In den letzten zwanzig Jahren sind die sizilianische Mafia und ihre beiden Schwesterorganisationen, die 'ndrangheta aus Calabrien und die neapolitanische Camorra, abrupt aus jahrhundertealter Tradition herausgerissen worden; nur noch entfernt gleichen sie den paternalistischen, an die Latifundien Siziliens und Calabriens oder ans Quartierleben von Neapel gebundenen Vorgängerorganisationen. Die Antimafia-Kommission des italienischen Parlamentes definiert die moderne Mafia (der Begriff steht auch für die beiden andern Organisationen und für den jüngsten «Spross», die Sacra Corona Unita aus Apulien) als Organisationen mit Spezialisten für den bewaffneten Kampf, die weite Gebiete kontrollieren und sich durch enorme Leistungskraft auch in der legalen Wirtschaft auszeichnen. Dank der Unterwanderung und Einschüchterung der politischen und gerichtlichen Institutionen sind sie nahezu unverletzlich geworden, der grosse Reichtum verschafft ihnen gesellschaftliche Anerkennung, was wiederum mithilft, die Kontakte zur Geschäftswelt und zu den politischen Organisationen zu festigen.
Was die alten Machtgleichgewichte innerhalb der Mafia zum Kippen brachte und neue, rücksichtslosere und zynischere Führungscliquen an die Spitze der Organisationen schwemmte und in den jüngeren Jahren einen eigentlichen Staat im Staat entstehen liess, ist der enorme wirtschaftliche Aufschwung des organisierten Verbrechens in den letzten Jahrzehnten. Er begann mit dem Zigarettenschmuggel, der Anfang der siebziger Jahre rasch zum internationalen Drogenhandel ausgebaut wurde. Die Mafia war für diese «Diversifikation» prädestiniert, hatte sie doch in den emigrationsintensiven Nachkriegsjahren persönliche und familiäre Beziehungsnetze über ganz Europa, Nord- und Südamerika ausgespannt; und dank historisch gewachsener Kontrolle über weite Gebiete Süditaliens (nicht nur Westsiziliens) war es möglich, die aus dem goldenen Dreieck Südostasiens, aus Pakistan und der Türkei bezogene Morphinbase sozusagen im eigenen Hause zu Heroin zu verarbeiten. Zwischen 1980 und 1986 wurden die meisten (vielleicht sogar alle) Labors ausgehoben. Die Heroinproduktion musste in die Opiumanbaugebiete zurückverlagert werden, doch die Vertriebswege bestehen weiter und lassen sich erfolgreich mit jenen der Kokainkartelle verknüpfen. Die beiden kolumbischen Kartelle von Cali und Medellín kontrollieren heute den weltweiten Kokaingrosshandel, gewisse Familien aus Sizilien und Calabrien hingegen den weltweiten Heroingrosshandel und - zusammen mit andern mafiosen Organisationen - den italienischen Detailabsatz beider Drogen. Die Einnahmen aus dem Drogengeschäft werden von der Antimafia-Kommission gegenwärtig auf jährlich «wenigstens 45 000 Milliarden Lire» (54 Milliarden Franken) geschätzt, der ehemalige italienische Schatzamtsvorsteher Andreatta spricht von rund 48 Milliarden Dollar, und die Zeitschrift «Uomini & Business» kommt sogar auf mehr als 70 000 Milliarden Lire (84 Milliarden Franken).
Als zweitwichtigste Einkommensquelle nennt die Antimafia-Kommission den Zugriff auf die öffentlichen Finanzen, die Annahme von öffentlichen Aufträgen (appalti) durch mafiose Unternehmer und deren Weitergabe an Dritte (subappalti). In einzelnen Zonen Süditaliens (der Mafiaexperte Pino Arlacchi erwähnt beispielsweise das Hinterland Neapels in den Jahren nach dem Erdbeben von 1980) verschaffen diese Auftragsübernahmen sogar noch sehr viel höhere Einnahmen als das Drogengeschäft. Um sich als Auftragsempfänger zu qualifizieren, mussten sich die mafiosen Organisationen in der legalen Wirtschaft etablieren und tragfähige Kontakte zu den politischen und gerichtlichen Institutionen schaffen. Mit Bestechung und Drohung wurde der Staatsapparat gefügig gemacht und mit eigenen Gefolgsleuten unterwandert. Die Mafia schuf jene korrupten Abhängigkeiten, die Aufklärung und Kontrolle heute verunmöglichen und ihr im ganzen Land faktische Straffreiheit sichern: Die staatlichen Entwicklungsgelder bringen seither noch weniger Entwicklung, die Aufbauhilfen in den von Erdbeben zerstörten Regionen Siziliens und im Hinterland von Neapel keinen Aufbau, die Investitionen der öffentlichen Unternehmen und der Staatsholdings nur mickrige Renditen.
