Es ist der Abend vor ihrem 57. Geburtstag, und einige ihrer Studentinnen haben im «Grady's», einem kleinen Hamburgerrestaurant, eine bescheidene Party organisiert. Elizabeth Loftus steht hinter dem Billardtisch mit einem Glas Wein in der Hand, als sie den Reporter am Arm packt: «Ich will Sie ein paar Leuten vorstellen.» Da sind ihre Assistentin, eine befreundete Professorin aus der Rechtsabteilung, der rumänische Künstler, dessen Stahlobjekt an ihrer Wohnzimmerwand hängt. Alles geht gut, bis Loftus auf einen Mann und eine Frau zusteuert, die sich angeregt unterhalten. «Und das sind Mark und Donna, beide zu Unrecht des Kindsmissbrauchs verdächtigt.»
Zu Unrecht des Kindsmissbrauchs verdächtigt! - Was heisst jetzt das? Woher weiss Loftus, dass sie zu Unrecht verdächtigt werden? Und im Moment noch wichtiger: Was redet man mit zu Unrecht des Kindsmissbrauchs Verdächtigten? «Schön, Sie kennenzulernen», sagt der Reporter mechanisch. Die Formel «Im Zweifel für den Angeklagten» wurde nicht im Bauch geboren. Loftus erblickt einen Freund, der eben eingetroffen ist, und lässt das sprachlose Trio stehen.
Mark rettet die Situation, stellt ein paar Fragen über die Schweiz und kommt dann zwanglos auf seine Geschichte. Die Scheidung vor zehn Jahren in Südafrika, die Entführung der Kinder durch seine Ex-Frau in die USA, sein Versuch, die Kinder zurückzubekommen, und dann die Anschuldigung seiner Frau, er habe die drei Jahre alte Tochter vergewaltigt. Da habe er nicht mehr weitergewusst. Er lacht immer wieder und schüttelt den Kopf, als erzähle er die unglaublichste Geschichte der Welt. Elizabeth Loftus sei die Rettung gewesen. «Sie war wundervoll. Ich hatte kein Geld, und sie half mir trotzdem.» Loftus ging die Aussagen der Tochter durch und stiess auf Ungereimtheiten. Das Gericht kam zum Schluss, dass seine Ex-Frau die Anschuldigungen erfunden hatte, und übertrug Mark das Sorgerecht.
Die Frage, ob Mark vielleicht nicht doch schuldig sei, erstaunt Loftus nicht. Es ist alles eine Frage der Perspektive. «Da bin ich halt anders. Ich frage mich immer zuerst, ob ein Angeklagter es nicht getan hat.» Sie kann die Namen von Unschuldigen staccato aufzählen, die jahrelang im Gefängnis sassen oder auf dem elektrischen Stuhl starben. Die meisten wurden Opfer der Unzulänglichkeiten des menschlichen Gedächtnisses: Was Zeugen für nichts als die Wahrheit hielten, war nicht die Wahrheit.
Später am Abend packt Loftus die Geschenke aus. Die Mutter eines ehemaligen Doktoranden hat einen Brief geschrieben. «Welche Schande, dass Ihre Arbeit, die Sie mit aufrichtigsten persönlichen Motiven und nach strengsten wissenschaftlichen Regeln verfolgen, in einigen Kreisen so missverstanden und verleumdet wird. Wir kennen die Details nicht, aber wir wissen um Ihre Redlichkeit und Ihre Hingabe an Ihren Beruf.» Loftus beginnt zu weinen. Sie saugt solche Liebesbezeugungen auf wie ein trockener Schwamm. Dankesschreiben, die per E-Mail bei ihr ankommen, lagert sie in einem Ordner mit dem Namen «whenblue» («wenntraurig»): Labsal für düstere Momente.
