NZZ Folio 09/05 - Thema: Krankenkassen   Inhaltsverzeichnis

Die Krankenkassenfrau

Im Walliser Dorf Gondo sind von 120 Einwohnern 112 bei der örtlichen Krankenkasse versichert – es ist die kleinste der Schweiz. Die Geschäftsführerin Elsi Jordan erledigt die Administration zu Hause am Stubentisch und bringt das Geld persönlich vorbei.

Von Andrea Strässle

Zügig geht Elsi Jordan voraus, den steilen Fussweg hinauf, leicht gebeugt, eine schwarze Mappe unter dem Arm. Auf der anderen Talseite stürzen graubraune Wassermassen in die Tiefe, das Tosen erfüllt ganz Gondo. «Sie spülen den Stausee», ruft die 62-Jährige, ohne sich umzudrehen. Es ist später Vormittag, eben hat sie auf der Kantonalbank im Dorf fast tausend Franken abgehoben, und sie will vor dem Mittagessen noch drei Versicherte besuchen, die Vergütungen erwarten.

Seit 14 Jahren führt Elsi Jordan die Geschäfte der Krankenkasse Gondo-Zwischbergen. Die mit 112 Versicherten kleinste Kasse der Schweiz steht ausschliesslich Einwohnern der Gemeinde Gondo-Zwischbergen offen und ist in der Grenzgemeinde äusserst beliebt: Ausser einer Handvoll Neuzuzügern und Grenzwächtern ist fast die gesamte 120-köpfige Bevölkerung bei der lokalen Kasse versichert.

Wenig später sitzt Elsi Jordan auf einer Eckbank, legt ein paar Papiere auf den Küchentisch und zeigt auf die Stellen, wo eine Unterschrift nötig ist. «Eine der beiden Rechnungen ging halt noch auf die Franchise», sagt sie wie um Entschuldigung bittend. Stefan Squaratti, seit über dreissig Jahren bei der Kasse versichert, nickt, unterschreibt. Gloria, seine Frau, schenkt dem Besuch Mineralwasser ein, und Elsi Jordan zählt aus einem schwarzen Herrenportemonnaie knapp fünfhundert Franken auf den Tisch.

Elsi Jordan weiss über den Gesundheitszustand fast sämtlicher Gemeindemitglieder Bescheid, über Arztbesuche und Medikamentenkonsum, über Therapien und Spitalaufenthalte. Manchmal macht sie sich Gedanken, ob diese oder jene Behandlung wirklich nötig gewesen sei. Doch das behält sie für sich. «Sache des Patienten», sagt sie. Sie kann sich kaum mehr erinnern, wann sie selbst das letzte Mal eine Leistung der Kasse beansprucht und sich Geld ausgezahlt hat.

Stefan Squaratti schiebt die Banknoten beiseite. Ihn stört die Vertraulichkeit der Krankenkassenfrau nicht. Wenn in der kleinen Gemeinde jemand etwas Ernsteres hat, weiss sowieso jeder Bescheid. Unten beim Burgerhaus, das nach dem Unwetter 2000 neu gebaut worden ist, steht ein Briefkasten, angeschrieben mit «Krankenkasse Gondo-Zwischbergen». Dort wirft Stefan Squaratti die Rechnungen seiner Familie ein – und wartet selten länger als zwei Tage, bis Elsi mit Barem an der Haustür klingelt. «Der Service stimmt, gell, Elsi.» Die schaut etwas verlegen hinter ihrer grossen randlosen Brille hervor.

Mindestens so bestechend wie der Service sind die Prämien: Ganze 110 Franken kostet die Grundversicherung inklusive Unfalldeckung bei einer Franchise von 300 Franken. Möglich macht das die Gemeinde, die die Krankenkasse pro Mitglied und Jahr mit mehreren hundert Franken unterstützt. Leisten kann sie es sich dank den Wasserzinsen des Kraftwerks. Mit ihrem Engagement bemüht sich die Gemeinde, die Leute im Ort zu behalten. Diese Unterstützung sei das eine, sagt Elsi Jordan, das andere sei, dass die Leute hier oben es sich zweimal überlegten, ob sie wirklich nach Brig hinunter zum Arzt wollten. Eine Dreiviertelstunde dauert die Autofahrt – bei gutem Wetter und idealen Bedingungen auf der Simplonstrasse.

Die Versicherte, bei der Elsi Jordan als nächstes vorbeigeht, sieht das auch so: «Kleineren Gebresten versucht man mit Hausmittelchen beizukommen.» Hanni Jordan – wie Squaratti ist Jordan ein häufiger Nachname in Gondo – ist seit ihrer Heirat vor 36 Jahren Mitglied der Kasse. Jetzt beugt sie sich über das Salontischchen und studiert die Abrechnung, die die Krankenkassenfrau aus der Mappe gezupft hat. Diese Hausbesuche mag sie besonders, ergibt sich doch meistens noch ein Schwatz. Heute darf Elsi Jordan das frisch renovierte Bad begutachten. Momoll, sagt die, sehr schön sei es geworden.

