NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister   Inhaltsverzeichnis

«Urs ist wieder auf der Suche»

© Basil Stücheli, Zürich.
Geschwister auch im Geiste: Urs A. Furrer und Christa de Carouge. Linktext
Die Modedesignerin Christa de Carouge bemutterte alle ihre jüngeren Geschwister, besonders eng verbunden fühlt sie sich dem Bruder Urs, der Künstler wurde.

Von Gudrun Sachse

Christa de Carouge, 72

Ich war meinen vier Geschwistern eine Gluckenmutter. Jeden freien Mittwoch gingen wir in den Wald, schauten Pflanzen an, sammelten Steine und Stecken. Ich bin im Sternzeichen Löwe geboren, der Löwe umgibt alles. Meine ganze Aufmerksamkeit gehörte meinen Geschwistern. Um bei meinen jüngeren Brüdern zu sein, wechselte ich sogar von den Bienli der Mädchenpfadi zu den Wölfli.

Urs war vif und der Clown der Familie. Seine Begeisterung war ansteckend. Er ist ein leidenschaftlicher Mensch – das verbindet uns, darin haben wir uns immer sehr geglichen. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Schwester Vreni Hand in Hand ins Bethanienheim ging, um das neue Geschwisterchen anzuschauen. Wir wussten gar nicht recht, ob das ein Bub oder ein Mädchen war, das da hinter der Glasscheibe im Bettchen lag. Wir hatten schaurig Freude an Urs und widmeten ihm jede freie Minute. Die Älteste zu sein, hiess für mich auch, dafür zu sorgen, dass es den Jüngeren gutging. Wir waren lange zusammen – erst mit 27 verliess ich Zürich und das Elternhaus.

Im Gegensatz zu Urs bin ich ein Kriegskind. Meine Mutter nähte während des Krieges in Heimarbeit Knopflöcher an Seidenhemden. Ich war zehn Jahre alt, als ich Knopf­löcher und Hohlsäume machen lernte. Meine Geschwister waren noch zu jung, um das mitzubekommen. Ausserdem hatte ich das Ämtchen, für alle die Schuhe zu putzen. Ich lernte Vaters Hosen und Hemden bügeln. Jeden Sonntag nahm er mich mit ins Kunsthaus. Derweil kochte die Mutter. Die Bilder interessierten mich weniger, lieber rutschte ich das marmorne Treppengeländer hinunter. Ein Bild allerdings gefiel mir sehr gut – ein Bübchen, umgeben von jungen Frauen. Den Haarschnitt, den Ferdinand Hodler diesem Buben gemalt hatte, hätte ich selbst gerne gehabt, doch mit meinen Locken war das unmöglich. Und bei Urs hätte ich den nicht ausprobieren dürfen.

Urs war ein herziger Kerl. Unglaublich, wie er die Leute anstrahlte. Er hatte ein Feuer in den Augen und trug schon immer eine grosse Herzlichkeit in sich. In Urs habe ich ein Gegenüber in der Art des Sehens, Zeichnens und Tüftelns. Als er sich dafür entschied, auch Grafiker zu werden, war es für mich selbstverständlich, dass ich mich darum bemühte, dass er einen guten Lehrmeister bekam. Ich kannte viele Grafiker, da ich in diesem Milieu verkehrte, Max Bill und Gottfried Honegger wurden meine Meister. Ich bin ihnen einfach nachgelaufen und bekam immer wieder die Gelegenheit, mit ihnen zu diskutieren.

Als ich zwölf war, kam mein jüngster Bruder zur Welt. Im Grunde war ich so lange Ersatzmutter, dass ich beschloss, nie selbst Kinder haben zu wollen. Ich brauche keinen dicken Bauch, um mir zu beweisen, dass ich eine Frau bin. So hat es sich dann auch ergeben. Geschwisterschaft ist für mich die beste Freundschaft. Es gibt nur eine Handvoll Leute, mit denen ich ein persönliches Gespräch führen kann – Urs gehört auf alle Fälle dazu. Vor meiner zweiten Scheidung bat ich ihn um Hilfe, ich rief ihn aus St-Tropez an. Er sagte: Kein Problem, ich hole dich. Auch wenn er dann nicht zu kommen brauchte, werde ich das nie vergessen.