Und deren gibt es viele. Manchmal trauert sie den guten alten Zeiten nach, als Angehörige von Verbrechensopfern ihr bloss ins Gesicht spucken wollten und ein Staatsanwalt sie im Vorbeigehen eine Hure nannte. Damals, in den siebziger und achtziger Jahren, wusste sie noch nicht, dass sie sich drei Tage vor Weihnachten 1994 in einem Schiessstand mit einer Pistole in der Hand wiederfinden würde, weil auf der Psychologieabteilung regelmässig Anrufe von der Sorte «wir werden diese Schlampe umbringen» eingingen. Es war ihre erste und letzte Schiesslektion. «Ich habe entschieden, mich nicht auf diese Weise zu verteidigen.» Das tun jetzt andere für sie: Hin und wieder begleitet ein bewaffneter Leibwächter sie zu ihren Vorträgen.
Auch in akademischen Kreisen löst Loftus von Verachtung bis Bewunderung alle Schattierungen zwischenmenschlicher Gefühle aus. «Bitte schreiben Sie nichts Positives über sie», hat der Psychiater Bessel van der Kolk Journalisten schon aufgefordert. Van der Kolk ist Leiter des Trauma-Centers in Allston, Massachusetts, und stand Loftus als Experte bereits vor Gericht gegenüber. Der Psychologe Robert Sternberg von der Yale University ist anderer Meinung: «Ich bin zwar nicht mit allem einverstanden, was sie macht, aber ich bewundere Elizabeth Loftus, weil sie grosse persönliche Opfer bringt, um eine unpopuläre wissenschaftliche Position zu vertreten.» Sternberg arbeitet an einem Buch über Psychologen, die gegen den Strom schwimmen.
Der Zeitpunkt, als sich die Unfreundlichkeiten zu dem steigerten, was man später den «Gedächtniskrieg» nannte, lässt sich einfach bestimmen: Es war, als Anfang der neunziger Jahre an den Gerichten in den USA eine neue Sorte von Prozessen geführt wurden; Töchter, aber auch Söhne klagten ihre Eltern wegen eines lange zurückliegenden sexuellen Missbrauchs an, an den sie sich erst mit Hilfe einer Therapie erinnern konnten. Das Gehirn, so die zugehörige Theorie, hat die Möglichkeit, traumatische Erlebnisse wie zum Beispiel einen sexuellen Missbrauch abzuspeichern, ohne dass sie ins Bewusstsein gelangen. Diese verdrängten Erinnerungen seien zwar nicht zugänglich, beeinflussten aber das Gefühlsleben und lösten psychische Störungen aus, die überwunden werden könnten, wenn die Erinnerung bewusst verarbeitet werde.
Weil man von den verdrängten Erinnerungen per Definition nichts wissen konnte - schliesslich waren sie verdrängt -, konnte sich grundsätzlich jede und jeder mit Anleitungen aus Selbsthilfebüchern an deren Hebung versuchen. «Nehmen Sie sich Zeit für die Vorstellung, man habe Sie sexuell missbraucht, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob es genau stimmt oder nicht», rät zum Beispiel die amerikanische Therapeutin Wendy Maltz in ihrem Buch «Sexual Healing - Ein sexuelles Trauma überwinden». Mit ähnlichen Techniken wurde auch in Therapien nach Erinnerungen gegraben.
Loftus zweifelte an der Echtheit dieser Erinnerungen und vermutete, ihre Quelle liege nicht in der Vergangenheit, sondern in den vier Wänden des Therapiezimmers. Die Beeinflussung in der Therapie geschehe nicht bewusst, vielmehr hält es Loftus für möglich, dass der Wunsch einer Therapeutin, ihrer Klientin zu helfen, in Kombination mit einer vorgefassten Meinung über die Ursache der Störung zum Glauben an einen Missbrauch führen könne, der nie stattgefunden habe. Dass sie diese Meinung auch vor Gericht als Gutachterin der Verteidigung vertrat, verschaffte ihr in Rekordzeit eine maximale Anzahl Feinde. Kürzlich wurde das Gerücht gestreut, Loftus missbrauche ihre eigenen Kinder. «Zum ersten Mal war ich froh, keine zu haben.»
