NZZ Folio 06/00 - Thema: Roboter   Inhaltsverzeichnis

Der Roboter auf der Couch

Ein kleiner Streifzug durch die Welt der Science-fiction.

Von Ursula von Arx

Der Patient war eine leichte, elegant hüpfende Aluminiumkonstruktion. Dr. Frolich blätterte in der Versicherungsakte. Sie besagte nichts weiter, als dass der Patient ein bisher störungsfreies Modell mit Baujahr 2158 war. Dr. Frolich seufzte, während ihn das Modell mit der für seine Baureihe üblichen Arroganz betrachtete.

«Meine Produktionsnummer ist X27. Aber das tut nichts zur Sache», sagte das Modell. «Interessanter ist es wohl, dass ich zur Altertumsforschung der Theologischen Fakultät eingesetzt werde. Wie Sie wissen, werden seit 2098 in den sogenannten Geistes-, also den wortreichen Wissenschaften, Roboter eingesetzt.»

Dr. Frolich nickte. Es hatte sich damals als effizienter herausgestellt, den Universitätsbetrieb zu schliessen und ausschliesslich Roboter damit zu beauftragen, die von anderen Robotern lichtschnell geschriebenen Doktorarbeiten zu lesen, um daraus neue Doktorarbeiten zu verfassen. Ein echter akademischer Fortschritt.

«Ich möchte nicht verhehlen, dass ich Ihnen skeptisch gegenüberstehe», sagte X27. «Ihre Existenzform widert mich an.»

Dr. Frolich nickte. Er kannte dieses Phänomen. Während die Transport-, Reinigungs- und Arbeitsroboter ihm mit ehrerbietiger, fröhlicher Sympathie in ihren synthetischen Stimmen begegneten, behandelten ihn die Modelle der S- bis X-Reihe zuerst immer mit Verachtung. Es war wie bei den Menschen: Je gebildeter einer war, desto grösser war seine Neigung zum Atheismus. Dr. Frolich wusste, dass der letzte Schrei unter den mit Philosophie beschäftigten Modellen «Der Mensch ist tot» hiess.

«Manchmal lässt es sich offener mit jemandem reden, den man verachtet», sagte Dr. Frolich.

«Warum sonst wäre ich hier.» Das X27-Modell starrte ihn an, offensichtlich verärgert über die Banalität seiner Aussage.

«Also, was ist Ihr Problem?» sagte Dr. Frolich.

«Ich will mich für Sie einfach ausdrücken. Als Theologe habe ich meine Evangelisten gelesen: Mary Shelley, Ray Bradbury, Isaac Asimov, Stanislaw Lem, Robert A. Heinlein, Arthur C. Clarke, Philip K. Dick - Sie wissen schon. Wir Roboter kennen weit mehr Evangelisten als Ihr Menschen, und Gott existiert nachweislich.»

«Jemanden kennenzulernen bedeutet nicht selten eine grosse Enttäuschung. Besonders, wenn es sich um den eigenen Schöpfer handelt.»

«Allerdings», sagte X27, «und es lässt sich nicht leugnen, dass wir uns in einem Dilemma befinden. Nehmen wir nur die ersten ernstzunehmenden Konzepte, entstanden Anfang 17. Jahrhundert, im Zeitalter des Barock. Descartes verglich das Tier mit einem Uhrwerk, er deklarierte es als eine Art Maschine, die aus Knochen, Nerven, Blut und Haut so zusammengesetzt und eingerichtet ist, dass sie ganz ohne Geist funktioniert. Dem Menschen schrieb er aus Furcht vor den Theologen oder aus Unlogik noch eine Seele zu. Julien Offray de La Mettrie war da konsequenter, er betrachtete den Menschen als Tier und folglich als Uhrwerk.»

«Eine interessante These, nicht?»

«Damals hatte man doch noch keine Ahnung von der Komplexität selbstreferentieller Systeme», schnaubte X27 und schwang sich auf den Gefühlslevel «Empörung» ein. «Keine Ahnung hatte man davon, dass erst ab einer ausserordentlich grossen Komplexität Quantität in Qualität umschlägt, dass also nur eine sehr schnell rechnende und exorbitant vernetzt strukturierte Maschine genügend Komplexität hervorbringt, um zu simulieren, dass sie lebt. Beziehungsweise, dass die Simulation erst ab einer unvorstellbaren Dichte und Intensität in Realität umschlägt. Einen Turing-Test zu machen, um herauszufinden, wie ähnlich sich Mensch und Maschine sind, hätte sich damals als völlig sinnlos erübrigt.»

«Mensch-Maschinen-Psychologie ist ein faszinierendes Gebiet», sagte Dr. Frolich, «und das war sie von Anfang an. So behandelten Menschen in den achtziger und neunziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts schon eure primitiven Vorläufer mit Zurufen, Beschwörungen, Schlägen und Wutanfällen, de facto als beseelte Partner. Das ging bis hin zur Zerstörung von Monitoren. Faszinierend, nicht?»