Ihren Anfang nahm die unternehmerische Tätigkeit der Mafia im lokalen Bausektor und im Früchte- und Gemüsehandel. Mit zunehmender Diversifikation wurden die alten geographischen Fesseln gesprengt: Mafiainteressen lassen sich heute auch im nationalen Immobilien-, Kraftfahrzeug-, Elektroniksektor, im Warenhandel, im Tourismus, in der Freizeitindustrie und natürlich in den für den lokalen Drogenhandel wichtigen Nightclubs, in der Prostitution und bei andern illegalen Geschäften nachweisen. Die Mafia beteiligt sich am nationalen Wirtschaftsleben, ohne jedoch dessen Spielregeln zu beachten. Der Zugriff auf neue Wirtschaftssektoren ist meist totalitärer Art, die Konkurrenz wird auf jede mögliche Art bedrängt: durch die Vorzugsbehandlung der (unterwanderten) Behörden, durch zahlreiche Kostenvorteile (günstigere Finanzierungsbedingungen aus der Anlage von Schwarzgeld, rücksichtslosere Behandlung der Angestellten) oder durch erpresserisch erwirkte Liefer- und Absatzboykotte. Wenn nötig, werden Konkurrenten auch mit Brachialgewalt aus dem Markt geworfen; es bilden sich Oligo- und Monopole. Besonders wenn grosse Gewinne winken, verläuft die Diversifizierung in neue Wirtschaftszweige hinein chaotisch. Die Gier auf öffentliche Aufträge nach dem Erdbeben von 1980 löste in Neapel einen eigentlichen Strassenkrieg zwischen rivalisierenden Camorra-Organisationen aus (320 Morde allein 1983); die dominierende und alles kontrollierende Nuova camorra organizzata von Raffaele Cutolo wurde weggefegt. Seither hat sich in Neapels Unterwelt kein neues Kräftegleichgewicht einpendeln können, der Krieg geht - wie übrigens auch in einigen calabresischen Städten - weiter. Die Erschliessung neuer Einkommensquellen brachte den alten Ehrenkodex zum Verschwinden; um die Väter gefügig zu machen, werden heute auch die Söhne ermordet. Die Angehörigen rivalisierender Banden dezimieren sich zwar gegenseitig, die Organisation geht jedoch immer gestärkt daraus hervor.
Annähernd so lukrativ wie der Drogenhandel und der Zugriff auf öffentliche Aufträge ist die Erpressung von Schutzgeldern. An der Ausbreitung dieses Racket-Systems lässt sich der Vormarsch der Mafia besonders deutlich verfolgen: Längst bezahlen praktisch alle Unternehmen Süditaliens Schutzgebühren, Mittelitalien ist am Kippen und der industrialisierte Norden bereits stark infiziert. «Uomini & Business» rechnet mit einem Jahresertrag von etwa 20 000 Milliarden (24 Milliarden Franken), die italienische Kleinhändlervereinigung Confesercenti mit 30 000 Milliarden Lire (36 Milliarden Franken). Das «klassische» Racket weicht in letzter Zeit der Tendenz zu Direktbeteiligungen. Die Unternehmer werden zu immer grösseren Beitragsleistungen gezwungen, müssen sich verschulden, geraten in die Hände von Wucherern (ein weiterer Geschäftszweig der Mafia), verlieren ihre Selbständigkeit, müssen verkaufen oder einen Mafiapartner aufnehmen. Rom gilt zurzeit als besonders illustratives Beispiel: Überall an der Peripherie werden «Schutzgelder» bezahlt, im Zentrum herrscht hingegen ein hektischer Handänderungsbetrieb; ein Fünftel der Geschäfte werden jährlich auf neue Eigentümer überschrieben.
