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Wer wohnt da? -- Second-Hand-Patina
© Heinz Unger
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| Die Innenarchitektin: <Aufgeregte Konstruktion.> |
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Performancekünstlerin mit erahnbarem Mann oder verspielter Schauspieler? Wen ein Psychologe und eine Innenarchitektin anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Von Gudrun Sachse
Der Psychologe
Schön zu wissen, dass es noch solche Wohnstätten gibt, irgendwo draussen in einer Parklandschaft. Die Bewohner zeigen sich des Genius Loci würdig. Sie haben die Grundstruktur belassen und ein Patchwork an Mobiliar hineingestellt, zusammengetragen aus vielen Gelegenheitskäufen. Es hat nichts Geschmäcklerisches, ist aber doch so, dass man von der Vielseitigkeit, dem Spielerischen und dem Selbstironischen angenehm berührt wird – vielleicht sogar etwas beschämt, weil uns gezeigt wird, dass diese Vielfalt nicht eine Frage des finanziellen Aufwandes ist.
Das Küchenmobiliar ist zusammengewürfelt, entbehrt Chrom-Nickel-Alu-Schnickschnacks, und wir vermuten, dies sei nicht Ausdruck eines Stilwillens, sondern der vernünftigen Sachlichkeit: Die Küche ist zum Kochen da, die Essecke zum Speisen. Das reicht.
Das grosse Ankleidezimmer ist von der Frau des Hauses in Beschlag genommen, die Schuhe und Klamotten offerieren sich dem improvisiert-kreativen Gebrauch. Äusserlich pflegt sie einen eigenwilligen Stil. Die sieht sicher gut aus, denkt man. Hat sie mit Theater, Performance oder einer anderen extrovertierten Arbeit zu tun? Jedenfalls weiss sie meistens, was sie will, und bestimmt ganz autonom darüber – da muss sich niemand in die Quere stellen wollen. Und doch ist da vermutlich auch ein Mann zu Hause, nicht beweisbar an der Ausstattung zwar, aber erahnbar in der wohltuenden Stimmung eines Gleichgewichts all dieser Dinge.
Die protzigen Geweihe auf der Terrasse waren vielleicht schon immer da und sind so belassen worden – sie wollen gar nichts beweisen, ebenso wenig wie die Mona Lisa in der Toilette, von der man hier nun endlich weiss, warum sie lächelt. Berthold Rothschild
Die Innenarchitektin
Nicht der Luxus von perfektem Innenausbau oder hochwertigem Design, sondern der, viel Raum zu haben, ist hier entscheidend. Die Wohnung ist roh und unrenoviert – Risse und Spalten bleiben ungedichtet, alle Rohre und Elektroleitungen sind auf Putz montiert. Die Bewohner haben ihr Zuhause wohl selber hergerichtet: Die weisse Farbe vereinheitlicht und veredelt Dielenboden, Wand und Decke.
Der Grundriss ist collagiert, mit Niveauunterschieden zwischen Wohn- und Essplatz, vielleicht wurde das Podest eigenhändig eingebaut. Wurde das Lokal ursprünglich gewerblich genutzt?
Die Geräumigkeit wird durch die sparsame Möblierung unterstützt. Möbel vom Brockenhaus und von Ikea passen gut in diesen Kontext. Die Papierlampen sind stimmig und perfekt für dieses Ambiente.
Einzig das in Kassetten verlegte Parkett im Kleiderzimmer erinnert an klassischen Wohnungsbau. Das bizarre Gestell mit der aufgeregten Konstruktion ist originell, vermag aber mit der angetönten Idee eines Boudoirs für die Dame nicht voll zu überzeugen.
Der treffende englische Begriff für diese Art von Interieur ist «Shabby Chic». Der Trendbegriff beschreibt das Spiel des souveränen Geschmacks mit Second-Hand-Patina und Stil-Collage, den inszenierten Edelmuff als bewusste Abgrenzung zum zeitgenössischen Design mit seinen fabrikneuen Oberflächen und seiner unpersönlichen Massenproduktion. Hier gerät die Umsetzung am Ende etwas ins Stocken, möglich, dass die Geschmäcker im Haushalt zu verschieden sind. Jasmin Grego
Auflösung
Nils Nova (38), Barbara Davi (34), Künstler
«An diesem Haus arbeite ich seit meiner ersten Übernachtung bei Barbara. Das liegt zehn Jahre zurück. Ich erinnere mich noch an den Morgen danach: Barbara hatte nur einen Holzofen – es war Herbst und eiskalt. Also beschloss ich, einen Ölofen einzubauen, okay, ich habe ihn einbauen lassen, wichtiger ist, dass der Ofen angenehme zwanzig Grad hält.
