Die Büroräume sind so wenig glamourös wie die Website. Keine Szenekneipe weit und breit, denn der Perlentaucher wird nicht in Berlin-Mitte oder Friedrichshain produziert, wo sich jene tummeln, die man zu Zeiten des Medienhypes noch die «Kreativen» nannte. Die Oldenburger Strasse liegt im biederen armen Wedding, an der Grenze zwischen Arbeiter- und Industriequartier. Computer, ein paar Bücherregale, Schreibtische, Stühle – in dem Ladenlokal mit den weiss gestrichenen Holzwänden stehen nur die nötigsten irdischen Dinge, die man für die virtuelle Existenz braucht.
Auch Thierry Chervel ist eine unauffällige Erscheinung. Er trägt schwarze Hosen und einen schwarzen Pullover, wie es sich für einen ordentlichen Intellektuellen gehört. Seine entspannte Ironie macht vor dem eigenen Unternehmen nicht Halt. Chervel hatte lange bei der Berliner «taz» gearbeitet, bevor er in den neunziger Jahren als Pariser Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» das Internet entdeckte – und eine Marktlücke: die Feuilleton-Presseschau im Netz. Das temperamentvolle französische Genre der persönlichen Presseschau stand dabei Pate. «Wir hierarchisieren anders», sagt Chervel, der das Perlentauchen wörtlich meint und etwa die «Besinnungsartikel der Chefredaktoren» gern kurz abhandelt.
Als der Perlentaucher am 15. März 2000 ins Netz ging, hatte die Börse ihren höchsten Stand erreicht, nur konnte das damals noch niemand wissen. «Seither mussten wir permanent gegen die Abwärtsbewegung ankämpfen.» Der Perlentaucher wagte den Einstieg in die New Economy mit dem altmodischsten aller Geschäftsmodelle, denn das Unternehmen ist ein Familienbetrieb. Die Arbeitsenergie der Beteiligten ersetzte das Startkapital – in den ersten drei Perlentaucher-Jahren hat Chervel nie Ferien gemacht. «Im Wesentlichen funktioniert der Perlentaucher wie eine Würstchenbude. Oder wie eine Band – wie die Beatles. Wir sind vier, und jeder sitzt an einem Instrument.» Thierry Chervel und seine Freundin Anja Seeliger machen die Redaktion; Anjas Bruder Niclas Seeliger ist für die Geschäftsführung verantwortlich, Adam Cwientzek für die Technik. Freie Mitarbeiter werden auf Honorarbasis beigezogen.
Das fehlende Kapital hatte einen weiteren Überlebensvorteil: Die Macher standen vom ersten Tag an unter dem Druck, Einnahmen zu generieren. Die Kooperation mit Internetbuchhandlungen erwies sich als tragfähige Strategie: amazon.de und buecher.de kaufen Inhalte (Buchnotizen) und bezahlen eine Provision für Bücher, die über den Link auf der Perlentaucher-Website gekauft werden. Am Anfang war BOL, der Internetableger von Bertelsmann, der wichtigste Kooperationspartner. Aber BOL war trotz riesigen Investitionen ein Flop. Von einem Tag auf den anderen musste der Perlentaucher neue Geldquellen erschliessen. Inzwischen ist die Einzelbuchwerbung das zentrale finanzielle Standbein. Werbung ist auch das Scharnier der Kooperation mit spiegel.de: Der Verlag übernimmt die FeuilletonPresseschau des Perlentauchers und überlässt ihm dafür einen vielbesuchten Anzeigenplatz zur Bewirtschaftung. Im Netz überlebt nur, wer flexibel ist und sich ständig neue Einnahmequellen ausdenkt. Die jüngste Idee beim Perlentaucher ist die Verwertung der eigenen Internetkompetenz: Unter dem Titel «Buchmaschine» werden Homepages für Bücher und Autoren erstellt.
Natürlich hat man auch über Nutzungsgebühren nachgedacht – eine heikle Frage, denn niemand kann sagen, wie viele der 400 000 monatlichen Nutzer bereit wären, für das Angebot zu zahlen. Mit einem beschränkten Nutzerkreis würde sich der Perlentaucher jedoch ins eigene Fleisch schneiden, denn damit verlöre die Website für Werbekunden an Attraktivität.
Dass viele Zeitungen dazu übergegangen sind, ihren teuren Inhalt kostenpflichtig zu machen, kann Thierry Chervel verstehen, aber in Zukunft werde alles davon abhängen, intelligent im Netz präsent zu sein. Viele amerikanische Publikationen sind im Internet nach wie vor gratis, darunter Blätter wie die «New York Times» und die «New York Review of Books». «Wenn europäische Zeitschriften den Zugang einschränken, verschiebt sich das Schwergewicht noch mehr zur englischen Sprache», sagt Chervel, dem es wichtig war, dass der Perlentaucher einen deutschen Namen trägt.
Eine Goldgrube ist der Perlentaucher bisher nicht geworden. «Wir sind froh und stolz darauf, dass wir existieren», meint Chervel, der als Kleinunternehmer weniger verdient als seinerzeit bei der «Süddeutschen Zeitung», aber doch mehr als ein Einheitsgehalt bei der «taz». Als er bei der «Süddeutschen» gekündigt habe, hätten viele ungläubig gestaunt – denn auch die grösste Pressekrise der Nachkriegszeit war damals nicht vorauszusehen. «Angesichts der Heerscharen arbeitsloser Journalisten muss ich sagen, dass ich grosses Glück gehabt habe.»
Sieglinde Geisel ist freie Journalistin in Berlin.