NZZ Folio 05/04 - Thema: Das Eigenheim   Inhaltsverzeichnis

Nie wieder! Oder doch...?

© Tobias Madörin
«Ich konnte nicht fassen, dass hier jemand hauste.» Bea Senn in der Stube ihres jetzt schön renovierten Hauses. Linktext
Eigentlich sollte es keine grosse Sache werden: die Teppiche raus, da und dort ein bisschen Farbe, statt der Dusche ein Bad. Aber dann fiel Bea Senn als erstes die Decke auf den Kopf.

Von Andrea Strässle

Bea Senn schüttelt energisch den Kopf. «Auf keinen Fall würde ich es wieder tun.» Da war etwa jener Dienstag im März 2002. Zu viert waren sie angerückt, vermummt in Plasticsäcke, mit Pickeln bewaffnet, die Wohnzimmerdecke in Angriff zu nehmen. Bea Senns Freund, ein Zimmermann, tat den ersten Hieb – und konnte sich gerade noch vor einer dunklen Masse in Sicherheit bringen, die zu Boden krachte. Schwarzer Staub füllte den Raum, die vier husteten im Chor. Auf der Decke hatte eine 20 Zentimeter dicke Schlackeschicht gelegen. Sie holten den Dreck Quadratmeter um Quadratmeter herunter, hieben, stocherten, schabten. Als Bea Senn am Abend nach dem Duschen immer noch Schwarz aus ihrem Haar kämmte, Schwarz unter den Fingernägeln hervorkratzte, Schwarz in das Lavabo spuckte und ihre geröteten Augen im Spiegel sah, fragte sie sich: «Warum tu ich mir das bloss an?»

Zwei Jahre später sitzt die burschikose 26-Jährige mit der rötlichen Strubbelfrisur am Wohnzimmertisch, raucht eine Zigarette, lässt den Blick über den hellen Laminatboden, die S-förmige Holztreppe, den Schwedenofen, die luftig drapierten Vorhänge schweifen – und weiss, warum sie sich das angetan hat. «Das hier», sagt sie und breitet die Arme aus, «das ist meins.»

Es war im Sommer 2001, als sie vom Vater vernahm, der Onkel wolle das Haus in Windisch verkaufen und ob das nicht etwas für sie wäre. «Das Haus» war genaugenommen ein Hausteil, der sich den Firstbalken mit einer zweiten Partei teilte, die Rückwand mit einer dritten. Der Onkel hatte seinen Teil samt Garten und Schopf vermietet und über die Jahre nur das Nötigste investiert. Als Bea Senn das Anwesen besichtigte, konnte sie kaum fassen, dass hier jemand hauste. Im Garten wucherten zwei Meter hohe Maisstauden, das Schöpfli war umstellt von Brettern und Schrott. Hinter der rissigen Fassade sah es nicht besser aus. Alles war schmutzig, vollgestellt mit Gerümpel, in der Küche moderten Lebensmittel vor sich hin. «Das Schlimmste war der Keller: Kühlschränke, Computer, Stofftiere, Koffer bis an die Decke, aus den Wänden wuchsen Pilze.»

«Zweihunderttausend», sagte der Onkel. «Ein fairer Preis», sagte der Vater. «Ich nehme es», sagte Bea Senn. «Ich strotzte vor Selbstvertrauen, dachte, man könne die Bude eins, zwei auf Vordermann bringen.» Schliesslich war nicht nur ihr Freund vom Fach. Sie, die Büroangestellte, hatte selbst fast drei Jahre auf dem Bau gearbeitet. Erspartes hatte sie nicht, doch die Eltern bürgten bei der Bank in Gansingen, wo sie aufgewachsen war. Man gewährte ihr eine Hypothek über 200 000 Franken und einen Baukredit von 50 000.

«Das lief glatt – aber dann …» Der verschrobene Mieter weigerte sich trotz ordnungsgemässer Kündigung, das Haus zu räumen, drohte mit Klage. Sie versuchte es mit Zureden, mit Verhandeln und schliesslich mit einem Ultimatum: Was nicht innerhalb einer Woche abgeholt werde, lande in der Verbrennungsanlage. Und dort landete der Plunder dann auch.

Es folgte der Kampf um die Baubewilligung. Die Gemeinde verlangte die Pläne. Pläne? Ach so. Ein Architekt wurde angefragt. Bea Senn schnaubt und drückt ihre Zigarette aus. «Der verlangte einen fünfstelligen Betrag für die Pläne. Nicht mit uns.» Der Bruder organisierte ein Messgerät und ein CAD-Programm und stiefelte mit dem Vater die Unterlagen zusammen. In der ersten Version gerieten ihnen die Farben für Bestehendes und Neues durcheinander, doch die zweite Fassung fand Gnade bei Nachbarn und Baubehörde.

