NZZ Folio 01/97 - Thema: In der Krise   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Jäger und Gejagter

Von Herbert Cerutti

ES IST NOCH DUNKEL, als Isla Graham mit ihrem Landrover ins Grasland der Serengeti fährt, im roten Streifen am Osthimmel die Silhouette einer Elefantenherde, neben einer Schirmakazie wie ein Kandelaber eine Giraffe. Die junge Zoologin aus Schottland beobachtet seit einem halben Jahr, wie sich der Gepard in der Serengeti mit seinen Beutetieren, aber auch mit den Konkurrenten und Feinden arrangiert. Das von der Londoner Gepardforscherin Sarah Durant Anfang der neunziger Jahre begonnene Programm ist ein weiterer Schritt im zwanzigjährigen Bemühen, das mangelhafte Wissen über die Verbreitung und die Lebensweise des Gepards in der Serengeti zu erweitern. Im 3000 Quadratkilometer grossen Studiengebiet sind dem Forscherteam jetzt 140 Geparde einzeln bekannt; als Identifikationshilfe dienen die individuell verschiedenen Muster im Fleckenkleid.

Bald flammt die Savanne goldgelb im Morgenlicht; ein frischer Wind jagt Wellen über das Gräsermeer. Auf einem Termitenhügel entdeckt Isla einen ersten Gepard und fährt langsam bis auf zwanzig Meter heran: «Ein Weibchen, etwa sechs Jahre alt, gut genährt», taxiert die Zoologin die Raubkatze und greift nach der Blechschachtel neben dem Fahrersitz, um dort in den Fotos der Personalakten das Tier zu suchen. Mit einem GPS-Satelliten-Navigationsgerät registriert Isla erst die Position und sucht dann mit dem Feldstecher nach für den Gepard relevanten Tieren. Als potentielle Beute zählt sie 17 Thomsongazellen und ein Warzenschwein, als Konkurrent oder Feind streicht eine Hyäne durchs Gras. Isla wird im Laufe des Morgens auch an Stellen Halt machen und ein Inventar erstellen, wo kein Gepard wartet. Denn nur so lässt sich herausfinden, welche Fauna der Gepard bevorzugt und welche er lieber meidet.

Der Gepard ist nämlich alles andere als ein König. Sein Leben ist ein fortwährendes Balancieren zwischen Fressen und Gefressenwerden. Für den Nahrungserwerb setzt die Raubkatze voll auf die Tempokarte: die Spitzengeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde ist ein Rekord für Säugetiere. Er ist nur dank entsprechend angepasster Physiologie möglich. Im 35 bis 65 Kilogramm schweren Körper gibt es kein überflüssiges Gramm Fett. Lange Beine tragen einen schlanken Körper mit hochgewölbtem, kleinem Kopf. Die hohe Schädelwölbung schafft Raum für besonders voluminöse Atemwege, was ein grosszügiges Versorgen des Blutes mit Sauerstoff und damit hohen Energieumsatz ermöglicht. Auch kann der Gepard dank weit gespreizten Pfoten effizient am Boden abstossen, wobei die Krallen, die er als einzige Katze nicht einziehen kann, beim Sprint wie Spikes greifen. So beschleunigt der Gepard vom Stand in zwei Sekunden auf 70 Kilometer pro Stunde - eine Leistung, von der selbst Porschefahrer träumen. Für den unglaublich eleganten Spurt setzt das Tier die Hinterbeine ähnlich dem Hasen weit vor die Vorderläufe. Die äusserst biegsame Wirbelsäule unterstützt die Laufbewegung wie eine gespannte Feder; der lange Schwanz dient als stabilisierendes Seitenruder.

Solche Leistung hat allerdings enge Grenzen. Nach maximal 400 Metern ist der Sprinter hoffnungslos am Limit und muss die Jagd abbrechen, falls er die Beute bis dahin nicht am Kragen hat. Deshalb kann der Gepard nur reüssieren, falls er mindestens auf 50 Meter an die Gazelle herankommt, bevor diese zu fliehen beginnt. So schleicht der Jäger mit tiefem Kopf auf die Beute zu und bleibt reglos stehen, sobald das Tier in seine Richtung blickt. Ist die Distanz günstig, wechselt der Gepard zum leichten Trott, fasst die Sache genauer ins Auge und startet erst zum aufwendigen Spurt, wenn er sich für ein bestimmtes Tier entschieden hat. Dicht hinter der Beute schlägt ihr der Jäger mit der Pranke die Hinterläufe unter dem Körper weg. Sobald das flüchtende Tier stürzt, ist ihm der Verfolger an der Kehle. Die Eckzähne sind jedoch für einen Todesbiss zu klein. Die Raubkatze drückt deshalb mit den Kiefern dem Opfer die Luftröhre zu, was es nach vier bis fünf Minuten endlich erschlaffen lässt.

Das Laufwunder ist allerdings nur in etwa 40 Prozent seiner Starts erfolgreich. Bei 493 in der Serengeti beobachteten Attacken kam der Gepard bei 203 zum Ziel. Aber selbst wenn die Beute tot am Boden liegt, ist der Erfolg noch nicht garantiert. Denn sind in der Nähe Löwen oder Hyänen, vertreiben diese den Gepard von der Beute. Der betrogene Jäger hat mit seinen bescheidenen Waffen und dem relativ geringen Körpergewicht gegen solche Schmarotzer keine Chance - er muss sich schleunigst verziehen, will er nicht das eigene Leben riskieren. So muss der Gepard seine Beute im Wettlauf gegen die drohende Konkurrenz fressen - was jedoch nicht sofort nach der Hatz möglich ist, denn mit 150 Atemzügen pro Minute statt der üblichen 60 und einer durch die Leistungsexplosion auf fiebrige 40 Grad erhöhten Körpertemperatur hechelt das ausgepowerte Tier erst eine Viertelstunde lang am Boden. Dann aber reisst es in aller Hast die besten Muskelstücke aus Bauch, Oberschenkel und Rücken der Beute.

