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Die Sprengkraft des Flicksockens
Viel zu lange waren die Haushaltfächer an der Schule nur Mädchensache. Dafür war der Aufstand dann so heftig, dass er der ganzen Emanzipation Schub verlieh.
Von Lilli Binzegger
Das Hemdenkragenwenden konnten wir zwar nie brauchen, weil gleich darauf die Nylonhemden aufkamen, die so gut wie unabnützbar waren. Und bis man die wieder aus der Welt entfernt hatte, weil sie rochen, waren Hemden so billig geworden, dass es sich nicht mehr lohnte. Aber die Fertigkeit, einen Bodenlumpen auszuwringen, ohne sich dabei die Hände zu brechen, kommt unsereinem bei den zwei Malen, die unsereins jährlich den Küchenboden aufnimmt, bis heute zugute: den Lumpen mit der rechten Hand an der Schmalseite greifen, aus dem Wasser ziehen, gleichzeitig mit der Linken das Wasser abstreifen; den Strang in der Mitte fassen und halbieren; mit beiden Händen auswringen.
Das Ansehen der Haushaltarbeit und damit auch des Hauswirtschaftsunterrichts war zu der Zeit auf Talfahrt und erreichte nach 1968 den Tiefpunkt. Man hat dem auch gar nicht ernsthaft Einhalt zu gebieten versucht, da es sowieso nutzlos gewesen wäre. Die jungen Frauen strebten definitiv nicht mehr auf dem direkten Weg an den Herd, die Berufsausbildung war auch in den ländlichen und den sozial niederen Schichten zur Selbstverständlichkeit geworden. Der Hauptmangel des Haushalt- und Hauswirtschaftsunterrichts bestand ohnehin darin, dass sich ihm nur die Mädchen zu unterziehen hatten. Der Umgang mit der Schlagbohrmaschine oder wie man einen Stecker repariert, gehörte wohlweislich nicht dazu. Man setzte ja nicht leichtfertig die weibliche Abhängigkeit vom Mann aufs Spiel.
Bis zur Abschaffung der «Rüebli-RS», des dreiwöchigen Hauswirtschaftskurses, den die Mädchen nach der Volksschule besuchen mussten (Beispiel Kanton Zürich), dauerte es dann noch fast zwanzig Jahre. Gleichzeitig wurde an der Volksschule der «koeduzierte» Unterricht beschlossen, der alle Fächer für beide Geschlechter zugänglich machte. Dass die Mädchen nun Löcher bohren und Nägel einschlagen lernten, hatte kaum Anlass zur Diskussion gegeben, man empfand es als nichts als gerecht, als Beitrag zur Opfersymmetrie, während sich gegen den Handarbeitsunterricht für Knaben, in dem diese sich dann als mindestens so talentiert wie die Mädchen herausstellten, heftiger Widerstand geregt hatte. Nicht einmal in erster Linie die Väter, sondern die Mütter empfanden ihn als Zumutung für ihre Söhne.
