NZZ Folio 03/92 - Thema: Karrieren   Inhaltsverzeichnis

Karriere-Notizen

Von Lilli Binzegger

Gemäss Duden heisst «Karriere» «Rennbahn/Laufbahn». Seine etymologischen Wurzeln hat das Wort im lateinischen carrus, was soviel wie «Karren» bedeutet. «Karriere machen» kann somit nichts anderes meinen, als einen Karren im Laufschritt über eine Rennbahn zu ziehen. Da fragt man sich, warum in aller Welt alle Welt Karriere machen will.

Den Karren über die Rennbahn ziehen - das Bild kennt man von Trabern, die mit ihrem Sulky, von Fahrer und Publikum angefeuert, über die Runden rasen bis zum umjubelten Sieg oder bis zur demütigenden Niederlage. Das Publikum will immer nur Sieger, die Wette auf Sieg zahlt höher als die Wette auf Platz. Mit Siegern ist Geld zu machen und Geltung zu holen. Sie siegen somit vor allem für andere, ein wenig aber schon auch für sich, weil man die Sieger mehr liebt.

Wie in allen Karrieren zählt hier das Mitmachen allein selbstverständlich nicht. Wer nicht siegt, hätte, im Gegenteil, besser nicht mitgemacht.

So wäre Karriere denn ein erotisches Spiel, weil nichts erotischer ist als die Macht und im Spiel der Beziehungen immer der mächtiger ist, der mehr geliebt wird, als er selber liebt. Die Art der Machtinsignien ist historisch und literarisch. Beim Mann sind es Einfluss und Geld, bei der Frau gute Herkunft und Schönheit. Die wirklich machtpotente Verbindung kommt also zustande zwischen dem Mann, den auf Grund dieser Merkmale möglichst viele Frauen lieben, und der Frau, die ihrer Insignien wegen möglichst viele Männer begehren.

Einmal mehr keine Gleichheit der Chancen: Während der Aufstieg zu Einfluss und Reichtum dem Tüchtigen selbst aus der Gosse grundsätzlich offensteht, so ist die Frau nur von Geburt aus gutem Hause und schön. Die Unattraktive, die aus eigener Kraft «Karriere» macht, mag sich Respekt verschaffen, wird aber mit keinem Reichtum und keinem öffentlichen Einfluss die erotische Anziehungskraft des noch so hässlichen Parvenus besitzen.

«Machen Sie mehr aus sich.» «Wir begleiten Sie auf dem Weg zum Erfolg.» Oder «Heute beginnt der Rest Ihrer Zukunft!» - Längst lässt sich Karriere auch mit Karriereförderung machen beziehungsweise mit dem, was dafür ausgegeben wird. Da kann man sich für teures Geld in (Fern-)Kurse einkaufen, deren Werbung allein («Wir optimalisieren Ihnen Ihre Karriere-Chancen!») schon wenig Gutes verheisst. Oder man nimmt für vielleicht weniger Geld, dafür mit um so grösserem Zeiteinsatz am esoterischen Ferienkurs teil, wo man sphärischen Klängen lauscht und, immer auch im Streben nach beruflichem Weiterkommen, im Morgentau barfuss mit der Gruppe Ringelreihen tanzt und die ganze Zeit (völlig sittlich!) Liebe und Zärtlichkeit übt.

Nun ist es zweifellos zu begrüssen, wenn dem «Manager von morgen» (und gern auch schon jenem von heute) nicht nur der Geschäftsgang, sondern auch das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter am Herzen liegt. Aber die Aussicht auf das in manchen Karrierebüchern anempfohlene liebende und zärtliche Management ist ungefähr so schrecklich wie die Erinnerung an den militärischen Despoten von einst.

Dann sind da noch jene Karriereförderungsveranstaltungen, deren Wert für die Teilnehmer hauptsächlich in der Tröstung liegen muss, dass es die anderen offenbar auch noch nicht weitergebracht haben. Ich denke etwa - es mag für gleichartige andere Veranstaltungen hier stehen - an das 250 Teilnehmern Platz bietende Rhetorikseminar eines Zürcher «Unternehmensberaters für Führungskommunikation» mit 235 Franken Eintrittsgebühr inklusive Handbuch und Essen. In der dreistündigen Vorführung lebte der Referent vor allem einen seiner Lehrsätze vor, wonach fehlerfreies, perfektes Verhalten Ablehnung erzeuge, weil sich der Redner damit über die Norm der Mehrheit seiner Zuhörer erhebe. (Er erzeugte keine.)

Ein Muster aus jenem Rhetorikhandbuch: Ein Vorgesetzter muss seinen Untergebenen mitteilen, dass Entlassungen bevorstehen oder ein Teil der Firma verkauft werden soll (eine ziemlich böse Sache). Da muss man gemäss Handbuch Mitgefühl zeigen (sicher sehr richtig), indem man nach der Einleitung zum Beispiel sagt: «Sie haben Angst und Sorgen. Ich auch.» Dann müsse man noch irgendwie gut über die Runden kommen und könne dann mit «Ich danke Ihnen» enden. Dann wüssten die Zuhörer, dass die Rede zu Ende sei, und könnten «herzlich applaudieren».


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