Doch heute Abend ist sie unter Freunden und braucht nicht ständig zu betonen, dass sie nicht daran zweifelt, dass Kinder sexuell missbraucht werden und dass auch sie die Täter bestraft sehen will. In einem ihrer Bücher kann man nachlesen, wie ein Staatsanwalt sie im Kreuzverhör mit dem Argument disqualifizieren wollte, sie habe als Experimentalpsychologin keine Ahnung von missbrauchten Kindern. Loftus erzählte darauf, dass sie selbst als sechsjähriges Mädchen vom Babysitter sexuell missbraucht worden war, was ihre Glaubwürdigkeit in jenem Prozess erhöhte. Noch heute ist sie stolz darauf, damals «aus etwas Schlechtem etwas Gutes gemacht zu haben»: «Ich konnte diese Erinnerung brauchen, um einem Unschuldigen zu helfen.»
Der nächste Tag ist, was Loftus einen guten Tag nennt: zwölf Stunden Arbeit und ein Nachtessen mit Freunden. Sie hätte nichts dagegen, wenn das Jahr aus 365 solchen Tagen bestände. Ihre letzten Ferien liegen mehr als ein Jahrzehnt zurück, ihr längster Spaziergang ist der Gang von einem Flughafenterminal zum nächsten, ihr äusserstes Naturerlebnis der Panoramablick aus dem Fenster ihres grosszügigen Hauses am Capitol Hill in Seattle, das sie alleine bewohnt.
Nach ihrer Vorlesung, heute zum Thema Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis, geht sie in ihr Büro. Das Telefon klingelt. Ein Anwalt fragt, ob sie ihn beraten könne. Loftus lässt sich die Unterlagen schicken und bittet um Bedenkzeit. Seit 1975 tritt sie als Expertin in den Zeugenstand. Zuerst waren es vor allem Ladendiebstähle und Raubüberfälle, später Mord und Totschlag. Sie kann sich nur an zwei Fälle erinnern, bei denen sie aus ideologischen Gründen von ihrem Grundsatz abwich, dass alle Angeklagten ein Recht auf ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses haben: Beim einen war das Opfer eine Freundin von ihr, beim anderen der Angeklagte ein mutmasslicher Scherge im Konzentrationslager Treblinka. Loftus kommt aus einer jüdischen Familie.
Für ihre Kritiker wurde sie zur kaltblütigen Expertin, die für Geld jederzeit eine wissenschaftliche Studie bereit hat, mit der sich die Aussage des Opfers in Zweifel ziehen lässt. Für ihre Anhänger zur Mahnerin in der Wüste, die nachweislich mehrere Unschuldige vor dem Gefängnis bewahrt hat. Alles eine Frage der Perspektive.
Ihr Rat jedenfalls ist gefragt. Lockerbie, der Sprengstoffanschlag auf das World Trade Center 1993, die Prozesse des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. «Wenn ein wirklich wichtiger Fall im Anzug ist, brauche ich nur darauf zu warten, dass man mich ruft.» Selbst den Bombenleger von Oklahoma, Timothy McVeigh, hat sie im Gefängnis besucht. «?Erzähl mir von dir, Beth?, hat er als erstes gesagt, da dachte ich mir: Mein Gott, das ist ja wie bei Hannibal Lecter.» Loftus ist im Zeugenstand zum Star geworden. Auf ihrer Fensterbank stehen drei Laufmeter Videokassetten mit Aufnahmen ihrer Fernsehauftritte. Es gab sogar einmal Pläne, eine Fernsehserie auf der Basis ihrer Fälle zu drehen.
