DIE MEXIKANISCHE KULTUR hat in Los Angeles längst die Schranken des ursprünglichen Pueblo überwunden. Doch schon bevor die Einwanderer aus dem Süden in der einst so amerikanischen Stadt mit Selbstbewusstsein in Erscheinung traten, liessen sich hier Architekten blenden vom Mythos Mexikos. Davon zeugen stolz die bereits im ersten Viertel unseres Jahrhunderts entstandenen Häuserkuben von Irwing Gill und Frank Lloyd Wrights Aztekenburgen.
Nicht weniger als die von Neutra und von Schindler einst propagierten weissen Flachdachhäuser entsprechen mexikanisch inspirierte Bauten dem Klima und der Landschaft Südkaliforniens. Aus diesem Grund liess denn auch das Anwaltsehepaar Arthur und Audrey Greenberg seinen pseudomediterranen Bungalow durch einen Neubau des gefeierten Mexikaners Ricardo Legorreta ersetzen. Der 61jährige Meister übergab ihnen 1991 nicht nur ein Haus, sondern ein Hauptwerk der neuen mexikanischen Architektur, das selbst die von ihm für seinen Landsmann, den Schauspieler Ricardo Montalban, in Hollywood erbaute Villa in den Schatten stellt.
Im vornehmen Brentwood, gleich unterhalb des Hügels, auf dem gegenwärtig Richard Meiers neues Getty Center entsteht, kommt Legorretas Haus einem Statement gleich. Antworten doch dessen erdverbundene Türme der dekonstruktivistisch verspielten Collage einer grossen Villa von Frank Gehry. Ist Gehrys Bau vom urbanistischen Chaos Los Angeles' und der automobilen Welterfahrung seiner Bewohner bestimmt, so demonstriert das Greenberg-Haus - als pastorale Sinfonie von Mauern, Kuben, Silhouetten im Licht der Farben - gleichsam die Rückbesinnung auf Wrights nahegelegenes Ennis-Haus und Gills Purismus. Die Parallelen sind frappant. Erklären lassen sie sich damit, dass Legorreta die gleichen Vorbilder studierte wie die beiden Meister: die klare Architektur von Hofhaus und Hazienda sowie die Monumentalität altindianischer Tempel.
Durch seinen Lehrer José Villagrán mit der corbusianischen Moderne vertraut gemacht und durch seine Freunde - den grossen Architekten Luis Barragán, den Plastiker Mathias Goeritz und den naiven Farbmagier Chucho Reyes - mit der einfachen mexikanischen Baukunst, wagte Legorreta Mitte der sechziger Jahre in seinen legendären Camino-Real-Hotels eine moderne, streng geometrische Neuinterpretation des herkömmlichen Bauens mit Farbe, Raum und Licht. Solch hybrides Schaffen, in dem sich Internationalität und Tradition, Rationalität und Emotion vermischen, prägt Mexikos Kunst spätestens seit dem Maler Diego Rivera. Es gab Legorreta die Fähigkeit, Barragáns intime Kunst zu einer gültigen regionalen Architektursprache zu verdichten. So überrascht denn hinter hohen ockerfarbenen Mauern das Greenberg-Haus mit rhythmischen Sequenzen von Kuben, offenen und geschlossenen Höfen, Gängen, Treppen.
Dieses Architekturerlebnis beruht nicht auf einer rationalen Promenade architecturale, sondern auf dem Prinzip des Labyrinths, in dem man sich verlieren darf. Einem Irrgarten gleicht denn auch der Grundriss mit seinen asymmetrisch dynamisierten Achsen, die an verwinkelte, farbenfrohe Städte wie Guanajuato denken lassen. Einer Adobeburg gleich staffeln sich die gelben, von Schattenbildern belebten Kuben um den kargen, kiesbedeckten Hof, der mit seinen hohen Washingtonia-Palmen und Agaven einem Zitat der südkalifornischen Naturlandschaft gleichkommt. Diese wird zugleich auch von den im Gelb und Blau der Mittagshitze und im Rot der Sonnenuntergänge eingefärbten Mauern beschworen, die Legorreta bewusst einsetzt als stumme, emotionell geladene Symbole.
Ein verglaster Brunnenhof dominiert mit kühlem Lila die Eingangshalle und verbindet sich mit dem aus hohen schmalen Fensterschlitzen einfallenden Tageslicht zu einer räumlichen Farbabstraktion. Wie das Licht fliesst auch der Raum: Die lange Halle führt über in eine Art Wohnhöhle, um sich dann zu einer hellen Loggia, dem geschützten Teil des Gartenhofes, und zum privaten Salon zu weiten. Zur Linken erreicht man - vorbei an der Küche - das zum Pool und zu einem versteckten Gartenhof hin offene Esszimmer sowie den Arbeitsraum des Hausherrn im Turm darüber. Diesem antwortet im Norden ein zweiter Turm, der über einem Gästetrakt das Schlafappartement sowie das Büro der Hausherrin enthält.
Von hier geht eine Aussenstiege, die gleichermassen an die Sternwarte von Jaipur wie an altmexikanische Pyramiden erinnert, in den Garten. Rasenwellen und Wassertreppen führen zum Pool und zu den Pavillons. Diese rahmen den Blick auf das von den Landschaftsarchitekten Mia Lehrer und Scott Sebastian aus Los Angeles mit einer üppigen Pflanzenkulisse wie eine Skulptur inszenierte Haus: Im harmonischen Zusammenspiel mit Erde, Wasser, Sonne, Licht wird es zum Gesamtkunstwerk, das einen Hauch von Mexiko über die weiten Ebenen der Megalopolis zaubert.