Der Markt von Malari, weiträumig, offen, luftig und mit baufälligen Buden besetzt, ist typisch für viele Märkte in ländlichen Gebieten Nordnigerias. Die Buden mögen aussehen wie Provisorien, sind aber Dauereinrichtungen, denen grosse alte Bäume Schatten spenden. Der Markt von Malari, an einer Strasse knapp zehn Kilometer von Maiduguri (der Landeshauptstadt von Borno in Nordostnigeria) gelegen, hiess früher Kasugula. Vor siebzig Jahren, während der britischen Kolonialherrschaft, wurde er an die jetzige Stelle - einige Kilometer ins Landesinnere hinein - verlegt, und zwar von einem gewissen Mala. Nach dem Gründer des Marktes nannten sich das Dorf und der Markt dann Malari.
Markt wird auf dem Land immer einmal in der Woche abgehalten, in jedem Dorf an einem bestimmten Tag. So weiss die Bevölkerung aus der Umgegend immer schon im voraus, dass in Malari am Donnerstag Markttag ist, und kann sich entsprechend einrichten. Die Märkte auf dem Lande sind von jeher nicht nur Handelsplätze, sondern haben vielfältige gesellschaftliche Funktionen. In ihnen spiegelt sich die Wirtschaftskraft der Bevölkerung, sie festigen soziale Bindungen und sind eine einzigartige Stätte der Begegnung und Zerstreuung. Für die Menschen auf dem Lande ist der Markttag immer ein besonderer Anlass, dem man mit grosser Spannung entgegensieht. Der Mann als das Familienoberhaupt ordnet einige Tage vor dem Markttag seine Finanzen, um den Verpflichtungen der Familie gegenüber nachkommen zu können. Falls er gerade knapp bei Kasse ist, bringt er eine Kleinigkeit - ein Huhn etwa - zu seinem Nachbarn und lässt sich dafür Bargeld geben. Der Markttag bestimmt die Finanzkraft des Mannes, die gleichbedeutend mit seiner Manneskraft ist.
Auf dem Markt, mit Freunden im Schatten eines grossen Baumes auf einer Matte sitzend, findet das Familienoberhaupt Entspannung. Man bespricht typische Männerthemen - von den Tagesereignissen bis zu den Fragen der Verwaltung und Politik aus der Sicht der Landbevölkerung. Den Ton gibt dabei häufig einer aus der Runde an, der ein bisschen herumgekommen ist oder sich hin und wieder in der Stadt aufhält. Solche Leute locken oft ein grosses Publikum an und weiden sich am Anblick der hingerissen lauschenden Dörfler, von denen manche allenfalls in ihrer Phantasie jemals über die Grenzen des Dorfes hinausgekommen sind.
Essen und Trinken tragen viel zum Unterhaltungswert eines Markttages bei. Meist kauft man fura da nono, ein beliebtes Gericht aus frischem Joghurt, gemischt mit Hirsebrei, das Nomadenfrauen auf dem Markt anbieten. Für Männer, die lieber burukutu (das einheimische Bier) trinken, ist ein besonderer, etwas abgelegener Platz vorgesehen. Biertrinken auf dem Marktplatz oder auch sonst im Dorf ist eigentlich verpönt, wird aber unabhängig von der religiösen Einstellung der Bevölkerung - grossmütig geduldet. Am Ende des Tages geht - oder schwankt - der Haushaltungsvorstand heimwärts in dem befriedigenden Bewusstsein, einen erfolgreichen Tag hinter sich gebracht zu haben. Meist hat er höchstens eine Schnupftabakdose oder eine kleine Tüte mit Süssigkeiten für seine zahlreichen Kinder bei sich, denn die eigentlichen Einkäufe hat er seinen Frauen überlassen.
Für die Ehefrau beginnt der Tag mit dem spannenden Warten auf das Geld, das ihr vom Familienoberhaupt zugebilligt wird. Sie trägt ihre besten Sachen, denn am Markttag putzen sich alle Frauen möglichst schön heraus, um die Eifersucht der anderen Ehefrauen und den Neid ihrer Freundinnen zu erregen. Jede Frau - gleich welchen Alters - übt sich in der Kunst, gut auszusehen, und dabei denkt sie nicht nur an den eigenen Ehemann, sondern an die Hunderte fremder Männer, die einmal in der Woche die Ehefrauen der anderen ungeniert betrachten, bewundern und bereden dürfen.
Vor allem die jungen Mädchen bekommen leuchtende Augen, wenn sie an den kommenden Markttag denken. Die Vorfreude, mit der sie diesem Tag entgegensehen, ist vergleichbar mit der Vorfreude auf einen grossen Ball in der westlichen Welt. Zusammen mit anderen unverheirateten Frauen preist das junge Mädchen laut seine Waren an und schlendert aufs Geratewohl über den Marktplatz in der heimlichen Absicht, einen künftigen Bräutigam auf sich aufmerksam zu machen.
Vielleicht noch mehr als die Erwachsenen freuen sich die Kinder auf den Markttag mit seinen vielen Vergnügungen - den guten Sachen zum Essen, der Gelegenheit zum Stromern und zum Schuleschwänzen. Wenn der Vater entsprechend gelaunt ist, rückt er vielleicht ein paar Münzen heraus, ansonsten wird der Mutter ein bisschen Geld abgeschwatzt, oder man verdient sich durch Handlangerdienste etwas dazu. An diesem Tag wird Betteln toleriert, ja von manchen Eltern sogar gefördert, so dass die Kinder abends meist reicher nach Hause kommen, als sie aufgebrochen sind.
