NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Jenseits von Jud und Böse

© Heeb magazine
Rebecca Wiener, 25, Chefredaktorin des Magazins «Heeb». Linktext
New York ist der einzige Ort, an dem ein Magazin wie «Heeb» entstehen kann: politisch unkorrekt, schamlos und provokant. Es ist das Sprachrohr einer Generation junger Juden, die sich nicht mehr über Holocaust und Klezmer definieren will.

Von Mikael Krogerus

Das unregelmässig erscheinende «Heeb» muss man sich vorstellen wie «ein uneheliches Kind von Emma Gold und Lenny Bruce». Falls Sie diesen Vergleich nicht verstehen, gehören Sie vermutlich nicht zur Zielgruppe. (Bei den beiden Personen handelt es sich aber nicht um goldkettenbehängte Hip-Hop-Stars: Emma Gold war die erste Anarchistin der USA; Lenny Bruce ein legendär-unkorrekter ­jüdischer Stand-up-Komiker.) Mit diesem Vergleich will der 34-jährige Herausgeber Josh Neuman klarstellen: Es geht in seinem Heft um Juden, es geht um Politik, und es geht um Humor.

Die Provokation beginnt schon mit dem Titel: «Heeb» war ursprünglich ein Schimpfwort für Juden. Das war in den 1930er ­Jahren. Damals wanderten viele Juden aus Osteuropa in die USA ein. Irgendwann wurde die überholte Beleidigung «heeb» von der jungen jüdischen Subkultur aufgegriffen. Das Wort beschrieb das Lebensgefühl der jungen Juden, die sich von der vom Holocaust geprägten Weltsicht ihrer Eltern distanzieren wollten.

Und so dreht «Heeb» unbekümmert alles durch die Mangel, was irgendwie das Judentum ausmacht: Ein Schwein läuft über einen gedeckten Schabbat-Tisch, in «Dirty Pictures from the Holy Scriptures» sind Abraham und Sarah beim Liebesakt zu sehen, und auf dem Cover beisst eine verführerische Eva in einen Apfel. Titel: «Oops, I did it again.» Feste Rubriken sind zum Beispiel «Battle of the Schwartzes», bei der die Leser zwischen den Fotos zweier unbekannter Personen mit identischen (jüdischen) Nachnamen wählen dürfen, wer ihnen besser gefällt, oder «Honorary Heeb», ein Gastinterview mit einem Nicht­juden.

Unpolitisch ist «Heeb» bei aller Ironie keinesfalls. Es gibt Reportagen aus dem orthodoxen schwullesbischen Milieu, Interviews mit Bürgerrechtlern, und jüngst attackierte man den jüdischen Senator Joe Lieberman, der für eine Erhöhung des Militärbudgets plädierte. Die Geschichte war betitelt «Joe Lieberman is a dickhead» (Joe Lieberman ist ein Schwachkopf) – die Aufregung war gross. Angesprochen auf den Ausrutscher, korrigierte sich Herausgeber Josh Neuman, es müsse natürlich heissen: «Joe Lieberman is a circumcised dickhead» (ein beschnittener Schwachkopf).

Die Idee zu diesem Magazin kam der damals 26-jährigen Jennifer Bleyer 2002 während eines Praktikums beim US-Magazin «Harper’s Bazaar». Bleyer beschreibt die Gründung so: «Für manche war Jüdischsein das Hauptgericht auf ihrem Identitätsmenu. Alles, was sie taten, jeder, den sie kannten, war jüdisch. Vielleicht hatten sie eine oder zwei ­Beilagenidentitäten – Frau sein, eine Ausbildung haben, aus St.?Louis kommen –, aber im grossen und ganzen waren sie vor allem Juden. Und dann gab es solche, für die Identität an sich eher einer trüben Suppe glich und ihre jüdische Seite einem kleinen, verführerischen Cracker unter vielen anderen Leckereien. Ich war so eine Jüdin, und meine Freunde waren es auch. An einem Herbsttag hatte ich die Idee, ein Magazin für uns zu machen. Dieses Magazin, beschloss ich, sollte ‹Heeb› heissen.»

Für die erste Ausgabe erhielt man 60?000 Dollar Vorschuss unter anderem von Steven Spielbergs Righteous Persons Foundation. Im Magazindschungel New York wäre das Blatt wohl unbeachtet untergegangen, weil aber die kulturelle Codierung des Wortes «heeb» so manchem aufstiess, wurden die Medien von CNN bis «New York Times» aufmerksam. Die Titelgeschichte der ersten Ausgabe, «Nazi Pizza», handelte davon, dass eine Pizza von «Pizza Hut» eine antisemitische Botschaft ausstrahle. Das war satirisch gemeint, als Hinweis darauf, dass die Eltern der «Heeb»- Generation überall Antisemitismus wittern. Die Satire verstand allerdings nicht jeder.

