NZZ Folio 02/94 - Thema: Städte   Inhaltsverzeichnis

Vom polygamen Umgang mit Städten

Die Faszination der Gleichzeitigkeit menschlicher Möglichkeiten.

Von Hugo Loetscher

Unvorstellbar von Städten zu reden, ohne dass mir gleich das Wort «urban» einfällt. Allerdings in einer Bedeutung, die es immer mehr verliert, wenn überhaupt noch besitzt.

«Urban» hiess einmal «kultiviert», «verfeinert» oder «weltmännisch». Heute jedoch bezeichnet das Wort alles, was generell die Verhältnisse der Stadt und ihren Problembereich ausmacht.

Wenn Christo «urbane Projekte» plant, hat dies nichts mit «Kultiviertheit» zu tun, sondern damit, dass er nicht Landschaftliches, sondern Bauobjekte verpacken will, die sich in einer Stadt befinden - ob den Pont Neuf in Paris oder das Reichstagsgebäude in Berlin.

In Wörterbüchern lässt sich der Bedeutungswandel nachschlagen. Heinsius, der für die Geschäfts- und Lesewelt im letzten Jahrhundert Konversationswörter auflistete, verstand unter urbanisieren «feinsittig machen». Man würde auf unseren Bauämtern Verlegenheit hervorrufen, fragte man die Beamten, wie sie es bei ihrer Arbeit mit der Feinsittigkeit hielten. Sie könnten ihrerseits Wörterbücher konsultieren; noch immer fänden sie für urban «kultiviert» und als zweite Bedeutung «städtisch»; urbanisieren hiesse ganz in ihrem Sinn «einen Ort oder eine Ansiedlung städtisch machen». Damit dürfte klar sein, dass man Baurechte vergeben und Zonen festlegen kann, ohne feinsittig sein zu müssen.

Dass das Wort urban schlechthin für «kultiviert» steht, mag einen merkwürdig berühren, wenn man an ein heutiges Schlagwort denkt wie die «Unwirtlichkeit der Städte», konfrontiert mit der alarmierenden Frage: ob Städte überhaupt noch bewohnbar sind.

Der Satirejournalist Juvenal hat als einer der ersten den Unerträglichkeitskatalog einer multikulturellen Metropole in Verse gebracht. Das Verkehrschaos («Wagen biegen in scharfer Wendung um die Strassenecken, und die Treiber schimpfen laut, wenn ihre Herde nicht weiter kann») und die Kriminalität («kein Verbrechen und keine Untat der Willkür fehlt»); schuld daran sind die Zuwanderer aus dem Orient («Zu unseren Hügeln strömte Sybaris, Rhodos, Milet und in frecher Trunkenheit Tarent»), und in dieser «vergriechten Stadt», im Rom des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, sind selbst die Prostituierten nicht mehr einheimisch-bodenständig: es ist am besten, man flieht aufs Land, denn dort «kann man ein ganzes Haus kaufen für das, was man in Rom als Miete für eine Wohnung bezahlt», demnach empfiehlt Juvenal: «Verliebe dich in deine Hacke . . . und lebe als Hüter eines gepflegten Gemüsegartens.»

Nicht dass einem die Klagen von einst über die eigenen Leiden hinweghelfen, aber sie zeigen, dass man mit ihnen nicht allein dasteht und nicht einmal so originell ist. Um sich ein komplexeres Bild von der guten alten Zeit zu erwerben, lohnt es sich, in einem Verbrecherlexikon nachzulesen. Die europäischen Grossstädte sind erst Anfang letzten Jahrhunderts zu der Einrichtung gekommen, die wir Kriminalpolizei heissen. Um London als Beispiel zu nehmen: die Stadtbürger hatten vorher selber für Sicherheit und Habe zu sorgen; sie engagierten zu ihrem Schutz «Thief-Takers»; diese «Dieb-Schnapper» verstrickten sich ihrerseits in Korruption wie die später halbamtlichen «Runner», welche Bürger als eine Art Privatdetektive mieteten. Als Scotland Yard 1829 geschaffen wurde, schätzte man in London die Zahl derer, welche ausschliesslich von Raub und Diebstahl lebten, auf 30 000. Mit den Bobbies kam London zu der Kriminalpolizei, wie sie Paris seit kurzem mit der «Sûreté» besass, einer eigenen Abteilung für Verbrechensbekämpfung innerhalb einer Polizeiorganisation, die bis anhin vorwiegend politisch für Ordnung gesorgt hatte. Der Mann, der die Sûreté organisierte, ein ehemaliger Straffälliger, engagierte Exkriminelle, überzeugt, dass man am wirkungsvollsten auf Verbrecher Verbrecher ansetzt - eine homöopathische Methode, die eine eigene Form der Resozialisierung darstellt.