Hanni Jordan ist eines von fünf Vorstandsmitgliedern der Kasse. Die Auswahl für die Besetzung von Ämtern ist hier oben beschränkt; so ist Elsi Jordan nicht nur Geschäftsführerin, sondern ebenfalls Vorstandsmitglied, dazu Gemeinderätin und stellvertretende Gemeindeschreiberin; Alex Squaratti, Dorflehrer und Präsident der Kasse, ist gleichzeitig Gemeindepräsident.

Es geht gegen zwölf Uhr. Elsi Jordan schreitet weit aus, unter den Hosenstössen blinkt das Edelweissmuster ihrer Socken hervor. Der Wirt vom «La Siesta» ruft Elsi Jordan von der Strasse, drückt ihr einen Rückforderungsbeleg in die Hand. Und wo sie grad da sei: Er habe da auch noch die Rechnung an die Gemeinde für den Apéro neulich. Elsi werde schon wissen, was damit zu tun sei. Dann endlich kann Elsi Jordan in ihren blauen VW Golf steigen, den sie im Dorf parkiert hat. Sie und ihr Mann wohnen ausserhalb, Richtung Zwischbergental. Ein Kiesweg führt steil den Berg hinauf, oben warten ein Haus mit Steinplatten auf dem Dach, ein Garten mit Ringelblumen und Rüebli und eine überwältigende Aussicht auf steilen Fels und karges Grün.

Ja, schön sei es hier oben, sagt Elsi Jordan. «Aber abgelegen.» Früher habe ihr das wenig ausgemacht. Acht Kinder und die kleine Landwirtschaft liessen keine Zeit zum Sinnieren. Dann flogen die Kinder aus. «Und ich war zu jung, um keine Aufgabe mehr zu haben.» Das Krankenkassenamt sei ein Glücksfall gewesen. «Ich kam endlich unter die Leute.»

Ein Büro hat die Geschäftsführerin nicht. Dafür reiht sich in der Stube unter den Erstkommunionsbildern der Kinder Ordner an Ordner. Bis vor acht Jahren hat sie mit einer Rechenmaschine gearbeitet, die Zahlen von Hand in Papiervorlagen geschrieben. Heute steht auf dem Stubentisch ein PC mit Flachbildschirm. Ohne je einen Computerkurs belegt zu haben, hantiert Elsi Jordan mit Excel, begleicht Spitalrechnungen via E-Banking. Das nötige Know-how hat ihr der Schwiegersohn beigebracht. Heute noch ruft sie einfach «die Jungen» an, wenn sie Rat braucht. «Wie letzthin, als ich nicht wusste, wie man im Excel Beträge auf- und abrundet.»

Wie viel Zeit sie für das Amt aufwende? «Jä – das ist schwierig zu sagen.» Sie streicht ihre grüne Bluse mit den goldenen Knöpfen glatt. Im Sommer, während der Ferien, seien es vier bis fünf Stunden die Woche. Im Winter, wenn viele Versicherte ihre übers Jahr angefallenen Belege zusammenkramen und gleichzeitig der Jahresabschluss fällig wird, sind es zwei, drei Stunden pro Tag. Dies für ein Entgelt, dessen Höhe sie nicht «im Heftli» lesen mag. Als könnte jemand den fast symbolischen Betrag zu hoch finden.

Neumitglieder nimmt der Präsident auf, alle übrigen Geschäfte erledigt Elsi Jordan, von der Buchhaltung über die Statistik für das Bundesamt für Gesundheit bis zum Jahresbudget. Letzteres sei Glückssache, sagt sie. Jeder Spitalaufenthalt fällt enorm ins Gewicht. «Und wie kann ich wissen, ob jemand ernsthaft erkrankt?» Die Kasse hält alles so einfach wie möglich: keine Zusatz- oder Taggeldversicherungen, die vorgeschriebenen Franchisenabstufungen nur in der Theorie – tatsächlich haben alle eine Franchise von 300 Franken. Auf Statistik und Papierkrieg ist die Geschäftsführerin schlecht zu sprechen. «All die Formulare für das BAG …» Sie verzieht das Gesicht. Damit würden die in Bern die kleinen Kassen schikanieren, um sie zum Aufgeben zu bewegen.

Letztes Jahr lag das Gesamtergebnis der Krankenkasse Gondo-Zwischbergen 6500 Franken im Minus, im Jahr zu vor 40000 Franken – bei einer totalen Versicherungsleis tung von rund 200 000 Franken. Unerwartet hohe Spitalkos ten sprengten das Budget, die Gemeinde sprang mit zusätzlichem Geld in die Bresche. Auch tiefere Kapitalerträge machen der Kasse zu schaffen. Immerhin sind die Betriebskosten unverändert niedrig: bei der Kasse Gondo-Zwischbergen fallen pro Jahr nur gerade 5000 Franken an.

Um die Zukunft mag sich Elsi Jordan nicht sorgen. Ein Bekannter habe einmal zu ihr gesagt: «Irgendwann gibt es nur noch zwei Krankenkassen in der Schweiz: die grosse Einheitskasse und die Krankenkasse Gondo-Zwischbergen.»

Andrea Strässle ist freie Journalistin und wohnt in Zürich.
Sie ist bei der Provita versichert (Grund- und Unfallversicherung, 300 Franken Jahresfranchise) und zahlt im Monat 31 4.80 Franken Prämie.
 


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