Anfangs sollte es keine grosse Sache werden. Alles gründlich ausräumen, die Teppiche raus, ein bisschen Farbe hier und dort – und, ja, ein Badezimmer und eine Zentralheizung. «Doch je mehr wir herausräumten, desto mehr Arbeit kam auf uns zu.» Wechselnde Bewohner hatten die Räume mehrmals neu ausgekleidet: Abrieb über Gipswand über Täfer über Anstrich über Tapete über Verputz. Um Raum zu gewinnen, spachtelten die Renovierer diesen Panzer bis auf die Mauer ab. Mit ein paar Wänden machten sie kurzen Prozess: ab in die Mulde. Schliesslich gerieten sie derart ins Fieber, dass sie beschlossen, das Dach auf einer Seite um zwei Meter zu heben und den Estrich zu einem lauschigen Dachzimmer auszubauen.

Wochenende für Wochenende und während der Ferien ackerten Bea Senn und ihr Freund auf der Baustelle. Selten allein. Der Onkel hatte einst Maurer gelernt und organisierte noch einen Kumpanen dazu. Die beiden waren vielleicht nicht die Schnellsten, doch sie zogen Aussenwand und Kamin sauber hoch. Vater, Bruder, Schwestern, Cousine – alle legten sich ins Zeug.

Der Onkel karrte gratis Kantholz an und zauberte zwanzig Kessel Verputzmasse aus einem Winkel seiner Scheune. Den Nachbarn heuerte man per Handschlag für ein paar hundert Franken und ein Mittagessen an. Die Bürokollegin erhielt die vom Mieter zurückgelassene Kühltruhe und kommandierte dafür ihren Freund zum Türrahmenstreichen ab. Einzig die elektrischen Installationen, die Gasleitungen und die Plättli im Bad erledigten Handwerker vom Fach. Wochentags arbeitete Bea Senn in einem Büro in Zürich. Während der Mittagspausen telefonierte sie mit Handwerkern oder spur tete los, um Besorgungen zu machen. Ihre Hobbies litten: Kickboxen und das Singen in einer Band. Manchmal raste sie am Sonntag mit schlechtem Gewissen und einem «Komme wieder» von der Baustelle, legte mit der Band irgendwo einen Auftritt hin und hastete zurück.

Dann die ganzen Vorschriften: War die Abfallmulde voll, musste für eine neue jedes Mal ein Gesuch eingereicht werden, die Bauverwaltung pochte auf Einhaltung der Isolationsvorschriften, der Beschluss, das Dach zu heben, mündete in ein Hickhack mit Behörden und Nachbarin um die Frage der Ausnützungsziffer. Dauernd kam jemand angerannt, wedelte mit dem Zeigefinger und sagte: «Nein, nein, nein! So geht das nicht!»

Nach einem Jahr war Bea Senn ausgelaugt. Sie nahm zehn Kilogramm zu, dann wieder sechs ab, die Haare fielen ihr aus, ihre Hände zitterten. Das Baukonto schwand, und sie musste nebst den Hypothekarzinsen ihre Mietwohnung in Wettingen bezahlen. Sie wollte nur noch eins: endlich einziehen. Alle hätten den Anschiss gehabt. Sie habe den Leuten hinterhertelefonieren müssen: «Bitte, kommt den Seich fertigmachen!» Sie zeigt zur Decke. Anstelle einer Lampe ist dort eine Steckdose installiert. «Eine schräge Idee meines Vaters.» Von der Steckdose läuft nun ein Kabel hinüber zum Fenster, wo sich ein Klemmspot an der Ikea-Vorhangstange festhält. «Ich widersprach nicht mehr.»

Nach Weihnachten 2002 zogen sie und ihr Freund in ihr Dreieinhalbzimmerheim ein. Die Böden waren erst im Erdgeschoss verlegt und die Treppe ins Obergeschoss ein Provisorium. Kaum eingezogen, fiel die Gasheizung aus und mit ihr die Warmwasserversorgung. Die beiden hockten nach Feierabend in der eiskalten, kahlen Wohnung zwischen Zügelkisten und versuchten sich mit heisser Suppe aufzuwärmen.

Jetzt ist Bea Senns Zuhause warm und gemütlich. Der Duft von Räucherstäbchen erfüllt das Wohnzimmer. Der Umbau hatte 80 000 Franken gekostet, vom Freund hat sich Bea Senn inzwischen getrennt. Ganz fertig ist das Haus noch nicht. Hier fehlt noch eine Treppenstufe, dort eine Tür, vor dem Haus wächst Moos statt Rasen, Bauschutt liegt herum. Vielleicht stellt Bea Senn aber alles wieder auf den Kopf, macht aus dem Schlafzimmer ein Arbeits- und Musikzimmer, aus dem Dachzimmer das Schlafzimmer.

Und: «Vielleicht verkauft mir die Nachbarin irgendwann ihren Hausteil – dann könnte ich ausbauen.» Bitte? «Wäre halt eine einmalige Gelegenheit.»

Andrea Strässle , freie Journalistin, lebt in Zürich.


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