Früher war es ihr egal, ob sie einen Angeklagten für schuldig oder unschuldig hielt. Auf den Vorwurf, wie sie Leute wie den später zum Tod verurteilten Serienmörder Ted Bundy verteidigen konnte, reagiert sie routiniert: «Ich verteidige sie nicht. Ich präsentiere einfach Gedächtnisforschung.» Dass sie damit unter den Geschworenen Zweifel pflanzt, die zum Freispruch von Schuldigen führen könnten, hält sie für einen elementaren Teil unseres Rechts. «Wenn meine Aussage die Geschworenen an der Schuld des Angeklagten zweifeln lässt, dann ist es nach den grundlegenden Prinzipien unseres Rechtssystems auch richtig, dass er freigesprochen wird.» Alles eine Frage der Perspektive.
Heute haben für sie Fälle Priorität, die mit wiedererlangter Erinnerung zu tun haben. Loftus hält die Mehrzahl der in diesen Prozessen Angeklagten für unschuldig. Opfer einer Manipulation am Gedächtnis der angeblichen Opfer. Dagegen zu kämpfen, ist ihre Lebensaufgabe geworden: «Deshalb bin ich hier.» Als sie in einem Dokumentarfilm über verschiedene Wissenschafter erklären sollte, was für sie Schönheit und Lebenssinn bedeuten, musste sie nicht lange überlegen. Andere Forscher zeigten ihre Schmetterlingssammlung oder spielten Mozart, Loftus brachte ein Elternpaar, das zu Unrecht des Kindsmissbrauchs verdächtigt wurde.
Woher ihr fast schon selbstzerstörerischer Einsatz für die Täter kommt, die vielleicht keine sind, ist ihr selbst ein Rätsel. Sie weiss nur, dass ein Verbrecher in Freiheit sie ruhiger schlafen lässt als ein Unschuldiger im Gefängnis.
Wer sich von ihren Gegnern über ihre Motive äussert, ist bemüht, nicht aus der Rolle zu fallen, und vermutet traumatische Erlebnisse als Grund für ihr Engagement. Doch wie der frühe Tod ihrer Mutter, die ungeliebte Stiefmutter und ihre gescheiterte Ehe mit ihren Ansichten zusammenhängen sollen, bleibt wolkig.
Am Nachmittag trifft sich Loftus mit ihren Studenten im fensterlosen Computerraum zur wöchentlichen Besprechung. Nebenan sitzen sonst die Versuchspersonen, mit deren Gedächtnissen sich die jungen Forscher die Zeit vertreiben. Mit Experimenten versuchen sie, die Manipulierbarkeit von Erinnerungen auszuloten. Eine Doktorandin erzählt vom Bugs-Bunny-Experiment, bei dem den Versuchspersonen die Erinnerung implantiert wurde, sie hätten den Hasen Bugs Bunny im Disneyland gesehen und ihm die Hand geschüttelt. Bugs Bunny ist eine Comicfigur des Disney-Konkurrenten Warner und würde nie im Disneyland auftreten. Ein Student arbeitet an Erinnerungen von Ufo-Sichtungen. Ein anderer versucht Tricks mit Wörterkolonnen.
Solche Experimente haben Loftus berühmt gemacht. Ihre Studien über die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses stehen heute in jedem Lehrbuch. «Ich glaube, niemand würde bestreiten, dass Loftus eine der wichtigsten lebenden Figuren in der kognitiven Psychologie ist», sagt der Yale-Psychologe Sternberg.