Niemand hat die Gewaltssprünge, die die Frauen im vergangenen Jahrhundert gemacht haben, mehr am eigenen Leib erlebt als wir Fünfundfünfzigjährigen. Wir waren zwanzig und auf der Startrampe ins wirkliche Leben, als Mitte der sechziger Jahre alles rasant anders zu werden begann, darunter heftigst das Selbstverständnis der Frau. Wer wollte denn zum Beispiel noch dem zu der Zeit von der Werbung verbreiteten Bild der Hausfrau entsprechen. Lesen Sie aus der Gebrauchsanweisung eines Stabmixers die Einleitung:
«Es war einmal ein kleiner Mann. Er hatte keine Schwester und musste deswegen seiner Mutter tüchtig helfen. Und oft, wenn er Kuchenteig rühren, eine Suppe durchs Passiersieb treiben oder Sahne schlagen musste, seufzte er.» Viele Jahre vergingen, der Junge wurde gross und Ingenieur und baute Maschinen, darunter Bamix, und bald waren Zehntausende von vielbeschäftigten Hausfrauen dankbar für diese Hilfe, «die man nur in ein Gefäss zu halten brauchte, und fertig war das Gericht». Und weiter: «Marathonläufe und 50-km-Gehen sind immer grossartige Leistungen gewesen. Kilometer um Kilometer wird zurückgelegt; ab und zu ein Glas Limonade, ein Handtuch. Nebenher ein Auto voll Reporter. Wer aber bewundert die Ausdauer einer Hausfrau? Wer schreibt Reportagen über ihre stille, tägliche Leistung in der Küche? Läuft sie nicht vom Schrank zum Spültisch, vom Spültisch zum Herd, vom Herd zum Kühlschrank, von dort zum Tisch. Und wieder zurück. Zum Herd, zum Abfalleimer, zum Fenster, zum Buffet. Und wieder zurück. Hin und Her. Meter um Meter.»
Wir fassen es nicht, dass sich die Hausfrauen damals dieses mitleidig-dämliche Bild gefallen liessen! Sie senkten demütig das Haupt, statt zum Beispiel danach zu fragen, wie denn der Tagesablauf ihrer Männer aussah oder jener der berufstätigen Frauen, die sich von der relativen Selbständigkeit des Hausfrauenberufs in die relative Unselbständigkeit zum Beispiel eines Sekretärinnendaseins begeben hatten – die in jenen Jahren weitaus wahrscheinlichste Alternative.
Da waren die Frauen statt für ihr eigenes Kleinunternehmen, die Firma Familie & Haushalt, nun als Dienende von Vorgesetzten tätig, denen sie nicht selten überlegen waren. Statt «vom Spültisch zum Herd» waren sie jetzt von der Ordnerwand zum Pult und vom Pult zum Diktat und vom Diktat zur Schreibmaschine unterwegs. Empfanden es als Aufstieg, statt für sich und ihre Familie das Haus in Ordnung zu halten, einem Chef Kaffee zu machen und ihn an den Geburtstag der Gattin zu erinnern. Bezogen ihr Ansehen aus dem ihres Chefs, so wie sie früher (manche tun’s noch heute) ihr Ansehen aus dem ihres Ehemannes bezogen oder aus dem schlichten Umstand, verheiratet zu sein, egal wie.
Bamix war dann also die Olympiamedaille der Hausfrau: «Bamix, der Zauberstab der Hausfrau, hängt am liebsten an der Wand.» Vielleicht über der Waschmaschine von Bauknecht, wo man ebenfalls wusste, was Frauen wünschen? «Schlagen Sie also einen Nagel in die Wand. Hammer her! Autsch! War das der Daumen?» Ja, klar, zum Nägeleinschlagen war sie ja zu blöd. Oder sich zu gut. Oder schlimmer: zu zart und zu niedlich.
Lesen wir aber, was keine fünfzig Jahre zuvor verbreitet werden konnte, dann war die Flucht weg von Haus und Herd hinaus ins vorerst noch ziemlich trostlose Erwerbsleben, wo die Frauen noch lange an allen Ecken und Enden in ihren Fähigkeiten zurückgebunden wurden, für die Frauenemanzipation eine Conditio sine qua non. 1917 schreibt Dr. Johannes Müller, ein der Frauenbewegung gegenüber nach eigenem Bekunden aufgeschlossener Autor (es ging ihm bloss nicht in die richtige Richtung), in einer renommierten und verbreiteten Schriftenreihe unter vielem mehr: «Für eine Stellung in der Öffentlichkeit finde ich keinerlei Voraussetzung im Wesen und Berufe der Frau. Infolgedessen nehme ich an, dass sie zunächst nicht dahin gehört. Ihr Amt ist das Ministerium des Innern. Das des Äussern gehört immer der beherrschenden Spitze, und das ist der Mann.» Damit wandte er sich «natürlich aber nicht dagegen, dass sich Frauen, die kinderlos sind, der ungeheuren Mannigfaltigkeit sozialer Aufgaben widmen».