Lebhaft geht es zu auf dem Markt, farbenfroh und sehr lärmig. Menschenstimmen, Tierlaute und Blasmusik verschmelzen zu einem dumpfen Geräusch, das wie Bienengesumm über einer Honigwabe klingt. Am lautesten - und meilenweit zu vernehmen, so dass jeder hören kann, dass hier ein Markt abgehalten wird - sind die Kalangu-Trommler, traditionelle Lob- und Preissänger, die mit leidenschaftlicher Hingabe ihre Instrumente bearbeiten, um den Lärm ihrer Umgebung zu übertönen.
Immer wieder faszinierend sind auch die Gaukler. Periodisch erscheint ein Jäger auf dem Markt, der ein gefährliches Tier mitführt, eine Hyäne etwa, einen Pavian oder eine Giftschlange. Der Tierbändiger schlägt sein Publikum durch riskante Spiele in seinen Bann, bei denen er sich scheinbar in Lebensgefahr begibt; je gefährlicher das Tier und das Spiel ist, das er mit ihm treibt, desto reichlicher ist der Geldsegen, der auf ihn niedergeht. In seiner Erscheinung ähnelt der Tierbändiger dem Dan tauri, was wörtlich heisst: «Einer, der gefeit ist». Der «Gefeite» bringt zu seinen Vorführungen kein lebendes Tier mit, sondern ein grosses Jagdmesser; er lässt die scharfe Klinge vor der verängstigten Menge aufblitzen und fordert sie heraus, die Schneide zu prüfen. Natürlich geht es ihm mit der Zurschaustellung seiner Unverletzlichkeit darum, möglichst viel Geld einzunehmen. Wie der Tierbändiger trägt auch er zahlreiche Amulette. Sein Haar ist zu greulichen Rastalocken gezwirbelt, der Geruch, der von ihm ausgeht, ist unangenehm. Der Mann stinkt, um es ganz deutlich zu sagen, zum Himmel! Er fährt sich mit dem bedrohlich aussehenden Messer über den nackten Körper, über Bauch, Brust, Hals oder Gesicht, dabei glitzern seine Augen unnatürlich, und sein Gesicht verzerrt sich zu einer grotesken Maske. Die Zuschauer kreischen und schliessen die Augen, doch gleich darauf stellen sie fest, dass Dan tauri in der Tat unverletzlich ist. Häufig betätigt er sich zum Entsetzen seines Publikums auch noch als Feuerschlucker oder verschlingt Nadeln und andere Gegenstände.
Heftige Wortgefechte auf dem Marktplatz sind bei Alten und Jungen, bei Männern wie bei Frauen an der Tagesordnung. Tätlichkeiten zwischen Männern aber sind selten und bei den Zuschauern so beliebt wie Fussballspiele in der Stadt. Einer schönen, handfesten Prügelei auf dem Markt wird niemand Einhalt gebieten - es sei denn, die Kampfhähne bedrohten sich mit einer Waffe (meist mit dem Messer). Die Leute unterbrechen ihre Tätigkeit, sie lassen - auf die Gefahr hin, bestohlen zu werden - sogar ihre Waren im Stich, um eine richtige Schlägerei zu sehen. Der Dieb aber, der versucht, lange Finger zu machen, wenn die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine schöne Schlägerei abgelenkt ist, geht ein grosses Wagnis ein, und es ist gut möglich, dass der Marktplatz für ihn dann zur Endstation wird. Ertappt man ihn auf frischer Tag oder fällt auch nur ein Verdacht auf ihn, läuft er Gefahr, von der aufgebrachten Menge unverzüglich gelyncht zu werden. Denn an einem Dieb auf dem Marktplatz Lynchjustiz zu übern - das ist noch spannender als eine Prügelei.
Marktplätze umgibt - wie alle geweihten Plätze, Kirchen, Moscheen oder Friedhöfe - eine Atmosphäre des Geheimnisvollen. Sechs Tage in der Woche ist der Marktplatz ein seltsam gespenstischer Ort, an dem nur Verrückte und die Ärmsten der Armen hausen. Der Dörfler wendet rasch und ängstlich den Blick ab und beschleunigt den Schritt, wenn er dort vorbeigeht. Am Markttag aber erwacht der Platz rasch zum Leben wie eine Blume, die in der Wärme des Tages ihre Blütenblätter entfaltet, und am späten Nachmittag ist er voll rastloser Energie.
Mittlerweile sind die Geister und Dschinnen angekommen, gute und böse Wesen von der «anderen Seite» der Erde; sie spielen den Menschen übel mit oder betätigen sich als Glücksbringer. Sie sehen uns, wir aber - sofern wir nicht hellseherische Fähigkeiten besitzen oder aber kranken Gemüts sind - können sie nicht sehen. Deshalb sollten seelisch Kranke einen grossen Bogen um den Marktplatz machen, weil sie sonst womöglich Wesen von der «anderen Seite» sehen und ihre Krankheit in hellen Wahn umschlagen könnte.
Wie auf Kultstätten und Friedhöfen gibt es zahlreiche Rituale und okkulte Praktiken, die mit dem Marktplatz zu tun haben. Deshalb kommt er auch so oft in afrikanischen Märchen vor. Er ist zweifellos der symbolträchtigste Ort in ländlichen Gegenden. Ein Kind erkennt seine Bedeutung, sobald es seiner selbst als Individuum bewusst geworden ist. Für den Erwachsenen, der nicht in die Städte mit ihren Supermärkten zieht, wird der Marktplatz immer gleichsam die Lebensmitte, wird der Markttag der Höhepunkt der Woche bleiben.
Zaynab Alkali lebt als Schriftstellerin und Universitätsdozentin in Maiduguri (Nigeria). Auf deutsch liegt ihr Roman «Tot geträumt und still geboren» vor (Stechapfel-Verlag 1991).