In über 200 Experimenten zeigten sie und ihre Studenten, wie Erinnerungen falsch gespeichert werden, wie später erhaltene Information sie beeinflusst und wie sie bei der Abfrage noch einmal entstellt werden können. Allein die unauffällige Frage nach der Geschwindigkeit eines Autos in einem Film: «Wie schnell fuhr der weisse Wagen auf der Landstrasse an der Scheune vorbei?» führte dazu, dass sich 17 Prozent der Versuchspersonen eine Woche später an eine Scheune erinnerten, obwohl es im Film gar keine gab. Mehr als die Hälfte der Zeugen eines von Studenten gespielten Diebstahls, bei dem sich das Opfer lautstark über den Verlust seines Kassettenrecorders beklagte, konnten das Gerät eine Woche später beschreiben: Bei den einen war es schwarz, hatte eine Antenne und steckte in einer Hülle, bei den anderen war es grau ohne Antenne und Verpackung. Bloss: den Kassettenrecorder gab es nicht, die Zeugen schufen sich unbewusst eine Erinnerung an einen Gegenstand, den sie nie gesehen hatten.
«Das Gedächtnis ist kein Videorecorder», heisst die Botschaft, die Loftus seit fast drei Jahrzehnten verbreitet. Und obwohl jeder schon einmal seine Schlüssel in der Tasche fand, obwohl er sicher war, sie auf die Kommode gelegt zu haben, wird sie nur widerstrebend aufgenommen.
Das Gedächtnis ist das Inhaltsverzeichnis unseres Lebens. Wem können wir noch vertrauen, wenn der erste Betrüger schon in unserem Kopf sitzt? Dass wir die Wahrheit ebenso aus Phantasien wie aus Fakten zusammenbauen, würden wir in Abrede stellen; dass wir uns an Dinge erinnern, die nie geschehen sind, geht gegen den gesunden Menschenverstand. Doch es gibt keine Zweifel: Das Gedächtnis hat grosses Talent im Erfinden und Fabulieren, deshalb warnt Loftus davor, ihm bedingungslos zu vertrauen - vor allem, wenn das Schicksal anderer Menschen davon abhängt.
Ihre Studenten betrachtet Loftus als Mitstreiter in ihrem Kampf. «Zum Teil begann ich die Lehre als Möglichkeit zu sehen, neue Soldaten auszubilden.» Die Mitarbeiter ihrer Forschungsgruppe sind die Waffenschmiede in ihrem kleinen Heer, die sie mit ständig neuen Experimenten für den Schlagabtausch vor Gericht versorgen.
Dabei geht es meistens um zwei Behauptungen:
1. Ein Therapeut kann eine traumatische Erinnerung eines Ereignisses, das nie stattgefunden hat, in eine Klientin einpflanzen.
2. Es ist möglich, dass die Erinnerung an einen Missbrauch komplett verdrängt wird und Jahre später in einer Therapie auftaucht.
Loftus versucht, die erste zu belegen und bestreitet die zweite, ihre Gegner machen das Gegenteil.
Das entscheidende Experiment - ein Therapeut, der bewusst versucht, einer Klientin die Erinnerung an einen Missbrauch zu implantieren - kann aus ethischen Gründen nicht durchgeführt werden, doch Loftus hat in einem berühmt gewordenen Versuch gezeigt, dass Erinnerungen an erfundene Erlebnisse tatsächlich ins Gedächtnis geschmuggelt werden können.
Unter dem Vorwand, eine Studie über Kindheitserinnerungen zu machen, legte sie erwachsenen Versuchspersonen Stichwörter von vier Ereignissen aus ihrer Kindheit vor mit dem Auftrag, sich an möglichst viele Details zu erinnern und diese aufzuschreiben. Drei davon hatten wirklich stattgefunden, eines war erfunden: dass sie als Fünfjährige in einem Einkaufszentrum verlorengegangen waren. Einige Tage danach wurden die Versuchspersonen in einem Gespräch noch einmal nach den vier Ereignissen befragt. Dann erhielten sie die Anweisung, nach noch mehr Details zu suchen. Zwei Wochen später kamen sie zu einem weiteren Interview. 6 von 24 Versuchspersonen erinnerten sich schliesslich an den Vorfall im Einkaufszentrum und schmückten die Geschichte mit erfundenen Details aus.