Einem jüngerem Bericht der Schweizerischen Vereinigung städtischer Polizeichefs ist zu entnehmen, dass sich die Gewaltkriminalität auf städtische Gebiete konzentriert. Daraus kann nicht geschlossen werden: je weiter weg von der Stadt, um so grösser die Unschuld; mangelnde Gelegenheit war noch nie Ausweis von Tugend. Die Untersuchung bestätigt vielmehr, dass städtische Gebiete für Kriminalität und Dunkelagieren jeglicher Art günstigere Voraussetzungen schaffen.

In dem Masse, wie «städtisch» als «urban» für «kultiviert» stand, bezeichnete der Gegensatz «bäuerlich» oder «bäuerisch» das «Unkultivierte» - das Ungehobelte und Grobe, und dies in allen europäischen Sprachen. Der Norditaliener beschimpft nach wie vor den Südländer als Bauerntölpel, als «terrone». Der Bauer erlebte auf der Bühne und zwischen Buchdeckeln die unterschiedlichsten Travestien, stets eine komische Figur, ob als Millionär oder zuletzt als Astronaut. Er, der so leicht hereinzulegen ist, wie der Bauernfänger meint, auch wenn dieser mit Bauernschläue rechnen muss. Aber Bauernfussball spielt man stilistisch nun einmal nicht in der Liga A. Und der Bauer frisst nicht, was er nicht kennt, selbst wenn es Kartoffeln sind; aber hinterher hat der dümmste Bauer die grössten. Er mag sich darüber freuen und singen, aber wenn er singt, jauchzt er dazu.

Als Arroganz äussert sich hiermit ein Sprachgebrauch, der Verhältnisse überdauerte, aus denen er hervorgegangen ist. Die Redeweisen spiegeln eine historische Situation, in welcher eine ländliche und eine städtische Gesellschaft gesondert nebeneinander lebten. Die Stadtmauern markierten die Trennungslinie einer sozialen und kulturellen Dualität.

Die Entwicklung hob die Unterschiede auf. Einmal dadurch, dass als Folge der Aufklärung die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Zudem glichen sich Ausbildungs- und Arbeitsstil in dem Masse an, als die Landwirtschaft sich technisierte; der Konsum weckte und deckte Bedürfnisse, die sich kaum nach Stadt und Land unterschieden. Und die modernen Kommunikationsmittel bieten den gleichen Informationsstand.

Die Mauern selber fielen, als man die Befestigungsanlagen schleifte, als anstelle der Wehrgräben Ringstrassen angelegt wurden; der Brunnen stand nicht mehr vor dem Tore und das Tor selber in der Stadt. Es galt der Stadt Platz zu schaffen, und sie machte davon Gebrauch - planlos und spekulierend, weitete sich aus und wucherte in die Region hinein, mit Wohnvierteln, Industriezonen und Niemandsland. Es entstand etwas Neues, das weder Stadt noch Land ist, nicht mehr Stadt, aber städtisches Gebiet, die Agglomeration. Bei diesem Agglomerationsprozess verlor das Zentrum seine Bedeutung. Nicht nur wegen des Wegzugs in die Vororte, was im Falle amerikanischer Städte zur Verslumung der City führte. Das Zentrum wurde relativiert durch das, was sich an neuen Zentren in den städtischen Gebieten heranbildete, sofern die Agglomeration nicht gewillt war, sich als reine Schlafstadt zu verstehen oder sich einer Hierarchie von Mutterstadt und Satellitenstadt zu fügen.

Die Städte machten eine Entwicklung mit, welche darüber hinaus auch die Geographie der politischen Machtzentren veränderte, die ihre Absolutheit verloren. «Verlust der Mitte», geht die konservative Klage; aber es ist ein demokratisierender Prozess.