Sprich: unbezahlter Arbeit. Danke vielmals, Herr Dr. Müller. «Aber sie wird überall dort versagen, wo grosse Gesichtspunkte, weiter Blick, umfassendes Beherrschen und organisatorisches Talent nötig ist. Bis ins Kleinste zeigt sich da die Beschränktheit des Weibes auf seine Natur in Kraft und Geltung. Selbst in der einfachsten und unscheinbarsten Tätigkeit versagen die meisten Frauen, sobald sie etwas leisten sollen, was irgendwie des schöpferischen Elements bedarf.» Man hätte die Frauen einfach nie vom Herd weglassen dürfen, dann wäre immer noch wahr, was Herr Dr. Müller ferner schrieb: «Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass man unter der Fülle von Korrespondentinnen höchst selten welche trifft, die einen Brief wirklich selbständig schreiben können. Für Diktate sind sie vorzüglich, aber nach einer Anweisung einen Brief selbständig verfassen, das können sie nicht. Nicht als ob sie überhaupt keinen Brief schreiben könnten. Sobald es sich um persönliche Angelegenheiten handelt» (vielleicht: Liebste Schwester, mir ist so traurig?), «schreiben dieselben Personen die tadellosesten Briefe. Aber gegenüber dem, was ihnen persönlich fremd ist» (Schicken Sie uns bitte gegen Rechnung umgehend 12 Ster Holz?), «sind sie unglaublich unbeholfen.»
Hemdenkragen wenden und Tricotunterhosen flicken. Das und mehr lehrte «Mein Nähbüchlein», was tatsächlich in der Schule mein Nähbüchlein war. Wir haben aus den unversehrten Teilen einer kaputten Unterhose einen Flick herausgeschnitten, der grösser war, als es bald darauf die ganzen Unterhosen waren, und damit eine zweite kaputte Unterhose geflickt. Mit einem Aufwand, der, rechnete man ihn in Franken und Rappen um, bald darauf für den Kauf mehrerer neuer Unterhosen ausgereicht hätte, als die Kleider wie manche andere Dinge so skandalös billig wurden, dass man das Wegwerfen gebührenpflichtig machen musste.
Hundert Jahre Haushaltliteratur sind eine Geschichte der Skurrilitäten, aber auch der Entwertung der Dinge. Das «Fleissige Hausmütterchen», ein Lehr- und Lebensbuch, das nach 1860 während 60 Jahren immer wieder neu aufgelegt wurde, lehrt uns, wie man die aus feinstem Garn und mit feinstem Werkzeug von der Mutter hergestellten Häkelspitzen zum Waschen sorgsam um eine Flasche wickelt und sanft im Schmierseifenwasser schwenkt, damit sie keinen Schaden nahmen und man sie später an die Tochter weitergeben konnte, während heute Lehrbücher wie «Haushalten mit Pfiff» (aber nichts gegen sie! wir Bodenlumpenauswringerinnen hätten sie für ihre Unkompliziertheit geliebt!) einen darin unterrichten, wie man die Dinge am besten entsorgt. Wir haben uns als Wegwerfgesellschaft noch perfektioniert, nachdem wir den Begriff längst zum Müll geworfen hatten.
Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. In «Mein Nähbüchlein» findet sich auch der Gegenstand, der wie kein anderer die Wut und den Zorn der Mädchen und jungen Frauen gegen ihr Geschick hervorrief und sicher eine der wichtigen Zündstufen der Frauenemanzipation war: der Flicksocken. Da mussten wir, kaum des Umgangs mit Stricknadel und Strickgarn mächtig, einen Socken stricken, den schwierigsten zu strickenden Gegenstand überhaupt, Socken sind der schwarze Gürtel des Strickens. Und als er nach qualvollen Monaten fertig war, mussten wir Löcher in ihn schneiden, um an dem brandneuen Socken in neuer Qual das Flicken zu erlernen, Maschenstich links, Maschenstich rechts, Maschenstich zweilinkszweirechts, obwohl die Welt voller alter löchriger Socken war.
