NZZ Folio 07/94 - Thema: Zum Mond   Inhaltsverzeichnis

Vollmond

Von Tomi Ungerer


Der Mond ist voll, unter Druck, schwanger

mit Sternen –

Unter Druck bin auch ich, schwanger

mit Marotten –

die üblichen Sorgen blasen auf – denn ja,

ich bin mondsüchtig –

Also eine Qual – ich fühle mich zersplittert, schartig,

zerbrechlich –

Ich bin auch Neptunist, in mir flutet es,

und ich ertrinke unter tellurischen Wellen –

unsicher sogar beim Überqueren von Brücken,

über saugendes Gewässer –

Rastlos wandere ich von Zimmer zu Zimmer,

die grauen Zellen in meinem Gehirn

zerspalten sich gegeneinander, und meine Blutkörper

nehmen die Form von winzigen Stecknadeln an.

Eine Misere –

Einmal habe ich sogar mit dem Kopf

gegen eine Tür geschlagen –

Die Tür ist noch da, die Füllung gespalten –

So viel zum Negativen.

Der Vollmond ist also mit Hochfrequenz empfunden,

ein Amplifikator – Wie viele Bücher

habe ich in diesen drei Tagen, konzentriert,

geschrieben oder gezeichnet,

in einem Schwung, in einem Rausch,

in einem Feuerwerk von Kreativität . . .

Der Vollmond, eine Folterzeit, die drei Tage dauert,

nicht nur geeignet für das Schweineschlachten,

sondern auch für das Schlachten meiner Seelen.


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