Das Gebäude gehörte ursprünglich einem Käse-Import-Export. Wo heute unser Wohnzimmer ist, wurde der Käse eingepackt, im Erdgeschoss standen die Pferdekarren für den Abtransport der Waren bereit, und im Nachbarhaus waren die Verwaltung und die Kühlräume untergebracht. Unsere Nachbarn sind eine Acht-Personen-WG. Zusammen haben wir so etwas wie eine kleine Oase im Industriegebiet in Luzern geschaffen. Man mag es kaum glauben, aber Barbara und ich führen hier ein ziemlich ruhiges Leben. Mitunter ist es uns zu ruhig. Es gab Zeiten, in denen hofften wir, umziehen zu müssen. Dass wir in einer hektischeren Umgebung überleben könnten, haben wir bei langen Aufenthalten in Paris und Berlin geübt und werden wir bald wieder in Chicago testen können. Während wir dort jeweils für Monate in Künstlerateliers leben, wohnt hier ein Untermieter. Den zu finden, ist leicht. Jeder, der zum ersten Mal zu uns kommt, fragt sofort, wann wir ausziehen, um selbst einziehen zu können.
Unserem Haus droht seit Jahren der Verkauf und dann der sichere Abriss. Wir wissen nie, wann es so weit ist und wir rausmüssen. Wir hatten bereits die Kündigung in der Hand, sie wurde aber wieder zurückgezogen. Momentan gehen wir das ganz entspannt an und lassen uns von der Ungewissheit nicht verunsichern. Wir bauen auch weiterhin um. Als letzter Eingriff wurde der Boden gestrichen und die Decke erneuert, weil aus ihr Sand ins Wohnzimmer rieselte. Momentan steht nichts mehr an: Das Dach hält, die Heizung funktioniert, wir sind sicher, den Winter gut zu überstehen.
Es spricht vieles dafür, hier zu wohnen, aber die Höhe des Mietzinses ist der wohl wichtigste Grund. Wie viel wir bezahlen? Das darf man gar niemandem sagen. Also gut, wir zahlen 300 Franken Miete. Wir brauchen günstigen Wohnraum, um Kunst machen zu können. Ich bin gelernter Bootsbauer und habe später in Luzern die Hochschule für Gestaltung und Kunst besucht. Seit einiger Zeit lebe ich von meiner Kunst. Ich bin erst mit 13 Jahren in die Schweiz gezogen. Mein Vater kam aus El Salvador. Zu Hause unterhielten sich meine Eltern auf französisch, und mit mir und meinen drei Schwestern sprachen sie Spanisch.
Als ich Barbara zum ersten Mal hier besuchte, glaubte ich, im Haus meiner Kindheit in El Salvador zu sein. Die Atmosphäre, die Umgebung und die Art, wie sie ihr Zimmer eingerichtet hatte, erinnerten mich an damals.
Barbara hat sehr viel mehr für den Ausbau und Unterhalt des Hauses getan als ich. Sie hat die Wände herausgerissen und die Bühne in der Mitte des Wohnzimmers verlegt.
Wir beide haben einen ähnlichen Geschmack. Das Sofa haben wir aus einem Brockenhaus. Barbara entdeckte es – dann schleppten wir es heim. Bei uns besteht alles aus einer Mischung von Geschichte und Funktionalität, «Shabby Chic» hin oder her. Unser Esstisch war der Sitzungstisch des alten Kunstmuseums Luzern; bevor das Museum ins KKL umzog, räumten sie aus. Die Geweihe vor der Toilette sind ebenfalls Geschenke.
Das Kleiderzimmer war früher Barbaras Schlafzimmer. Heute ist es ein Durchgangszimmer, indem sich alles mögliche ansammelt. Einige Möbel sind Überbleibsel aus Barbaras Studium an der Kunsthochschule, andere bekam sie von ihren Grosseltern. Heute befindet sich unser Schlafzimmer im Dachgeschoss, das ich übrigens selbst ausgebaut habe. Der Weg von dort zur Toilette ist zwar weit, aber eigentlich nur unangenehm, wenn man krank ist.
Unsere Ateliers liegen nur wenige hundert Meter von unserem Wohnhaus entfernt. In meinem habe ich eine Dusche, die wir beide morgens benutzen, da wir hier im Haus kein Badezimmer haben. Früher duschten wir bei unseren Nachbarn in der Acht-Personen-WG. Dort steht auch die gemeinsame Waschmaschine. Wenn man jung ist, ist es vielleicht noch witzig, jeden Morgen zu Freunden duschen zu gehen, aber mit den Jahren hat die Begeisterung dafür nachgelassen.»
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