Soll dies heissen, dass eine Agglomerationskultur im Entstehen ist, so dass neben die Urbanität von einst eine Suburbanität von heute (oder morgen) treten wird - als Ergänzung und Ausweitung oder gar als Ablösung? So sehr die Stadt die Nicht-Stadt verachtete, sie wertete die Unkultur des Bauern zugleich als Unverdorbenheit und Ursprünglichkeit. Bevor Europa in Amerika den «edlen Wilden» entdeckte, feierte es auf dem eignen Kontinent die edle Unschuld des Landmannes.

Ein Vergil bekundete mit seinem Lehrgedicht «Landbau» viel praktische Kenntnis. Aber der Grossstädter lieferte dem Grossstadtmüden das schicke Credo: et ego in Arcadia - das Simple als letztes Raffinement, was immer die Boutique dafür verlangt. Auch die, welche nach Vergil behaupteten, sie seien in Arkadien gewesen, waren so wenig wie er in dieser rückständigen Gegend Griechenlands, von wo die Bewohner wegen der misslichen Lebensverhältnisse schon in der Antike in die Städte auswanderten.

Das ländliche Idyll ist eine Erfindung der Städter; dafür liefert die Schweiz europäische Beispiele. Nicht Bergler begannen die «Alpen» zu besingen. Es war ein Städter wie Albrecht von Haller; er staffierte die Sennen mit Unschuld aus; erst in der zweiten Fassung seiner Gedichte konzedierte er ihnen Sündhaftigkeit. Und ein Städter wie Salomon Gessner machte keinen Hehl daraus, dass Misere und Plumpheit der damaligen Bauern keine Vorlage abgaben für die schöne Dichtung seiner Bestselleridyllen.

Anderseits hat die Stadt stets vom Land geträumt, als sei dies der Garten Eden, aus dem die Bewohner vertrieben wurden und denen nichts anderes übrig blieb, als sich im Schweiss des Angesichtes in Städten einzurichten. Das Land bot als Ad-interim-Paradies eine Erholungspause. Der grüne Traum kann sich zur voreiligen Erlösung verführen lassen, zu Idyllen, die nicht ausserhalb gesucht werden, sondern im eigenen Innenleben. Dann wird der Hausfrauenurbanismus mobilisiert, der einen Blumentopf hier aufstellt und dort eine Reihe von Pflanzenkübeln. Mit dem, was als Verschönerung ausgegeben wird, können Städte um ihr Schönstes gebracht werden, um Plätze. Kaum eine Stadt, zu der einem nicht gleich ein Platz einfällt: die Praca do Commercio in Lissabon oder die Place Stanislas in Nancy oder . . . Plätze, die als städtebauliches Ensemble konzipiert, auch als solches wirken und die nicht auf Begrünung angewiesen sind. Der Platz vor dem Petersdom gewinnt weder an Schönheit noch an Wärme, wenn man vor jede Säule ein Geranium aufstellt.

Es ist etwas anderes, Terrain für Schrebergärten zur Verfügung zu stellen, als aus der Stadt selber einen Schrebergarten zu machen. Natürlich lockte die Vorstellung einer Gartenstadt, aber sie entsprach eher einer Wohnstadt als einer Metropole. Natürlich kennt auch diese ihre Gartenträume - von Vorgärten oder Botanischen Gärten, vom Belvedere und von Rabatten und Grünanlagen. Und sie wird nicht auf die Bäume verzichten, die ihre Strassen und Uferwege säumen, und wird Parks anlegen, ob streng geometrisch oder in englischer Manier. Die Stadt hatte ihre eigene Natur zum Schaffen, eine kreierte Natur; ihre Landschaft ist Landschaftsarchitektur. Aber die Stadt hat schon vom Sprachlichen her Probleme. Wir reden von «Stadtlandschaften». Wir verdanken einem fiktiven Lexikon von Kurt Marti den Ausdruck «Stadtschaften». Hätte ich ein spezifisches Wörterbuch des Urbanen zusammenzustellen, nähme ich diesen Ausdruck vorbehaltlos auf. In dem Vokabular fände man unter «s» auch «smog» und sicher «skyline». Die Silhouette als Visitenkarte; die Skyline als Versprechen, auch wenn die Stadt mit der Horizontallinie nie verrät, woran sie hinterm Horizont leidet.