Die Beobachtungen von Sarah Durant und Isla Graham deuten darauf hin, dass Geparden gezielt Gebiete meiden, wo Löwen und Hyänen häufig sind. Diesen Respekt konnte man experimentell bestätigen: Geparden verdrückten sich sogleich kilometerweit, wenn in ihrer Nähe ab Tonband Löwengebrüll ertönte. Zum Leidwesen für die Geparden sind jedoch die von Löwen und Hyänen frequentierten Gebiete meist auch die Zonen mit den meisten Gazellen. So muss sich der Gepard enorm auf die Socken machen, um alle zwei bis fünf Tage Beute zu finden.

Besonders kritisch ist die Sache für eine Mutter. Geparden sind extreme Einzelgänger. Männchen treffen die Weibchen nur für die Kopulation; die beiden bleiben dann höchstens ein, zwei Tage zusammen. Nach drei Monaten kommen zwei bis fünf Junge auf die Welt, blind und mit 200 Gramm noch recht hilflose Bündel. Die Mutter hat nun den Nachwuchs ohne jede Partnerhilfe viele Monate vor den Feinden zu schützen - neben Löwen, Leoparden und Hyänen schätzen auch Paviane und Adler das zarte Babyfleisch. Alle paar Tage transportiert die Gepardin die Kleinen nach Katzenart im Maul in neue Verstecke. Für den Wurf muss sie fast täglich Beute machen. Schon mit fünf Wochen dann spazieren die Jungen hinter der Mutter her in die Savanne. Bald beginnt auch das Jagdtraining: Die Mutter fängt ein Gazellenkitz und überlässt es lebend den Kleinen.

Mit 18 Monaten ist es schliesslich soweit: Die Jungen sind selbständig geworden und haben eigene Wege zu gehen. Zwar bleibt die Kinderschar noch einige Monate ohne Mutter zusammen; dann separiert sich ein Jungtier nach dem andern von der Gruppe. Nur Brüder bleiben gelegentlich beieinander und bilden eine Jagdgemeinschaft, die dank vereinter Kraft auch grössere Brocken wie Zebras und Gnus überwältigen kann.

Wie hart das Grosswerden für Gepardenkinder ist, zeigt die Tatsache, dass lediglich eines von zwanzig überhaupt erwachsen wird. Ausser Raubtieren droht als allgegenwärtiger Feind auch der Hunger. Nicht selten überlässt die Mutter, wenn sie zuwenig Nahrung findet, die hilflosen Kleinen dem Schicksal, denn es ist für die Gepardin genetisch lohnender, das Aufziehen von Kindern auf hoffentlich bessere Zeiten zu verschieben.

Der Mensch war früher dem Gepard recht wohlgesinnt. Schon im dritten Jahrtausend vor Christus nutzte die bessere Gesellschaft in Mesopotamien die Grosskatze zur Jagd; die Tradition soll sich in Vorderasien, Nordafrika und Indien bis heute erhalten haben. Dazu wird das Tier mit einer Lederkappe über dem Kopf auf einem Karren in das Jagdrevier gefahren. Sobald sich eine lohnende Beute zeigt, nimmt man dem Gepard die Kappe ab und lässt ihn jagen. Marco Polo berichtete von Mongolenprinzen, die den Gepard auf dem Pferd hinter dem Rücken des Pflegers sitzen liessen und so der Beute entgegenritten.

Die Jagd mit Geparden funktioniert, weil sich selbst im erwachsenen Alter gefangene Tiere rasch an den Menschen gewöhnen und völlig zahm werden. Die Zutraulichkeit des Gepards hat ihn auch früh zum beliebten Gesellschafter werden lassen, wie Bilder von der Grosskatze aus dem alten Ägypten mit Halsband und Leine zeigen. Und im Italien der Renaissance war der elegante «gattopardo» am Fürstenhof fast ein Muss.

Noch im letzten Jahrhundert war der Gepard in Afrika, im Nahen Osten und bis nach Südindien weit verbreitet. Verfolgung durch den Menschen, aber auch steter Verlust an geeignetem Lebensraum haben die Bestände auf vielleicht insgesamt zehntausend Tiere schrumpfen lassen. Heute findet man die Grosskatze relativ dünn verteilt fast nur noch in den Savannen und Steppen südlich der Sahara. Mit 2500 Geparden hat Namibia die grösste Population; in der Serengeti gibt es zwischen 300 und 400 Tiere. In Namibia leben die Geparden häufig auf Weideland, was die Farmer, trotz Schutzbestimmungen, immer wieder zur Flinte greifen lässt. Rücksichtsvollere Rinderhalter integrieren jetzt eine Eselin mit Fohlen in die Herde, denn das beherzte Grautier schlägt jeden anschleichenden Gepard in die Flucht.

Fair und sportlich ist dagegen die Gepardenjagd der Buschmänner in der Kalahari-Halbwüste. Erst rennt ihnen der schnelle Gepard spielend davon. Doch die kleinen Männer folgen dem Tier in beharrlichem Dauerlauf. Bis nach 30 bis 40 Kilometern die Grosskatze mit zahllosen Sprints sich selbst erledigt hat und vor den Speeren der Buschmänner nicht mehr fliehen kann.


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