NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst?   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Warum der Pinguin nicht fliegen kann

© Tim Davis/Corbis/Specter
Adéliepinguine tauchen bis zu 500 Meter tief. Linktext
An Land bewegt er sich wie ein Bauer auf einer Cocktailparty, unter Wasser aber werden seine verkümmerten Flügel zu Flossen, die tolpatschigen Füsse zu einem effizienten Höhenruder.

Von Herbert Cerutti

Als Fernando Magellan im November 1520 die südchilenische Küste erkundete, berichtete er begeistert von «Gänslein», die nicht fliegen konnten. Seine Mannschaft schlachtete die zutraulichen Tiere als willkommene Ergänzung zum mageren Speisezettel. Man gab diesen Wesen nach ihrem Entdecker schliesslich den Namen Magellanpinguine.

300 Jahre später kam auch Alexander von Humboldt in Südamerika zu seinen Humboldtpinguinen. Der französische Expeditionsleiter Dumont d’Urville entdeckte 1838 in der Antarktis eine weitere Pinguinart. Da ihn in der kalten Einsamkeit das Heimweh plagte, gab er seiner Entdeckung den Namen seiner Frau: Adéliepinguin.

Heute kennen wir 17 Pinguinarten – vom einen Meter grossen Kaiserpinguin bis zum bloss 30 Zentimeter hohen Zwergpinguin. Während der Kaiserpinguin am Rande der Antarktis bis zum 78. Breitengrad brütet, tummelt sich der Galapagospinguin auf den Galapagos­inseln unter der Äquatorsonne. Die Welt der Pinguine beschränkt sich allerdings auf die Südhalbkugel. Da es dort weder Eisbär noch Polarfuchs gibt, hat sich der Pinguin in seinen Brutkolonien an Land nicht vor diesen Räubern zu fürchten. Deshalb verzichtete dieser Vogel im Laufe der Evolution auf das körperlich sehr aufwendige Fliegen.

Da es an Land für den Pinguin wenig zu fressen gibt, holt er sich sein Futter im Meer. Hier aber lauern als tödliche Gefahren Seeleoparden, Seelöwen und Schwertwale. Um im nassen Element überleben zu können, hat der Pinguin als rasche Fortbewegung das Fliegen unter Wasser erfunden. Da Wasser sehr viel dichter ist als Luft, sind die ehemals mächtigen Flügel zu kurzen, schmalen Flossen mit scharfer Vorderkante mutiert, die beim raschen Schlagen das Tier wuchtig vorwärts treiben.

Um möglichst stromlinienförmig zu sein, hat der Pinguinkörper eine Spindelform. Und im Gegensatz zu anderen schwimmenden Vögeln, die zum Vorwärtskommen mit den Füssen paddeln, braucht der Pinguin die Füsse nur als Höhenruder. Deshalb haben sich die Beine zum Körperende hin verlagert, was dem Tier an Land nun den aufrechten Watschelgang beschert.

Auch der kurze Schwanz steht im Dienste des Unterwasserflugs; er dient als Seitenruder. So kann der Pinguin bis zu 30 km/h schnell werden. Bei grosser Geschwindigkeit tauchen Pinguine nach Art der Delphine an der Wasseroberfläche auf und ab, was ihnen das Atmen in regelmässigen Abständen erlaubt.

Wie ein Bomber bei der Landung

Neben den Pinguinen interessieren sich auch Albatrosse und Sturmvögel für den Nahrungsreichtum der kalten Meere. Der Verzicht auf das Fliegen im Luftraum brachte dem Pinguin einen mächtigen Trumpf. Damit Vögel fliegen können, sind ihre Knochen extrem leicht gebaut und mit Luft gefüllt. Dies verursacht im Wasser aber viel Auftrieb, weshalb sie sich zum Fischen aus grosser Höhe herabstürzen. Mit solchem Stosstauchen kommen sie im besten Fall auf 10 Meter Tiefe. Beute, die tiefer schwimmt, ist für den normalen Vogel unerreichbar.

Nicht so beim Pinguin. Seine Knochen sind massiv und schwer. Deshalb liegen Pinguine tief im Wasser und können mühelos abtauchen. Pinguine holen sich in bis zu 500 Metern Tiefe kleinere Fische, Tintenfische und in der Antarktis vor allem Krill, im Wasser schwebende Planktonkrebse.

Da der Pinguin nach dem Fischzug nicht fliegen muss, kann er sich randvoll stopfen. Dazu hat er die Luftsäcke, die sonst beim Vogel den grössten Teil des Körpervolumens ausmachen, zugunsten eines riesigen Magens zurückgebildet. So vermag der Pinguin auf der zuweilen Hunderte von Kilometern langen Fress­tour bis zu einem Viertel seines Körpergewichts zu verschlingen. Kommt er dann schwer wie ein Bomber zum heimatlichen Ufer zurück, macht der Landgang zuweilen Probleme. Schlagen hohe Wellen ans Ufer, kann der Pinguin brutal auf den Strand donnern.

Heikel ist auch die Landung im Frühjahr, wenn noch zimmerhohe Eiskanten das Ufer säumen. Dann holt der Pinguin unter Wasser Anlauf und schnellt wie eine Rakete auf die eisige Plattform. Im besten Fall landet er wie ein Kunstturner am Schluss der Kür auf beiden Beinen. Nicht selten aber fällt er vornüber auf den Bauch und beendet die Reise mit einer Schlittelpartie.