Zu meiner frühesten Stadtschaft gehören Hinterhöfe und Mietskasernen mit ihren Balkonen - Bilder präzis wie Kindheitserinnerungen. Und die aus einem Viertel, das man kaum zitiert, ginge es um Zürichs Urbanität. Aber ich habe in diesem Quartier der Arbeiter und Kleinbürger jene ersten Erfahrungen gemacht, die mich zum überzeugten Städter werden liessen und zu einem Städtesucher. Ist es nicht bezeichnend, dass dieser Städter zunächst nicht von einer Stadt spricht, sondern von einem Viertel? In seinem Falle lag es jenseits der Sihl, ein Ausserhalb, das in Stadtkreise aufgeteilt war. Die Stadt selber lag woanders, am anderen Ufer. Als er die Stadt kennenlernte, richtete er sich erneut in Vierteln ein und kennt andere Viertel höchstens vom Durchfahren oder punktuell.

Die gleichen Erfahrungen machte er als Städtesucher. Spricht er von Paris, der ersten Metropole, die er kennenlernte, wird er gleich auf das Quartier Latin zu sprechen kommen. Er wird später regelmässig in ein anderes Viertel zurückkehren, ins Marais. Und er wird eines Tages Belleville zu einem seiner Viertel machen, nicht nur wegen einer Bekanntschaft, sondern weil er hier das multikulturelle Paris in seiner ganzen vitalen Spannung antrifft.

Aber Paris bleibt so wenig wie andere Städte eine Stadt der Viertel. Schon wegen der Veranstaltungskalender und Arbeitsprogramme nicht. Es lockte eine quartierüberschreitende Methode, die nicht mit Absichten zu tun hatte: das Flanieren. Eine städtische Gangart, wie sie die Grossstadt erfand, im Treiben sich treiben lassen, teilnehmend und für sich, auf nichts Besonderes aus und doch mitten drin. Und er, den man auf keinen Vita-Parcours brächte und der vor jedem Wanderweg scheut, legt Kilometer zurück, eine Kommunikation, bei der die Füsse den Augen sehen helfen. Dieses Flanieren liess sich in Paris vorzüglich üben und später auf andere Städte übertragen. Es gibt Städte, denen unser Städtebesucher nur viertelweise beikam. Aber wiederum bezeichnend, dass er New York sagt und Manhattan meint. Banal festzuhalten, dass das Village ein anderes New York ist als das an der zweiundsiebzigsten Strasse und dieses nochmals anders als Midtown.

Richtiger wäre es, im Falle von Manhattan nicht von Vierteln zu reden, sondern von Nachbarschaft. Von einer «neighbourhood», die vielleicht nur ein paar Strassenzüge umfasst und die sich verantwortlich fühlt für den überblickbaren Umkreis.

Was sich hier und auch anderswo als Quartiergeist manifestiert, mag man als Pendant zur Agglomeration verstehen, Gegengewicht zu einem Zentrum, das nicht mehr alles im Griff hat. Und in der Tat lassen sich eine Reihe von Problemen in Quartierregie lösen. Fragwürdig wird es, wenn der Quartiergeist Autonomes anstrebt und sich nicht länger als Teil eines Ganzen versteht, eine Quartieroper funktioniert so wenig wie eine Quartieruniversität. Und fatal wird es, wenn Quartiermentalität international verbindlich mitreden möchte, auf Überblickbares pocht und limitierte Verantwortung predigt und damit Abschottung legitimiert. Das ändert nichts daran, dass wir als Bürger einer Stadt immer zugleich Provinzler eines Viertels sind; daraus resultiert nicht notwendigerweise ein Chauvinismus des Lokalen.

Und unser Städtebesucher würde seiner eigenen Stadt zugute halten, dass sie klein genug ist, dass man, wenn's darauf ankommt, jedermann kennt, aber auch gross genug, damit man anonym bleiben kann - eine Stadt kennt Anonymität nicht nur als Einsamkeit, sondern auch als unbehelligtes Fürsichsein.