Der Gegenschlag liess nicht lange auf sich warten: Die Studie sei ethisch und methodisch fragwürdig, zudem könne das Erlebnis, sich in einem Einkaufszentrum zu verirren, wohl kaum mit der Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs verglichen werden.
Tatsächlich lässt sich nicht jede erfundene Erinnerung gleich leicht im Hirn versenken. Zwar konnten Versuchspersonen davon überzeugt werden, dass sie als Kind Linkshänder waren oder an einer Hochzeit eine Schale Punsch über die Brauteltern gegossen hatten. Doch Versuche, Juden die Erinnerung an eine katholische Messe zu geben, oder anderen Versuchspersonen zu suggerieren, sie hätten als Kind einen Einlauf bekommen, scheiterten. Den Schluss, je unplausibler das Ereignis, desto schwieriger seine Einpflanzung, werteten viele Therapeuten als Zeichen für die Echtheit der manchmal sehr drastischen und detaillierten wiedererlangten Erinnerung an einen Kindsmissbrauch.
Loftus leuchtet das nicht ein. Dafür gebe es einfach zu viele Leute, die sich an unglaubhafte Ereignisse wie die Entführung durch Ausserirdische erinnern oder an ein früheres Leben als ägyptische Tempeltänzerin. Auch aus Psychotherapien kamen einige Leute mit bizarren Erinnerungen: satanische Messen, die Grossmutter, die in einem Topf Babies kochte, der Vater, der die Tochter geschwängert haben soll, obwohl er zeugungsunfähig war. Es war klar, dass da etwas nicht stimmen konnte.
Schliesslich zogen einige Patientinnen ihre Klagen gegen Angehörige zurück und gingen stattdessen gegen ihre Therapeuten vor, die durch suggestive Behandlungstechniken diese falschen Erinnerungen in ihnen zum Blühen gebracht haben sollen. Selbst der Therapeut Onno van der Hart, der an der Universität Utrecht traumatisierte Erwachsene behandelt, findet, dass einer Klientin «der Glaube, dass sie sich an ein traumatisches Ereignis erinnert», eingepflanzt werden kann. Loftus' Ansichten hält er allerdings für engstirnig. «Natürlich ist es möglich, dass Leute mit Phantasien kommen, aber es ist auch bewiesen, dass wiedererlangte Erinnerungen sehr genau sein können.»
In verschiedenen Langzeitstudien geben zum Beispiel ein Teil der befragten Personen, die als Kinder missbraucht worden waren, an, diesen Missbrauch später vergessen zu haben. «Ich habe nie behauptet, dass Leute nicht etwas vergessen und sich später wieder daran erinnern können», sagt Loftus darauf. Es gebe verschiedene Amnesien, die in der Medizin unumstritten seien. Deren Symptome, wie ein genereller Gedächtnisausfall oder das Wissen um die Gedächtnislücke, passten aber nicht zu den Zeichen der nach Jahren wiedererlangten hochselektiven Erinnerung an einen Missbrauch.
Loftus ist sicher, dass die Therapien viele unschuldige Familien ins Unglück gerissen haben. Der Therapeut van der Hart ist überzeugt, dass wegen Loftus unzählige Täter ungestraft davonkommen. Wenn beide ein bisschen recht haben, wird aus dem wissenschaftlichen Problem ein rechtliches und aus dem rechtlichen ein moralisches. Die Gerichte müssen aus den Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeitsformen der Wissenschaft «schuldig» oder «nicht schuldig» destillieren, und ein paar Unglückliche müssen mit den Nebenwirkungen dieser Unsicherheit leben.
Wie viel Zweifel war gemeint, als vor über 2000 Jahren der Satz «Im Zweifel für den Angeklagten» geprägt wurde? Loftus hat ihre Entscheidung getroffen: «Besser zehn Schuldige freisprechen als einen Unschuldigen einsperren.» Alles eine Frage der Perspektive.