Ein Streifchen nackter Haut am Oberschenkel, am Oberarm einer Frau, das finden wir, Stefano Gabbana und Domenico Dolce, unendlich erotischer als völlig entblösste Beine oder Arme. Darum lassen wir unsere Frauen auch im Sommer schwarze Strümpfe tragen, mit oder ohne Strapse, und lange Handschuhe!
So ein Stücklein Haut weckt Appetit auf mehr, l'appetito viene mangiando, während zu viel Nacktheit halt doch zu schnell sättigt.
O ja, die hohe Kunst der Verführung besteht im gezielten Einsatz nackter Haut. Denn der Akt der Verführung spielt sich doch eigentlich im Kopf ab. Ein kleines Stücklein nackter Haut beschwingt die Fantasie eher als totale Nacktheit. Unsere Kleider unterstützen das, das Stücklein Haut am Bein, am Arm wird durch die übrige Bedecktheit, unsere Kleider also, erst recht in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Man wird sich überhaupt erst richtig bewusst, dass eine Frau Arme und Beine hat, die man vielleicht sehen möchte. Damit kann die Frau spielen!
Nehmen Sie beispielsweise unsere Korsetts und Büstenhalter, die seit rund vier Jahren fast ein Markenzeichen von uns sind: Sie werden wie Kleider getragen, nicht nur unter den Kleidern verdeckt als Unterwäsche. Unsere Bustiers und Korsetts bedecken den Körper oder Busen immer vollkommen, umhüllen ihn, schützen ihn, schmücken ihn. Sie machen ihn zum Juwel. Wir übersäen diese Kleidungsstücke mit glitzernden Steinen, Früchten aus Glasperlen und neuestens auch mit Blümchen aus farbig bemaltem Papiermaché und Dekorationen, die den traditionellen sizilianischen Eselskarren entlehnt sind. Ein bisschen Ironie gehört heute zur Verführung, man soll ja nicht gleich alles tierisch ernst nehmen . . .
Wie sie sehen, ist das Prinzip unserer Kleider die raffinierte Verführung. Nie sofort alle Karten auf den Tisch legen und zuviel Bein und Busen zeigen! Wir präsentieren die weibliche Brust, die ja gleichzeitig Lustobjekt und Zeichen von Mütterlichkeit ist, nie nackt, sondern als Kostbarkeit verpackt.
Die Verführung ist das Mittel, alles zu bekommen, was man will, sei es in der Liebe, in der Arbeit, in der Politik. Jeder Mensch hat die Gabe zu verführen. Nur haben sie die einen besser ausgebildet, die anderen weniger, vielleicht ist sie bei vielen sogar verkümmert. Unsere Kleider sollen dem Menschen helfen, das zu bekommen, was er sich wünscht. Sie sind als Hilfsmittel der Verführung gedacht.
Der Mensch, ob Mann oder Frau, soll sich in seinen Kleidern nicht verstecken. In den achtziger Jahren ging der Trend noch in diese Richtung: Die berufstätige Frau begann sich zu uniformieren, ihren Körper streng zu verhüllen - und damit zu verleugnen. Damit ging ein Teil ihrer Ausdrucksmöglichkeiten verloren, denn wenn man seinen Körper versteckt, ist man nur zur Hälfte präsent. Jede Frau soll ihren Körper zeigen dürfen, auch wenn sie Managerin ist und auch wenn sie nicht dem von den Modeheften propagierten Schönheitsideal entspricht. Wir orientieren uns an der mediterranen Frau mit grossem Busen, robusten Hüften und schmaler Taille, die viel Sinnlichkeit und Lebensfreude ausstrahlt und einen starken Willen hat. Einer solchen Frau kann man nichts aufzwingen, sie macht, was sie will - und ist eine grosse Verführerin.