Er, der die eigne Stadt von einem Viertel aus entdeckt, wird als Städtesucher zu einem Entdecker von Vierteln. Auch von einem, das er flieht. Dann, wenn sich Hotel an Hotel reiht, durch tropisch ausstaffierte Rasenflächen getrennt, ein abgesteckter Bezirk, auf den Kuala Lumpur stolz ist. Aus solcher Abgeschirmtheit muss man ausbrechen und eine Unterkunft suchen, von wo man in den Betrieb des Lebens stösst, tut man einen Schritt aus der Hotelhalle. Dafür bietet sich nur «downtown» an. Und nicht nur in dieser Stadt. Ein Downtown, dessen Geschäftigkeit nicht auf die Fremden angewiesen ist.

Bei diesem Umgang mit Städten fällt auf, wie wichtig die Ankunft wird. Zwar mag die Frage, ob Luft-, Wasser- oder Landweg, theoretisch erscheinen; bei grossen Distanzen bleibt nur das Flugzeug. Mit ihm kommt man im Hinterhof an, bis auf die wenigen Städte, deren Flugplätze sich in der Stadt befinden wie im einstigen Westberlin oder noch in Hongkong. Vororte und Industriezonen vermitteln den ersten Eindruck, und da sich diese weltweit angleichen, kann der erste Eindruck charakterlos ausfallen. Daran ändert nichts, dass der Flughafen auf Repräsentanz bedacht ist, wie dies einst der Bahnhof war, der mit der Oper ein städtisches Symbol der Bourgeoisie abgab.

Aber dann ist es eben doch ein Flugzeug, dem man eine grossartige Ankunft verdankt: wenn in der Abendsonne beim Anflug Rangoon unter einem erglänzt. Und man staunt ein zweites Mal, wie die leuchtenden Bedachungen von Tempeln und Klosteranlagen am Horizont eine goldene Stadt verheissen. Eine goldene Stadt, wie dies einmal auch Bangkok war. Dort aber werden die Tempel und Chedis von Hochhäusern erdrückt, sie behaupten sich hinter ummauerten Bezirken und sind zu einem insularen Dasein verurteilt.

Aber müsste man sich Bangkok nicht vom Wasser her nähern, von einem Fluss, den man sich nicht nur für diese Zeremonie weniger verdreckt und malträtiert wünscht. Die «Mutter aller Wasser» war auch die «Mutter aller Wasserwege». Nicht jede Stadt, die ans Wasser gebaut wurde, richtet sich darauf aus. Lissabon und seine Konkurrentin Bordeaux zählen zu denen, die ihre Existenz dem Wasser verdanken. Da ihre Häfen nur an einem Flussufer gebaut wurden, muss man ans andere Ufer gehen, um der Stadt voll ins Gesicht zu schauen.

Die Ankunft lässt sich inszenieren. Im Falle von Rio de Janeiro sieht das Script vor, dass man mit einem Boot aufs Meer hinausfährt, gleich umkehrt, am Zuckerhut vorbei in der Bucht ankommt, an welcher die Stadt gegründet wurde und an der sie Geschichte machte, bevor Copacabana ihr den Prospekt stahl. Doch die Topographie mit Hügelketten, Berggipfeln, Buchten und Lagunen, die Stadt, wie sie sich den Anhöhen entlang hinaufwindet, das wird erst vom Flugzeug aus erschaubar, und anderseits macht einem erst der Landweg klar, wie rasch hinter dem bebauten Terrain der dampfende Urwald beginnt. Das mehrfache und unterschiedliche Ankommen erlaubt Städtekomparatistik. Unterwegs nach Los Angeles auf einem Highway und nie wissend, ob man schon angekommen ist oder etwa schon gar durch. Und dann vom Flugzeug aus der Blick in eine horizontlose Ferne, ein Lichtermeer, das nirgendwo aufhört und nirgendwo anfängt. Im Vergleich dazu Manhattan, eine festumrissene Insel, der Blick in Schluchten und Täler, welche die Wolkenkratzer mit Beton, Stahl und Glas formieren. Eine Stadt der Vertikalen am Atlantik, und am Pazifik eine der Horizontalen; dort unentwegt im Auto, und hier viel Zeit im Lift verbringend. Auch zwei verschiedene Möglichkeiten zu spinnen: einmal Platz genug auch für extravagante Neurosen, und einmal ein aggressives Verhalten, da sich auf knappem Raum der eine Komplex stets an dem der andern reibt.

