NZZ Folio 09/98 - Thema: Japan   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Ein arg verleumdeter Vogel

Von Herbert Cerutti

SIE WAREN UNS SCHON FRÜHER durch ihr Gekrächze unangenehm aufgefallen. Als sie aber letztes Jahr innert Tagen den Kirschbaum plünderten, setzten wir die Elstern auf die Liste der unerwünschten Gäste.

Dieses Jahr wollten wir dem hoch auf der Buche nistenden Paar den Aufenthalt im Garten irgendwie vermiesen. Ein alpinistischer Angriff aufs Nest war jedoch zu schwierig. Wir hängten dem Kirschbaum im Frühling allerhand Bewegtes ins Geäst. Ziemlich vergeblich. Nach ein paar Tagen der Vorsicht vergnügten sich die Vögel auch diese Saison wieder am süssen Angebot. Und wenn wir zornig unter den Baum rannten, um mit Händeklatschen das Besitzerrecht zu reklamieren, quittierten die Gesellen unser Bemühen mit lautem Hohn.

Dabei sind die lästigen Vögel wunderhübsch. Das tiefschwarze Kleid, der weisse Bauch, der lange, wippende Schwanz, die im Flug aufblitzenden hellen Felder auf den stahlblau schimmernden Schwingen - weit eher Attribute eines Paradiesvogels denn eines Mitglieds der Familie der Rabenvögel, wozu die Elster gehört.

Unsern Ingrimm dahinschmelzen liess schliesslich jener Kerl, der im Nachbargarten aufkreuzte. Obschon er durch ein Ungeschick den ganzen Schwanz verloren hatte, flatterte er in seltsamem Wellenflug von Hausdach zu Hausdach und wehrte sich tapfer gegen die ihn bedrängenden Krähen. Jetzt gab es in der Elsternschar eine Persönlichkeit, der wir den Daumen drückten.

Die Abneigung der Menschen gegen die Elster hat Tradition. Bauern fluchen, weil sie ihnen das Obst und die Saat klaue. Jäger beklagen sich, sie vergreife sich an jungen Hasen. Für manche Vogelschützer ist sie ein rücksichtsloser Räuber von Eiern und Jungtieren kleiner Singvögel. Das Landvolk nahm in seinem tiefwurzelnden Hass schon immer ihre Nester aus. Laut Jagdstatistik werden in der Schweiz noch heute jährlich über 4000 Elstern geschossen.

Die Elster ist längst Teil unserer Kultur geworden. Wir hören ihr Schackern in über hundert deutschen Bezeichnungen, von Ägerschte, Alster, Gäckerhätze bis zu Keckersch, Schirigadl oder Tschokalaster. Die Familien Agassiz und Piaget führen sie in ihrem Namen; die Freiburger Gemeinde Agriswil hat den Vogel im Ortsnamen und im Wappen. Zu Pulver gebrannte Elstern wurde von der Volksmedizin gegen Fallsucht, Augenkrankheiten oder Gicht empfohlen. Sogar das alte Rom äusserte sich zu ihrem Charakter. «Die Elstern sind von ausgeprägter Schwatzhaftigkeit. Sie finden Gefallen an den Worten, die sie sprechen. Es ist bekannt, dass sie sterben, wenn sie der Schwierigkeit eines Wortes nicht gewachsen sind», belehrte Plinius Secundus die Leser in seiner «Naturkunde». Aus dem italienischen «gazza» für Elster wurde die Bezeichnung «gazzetta» für Zeitung: Geschwätzigkeit als Programm. Das Kirchenvolk schliesslich verfluchte den Vogel, weil er beim Tode Christi nicht wie alle andern Vögel trauerte, sondern unbekümmert weiterlärmte.

Wissenschaftliche Beobachtungen der neueren Zeit haben den schlechten Ruf der Elster gründlich widerlegt. Etwa den Vorwurf, sie vergreife sich häufig an den Singvögeln (zu denen die Elster trotz ihrer wenig melodischen Stimme selber gehört). Die Elster legt im April drei bis acht Eier und brütet sie etwa 18 Tage lang aus. Die nackt und blind schlüpfenden Jungen werden drei bis vier Wochen lang im Nest gefüttert und auch nach dem Ausfliegen noch einige Wochen von den Eltern betreut. Vor allem in dieser Zeit sind die Tiere auf nährstoffreiche Nahrung angewiesen. Sie holen sich deshalb auch Eier und Jungtiere anderer Vögel. Nach verschiedenen europäischen Untersuchungen macht solche Vogelbeute jedoch nur um die drei Gewichtsprozent der gesamten Elsternnahrung aus. Zudem brüten die meisten Singvogelarten mehrmals im Jahr und können Gelegeverluste bis in den Juli hinein durch Ersatzgelege kompensieren.

Lokal können Elstern den Bruterfolg von Kleinvögeln durchaus schmälern. Man hat jedoch noch nie eine durch Elstern verursachte grossräumige Bestandesabnahme bei Kleinvögeln festgestellt. Hingegen vermehren sich in Gegenden, wo es reichlich Futter gibt und wo natürliche Feinde wie Habichte und Krähen rar sind, nicht nur die Elstern, sondern auch Rotkehlchen, Gimpel und Zaunkönige. In der deutschen Stadt Osnabrück beispielsweise nahm zwischen 1984 und 1993 der Elsternbestand um fast das Dreifache zu. Gleichzeitig wuchsen die Bestände von 15 Kleinvogelarten um durchschnittlich 30 Prozent. Und die Amselpopulation, die von Vogelfreunden als bevorzugtes Opfer der Elster gesehen wird, nahm sogar um fast 50 Prozent zu. Lediglich Buchfink und Grünfink zeigten einen Rückgang, waren aber insgesamt in ihren Beständen nicht gefährdet. Die Fachleute der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach kennen in der Schweiz kein einziges Gebiet, wo eine Vogelart wegen der Elster verschwunden wäre.

