NZZ Folio 03/06 - Thema: Zucker   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Ein dicker Freund

Von Andreas Heller

Der Stoff ist ein mehrkettiges Saccharid. Ein primitives Ding, zwei Moleküle, Fruktose und Glukose, die sich zu C12 H22 011 verbinden, im Volksmund Zucker genannt. Im Nu wird der Zucker vom Körper aufgenommen. Er liefert Energie und stillt nicht nur das Hungergefühl, sondern lässt auch Glückshormone fliessen. Kein Wunder, sind Kinder geradezu süchtig danach, aber auch die Erwachsenen kommen nicht los von diesem klebrigen, dicken Freund. Der Zucker, lange Zeit in Europa allenfalls als luxuriöses Arznei-, Gewürz- oder Süssungsmittel bekannt, ist zum Treibstoff des Alltags geworden.

48 Kilo Zucker vertilgen die Schweizer im Durchschnitt im Jahr, in Form von Schokolade und Kuchen, als Limonade oder Süssmost, aber auch in Fertigprodukten wie Suppe und Ketchup. Viel zu viel, meinen die Ernährungsexperten und verweisen auf die parallel zum Zuckerkonsum steigende Verfettung der Bevölkerung mit rasant zunehmenden Zivilisationskrankheiten wie Diabetes Typ 2.

Doch welche Rolle der Zucker dabei spielt, ist schwierig herauszufinden, zumal die Zuckerlobby mächtig ist und zu jeder Studie schnell eine Gegenstudie präsentieren kann. Der Kampf gegen den Zucker ist komplizierter als jener gegen den Tabak: Ob und wie genau er schadet, ist schwer nachzuweisen. Zudem ist es nicht nur eine Minderheit, die ihm frönt. Dem Süssen sind wir alle verfallen.

Trotzdem könnte die Vorherrschaft des Zuckers schon bald ins Wanken geraten. Denn seit kurzem ist ein Süssstoff auf dem Markt, der laut Eigenwerbung so schmecken soll wie Zucker (das heisst: nach nichts) und der sich auch gleich verwenden lässt: «Splenda». Der neue künstliche Süssstoff wird aus Zucker gewonnen, ist aber 600 Mal süsser als Zucker; er enthält keine Kalorien und zeichnet sich dadurch aus, dass er, anders als Aspartam, keinen bitteren Nachgeschmack hat. In den USA ist der neue Süssstoff dank genialem Marketing bereits ein Trendprodukt – obwohl Verbraucherorganisationen ihn nicht für unbedenklich halten.

Aber selbst wenn der Zucker als Süssstoff seinen Zenit schon bald überschritten haben sollte, würde dies noch keineswegs das Ende seiner Ära bedeuten. Angesichts steigender Erdölpreise wird Zuckerrohr immer wichtiger als Rohstoff zur Gewinnung von Bioethanol. Zucker in den Tank statt in Bonbons: dagegen hätten selbst seine vehementesten Kritiker nichts einzuwenden.




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