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Beim Coiffeur -- «Modische Haarschnitte mache ich nicht»
© Lukas Akeret
Von Lukas Akeret
Nélson Bustos Rodríguez, Quito, Ecuador ist 75 Jahre alt. Er ist seit 28 Jahren verwitwet, kinderlos und lebt allein im Hause seines verstorbenen Bruders in Chimbacalle im Süden von Quito. Señor Bustos arbeitet Montag bis Samstag in seinem Salon, Angestellte hat er nicht. In seiner Freizeit verrichtet er Hausarbeit, ausgehen mag er nicht, über seine Einnahmen Auskunft geben noch weniger.
Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Also zurzeit sind Pilzfrisuren angesagt, die jedoch eher in den modernen Salons von jungen Stylisten angeboten werden. Ich bin ein Coiffeur der alten Schule. Modische Haarschnitte mache ich nicht. Ich schlage vor, Ihnen die Haare etwas zu kürzen und einen Seitenscheitel anzulegen. Das würde auch sehr gut zu Ihnen passen.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Ich bin ein traditioneller Coiffeur. Als ich mich vor 52 Jahren ausbilden liess, eignete man sich das an, was einem der Meister beibrachte. Punkt. Ich benutze ausschliesslich Kamm, Schere und meine elektrische Haarschneidmaschine. Die Haare befeuchte ich mit einem Zerstäuber, waschen kann ich sie hier in meinem Salon nicht.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Weil mir der Beruf gefällt und er mir immer gefallen hat. Das hat sich bis heute nicht geändert, ich bin glücklich in meinem Beruf.
Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?
Ich musste einen Meister suchen, den Inhaber eines Salons, der bereit war, mich einzustellen und mir alles beizubringen. Die Kundschaft musste ich selber akquirieren. Das war in Chimbacalle, wo ich heute noch wohne. Heute sind es Akademien, die junge Menschen zu Coiffeuren ausbilden. Die gab es früher nicht.
Haben Sie viele Stammkunden, und was für Leute sind das?
Ja, die meisten meiner Kunden sind Stammkunden, eigentlich alle. Es sind Männer, die meisten so ab 50 Jahren, ganz normale Männer. Ein paar wenige jüngere sind auch dabei.
Wie oft kommen diese Kunden zu Ihnen?
Früher kamen sie alle zwei Wochen, manche gar alle sieben Tage zu mir. Heute ist es eher einmal pro Monat, vielleicht sogar alle zwei Monate.
Worauf führen Sie diese Veränderung des Kundenverhaltens zurück?
Einerseits hat es sicher mit der angespannten finanziellen Situation zu tun. Die Leute müssen auf ihr weniges Geld achtgeben. Es ist aber auch eine Tatsache, dass heutzutage die Haare tendenziell länger getragen werden und somit ein wöchentlicher Coiffeurbesuch gar nicht mehr nötig ist.
Haben Sie prominente Kunden?
Früher, als ich noch in einem anderen Viertel der Stadt arbeitete, bediente ich hin und wieder Richter. Seit ich meinen Salon hier habe, hat sich das geändert. La Tola ist kein Geschäftsviertel, sondern ein traditionelles Wohnviertel mit einfachen Menschen, mit Arbeitern. Es ist nicht einfach, sich hier zu behaupten, denn das Geld fliesst in anderen Quartieren von Quito. Kleine Unternehmer wie ich haben es schwer hier. Sie sehen ja selbst, dass seit Ihrem letzten Besuch vor eineinhalb Jahren einige Geschäfte eingegangen sind. Vor allem auch wegen der anhaltenden Finanzmisere des Landes. Ich überlebe als Coiffeursaloninhaber nur wegen meiner treuen Stammkundschaft.
Und warum kamen Sie ausgerechnet in diesen Stadtteil?
Ich kam aus meiner Heimat hierher, aus Chimbacalle. Dort wurde eines Tages die Eisenbahnlinie Quito–Guayaquil eingestellt. Damit gingen ganze Industriezweige und das Geschäftsleben weitgehend verloren. So kam ich hierher. Mir gefiel der koloniale Charakter, das Schönste an dieser Stadt. Und so gewöhnte ich mich schnell ein.
Wann ist ein Haarschnitt aus Ihrer Sicht gelungen?
Wenn der Kunde zufrieden und ruhig meinen Salon verlässt.
Wer schneidet eigentlich Ihre Haare?
Ein alter Freund. Wir schneiden uns gegenseitig die Haare.
Wo waren Sie zuletzt in den Ferien?
Ich mache keine Ferien. Das einzige Mal, als ich meinen Salon geschlossen hatte, war ich im Spital, das war vor einem Monat. Da wurden mir die Ferien sozusagen zwangsverordnet.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Hören Sie, ich bin 75. Was will man in diesem Alter noch planen? – So, ich bin mit meiner Arbeit fertig, oder was meinen Sie?
Das haben Sie prima hingekriegt.
Eine Pilzfrisur würde Ihnen sowieso nicht stehen.
Bustos
Da Señor Bustos sich weigert, den neuen Beschriftungsvorschriften für Kolonialhäuser in Quito nachzukommen, hat sein Salon kein Schild. Er befindet sich in La Tola Alta, einem traditionellen Kolonialviertel der Hauptstadt Ecuadors. Den Kunden stehen Radio, Fernseher und eine ansehnliche Zeitschriftenauswahl zur Verfügung. Es ist ein Herrensalon.
Preis für einen Haarschnitt
Haarschnitt und Rasur kosten je 2 US-Dollar.
Ecuador
Einwohner: 13 750 000 BIP pro Kopf: USD 4500 Milch: USD 0.60 Brot: 1 kg USD 1.80 Kinobillett: USD 4.00 Zigaretten: USD 1.20 Taxi: 10 km etwa USD 3.00
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