Grün ist die Hoffnung, rot ist die Liebe, aber die Hoffnung auf Liebe oder vielmehr: dass die Liebe erwidert werde, ist rosarot wie fast alles Ersehnte und Unerfüllte, solange es nicht bar jeder Berechtigung ist und im Tiefblauen versinkt. Rosarot und nicht rot ist die Liebe auch, wenn sie kurz vor der Erfüllung steht. Nie ist der Himmel blutrot, wenn die Förstertochter dem Wildhüter endlich in die Arme sinkt. Blutrot war er, als er schwor, sie aus den Fängen des Wilderers zu erlösen, und man schon fürchten musste, er werde ihn mit einem Blattschuss erlegen. Jetzt aber hüllt die Abendsonne die Berggipfel, die eben noch golden waren, in ihr zartrosa Licht, und die herzensreine Förstertochter wird nicht schamrot im Gesicht, was sie bei dieser Performance auf offenem Feld eigentlich müsste, sie errötet im Gleichklang mit den Berggipfeln hold.
Rosa ist die Brille (think pink!), mit der man in eine bessere Zukunft schaut, die meistens dann aber auch nicht besser ist. Rosa ist die Unschuld des rosa zur Welt gekommenen Kindes, die man ihm, ist es ein Mädchen, auf ewig zu bewahren erhofft und es zu diesem Zweck rosa einkleidet und mit rosafarbenem Spielzeug zudeckt. Die Barbiewelt ist inklusive Pferd rosa, der Kleinkinderschminkkasten ist rosa, das Kleinmädchentäschchen: rosa. Der Spielzeugkatalog auf den Seiten für Mädchen: eine Orgie in Rosa. Selbst Bauklötze gibt es für Mädchen jetzt in Pastell umgestrichen, die klaren Farben mit Weiss aufgemischt.
So zieht sich das durch Vernebelung erzeugte und seinerseits vernebelnde Rosa dann weit über den Verlust der Unschuld hinaus durch die weibliche Gefühlswelt und ihre Accessoires, während sich das Hellblau der Knaben für eine gleiche Weiterverwertung nicht eignet und sich als Babyfarbe nicht wirklich durchgesetzt hat. In der Umfrage eines Farbergonomen wurde die Farbe Rosa zum überwiegenden Teil mit Eigenschaften assoziiert, die den Frauen so gut anstehen und dem männlich besetzten Rot (Mut, Kraft, Macht) so gut zudienen: Sanftheit, Zartheit, Weichheit, Lieblichkeit, Milde.
Rosa ist weiblich, Liebesromane sind weiblich, solange sie nicht von Goethe & Co. sind. Die doppelrosa Barbara Cartland, Autorin von 723 Liebesromanen, war ihr Leben lang in eine Wolke aus rosa Rüschen gehüllt. Die Lieblingsfarbe von Madame Pompadour, Mätresse am Hof Ludwigs XV., war Rosa. In zu viel Rosa kleiden sich Frauen, die noch nicht alle Hoffnung aufgegeben haben, oft vergreifen sie sich aber am benachbarten melancholischen Violett oder, der Absicht noch abträglicher, an aggressivem Pink. Ihre Katzen verdammen sie zu einem Leben in rosafarbenem Plüsch, wenn sie sich nicht lieber gleich einen Apricotpudel zulegen, der neben dem glücksbringenden Schwein das rosaste aller Säugetiere ist.
Eine allerdings hat Rosa mit Chic und mit Eleganz getragen und die Farbe in Ehren jeder Frau zugänglich gemacht (Frauen wird etwa geraten, zu Vorstellungsgesprächen unter dem grauen Kostüm eine zartrosa Bluse zu tragen: mildert die Strenge des kompetenzausstrahlenden Kostüms), nämlich Jackie Kennedy. Sie trug auch am 22. November 1963 in Dallas, Texas, ein rosafarbenes Kostüm.
Und wo Rosa nicht weiblich ist, wird es weibisch. Der freundlich blickende Joe Arpaio, in Amerika als «Amerikas schärfster Sheriff» bewundert, demütigt seine Häftlinge in Maricopa County, Arizona, indem er sie zwingt, rosafarbene Unterwäsche zu tragen. In den Konzentrationslagern wurden Homosexuelle mit einem rosa Winkel gekennzeichnet. Rosa wurde später zur Kennfarbe ihrer Emanzipation, die sie heute an ihren schrillen pinkfarbenen Schwulenparties feiern. In Amerika formierte sich im November 2002 die Bewegung «Code Pink». Im ganzen Land protestierten rosa gekleidete Frauen gegen den Irakkrieg. Die Farbe Rosa war doppelt konnotiert, sie stand gegen den «Code Red» in Bushs farbcodierter Terrorismuswarnung und zugleich für den vorwiegend weiblichen Pazifismus.
Rosa geht pflichtschuldig auch in der Esoterik seinem Besänftigungsauftrag nach, etwa als heilfarbige Nahrung (die roh verzehrt werden muss: den Bazooka also nicht kochen). Rosa lindert, dem Planeten Venus, dem Rosenquarz und aus unerfindlichen Gründen dem Dienstag zugeordnet, Frauenleiden, Allergien und beruhigt die Gemüter. In San Bernardino, Kalifornien, hat man schon aggressive Kinder in eine rosa gestrichene Zelle gesteckt, worauf sie nach zehn Minuten in Schlaf gefallen sein sollen. In West Yorkshire, England, verlegte man gewalttätige Gefangene in eine rosafarbene Zelle. Nach einer Stunde entschuldigten sie sich bei den Wärtern. Liess man sie vier Stunden drin, kam es zum Umkehreffekt, da wurden sie erst recht aggressiv und mussten zur Beruhigung in eine blaue Zelle.
Jetzt ist auch klar, warum die «Gazzetta dello Sport» (Urheberin des Giro d’Italia und der maglia rosa für den Gesamtleader) auf süssrosafarbenem und die «Financial Times» auf lachsrosa Zeitungspapier gedruckt ist. Aber auch, warum die Leser dennoch manchmal durchdrehen. Nicht wegen gefallener Börsenkurse und schlechter Fussballresultate: sie schauen zu lang drauf.
Lilli Binzegger ist stv. Redaktionsleiterin von NZZ-Folio.