Magenuntersuchungen an abgeschossenen Elstern haben aufschlussreiche Befunde zu Tage gebracht. Was die Elstern ihren Jungen ins Nest bringen, sind gegen 80 Prozent für die Landwirtschaft schädliche Tiere wie Maikäfer, Drahtwürmer, Rübenrüssler, Schnecken, Grillen sowie die besonders problematischen Kartoffelkäfer und Schnakenlarven. Weitere 10 Prozent des Futters sind Insekten, Spinnen und Würmer, die für die Landwirtschaft keine Rolle spielen. Und lediglich etwa 10 Prozent des Speisezettels sind für die Landwirtschaft nützliches Kleingetier sowie Vögel und Reptilien. Nutzpflanzen wie Körner von Mais, Weizen und Gerste machen weniger als ein Prozent der Elsternnahrung aus. Im Herbst jagen die Elstern auch Mäuse. So müssten neben den Vogelschützern die Landwirte ihre schlechte Meinung über die hübsche Plaudertasche ebenfalls revidieren.

Und was ist mit der «diebischen Elster»? Die sprichwörtliche Vorliebe des Vogels für auf dem Fensterbrett liegenden Schmuck ist gleichfalls Legende. Biologen haben bei freilebenden Tieren keinerlei Hang zu glänzendem Zeug entdeckt. Nur zahme Tiere nehmen gelegentlich ihren Herrschaften spielerisch einen Fingerring oder ein Goldkettchen von der Ablage.

Dass die Elster der jahrhundertelangen Verfolgung durch den Menschen trotzen konnte, hat seinen biologischen Grund. Die Tiere bilden im Alter von etwa einem Jahr Paare, die dann das ganze Leben zusammenbleiben. Das Paar sucht sich sein eigenes, ungefähr vier bis sechs Hektaren grosses Revier und hält jahrelang daran fest. Die beiden bauen sich jeden Frühling einen neuen Horst, am liebsten im Wipfel eines hohen Baumes, wo die Brut vor Feinden relativ gut geschützt ist. Ein grosser Teil der Jungvögel findet jedoch kein geeignetes Revier und schwärmt als Horde durch die Gegend. Vertreibt man nun ein Brutpaar aus dem Revier, füllt umgehend ein neues Paar aus dem Pool der Ledigen die Lücke. Und schiesst man einen der Brutpartner ab, sitzt innert Stunden ein Ersatz an der Seite des verwitweten. So wird die Jagd auf die vermeintlich schädliche Elster fast immer zum Schlag ins Leere.

Zum Problem für die Elster ist allerdings die wachsende Verstädterung geworden. Denn ursprünglich lebte der Rabenvogel bevorzugt in der halboffenen Kulturlandschaft mit hohen Bäumen und vielen Hecken als Nist- und Schlafplätzen und einem reichen Insektenangebot auf den Wiesen.

Der Wandel der Landwirtschaft zum grossflächigen Ackerbau hat den Lebensraum der Elstern empfindlich geschmälert. Der Vogel verfügt jedoch wie alle Rabenvögel über ein relativ grosses Hirn und zeigt deshalb enormes Talent, sich veränderten Situationen anzupassen. Die Elster lernte, dass sich in den Parkanlagen der Städte und in den Gärten der Einfamilienhäuser ebenfalls gut leben lässt. Sie entdeckte die Komposthaufen und die Mülltonnen als reich gedeckte Tafel; sie merkte, dass auf den Strassen essbare Beute tot liegenbleibt; sie flattert zum Fussballmatch, wo gebackene Insekten an den Stadionscheinwerfern kleben. Und wenn hohe Bäume als Nistplatz fehlen, tut es auch ein Strommast oder ein Baukran.

Vor Jahrzehnten noch ein seltener Anblick, streifen jetzt grössere Schwärme von Elstern durch Dörfer und Städte. Die Bestandesaufnahmen der Schweizerischen Vogelwarte bestätigen die markante Zunahme der Elstern in Wohnsiedlungen. Vermutlich wird der Vogel in den kommenden Jahren in manchen Städten noch zahlreicher werden. Die dabei ebenfalls steigende Konkurrenz um Nistplätze und Futter wird aber dafür sorgen, dass das Elsternvolk nicht beliebig weiterwächst.

Und wie steht es insgesamt um die Elster? Zurzeit dürften gegen 40 000 Brutpaare in der Schweiz leben. Sie besiedeln bevorzugt das Mittelland, den Jura und die grossen Alpentäler bis auf etwa 800 Höhenmeter. Man hat aber auch schon brütende Elstern in St. Moritz und auf der Kleinen Scheidegg beobachtet; letztere liegt über 2000 Meter hoch.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Vogel neue Gebiete im Urnerland, in Seitentälern des Wallis und Graubündens erobert. Vor kurzem ist der schwarzweisse Rabenvogel sogar wieder in das Tessin zurückgekehrt. Dort hatte man ihn 1915 ausgerottet.


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