ÄHNLICH GROSS wie eine Bergdohle sitzt der weissgesprenkelte braune Vogel im knorrigen Geäst einer Arve und arbeitet, was das Zeug hält. Alle paar Sekunden pickt er aus einem der Zapfen ein neues Nüsschen. Schliesslich fliegt er mit randvollem Kehlsack in sein Revier zurück. Dort landet er unter der schützenden Krone eines Baumes oder im freien Gelände auf felsiger Kuppe, im steilen Abhang. Traut er der Sache, hackt er mit dem Schnabel ein bis zu zwei Zentimeter tiefes Loch, würgt unter Zittern des ganzen Körpers einige der Arvennüsschen aus dem Kehlsack herauf und lässt sie durch den leicht geöffneten Schnabel einzeln ins Erdloch gleiten. Pro Versteck deponiert er nur wenige Nüsschen; die Fracht eines einzigen Fluges wird auf etwa zehn verschiedene Orte verteilt. Jedes Versteck deckt der Vogel dann so sorgfältig mit Streu oder Flechten zu, dass nichts auf den vergrabenen Schatz hindeutet. Denn dem Specht und den Mäusen und vor allem dem gefrässigen Eichhörnchen käme das Sparkapital des Tannenhähers im Winter mehr als gelegen. So aber erfreut er sich zusammen mit seiner lebenslangen Partnerin vom November bis zum nächsten Frühsommer der geheimen Vorräte; ab März zieht er damit auch noch zwei Junge auf. Erst wenn es im Juni dann reichlich Insekten gibt, kann der Vogel auf das Nüsschenpicken verzichten.
Der Tannenhäher beginnt mit dem Sammeln Ende August, arbeitet Tag für Tag von Sonnenaufgang bis kurz nach Sonnenuntergang und hört erst im Oktober auf, wenn weit und breit an den Arven keine Nüsschen mehr zu finden sind. Nur in Jahren der Vollmast (etwa jedes fünfte Jahr) überfordert der Nusssegen den Sammeleifer. Der Tannenhäher sucht die Nahrung nicht nur in seinem Revier; er macht sich auch zu weit entfernten Arvenbeständen auf und sammelt Vorräte im Langstreckenverkehr. Die bisher längste registrierte Transportdistanz betrug 22 Kilometer, die Fracht über 100 Nüsschen pro Flug. Das sind immerhin etwa 25 Gramm - ein Mensch müsste seine Backen mit 10 Kilogramm Futter füllen, um gleiches zu leisten.
Der Fleiss des Tannenhähers ärgert nicht nur die nüssesammelnde Tierkonkurrenz, sondern war schon früh auch den Menschen ein Dorn im Auge. Als noch keine Bananen aus Afrika und keine Koteletts aus den Tiefkühlhäusern in die verschneiten Bergdörfer kamen, ergänzten die Menschen den kargen Speisezettel mit den nahrhaften Arvenfrüchten. Bei einem Anteil von etwa 50 Prozent Fett und je einem Fünftel Proteinen und Kohlehydraten sind sie Kraftfutter par excellence.
Der volle Zorn des Menschen traf den Tannenhäher Ende des letzten Jahrhunderts. Sich häufende Hangrutsche und Lawinen führten damals zur Einsicht, das hemmungslose Abholzen der Bergwälder sei doch ein Fehler gewesen. Mit Aufforstungen sollte wenigstens ein Teil des früher üppigen Baumbestandes erneuert werden. Baumschutz ist besonders wichtig in den hohen Lagen bis zur natürlichen Waldgrenze von etwa 2400 Metern. Dort können sich besser als alle andern Bäume Lärche und Arve behaupten. Für die Wiedergutmachung brauchten die Förster als Saatgut also grosse Mengen der Arvennüsschen - die ihnen die Tannenhäher aber Jahr für Jahr vor der Nase wegschnappten. So gab man den Vogel zum Abschuss frei; im Kanton Graubünden noch bis ins Jahr 1961.
Man sah im Tannenhäher auch ein Hemmnis für die natürliche Verjüngung des Arvenwaldes. 1916 stand im «Ornithologischen Beobachter» kurz und bündig, der Tannenhäher sei für das Verschwinden der Arvenwälder verantwortlich. Solche Schuldzuweisung störte nun einige Gebirgsförster, die gelernt hatten, die Natur sorgfältig zu beobachten. Und auch ökologisch geschulte Wissenschafter hatten den Eindruck, Tannenhäher und Arve seien weit eher ein nützliches Team denn Täter und Opfer. Wollte man indes die Meinung der Förster und Jäger ändern, brauchte es keine Gegenmeinung, sondern Beweise.
