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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Romantische Seelen

© Heinz Unger
Im Wohnzimmer wird Altes mit Profanem gemischt und auf Computer- und Klaviertasten gespielt.
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Ein viel reisendes Pärchen, eine unangestrengte Patchworkfrau? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Hier wohnt mindestens eine Frau, nicht nur der edlen Parfumflacons wegen. Und jemand gehört zu ihr, das will sie uns unzweideutig mit zwei Gläsern und zwei Tassen auf den Tischen zeigen.

Die frauliche Hand zieht sich von den drapierten Vorhängen über den dekorativen Eierkorb bis zum weissen Klavier mit rotem Rosenstrauss. Trotz gewolltem Arrangement macht die Wohnung nicht den Eindruck von geschmäcklerischem Firlefanz. Sorgfältig wird Altes und Edles mit Profanem gemischt: Château-xy-Wein mit Tim-Tam-Schokokeksen, gesunde Pülverchen und Hochprozentiges sind in der Küche griffbereit, Biomilch und Alessi-Kännchen werden aufgetischt. Die Flairs von Beletage und 08/15-Küche vertragen sich bestens, die Bewohnerin versteht sich geschickt auf ein ­unangestrengtes Patchwork, gestaltet Eigenes aus dem bereits Vorhandenen. Eine Persönlichkeit mit vielen Facetten, ein Paar wie auf dem Flyer, eng verbunden mit je eigener Blickrichtung?

Stilvoll und in sich ruhend präsentiert sich die Wohnung, sogar der wuchtige Kachelofen und das nicht eben kleinformatige Bild wirken nicht überschwenglich. Hier leben Menschen, die nicht nur Noten auf der musikalischen Klaviatur zu spielen wissen, sondern auch zeitgemäss in die Computertastatur greifen. Ob und was damit gearbeitet wird, bleibt im Dunklen – wie der Bildschirm.

Vielleicht sind unsere Bewohner in ihrer Wesensart ebenso mannigfaltig und locker wie die Einrichtung mit behäbiger Ofenecke und einem négligéhaft verhüllten Blumentischchen? In solch einer sympathischen, soliden Behaglichkeit mit verspieltem Dekogehänge von kitschigen Plasticfrüchten bis zum Glasperlenleuchter wohnen wahrscheinlich zwei glückliche, romantische Seelen, die im üppigen Waldbild ebenso wegschweifen wie beim Tim Tam zugreifen.

Ingrid Feigl

Der Innenarchitekt

Ein stattliches Haus; ob es auf dem Land oder in Stadtnähe steht, ist nicht auszumachen, aber gut 200 Jahre alt wird es sein. Das ­gemütliche Heim wurde gründlich renoviert: Der rötlich wirkende Riemenparkettboden will nicht so recht zu der ockerfarbenen Kassettendecke und der Wandvertäfelung passen. Das Neue ist zu perfekt, verglichen mit den noch erhaltenen, von der Zeit gezeichneten Bauteilen. In der Küche erinnert nur noch der schwarze Eisenherd mit den Pfanneneinsatzringen an vergangene Zeiten. Um ihn herum ist alles klinisch weiss.

Das romantische Paar liebt den Kontrast zwischen Alt und Neu: Während die Parfumflacon- und die Muschelsammlung auf einer Glaskonsole eine städtische Stimmung ausstrahlen, nimmt in der ­guten Stube die Musikanlage auf einem Obstharass Platz. Auch der aus beigen Keramikplättli geklebte Tisch will nicht so recht mit dem Kachelofen aus glasierten grünen Platten harmonieren. Der Tisch gehörte eher ins Freie oder in einen Wintergarten als in die währschafte Bauernstube.

Das Didgeridoo neben dem Klavier, in der Stube, das asiatische Gemälde im Gang und die Strausseneier in der Küche deuten auf eine rege Reisetätigkeit des vermutlich jungen Paares hin. Vielleicht haben die Bewohner beruflich mit Reisen zu tun, sind oft unterwegs – denn von einer sogenannten Einrichtung, wo man sich gemütlich hinsetzt, ist nichts zu ­sehen. Eine sichere Hand haben die ­Bewohner bei der Wahl des Weins. Ein Bricco dellUccellone von Giacomo Bologna am helllichten Nachmittag! Das zeugt von Geschmack.

Stefan Zwicky


Andrea Wilhelm, Masseurin

«Mein Fernweh führte mich mit 16 Jahren von Allschwil nach Montreux, wenn auch nicht ganz freiwillig. Meine Eltern schickten mich in ein Hotel, damit ich Französisch lernte. Später machte ich eine Lehre in der Gastronomie. In Montreux erzählte mir eine Freundin, wie schön Australien sei. Ich hatte keine Ahnung, wo das überhaupt liegt. Mit 20 flog ich dann zum ersten Mal hin. Beinahe wäre ich für immer dortgeblieben.