Mag sein, dass mehrfach Ankommenwollen ein Eingeständnis dafür ist, dass wir nirgendwo endgültig ankommen, so dass jede Rückkehr in eine Stadt stets eine neue Art des Ankommens ist, was auch für die Heimkehr in die eigne gilt.

Nun macht man sich Gedanken übers Ankommen, wenn man dem Charakter einer Stadt gerecht werden möchte. Aber woher soll man wissen, was für einen Charakter sie hat und ob sie nicht mehr als nur einen besitzt? Wäre da nicht ein Knigge dienlich? Einer, der sich für den Umgang mit Städten der Umgangsformen annimmt. Bei einem solchen Städtesuchen muss man mit skeptischen Fragen rechnen. Wäre der Städtesucher aus geschäftlichen Gründen unterwegs, leuchtete das ein. Oder auch wegen dieses oder jenes vielleicht sogar kulturellen Anlasses. Und auch Ferien sind ein legitimer Anlass, und sei es nur ein Städteflug nach Rom: vier Tage, drei Übernachtungen, Halbpension, und für den Besuch des Vatikans eine Zusatznacht. Aber wozu Städte sonst?

Bei dieser Frage könnte ein schweizerischer Unterton mitschwingen, eine Skepsis gegenüber der Stadt und gar gegenüber einer grösseren, und erst recht, wenn dies Zürich ist, das mit seiner Agglomeration von einer Million ein Verhältnis zur Deutschschweiz hat wie Paris zu Frankreich oder London zu England. Nein - es gilt kleiner zu sein, als man ist, und wenn's nur darum geht, den Schein zu wahren. Es ist kein Zufall, dass Gottfried Keller Seldwyla bewusst «eine gute halbe Stunde von einem schiffbaren Fluss angepflanzt» hat, «zum deutlichen Zeichen, dass nichts daraus werden solle».

Ist es nicht bezeichnend, dass Schriftsteller, die aus dem ausbrechen, was sie als Enge empfanden, zu Autoren von Städten wurden: Paul Nizon mit Barcelona und Paris und Jürg Federspiel mit New York? Und sollte es nicht minder aufschlussreich sein für die momentane Situation, dass mit der jüngsten Schriftstellergeneration die Landschaft erneut Einzug hält in der Literatur? Landschaftliches war immer literaturwürdiger als Städtisches. Wo der Asphalt anfängt, hört die Heimat auf. Ein Schriftsteller, der sich als kritischer Geist versteht, propagierte während der Europa-EG-Debatte das «weltoffene Dorf mit Flugplatz» als schweizerische Zukunft.

Neben diesem Ideologiekitsch nimmt sich die Broschüre «Achtung: die Schweiz» aus den frühen sechziger Jahren revolutionär aus. Max Frisch gehörte zu denen, die als Pilotprojekt die Gründung einer Stadt vorschlugen. Im Rückblick überrascht es, wie stark das helvetische Credo dieses Unternehmens war: «Wir müssen etwas Eigenes, etwas Schweizerisches tun», es sollte eine «heutige Manifestation schweizerischer Lebensform» werden, und «was wir wollen: die Schweizerstadt und das Schweizerland». In dieser schweizerischen Musterstadt unseres Jahrhunderts hätte das Wort «urban» nicht viel zu suchen gehabt. Da war keine Zeile zu finden von kultureller Potenz, und auch kein Hinweis auf die städtischen Einrichtungen, deren die Kultur bedarf. Geplant war eine Stadt für fünfzehntausend Bewohner. Da hatte ein Le Corbusier noch anders ausgeholt. Die Stadt, die er Anfang der zwanziger Jahre als Projekt in Paris vorstellte, war für drei Millionen gedacht. Und er war auch bereit, sie mit der Radikalität des Idealisten zu verwirklichen: er hätte für die Realisierung halb Paris abgerissen und halb Moskau.