Besonders wohl fühlen sich die Pinguine offenbar auf der Antarktischen Halbinsel, die wie ein Wurmfortsatz vom antarktischen Festland Richtung Südamerika zeigt. Dort leben sie im Südsommer entlang der Küste sowie auf den vorgelagerten Inseln zu Hunderttausenden in Brutkolonien und verbringen den Winter im nahen Meer.

Der Amerikaner Ron Naveen widmet sich seit 1983 der Erforschung jener Pinguinwelt: Hier brüten die drei Pinguinarten der Gattung Pygoscelis – wegen der langen Schwanzfedern, die wie ein Besen über den Boden fegen, auch Besenschwanzpinguine genannt. Sie sind um die 70 Zentimeter gross und etwa 5 Kilogramm schwer. Unterscheiden lassen sie sich am Kopf: Der Zügelpinguin trägt wie ein Sturmband einen schwarzen Streifen um die Kehle; den Eselspinguin ziert ein weisses Häubchen; der Adéliepinguin schliesslich fällt durch markante, weisse Augenringe auf.

Nur ein Zehntel überlebt

Für den Forscher, der sich inmitten der riesigen Kolonien bewegt, mag der sanfte Eselspinguin am angenehmsten und der zuweilen mit Schnabelpicken und Flügelschlagen attackierende Zügelpinguin eher schwierig sein. Gewöhnungsbedürftig sind auf jeden Fall der ohrenbetäubende Lärm und der stechende Gestank des Guanos (Exkremente), der wie ein weisser Teppich knöcheltief auf der kargen Landschaft liegt.

Wenn im September und Oktober das Packeis bricht, kehren die Tiere aus dem Meer zum vorjährigen Brutort zurück. Erst kommt das Männchen an Land. Es beginnt sofort, mit Hunderten von Steinchen ein kuchenartiges Nest zu bauen, damit später die Eier und Küken nicht in Schmelzwasser und Schlamm ertrinken. Bald schon ist die Partnerin – meist die Frau vom letzten Jahr – bei ihm. Die beiden balzen, kopulieren und arbeiten gemeinsam am Nest, wobei sie auch beim Nachbarn Steine stibitzen. Schliesslich legt das Weibchen zwei Eier.

Jetzt beginnt das mühsame Brutgeschäft, bei dem jeweils ein Partner hungrig auf den Eiern sitzt und der andere im Meer zu neuen Kräften kommt. Je nach Art dauern die Hungerschichten Tage bis Wochen. Nach gut einem Monat schlüpfen die Jungen. Für weitere drei Wochen werden die hilflosen Küken wiederum abwechselnd von Vater und Mutter gewärmt und mit vorverdautem Futter versorgt. Mittlerweile haben die Kleinen einen derartigen Appetit, dass die Eltern gleichzeitig Nahrung heranschaffen müssen. Die jetzt durch ein dickes Daunenkleid geschützten Jungen der Kolonie hocken in einem gemeinsamen Kindergarten beieinander und warten auf die Futtertransporte.

Nach sieben Wochen ist aus dem beim Schlüpfen 70 Gramm leichten Küken ein gut 3 Kilogramm schwerer Bengel geworden. Er mausert seinen Kinderflaum zum schwarzweissen Frack, trappelt zum Ufer, springt ins dunkle Nass. Und erst mit drei Jahren kehrt er wieder an seinen Geburtsort zurück, um nun ebenfalls Nachwuchs zu zeugen. Ein Grossteil der Jungen fällt jedoch in den ersten Lebensjahren den Raubfeinden im Meer zum Opfer oder findet nicht genug Nahrung. So kehrt nicht selten weniger als ein Zehntel eines Jahrgangs nach drei Jahren zur heimat­lichen Kolonie zurück.

Auch das sommerliche Brüten ist für die Besenschwanzpinguine eine existentielle Gratwanderung. Bei der Brutkolonie warten Skuas und andere Raubmöwen auf die kleinste Unachtsamkeit beim Schichtwechsel der Pinguineltern. Kaum ist ein Ei während einiger Sekunden exponiert, flattert schon ein Räuber herbei. Kehrt der futtersuchende Pinguin nicht beizeiten zum wartenden Partner zurück – sei es, weil er den Krill erst weit weg von der Kolonie findet, von einem Seeleoparden erbeutet oder von einem Schneesturm überrascht wurde –, wird der Partner das Nest und damit die Brut aufgeben. Auch die bereits geschlüpften Küken verhungern, falls die Eltern nicht genug Futter liefern.

Das Gedeihen der Pinguine ist nicht zuletzt vom globalen Naturgeschehen abhängig. In den letzten fünfzig Jahren ist die mittlere Lufttemperatur in der Antarktis um mehr als 2 Grad Celsius (das Vierfache der globalen Erwärmung) gestiegen. Dies liess die Packeisfläche schrumpfen. Was wiederum die Bestände an Krill, der Kraftnahrung der Antarktis, verringerte, denn die vor Fressfeinden schützende Packeisdecke ist die Kinderstube der Krilllarven. Weniger Krill bedeutet für die Pinguine weniger Futter und somit härtere Zeiten. Wie stark die einzelnen Pinguinkolonien derzeit unter solchen Veränderungen leiden, lässt sich allerdings noch nicht sagen. Wie so vieles im Leben der Frackröcke bleibt auch diese Frage vorerst offen.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.

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