Mit 30 wechselte ich meinen Beruf, ging weg aus dem Service, Richtung Körperbehandlungen, Massagen, Alternativmedizin – all das, was mich immer interessierte. Ich bin ein Gschpüri-Mensch.

In dieser Wohnung in Küsnacht lebe ich seit zehn Jahren. Energetisch stimmt sie. Ich denke, dass auch die Leute, die vor mir hier wohnten, ein gutes Leben führten. Das Haus ist etwas älter als 200 Jahre. Unter den Balken leben Viecher: Spinnen, Zimmermänner – ein gutes Zeichen. Während der Wochen, Monate, Jahre, die ich in Australien verlebte, habe ich die Wohnung untervermietet. Zuletzt war ich fast drei Jahre weg. Mit 32 lernte ich in Australien einen Mann kennen. Das Hochzeitsdatum stand schon. Wir wohnten in Perth in einem Haus nur wenige Schritte vom Meer entfernt.

An der Westküste gibt es die schönsten Strände der Welt und im Wasser, anders als an der Ostküste, keine giftigen Tiere. Ich ging jeden Morgen ins Meer. Damals ernährte ich mich fast ausschliesslich von Tim-Tam-Schokokeksen. Es gibt sie in allen Varianten: mit schwarzer Schokolade, mit Caramelfüllung, mit Pfefferminze. Wenn man da hineinbeisst, glaubt man, auf einem anderen Planeten zu landen. Noch heute kämpfe ich gegen die Pfunde, die sie mir hinterliessen.

Australien ist ein wunderschönes Reiseland. Aber immer dort leben? Da muss man schon sehr naturverbunden sein. In Australien gibt man sich mit wenig zufrieden. Mit Küsnacht ist das kaum zu vergleichen. Ich lebe gern hier.

Die Parfumflacons auf der Glaskon­sole im Eingang stehen für Westen und ­Osten. Für den Westen stehen Klassiker wie Burberry, Givenchy und Hermès. Für den Osten die goldenen Flacons mit den sinnlichen, schweren und öligen Düften. Auf den Australienflügen habe ich mir jeweils bei den Zwischenlandungen in Dubai ein Parfum gekauft. Dubai kenne ich nicht, aber über den Flughafen könnte ich viel erzählen.

Das Bild über den Flacons habe ich aus Bali mitgebracht. Meistens reise ich allein. Die indonesische Massagetechnik kenne ich nicht, aber vor zwei Jahren habe ich in Thailand die traditionelle Thaimassage näher kennengelernt, sie ist ungeheuer anstrengend. Ich mache klassische medizinische Sportmassage. Ich habe phantastische Kunden – wir sind so etwas wie eine erweiterte Familie. Schon bei der ersten Berührung merke ich, wie es dem Menschen geht, der da auf dem Schragen liegt. Ich massiere sehr gern. In den Ferien kann es passieren, dass ich Freunde frage, ob ich ihnen mit Sonnencrème den Rücken einmassieren dürfe. Mein Freund ist leider etwas kitzelig, aber wir arbeiten daran.

Den Bricco dellUccellone habe ich mit ihm, dem tollsten Mann der Welt, ausgetrunken. Wir haben uns vor einem Jahr kennengelernt. Gute Dinge teile ich gerne mit den liebsten Menschen. Mein Freund ist sehr oft bei mir. Wir spielen beide Klavier. Es ist weiss, weil ich helle Farben mag. Die roten Rosen habe ich speziell fürs Foto gekauft. Mag sein, dass das Arrangement an Udo Jürgens erinnert. Aber ich bin auch ein grosser Fan von ihm. Ungelogen. Als ich früher im Service arbeitete, durfte ich ihm einen sehr guten Wein einschenken. Im Hallenstadion habe ich ihn auch gesehen. Da stand er auf der Bühne mit dem weissen Handtuch über den Schultern, von seinem Schweiss habe ich allerdings nichts abbekommen.

Udo Jürgens ältere Lieder haben mir in schlechten Zeiten immer geholfen. Diese Zeiten sind aber definitiv vorbei, seit ich den kleinen Buddha in der Küche aufgehängt habe. Buddha trägt zwei mit Gold gefüllte Kessel: Einer steht für Glück im Job, der andere für Glück in der Liebe.

Wenn ich nicht auf Reisen bin, reise ich im Internet. Abends schlafe ich mit dem Laptop fast ein. Ich telefoniere leidenschaftlich mit meinen Freunden in Australien via Skype. Natürlich nur mit Mikrophon, ohne Videokamera, weil ich meistens ganz schlimm vor dem Bildschirm sitze, im ­Pyjama und ohne Frisur – wie man zu Hause eben so sitzt.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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