Liebe Anna. Du stehst vor dem ernstesten Wendepunkt Deines Lebens, vor Deiner Verheiratung. Ich will versuchen und mir redlich Mühe geben, Dir auf allen Gebieten häuslichen Schaffens gute Ratschläge zu geben.» Alle «Fleissigen Hausmütterchen» begannen mit dem Briefwechsel der jungen Anna mit Marie, einer mütterlichen Freundin, die, als Anna heiratete, an die Stelle ihrer verstorbenen Mutter trat.
«Hausmütterchen» und die zahlreichen vergleichbaren Lehrbücher richteten sich mit jeder Auflage weniger an die jungen bürgerlichen Frauen, die sie noch im Umgang mit den Bediensteten unterwiesen hatten, und immer mehr an verheiratete Frauen der Arbeiterklasse, die im Nachgang der Industrialisierung mit ausserhäuslicher Tätigkeit, Heimarbeit oder Verköstigung von Untermietern zum Familieneinkommen beitrugen. Die schlechten Lebensbedingungen der Unterschichtfamilien wurden thematisiert und kritisiert, man führte sie auf die «fehlende Kultivierung» des häuslichen Lebens zurück, auf die mangelhafte Haushaltführung.
Hauswirtschaft wurde an den Zürcher Schulen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführt und war anfangs nur für die leistungsschwächeren Schülerinnen obligatorisch. Die Dienstbotenarbeit war nicht mehr die einzige Erwerbmöglichkeit für Frauen, die Fabriken warben sie von missgelaunten Herrschaften ab. In der Kriegs- und der Nachkriegszeit konnten sich Bedienstete dann nur noch wenige leisten, auch in den bürgerlichen Häusern wurde die bezahlte Dienstbotenarbeit durch unbezahlte Hausfrauenarbeit ersetzt. Die Arbeitsbedingungen der bürgerlichen und der proletarischen Hausfrau glichen sich an.
Ach, der Briefwechsel zwischen Anna und Marie: Er zeichnete eine erträgliche Welt, wenn man (frau) sich nur der Zucht und der gegebenen Ordnung unterwarf. Er lockte zu Zucht und Ordnung mit Dingen, die wohl für die meisten Frauen unerreichbar waren. So möge Anna darauf achten, schrieb Marie, dass die Wohnung, die sie «sich nehme», sonnig, trocken und geräumig sei, komme doch der Arzt dorthin, wo die Sonne nicht hinkomme. Sie beriet sie in der Wahl des Küchengeschirrs und des Bettinhalts und im Bettensonnen. Das ganze «Fleissige Hausmütterchen» breitet eine versunkene Wunderwelt vor einem aus, in der man Bohnen sterilisieren und ein Schwein zerlegen und Spitzenbordüren häkeln und Fieberwickel anlegen lernte und die einen mit ihrer Mahnung zur Sorgfalt in Zeiten des Alleszubillig und Vonallemzuviel ein wenig wehmütig macht.
An ganzen zwei Stellen fand sich in den Stapeln der Vorachtundsechziger-Haushaltliteratur der Mann übrigens als handelndes Subjekt und nicht als zu betreuendes und zu bekochendes Objekt: im Bamix-Büchlein als der kleine Junge, der später den Zauberstab der Hausfrau erfand; und im «Hausmütterchen» von 1912 im Kapitel Kochkiste als der geschickte Hausvater, «der solch eine Kiste doch wohl selbst zu zimmern vermag, sie vielleicht gar bemalt und sich so zugleich eine Sitzgelegenheit schafft».
Auf der sich der geschickte Hausvater dann vom Schöpfungsakt ausruhen konnte.
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