Ich würde mich nie in sein Privatleben einmischen. Aber wenn er es wünscht, bin ich für ihn da. Heute ist Urs wieder auf der Suche. Das finde ich toll, diese Einstellung, immer wieder etwas Neues beginnen zu können. So bin auch ich. Wir waren halt schon Raketen, wir zwei.

Urs A. Furrer, 63

Zwischen Christa und mir liegen neun Jahre. Aus Kindersicht sind das Planetendistanzen. Christa sagt gern, dass sie zu uns jüngeren Geschwistern geschaut habe, aber ob das stimmt, daran erinnere ich mich nicht. Für mich ist Christa der Wirbelwind, ein quirliges Wesen, das immer viel bewegt hat. Christa führte gerne, aber geführt gefühlt habe ich mich nie. Das ist wichtig. Auch von den Eltern wurden wir in Ruhe gelassen. Wenn ich an Schulkollegen denke, o verreckt, die mussten mit anpacken! Unsere Eltern akzeptierten uns mit unseren Stärken und Schwächen – darum bin ich offen für jeden, der initiativ ist und Freude hat. So ist Chrigel auch. Einmal kam sie mit einem ultramodernen Plattenspieler, in den man Singles stecken konnte, nach Hause. Sie hat Musik zu uns gebracht, die ich liebte, wie Chris Barber und Kid Ory. Christa fuhr ab auf Jazz. An der Kunstgewerbeschule zeichnete sie faszinierende Tierstudien. Auch ihre Freunde imponierten mir sehr. Einer konnte enorm gut zeichnen. Wenn er zu uns nach Hause kam, zeichnete er nur für mich, etwa einen tollen Rennwagen. Als mein Vorbild würde ich Christa nicht bezeichnen, ich war eher inspiriert von ihr. Was sie interessierte, begann mich auch zu interessieren. Dass ich denselben Ausbildungsweg wie sie einschlug, das ist schon speziell.

Wir wohnten in Zürich an der Universitätstrasse 40, im obersten Stock. Wir drei Brüder in einem kleinen Zimmer, es war vielleicht zwei Meter breit und vier Meter lang. An Chrigels Zimmer erinnere ich mich nicht. Irgendwann bekamen wir ein Mansardenzimmer dazu – ich glaube, das war ihres. Am wohlsten fühlte ich mich in einem Kämmerchen mit einer Fensterluke zum Treppenhaus. Dahin zog ich mich zurück und zeichnete. Im Grunde ist das heute noch so: Gebt mir einen Tisch und einen Stuhl, den Rest mache ich allein. Etwas zu gestalten, hat mich immer fasziniert. Das Künstlerische sah ich bereits beim Vater. Er gilt als «Erfinder» der kalten Küche. Mit seinen Kreationen gewann er an Weltmeisterschaften Goldmedaillen. Jede seiner Platten, jede Butterskulptur skizzierte er mit Kohlestift, bevor es an die reale Ausführung ging. Obwohl ich nie mit ihm darüber sprach, zog mich seine Arbeit magisch an.

Bei Problemen habe ich nie meine Geschwister aufgesucht. Daran hat sich nichts geändert. Entscheide treffe ich mit dem Bauch und mache sie nicht abhängig von der Stimme eines anderen Menschen. Christa und ich sind beide mit unseren Leidenschaften beschäftigt. Wir haben nie gross etwas zusammen unternommen – keine gemeinsamen Bergtouren oder Ferien. Das ist auch gar nicht wichtig. Wertvoll ist doch, dass man irgendwann den Geist des anderen zu verstehen lernt, sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern dem anderen respektvoll gegenübertritt. Die geistige Verbundenheit zwischen Christa und mir wuchs in der Lebensmitte heran. Wir akzeptieren uns mit unseren egoistischen Eigenheiten.

Im Moment meide ich Familientreffen – ich brauche Distanz, will für meine Projekte noch tiefer in die Berge, hinein ins Gestein. Dabei lenken mich die anderen ab, das sage ich ganz ehrlich. Das Gute an einem Familienbund ist doch, dass man sagen kann, ich habe heute keine Lust, und dennoch das nächste Mal wieder eingeladen wird. Ich kenne meine Geschwister nun seit 63 Jahren. Der Verbund wird für mich im Alter nicht wichtiger, aber interessanter.

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin. Sie hat eine ältere Schwester.



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