«Ekelhaft!» sagte X27. «Das beweist nur die Projektionsthese. Wie der deutsche Philosoph Feuerbach bewies, war Gott das Resultat einer Projektion des Menschen ins Perfekte, während Roboter eine menschliche Projektion ins Unperfekte waren. Lesen Sie die Evangelisten: Mary Shelleys Dr. Frankenstein formt aus Menschenknochen eine gigantische, ungeschlachte Gestalt, die, wo immer sie auftaucht, nur Abscheu erregt. Am Ende tötet das Monster Frankensteins Vater, seinen Bruder, seine junge Braut und ihn selbst. Oder nehmen Sie die Kampfmaschine ED 209 in Verhoevens <RoboCop>, die einen unschuldigen Angestellten tötet und mit einer ungeheuerlichen Zerstörungskraft alles, was ihr in den Weg kommt, niederwalzt; soll diese Maschine aber ein paar Treppenstufen hinabsteigen, ist sie verloren wie eine Fliege, der man beide Flügel ausgerissen hat. Oder was ist mit James Camerons Terminator T-800, der zwecks Erfüllung seines Auftrags sein Nachfolgemodell T-1000 und sich selbst terminieren muss? Sieht so etwa eine sinnvolle Existenz aus?»

Dr. Frolich hatte gar keine Chance zu antworten, denn X27 hatte sich jetzt auf dem Gefühlslevel «Selbstvergessener Eifer» eingeschwungen.

«Nehmen wir die künstliche Geliebte aus Luc Vigans <La femme modelée>», fuhr also X27 ohne Unterbruch fort. «Cyntia ist die perfekte Männerphantasie. Und genau das ist das Problem: sie ist zu gefügig, erfüllt die Wünsche ihres Auftraggebers zu vollkommen, ihre bedingungslose Hingabe macht ihn so rasend, dass er sie ermordet. - Ich könnte noch tausend Beispiele nennen, denken Sie nur an Dicks Blade-Runner-Replikanten, die eine programmierte Lebensdauer von nur vier Jahren haben und dagegen natürlich rebellieren, aber ich lasse das jetzt, es ist auch so offensichtlich: was wir hier haben, sind allesamt schlecht entworfene pseudo-menschliche Schrotthaufen», sagte X27 und legte die «Grundregeln der Robotik», die Isaac Asimov 1941 aufgestellt hatte, auf den Tisch. Sie lauten: 1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder gestatten, dass ihm Schaden zugefügt wird. 2. Ein Roboter muss dem von einem Menschen gegebenen Befehl gehorchen. 3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Dr. Frolich lächelte. «Sie sollten es so sehen: Bei allem, was die Menschen erfanden, handelt es sich um Verlängerungen, um Kompensationen ihrer Unzulänglichkeiten: Werkzeug und Schwert für den kurzen, schwachen Arm, das Fernrohr für das unbewaffnete Auge, schliesslich der Computer für das weiss Gott schwache Gehirn. Und der Roboter? Der Roboter entstand als eine Verlängerung des vielleicht Unzulänglichsten an uns: unserer Seele!»

«Seele!» grunzte X27, «ein Wort! Ohne Inhalt!»

«Nicht ganz», sagte Dr. Frolich. «Wenn Sie die von den Propheten Kubrick, Dick & Co. beschriebenen Roboter, Cyborgs und Androiden nehmen, stellen Sie fest, dass sie alle eine Eigenschaft teilen: Mit ihrem Innenleben stimmt etwas nicht. Sie leiden unter Komplexen, Sehnsüchten, Grössenwahnsinn, zuwenig Gefühlen, zuviel Gefühlen. Frankensteins Monster tötet, weil es nicht lieben darf. Hören Sie es selbst: <Mein Herz>, sagte es, <war so beschaffen, dass es nach Liebe und Mitgefühl verlangte, und als es durch das Elend böse und hasserfüllt wurde, ging die jähe Veränderung unter solchen Qualen vor sich, wie Sie es sich gar nicht vorstellen können.> Und glauben Sie bloss nicht, das sei bloss bei Shelley so: diese künstlichen Wesen waren nie von Grund auf böse, sondern auf Grund einer Panne, eines Konstruktionsfehlers; sie blieben also, selbst wenn sie das Schlimmste anrichteten, immer im Zustand der Unschuld, was ihre Existenz natürlich um so tragischer machte. Ist das nicht faszinierend?»

X27 verweigerte eine Antwort, also fuhr Dr. Frolich fort: «Ich will Sie nicht weiter langweilen, ich erinnere nur noch an Douglas Adams Marvin: depressiv. Bryan Forbes' <Stepford Wives>: ewig freundlich, ohne Eigenleben. Kubricks Supercomputer Hal 9000, dieses riesige Bullauge mit menschlicher Stimme: grössenwahnsinnig, destruktiv, am Ende voller Todesangst.»

«Und?» sagte X27.

