NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Michelangelo, einsamer Besessener

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
«Ich bin so von Michelangelo eingenommen», schrieb Goethe 1786 aus Rom, «dass mir nicht einmal die Natur auf ihn schmeckt.» Wer die Sixtinische Kapelle nicht gesehen habe, der könne sich keinen Begriff davon machen, «was ein Mensch vermag».

Der dies vermochte, war ein schmächtiger Mann mit verbeulter Nase, misstrauisch, rechthaberisch, ungeduldig, launisch und zum Trübsinn neigend – und als Bildhauer, Maler, Dichter, Architekt so lange so schöpferisch wie nie ein anderer Mensch, 73 Jahre lang. Mit sechs, 1481, war Michelangelo nach dem Tod seiner Mutter bei der Frau eines Steinmetzen in die Pflege gekommen; mit dreizehn ging er bei einem berühmten Maler in die Lehre; den Fünfzehnjährigen nahmen die Medici, die regierende Familie von Florenz, in ihre hauseigene Bildhauerschule auf.

Mit 26 schritt er zu seiner ersten grossen Tat. Im Hof des Doms lag ein mächtiger Marmorklotz herum, auf den vor Jahrzehnten ein Bildhauer fruchtlos eingehämmert hatte. Aus diesem Block schlug Michelangelo binnen dreier Jahre die berühmteste Skulptur des Abendlands: den «David» – einen gelassen triumphierenden, ohne Sockel mehr als vier Meter hoch; das Gegenbild also zu allem, was sein Schöpfer war. Natürlich, erzählte man sich in Florenz, habe Michelangelo gezittert, wenn er sich dem Marmor näherte; die Wahrheit aber sei, dass der Marmor zitterte, noch bevor ihn der Meissel traf.

Papst Julius II. rief Michelangelo nach Rom, und 1508 bekam er, 33 Jahre alt, den titanenhaften Auftrag, das Deckengewölbe der Sixtinischen Kapelle auszumalen, 450 Quadratmeter mit biblischen Motiven. Eigentlich sei er ja Bildhauer, scultore, betonte er sein Leben lang; doch nach viereinhalb Jahren, meist auf einem Gerüst unter dem Gewölbe liegend und nach oben malend, hatte er das Werk vollendet – mit der Erschaffung Adams darin, dem der Schöpfer den Zeigefinger ent­gegenstreckt; am Rand der Prophet Jeremias, der den Kopf traurig in die Hände stützt und Michelangelo ähnlich sieht.

Nun warben Genua und Bologna, Venedig und Paris um ihn, aber er blieb dabei, den Medici in Florenz zu dienen und immer mehr den Päpsten in Rom, sechsen in seinem langen Leben. Für das pompöse Grabmal, das Julius II. bei ihm für sich bestellt hatte, meisselte er den sitzenden, überlebensgrossen Moses mit wucherndem Bart – so majestätisch und bedrohlich, dass die Zeitgenossen von Michelangelos terribilità zu sprechen begannen. Der Papst hatte verlangt, dass er selbst den Marmor brach, und zwar nicht, wie bisher und wie er es wollte, in Carrara, sondern in Pietrasantra bei Florenz. Aber die Steinmetzen dort empfand er als «traurige Halunken», für den Transport der Blöcke musste er Felsen durchschneiden und einen Sumpf trockenlegen lassen, ein Arbeiter wurde von einer Säule erschlagen, Michelangelo wütete gegen Mensch und Natur.

1505, mit 60 Jahren, bekam er den Auftrag für sein zweites Kolossalwerk in der Sixtinischen Kapelle: das «Jüngste Gericht» – Jesus als Weltenrichter über 390 Erwählte, die zu ihm aufsteigen, und Verdammte, die in die Tiefe stürzen, in düsteren Farben und wilder Dynamik an die siebzehn Meter hohe Altarwand geworfen – die Arbeit eines Besessenen, der sich sechseinhalb Jahre lang damit quälte, stehend, kniend, sitzend, liegend auf haushohem Gerüst, unterstützt nur von einem Gehilfen, der ihm die Farben rieb.

Genugtuung zu empfinden, war Michelangelo nicht gegeben. «Meine Freude ist die Melancholie», heisst es in einem der letzten jener dreihundert Sonette und Madrigale, die er hinterlassen hat (Rilke bewunderte sie). «In trüber Dämmerung hinzuleben», sei ihm auferlegt, und gramvoll stehe er vor seinen dunklen Werken. Seine Einsamkeit konnte er nur einmal durchbrechen: durch die Freundschaft mit der Marchesa Vittoria Colonna, eine platonische Liebe, die elf Jahre währte. («Was kann ein Greis, ein müder, dir gewähren?») 1547, als sie starb, war Michelangelo 72 Jahre alt – und nun erhielt er den gewaltigsten Auftrag seines Lebens, den grössten, den die Christenheit zu vergeben hatte: die Bauleitung der Peterskirche. Bramante hatte 1506 begonnen, Michelangelo änderte die Pläne und baute ein Holzmodell der Kuppel, die bis heute die grösste auf Erden ist. Sechzehn Jahre lang blieb er der Chefarchitekt; die Vollendung erlebte er nicht.

Von 1555 an arbeitete er gleichzeitig an der «Pietà Rondanini», seinem letzten bildhauerischen Werk – noch acht Jahre lang. Er war verbittert, gebrechlich, von Blasensteinen geplagt, von Geiz zerfressen und schliesslich völlig verwahrlost. Monatelang, schrieb Giorgio Vasari, sein Bewunderer, trug er Tag und Nacht Stiefel aus Hundefell an den blossen Füssen, «so dass die Haut herunterging, wenn er sie endlich einmal auszog». Auf die «Pietà» mit ihren ergreifend schlaffen Figuren schlug er, unzufrieden und schliesslich 88 Jahre alt, bis wenige Tage vor seinem Tode ein, auch nachts, mit Talglichtern auf dem Hut. «Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig», sprach der Herr zu Paulus (2. Korinther 12,9).

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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