NZZ Folio 04/98 - Thema: Boomtown Moskau   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Wo Computer draufsteht, ist Microsoft drin

Von Franz Zauner

DIE KUNST, keinen Spass zu verstehen, gedeiht nirgendwo so lustig wie in den USA. Schlachten wurden vor Gericht geschlagen, damit im alten und im neuen Windows eine Kleinigkeit fehlt. Es ist nur ein Icon. Wäre es da und könnte man darauf klicken, würde der Internet Explorer erscheinen, Microsofts Internet-Browser. Aber es ist nicht da. Nach dem Willen des amerikanischen Justizministeriums darf es nicht dasein. Der Computermensch muss sich erst frei dafür entscheiden, ob er will oder nicht. Vor der Qual dieser Wahl hätte ihn Bill Gates gerne bewahrt.

«Where do you want to go today?» Seit Jahren stellt er uns diese Frage, die zuvorkommend schon die Antwort enthält: Egal, wo wir hinwollen, er ist schon dort. Es fällt schwer, ihm aus dem Weg zu gehen. Denn wo Computer draufsteht, ist Microsoft drin, im kleinen Palmtop ebenso wie in der grossen Workstation, im Internet wie auf dem einsamen Insel-PC. Selbst Dissidenten kann es passieren, dass sie unfreiwillig ihr Scherflein zu den drei Milliarden Dollar Nettogewinn des Konzerns beitragen, wenn ihnen im Computerladen ein Sonderangebot mit «bundled software» untergejubelt wird. Statistisch betrachtet, ist es nur mehr der kleine Finger, der sich noch nicht im Sinne Microsofts rührt: Die anderen vier tanzen längst nach der Pfeife des reichsten Unternehmers der Welt. Der PC-Markt ist zu 80 Prozent in Gates' Hand, und das ist auch jene Kennzahl, an welche sich seine Aktionäre gewöhnt haben: Zu 80 Prozent schaut die Computerwelt durch Fenster des Betriebssystems Windows auf Textverarbeitungen, Tabellenkalkulationen und Präsentationsprogramme, die zu 80 Prozent aus Redmond, Washington, stammen, wo sich der Konzern auf dem Gelände einer ehemaligen Hühnerfarm niedergelassen hat. Man kann sich ausmalen, wie dort die Alarmglocken schrillten, als die frechen jungen Leute von Netscape mit ihrer Internet-Software Navigator bei 80 Prozent der Kundschaft Anklang fanden.

Gates zog mit dem Internet Explorer und geballter Marktmacht in den Browser-Krieg, mit dem Resultat, dass sein Konzern in der Öffentlichkeit als die grösste Gefahr für den freien Markt seit der Sowjetunion dasteht. «Ein Stil, eine Farbe, ein Schuh - das ist das, was wir in der Softwareindustrie haben», wetterte kürzlich der Staranwalt Gary L. Reback, Microsofts kompetentester Feind. Immerhin, ein Anfang ist gemacht: Seit kurzem haben wir ein Icon nicht.


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