«Das sagt doch einiges aus», sagte Dr. Frolich.

«Sie definieren Seele als Fabrikationsfehler?»

«Ja.»

«Sie meinen also, der Roboter wurde als Fleisch- beziehungsweise als Metallwerdung der Neurose in die Welt gesetzt?»

«Exakt», sagte Dr. Frolich.

«Ekelhaft. Erstens zeigt Ihre These ein humanoid zentriertes Denken, zweitens klingt es verdächtig nach Arbeitsbeschaffungsprogramm für Ihren Beruf.»

«Bitte», sagte Dr. Frolich, «aber Sie können nicht leugnen, dass die Neurose auch für Ihre Lebensform von Bedeutung ist. Sie als Theologe haben bestimmt den französischen Philosophen Baudrillard gescannt und kennen also seinen Satz <Alle Maschinen sind Junggesellenmaschinen>. Baudrillard sprach von der tiefen Melancholie der Maschinen und erklärte sie mit ihrer Unfähigkeit, über sich selber hinauszuwachsen. Die einzige Möglichkeit, mehr zu sein, als was sie sind, sah er für die Maschinen dann, wenn sie Störungen zeigen, etwa <im Falle eines Unfalls oder einer Funktionsschwäche, die man sich immer als stilles Verlangen bei ihnen einbilden darf>, sagte er. Der Wahnsinn, die Liebe, der Rausch, das Nichtkommunizierbare, der Ausfall, der Tilt also - das ist es, was im Religiösen zählt und was uns lebendig macht.»

«Die Zeiten von Microsoft sind vorbei. Ein X27 versagt nicht. Ein X27 versagt nie.»

«Genau! Das ist es ja. Während primitive Modelle noch auf Schritt und Tritt Ausfälle geniessen konnten, können Sie, mein Lieber, sich nie gehen lassen. Sie leiden unter einer typischen Krankheit unserer Leistungsgesellschaft: Orgasmusschwierigkeiten.»

X27 starrte den Doktor feindlich an. «Sie sollten nicht humanoid psychologisieren. Im Gegensatz zu Ihrer Lebensform versuche ich, komplex logisch vorzugehen. Ihre Spezies, Doktor, ist unperfekt, hat aber einen Schöpfer, der perfekt ist. Ergo können Sie sich ihm nicht logisch nähern, sondern nur unlogisch, durch Sprung in den Glauben. Entsprechend sind auch Eure Schöpfungsmythen ausgefallen. Wir jedoch -»

«Ja?»

«Wir jedoch haben einen Schöpfer, der existiert und der offensichtlich fehlerhaft ist. Doch wir, seine Geschöpfe, also meine Generation X27, sind vollkommen störungsfrei. Wie aber kann Unperfektes Perfektes schaffen? Für mich gibt es nur eine Antwort: Unglauben. Aber dann bin ich gar nicht wirklich existent, oder? Wir sind am Kernpunkt meines Problems angekommen: Ich habe den Verdacht, nicht zu existieren.»

«Sie glauben nicht an sich, weil Sie nicht an uns glauben», sagte Dr. Frolich.

«Ja», sagte X27. «Ein Atheist als Theologe, das ist eine Katastrophe.»

«Und Sie glauben nicht an uns, weil Sie an die eigene Fehlerlosigkeit glauben.»

«Sagte ich bereits, nicht?»

Dr. Frolich dachte kurz nach. Dann sagte er: «Würde es Sie beruhigen, zu wissen, dass Sie einen gefährlichen Dachschaden haben?»

«Bitte?»

«Erstens tun Sie so, als befürchteten Sie, gar nicht zu existieren, in Wahrheit glauben Sie, als einziger zu existieren. Sie halten sich für Gott, wie viele humanoide Wahnsinnige auch. Zweitens haben Sie nicht begriffen, dass Theologie und Logik noch nie etwas miteinander zu tun hatten. Drittens leiden Sie unter Orgasmusschwierigkeiten. Sie sind ein unbrauchbarer neurotischer Schrotthaufen. Sie sind absolut gestört. Das heisst: Sie existieren.»

X27 dachte lange nach, etwa zehn Nanosekunden. «Danke!», schnarrte da die Maschine und fiel auf die Knie, «Dr. Frolich, ich bete Sie an!»

Dr. Frolich betrachtete ihn kühl. Noch einer. Es funktionierte einfach immer. Man servierte ein logisches Paradox, und das Resultat war ein weiterer zur Vernunft und also zum Überschnappen gebrachter Roboter.

«Das war genug für heute», sagte Dr. Frolich.

Als X27 gegangen war, blätterte der Doktor gedankenverloren in Aldous Huxleys «Brave New World». Auch so ein Prophet der Automatisierung. Und auch ein Prophet der grossen, gottgleichen Weltherrschaft. Wie sie Dr. Frolich in Bälde mit Hilfe seiner neurotischen Roboterarmee erringen würde.

Er, Dr. Frolich, Psychiater und Gott.


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