Den Durchbruch schaffte «Heeb» 2004: Eine Geschichte über Mel Gibsons Film «Die Passion Christi» wurde bebildert mit Fotos der Jungfrau Maria (mit gepiercten Brustwarzen) und von Jesus (in eindeutig sexualisierter Position; die Genitalien spärlich bedeckt von einem jüdischen Gebetsmantel). Abraham Foxman, Chef der Anti-Defamation League, einer Organisation, die antisemitische Strömungen aufspürt, geisselte «Heeb» als «blasphemisch, für Christen wie für Juden». Das war die beste Werbung.

Seit November 2007 ist die erst 25-jährige Texanerin Rebecca Wiener die neue Chefredaktorin von «Heeb».


Rebecca Wiener, was haben Sie mit «Heeb» vor?

Wir sind seit der Gründung 2002 zwölfmal erschienen, haben 150?000 Leser. Mein Ziel ist es, mehr Leser zu gewinnen, ohne Mainstream zu werden.

Kann man Avantgarde sein und trotzdem erfolgreich?

Hoffentlich. Aber mich interessiert finanzieller Erfolg nicht, wenn er auf Kosten dessen geht, was «Heeb» ausmacht: die Fragen stellen, die sonst keiner stellt, und die Witze erzählen, über die man nur hinter vorgehaltener Hand lacht.

Das Magazin gilt als Sprachrohr der «Superjuden». Wen meint man damit?

Einerseits Juden, die mit einem ironischen Unterton ihr kulturelles Erbe als Logo auf dem T-Shirt tragen. Sie haben Woody-Allen-Brillen, lieben Pastrami und würzen jeden ihrer Sätze mit einem jiddischen Ausdruck. Das ist eine unserer Zielgruppen. Andererseits sind die Orthodoxen die wahren Superjuden. Wir haben auch Leser aus diesem Lager. Aber die meisten Leser sind Juden, die sich eben nicht superjüdisch fühlen.

Ihr Magazin hat dazu beigetragen, dass ebendiese Juden sich cool fühlen können, weil sie jüdisch sind.

Nein, «Heeb» hat dazu beigetragen, dass junge Juden, die auf der judentypischen Suche nach Identität sind, Gleichgesinnte finden. Falls diese Gruppierung gleichgesetzt wird mit «coolem jüdischem Lifestyle», dann war das nicht unser Ziel. Wenn jüdisch sein cool sein soll, ist es genau das mit Sicherheit nicht.

Wie viele Leute arbeiten bei Ihnen in der Redaktion?

Wir sind fünf Vollzeitangestellte, dazu ein Heer von schlechtbezahlten freien Mitarbeitern. Unsere Redaktion besteht aus Säkularen und Religiösen, Schwulen und Heteros. Der Orthodoxe ist verantwortlich für die Satire.

Berühmt wurde «Heeb» mit seinen Attacken gegen das amerikanisch-jüdische Establishment. Wo steht «Heeb» eigentlich politisch, was ist Ihre Haltung zu Israel?

Wir haben keine. Ausser dass wir, wie alle Juden, eine sehr komplizierte Beziehung zu diesem Land führen.

Was heisst das?

Man kann keine eindeutige Meinung zu Israel haben. Der Konflikt ist zu kompliziert.

Die Abwesenheit von Holocaust-Geschichten in «Heeb» ist auffällig. Wollen Sie bloss provozieren, oder glauben Sie wirklich, dass die Shoah nicht mehr der Rede wert ist?

Wir sind es leid, dass das Judentum immer über das Dritte Reich definiert wird. Uns interessieren einfach mehr die positiven Seiten der jüdischen Kultur: das Essen, die Musik, die Kunst, der Humor. Der Holocaust ist ein Thema für jeden amerikanischen Juden, aber mal ehrlich: Gibt es noch irgendetwas, was man darüber lesen will?

Uns Europäern fällt es schwer, das zu akzeptieren.

Ich denke, dass Amerika, und ganz besonders New York, vielleicht der Ort ist, an dem man sich als Jude einigermassen sicher fühlt. Daraus entwickelt sich die Freiheit, mit dem eigenen Erbe, der eigenen Identität etwas lockerer umzuspringen.

Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.

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