Mag sein, dass beim Städtesuchen die Vorstellung einer idealen Stadt mit lockt. Was für Triumphe an Phantasie sind mitzuerleben, wenn Architekten, Philosophen und Theologen sich vorbildliche Gemeinschaften ausdachten. So sehr die Stadt als Kunstwerk das ästhetische Empfinden beglücken mag, der lebendige Mensch in ihr stört. Und kein kreativer Mensch wird sich je mit dem zufriedengeben, was ein für allemal als perfekt gilt und somit unabänderlich ist. Das Zeitlos-Utopische bringt sich selber um die Zukunft.

Mag sein, dass wir im geheimen auf der Suche nach einem «himmlischen Jerusalem» sind. Und wir können es dort finden, wo wir selber es nicht erwarten und wo andere es nicht vermuten. «Die grosse weisse Stadt auf der grünen Ebene, mit den zwei hohen, roten Kirchtürmen und den vielen schönen Landhäusern weit umher. Mein Gott, wie erschien mir alles so schön - eben wie Mailand, oder viel mehr noch wie ich mir die Stadt Gottes, das himmlische Jerusalem dachte.» Für Jakob Stutz, den Schriftsteller aus dem Zürcher Oberland, hiess das «himmlische Jerusalem» Winterthur, über das er 1853 schrieb: «Ja, was uns doch mit der Kindheit verloren geht. Jetzt würde mir die grösste und schönste Weltstadt nicht so herrlich erscheinen. Nein, jenes Winterthur sehe ich in der Welt nicht mehr.» Aber auch wenn man sich nicht auf die Suche nach einem «himmlischen Jerusalem» macht, bewahrt man sich die Neugierde für alle nichtgebauten und nur erträumten Städte. Und nichts hindert einen daran, Italo Calvino zuzuhören, wenn er dem chinesischen Kaiser von «unsichtbaren Städten» erzählt.

Eine einzige Modellstadt habe ich kennengelernt, Brasilia. An ihrem zehnten Geburtstag. Voll Bewunderung für die Architektur. Nicht völlig überzeugt von dem stringenten Funktionalismus. Erregend waren die Barackenstädte, die wild und ungeplant um die Stadt entstanden. Hier meldeten sich Erwartungen und Leiden, die grösser waren, als das Reissbrett ahnte.

Aber die Frage bleibt im Ohr: Wozu die Suche nach all den Städten? Die Frage klingt um so ungeduldiger, als sie sich an jemanden richtet, der einst ein «Hohelied der Städte» anstimmte. Als ich das tat, wusste ich nicht, dass es dafür einmal eine Gattung gab, in der Antike wie im lateinischen Mittelalter, das «Städtelob», die «laudes urbium».

Und die Frage «Wozu auf Städtesuche gehen» kann inquisitorischer lauten: «Genügt Ihnen die eigene nicht?»

Wenn ich nun sage, dass dies zutrifft, heisst das nicht, dass man eine Stadt als Kompensation oder als Ersatz sucht, als würde das wahre Leben woanders stattfinden. Die Suche gilt nicht dieser oder jener Stadt, sondern der Stadt selber, von der die eigene eine Variante ist.

Was sich als Untreue gegenüber der einen oder der andern ausnimmt, ist die Treue zu all dem, was einst und heute sich als Stadt realisierte, was unterging und was sich behauptete, was denkbar ist und was wir zu unserem Lebensraum machen müssten.

Unvermeidlich, dass ein Suchen und Zurkenntnisnehmen Ausdruck einer polygamen Leidenschaft ist, die will, dass es die Stadt gibt, und die weiss, dass es nie nur die eine und einzige geben wird. Die Liebe gilt der Stadt als der grösstmöglichen Gleichzeitigkeit menschlicher Möglichkeiten. Eine Gleichzeitigkeit, die herausgefordert wird, da anstelle der homogenen Stadt, die nie so homogen war, wie sie behauptete, eine Stadt tritt, in der unterschiedlichste Rassen und verschiedene Kulturen Lebensraum beanspruchen. Gleichzeitigkeit aber ergibt sich nur, wenn erkannt wird, dass die Möglichkeit des einen die des andern ermöglicht und dass die einen Möglichkeiten sich in dem Masse entfalten, wie sich andere verwirklichen können. Darin beruht die Kulturträchtigkeit der Stadt und die Chance einer Neubestimmung von Urbanität.

Hugo Loetscher ist Schriftsteller und lebt in Zürich.


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