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Sportmärchen -- Der treffliche Herr Sturmwind
© Markus Roost
Von Richard Reich
In Nordland lebte ein junger Gott, der war der Spross des Donnerers Odin und der Göttin Europa, und das kam so: Der schlaue Odin hatte sich in einer Sommernacht bei der schläfrigen Europa eingeschlichen und sie in der Gestalt eines gelockten Lautenspielers verführt, was die Betrogene ihm übelnahm. Aus Rache setzte Europa die Frucht dieser List am nördlichsten Nordzipfel ihres Reiches aus. Bevor sie das bleiche Büblein aber unter räudigen Rentieren und hungrigen Wölfen zurückliess, sprach sie: «Nimm zum Schutz diesen ehernen Zauberspeer! Er ist uralt, hört auf den Namen Herr Sturmwind und trifft fehlerfrei ins Schwarze, falls er zufällig nüchtern ist.»
Da sass Odinchen, weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, ausser diesem alten, etwas schmierigen Eisen. «Mal sehen», seufzte der Kleine, «ob ich damit jene Kiefer dort treffen kann!» – «Kein Problem!» rief Herr Sturmwind fröhlich und donnerte so wuchtig gegen den Baum, dass Schneehuhn und Elch vor Schreck das Weite suchten. Odinchen aber freute sich, denn dieser Zauberspeer konnte sogar sprechen! Und in der Tat war Herr Sturmwind ein gewitztes Speerlein, voller Übermut und famoser Ideen. Nur einen Fehler hatte der alte Haudegen eben: Er schaute gern gar tief ins Glas.
Odinchen aber geriet bald selber in einen Rausch. Von früh bis spät, von Frühjahr bis Weihnachten liess er Herrn Sturmwind gegen Bäume brausen, zischen, krachen, bis ganz Nordland unter üblem Waldsterben litt. «Was nun?» jammerte der junge Gott, aber Herr Sturmwind kicherte bloss: «Wenns ebenerdig nicht mehr geht, dann wirf mich halt zu den Göttern hinauf!» Da jauchzte Klein Odin und schleuderte den Speer in die Wolken. Doch o weh, die Schäfchen am Himmel wurden löchrig und begannen zu weinen! Und des Nachts brachte der rasende Speer sogar die Sterne zum Erlöschen, so dass es in Nordland fast gar nicht mehr hell wurde.
Jetzt bekam es der junge Gott mit der Angst zu tun, und er machte sich samt dem zerknirschten Herrn Sturmwind aus dem Staub. Unterwegs diente ihm der Speer brav als Wanderstab, und als sie ans Meer kamen, trug Herr Sturmwind sein Herrchen flugs ans andere Ufer. So verliess das verschworene Paar den Norden und ging immer weiter, bis es heller und wärmer wurde. Und je heller und wärmer es wurde, desto mehr Menschen trafen sie an. «Na, ihr Zweibeiner», feixte Sturmwind, der längst wieder Oberwasser hatte, «wohin tragen euch eure löchrigen Sandalen?» – «Nach Rom», antworteten die Leute. Egal, wen man fragte, alle Wege führten immer nach Rom.
Also gelangten auch Odin junior und der eherne Herr Sturmwind in die Ewige Stadt, dort allerdings trat ihnen ein Wächter entgegen. Der Mann trug ein gestreiftes Gewand, dazu einen Speer mit plattgewalzter Spitze, und er knurrte: «Halt! Dies ist das Haus von Gottes Stellvertreter!»
Da lachte Odinchen und rief: «Guter Mann, vor dir steht der Sohn von Göttervater Odin!» – «Du bist wohl Heide, was?!» zischte der Wächter, «her mit deiner Waffe, oder ich rufe Verstärkung!» Als Odin die bedrohliche Übermacht sah, flüsterte er: «Flieh, Sturmwind, flieg, so weit du kannst!» Dann schleuderte er den Speer über die Köpfe der herbeieilenden Gardisten hinweg.
Herrn Sturmwind allerdings traf dies unvorbereitet. Er hatte auf der langen Reise seine Nasenspitze nämlich hie und da in die Schnapsflasche gesteckt, die Jung Odin für kalte Nächte mit sich trug. Prompt geriet der alte Speer jetzt ins Schlingern, ins Trudeln, und schliesslich spiesste er gar einen armen Passanten auf, und zwar direkt unter dem rechten Arm. «Jesus Maria!» riefen die Wächter, als sie die Wunde sahen, «fast wie beim Gekreuzigten!» Dann warfen sie sich vorsichtshalber auf die Knie.
Odinchen aber nutzte die Verwirrung und floh – nach Osaka oder Ameriko.
Der Speerwerfer Tero Pitkämäki traf am Freitag, dem 13. Juli 2007, in Rom aus Versehen einen Weitspringer in den Rücken; gleichwohl galt der Finne dieser Tage an der Leichtathletik-WM von Osaka als Favorit. Pitkämäki stammt aus Ilmajoki, wo man Feinstahl und feinen Wodka herstellt.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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