Es waren in erster Linie Friedrich-Karl Holtmeier und Hermann Mattes vom Institut für Geographie der Universität Münster, die in den sechziger und siebziger Jahren im Engadin das Schicksal des Waldes und die Rolle des Tannenhähers intensiv untersuchten und zusammen mit der Eidgenössischen Anstalt für das forstliche Versuchswesen den Bündnern schliesslich bewiesen, dass der Tannenhäher überhaupt erst die Verbreitung der Arven ermöglicht. Denn während andere Kieferarten leichte Samen mit Flügeln für eine Windverbreitung tragen, produziert die Arve währschafte Portionen ohne Flügel, die für die Reise in eine weitere Umgebung auf die Transportdienste des Tannenhähers angewiesen sind. So pflanzt dieser Vogel mindestens drei Viertel des gesamten Engadiner Arvenjungwuchses. Gelegentlich fallen Arvenzapfen auch von selber vom Baum. Keiner rollt aber je den Hang hinauf, weshalb es allein das Verdienst der gefiederten Forstgehilfen ist, dem Arvenjungwuchs auch in der sogenannten Kampfzone, der klimatisch harten Region oberhalb der momentanen Waldgrenze, eine Chance zu geben.
Hermann Mattes hat das faszinierende Geschehen nüchtern buchhalterisch dargestellt. Er hatte vom Herbst 1974 bis zum Sommer 1975 im Stazer Wald bei Celerina ein knapp 30 Hektaren grosses Gebiet mit den Revieren von fünf Tannenhäherpaaren detailliert untersucht. Aus den verschiedensten Beobachtungen und Berechnungen erstellte er folgende Bilanz: Totaler Samenertrag: 1,9 Millionen. Vom Tannenhäher geerntet: 1,1 Millionen. Davon im Laufe des Winters als Nahrung verbraucht: 440 000. Nach Abzug der Verluste durch Mäusefrass im Boden verbleibende Samen: 430 000. Dies ergibt bei durchschnittlich 3,5 Nüsschen pro Vorratslager etwa 130 000 potentielle Arvenverjüngungsstellen, wovon 7000 oberhalb der heutigen Waldgrenze.
Jeder der zehn Vögel hatte also im Laufe des Herbstes im Durchschnitt über 100 000 Nüsschen vergraben und dafür um die 30 000 Verstecke ausgewählt. Und jetzt das Verblüffende: Obwohl fast alle Verstecke im Winter von Schnee bedeckt sind, findet der Tannenhäher sie mit stupender Sicherheit. Er fliegt von einem Baumwipfel aus, ohne suchen zu müssen, schnurgerade selbst auf weit entfernte Verstecke zu und stochert dort nach seinen Nüsschen. Liegt viel Schnee, gräbt er einen Tunnel und findet sie bis zu einer Schneetiefe von 50 Zentimetern in über 80 Prozent der Grabversuche. Wie es aber der Tannenhäher macht, einige zehntausend über ein grosses Gebiet verstreute Verstecke während Monaten zentimetergenau im Gedächtnis zu behalten, wissen wir nicht. Eine fast unglaubliche Leistung, bereitet doch unserem viel grösseren Gehirn schon das Wiederfinden des Schlüsselbundes Schwierigkeiten.
Aus den vom Tannenhäher nicht mehr ausgegrabenen Nüssen wachsen Jungarven - oftmals als enges Grüppchen, wie sie eben als Samen beieinander gelegen haben. Man hat nun diesen Jungwuchs «Kinder der Vergesslichkeit des Tannenhähers» genannt. Vergesslichkeit? Wohl kaum. Denn warum sollte der Vogel mühsam Vorräte anlegen, die seinen Nahrungsbedarf offensichtlich weit übersteigen? Und warum holt er seine Wintermahlzeiten fast nur aus den Verstecken im bereits gut entwickelten Wald und überlässt seine in der Kampfzone vergrabenen Nüsschen weitgehend der Natur? Der Vogel hat vermutlich im Laufe der Evolution kapiert, dass er im Bergwald nur satt werden kann, wenn genügend neue Arven wachsen. Und die Arve hat ihrerseits gelernt, dass es für die Saat im kargen und coupierten alpinen Gelände besser ist, auf den launischen Wind als Vehikel zu verzichten und stattdessen den Vogel mit einem währschaften Köder zum Verträger zu machen.
Dass solche Kooperation auch fern der Alpen funktioniert, zeigen Beobachtungen in den Rocky Mountains. Dort helfen sich in sehr ähnlicher Weise Kiefernhäher und Weissstämmige Zirbelkiefer. Erst vor wenigen Jahren erlebten die amerikanischen Naturfreunde im Yellowstone-Nationalpark eine besondere Überraschung. Hatte man sich nach den gewaltigen Waldbränden im Sommer 1988 auf eine nur langsame Wiederbewaldung gefasst gemacht, zeigte sich schon im darauffolgenden Jahr, dass die Kiefernhäher die Sache unverzüglich an die Hand genommen hatten, denn überall auf den öden Flächen begannen Zirbelkiefern zu spriessen. Was nicht zuletzt dem Grizzly zu goldenen Zeiten verhelfen wird, der mit Vorliebe die versteckten Zirbelnusslager der Eichhörnchen plündert.