. So haben wir die Probleme in eine Schublade gesteckt, und dort sind sie verrottet.

2004 blieben unsere Erfolge aus, und ich merkte, dass wir stagnierten. Da entschied ich mich für einen neuen Partner. Die Trennung empfand ich fast als Erlösung. Der selbstauferlegte Erfolgszwang, das Schweigen, die ständige Anspannung – irgendwann war der Akku nicht mehr aufzuladen. In der Folge musste ich lernen, dass man einen Match auch geniessen kann. Das nächste Jahr wurde nicht das erfolgreichste, aber das glücklichste meiner Karriere.

Heute ist mein Verhältnis zu Paul besser. Beim Barbecue können wir den Konkurrenzkampf ruhen lassen. Jeder hat seinen Weg gefunden. Ich habe den Konflikt mit mir selber verarbeitet und kein Problem mehr damit, dass wir nicht miteinander diskutieren. Ich will, dass er das weiss. Und ich würde gerne einmal etwas mit ihm unternehmen. Nur wir zwei.

Michael Krobath ist freier Journalist in Zürich. Er hat einen jüngeren Bruder.

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