Auf der Liste der Instrumente, die die rasche Bereicherung der Mafia eingeleitet und damit auch den Trend zur Modernisierung und Brutalisierung ausgelöst haben, stehen ferner die von der calabresischen 'ndrangheta im ganzen Land praktizierten Entführungen und das ebenfalls sehr lukrative Erschwindeln von Transferzahlungen der Europäischen Gemeinschaft (EG). Die 'ndrangheta dürfte wohl die einzige nichtrevolutionäre Bewegung der Welt sein, die sich noch immer in grossem Stil dem Entführungsgeschäft widmet. Auch darin zeigt sich die Schlagkraft der mafiamässig organisierten Delinquenz; den bis vor wenigen Jahren in der gleichen «Branche» tätigen, gesellschaftlich und politisch aber nicht verankerten und abgesicherten sardischen Banditen konnte das Handwerk von den Ordnungshütern unterdessen gelegt werden. Von den illegal erwirkten EG-Transferzahlungen (durch die Überfakturierung von EG-unterstützten Operationen) profitiert nicht nur die Mafia. Die Antimafia-Kommission, die dem Phänomen eine eigene Studie widmete, vermutet jedoch, dass die verschiedenen mafiosen Organisationen bei der Verteilung des unrechtmässig aus dem EG-Haushalt abgezweigten Zehntels als prominenter Stelle mitmischen.
Die Ausbreitung in Sizilien, Süd- und Mittelitalien kann mit der Dynamik und Ertragskraft der neuen Geschäftstätigkeiten erklärt werden, die Infiltration der mentalitätsmässig anders gelagerten nördlichen Regionen wird jedoch auch vom Anlagenotstand der Mafia erzwungen. Die illegal erworbenen Gelder müssen gereinigt werden, um ohne Risiko für die Delinquenten in den legalen Umlauf eingeführt werden zu können; die mafiosen Organisationen bedürfen dazu moderner Finanzdienstleistungen, wie sie in Italien nur Mailand offeriert. Weil die Mafia nicht eine klar abgrenzbare Organisation, sondern ein Verhaltensmuster ist, lässt sich der Umfang der zu reinigenden Erlöse allerdings nur schwer quantifizieren. In die Gegenwart extrapolierte Untersuchungen des Forschungsinstitutes Censis aus dem Jahr 1985 deuten auf einen Jahresumsatz der gesamten industria del crimine Italiens von etwa 120 000 Milliarden Lire oder gut 140 Milliarden Franken hin. Einzelne Vertreter der Antimafia-Kommission vermuten aber, dass die Rohertragsberechnungen von «Uomini & Business» der Wirklichkeit näherkommen: 200 000 Milliarden Lire (240 Milliarden Franken), etwa der vierfache Umsatz von Fiat oder 15 Prozent des italienischen Bruttoinlandproduktes. Nach Abzug der «Geschäftsaufwendungen» und Reinvestitionen in illegale Tätigkeiten soll ein reinigungsbedürftiger Restbetrag von mindestens 140 000 Milliarden Lire (168 Milliarden Franken) verbleiben. Davon entfällt ein wachsender Teil auf die Mafia, die - gesellschaftlich integriert und somit weitgehend von der Justiz unbehelligt - der anderen organisierten Kriminalität weit überlegen ist. So wie die Wirtschaft und die Politik verändert sich auch die Unterwelt durch die Berührung mit der Mafia, das leistungsfähigere «Mafia-Modell» setzt sich durch, die andern Gruppen der organisierten Kriminalität müssen sich anpassen oder werden - auch hier - aus dem Markt geworfen.
Die nationale und internationale Bankenpräsenz, die 8000 Finanzgesellschaften und 173 000 Handelsfirmen Mailands bilden günstige Voraussetzungen für finanzielle Kompensationsgeschäfte, für fiktive Handelsoperationen und nur schwer zu entschlüsselnde nationale und internationale Finanzbewegungen. Zu den anfänglichen Diversifikationen der Mafia kamen deshalb in den letzten Jahren grosse Investitionen im Finanz- und Bankensektor, in Unternehmen für den Wertpapierhandel oder banknaher Dienstleistungen sowie in der Versicherungsbranche. Wichtige Geldwaschfunktionen erfüllen auch die Spielkasinos, das illegale Lotto und ähnliches. Einmal in die Ganglien der Recycling-Instrumente eingedrungen und zu den Off-shore-Finanzplätzen weitergeleitet, lassen sich die Schwarzgelder, die deutliche Hinweise auf Mafiadelikte geben könnten, kaum mehr identifizieren.
Die italienische Finanzpolizei richtet ihre Aufmerksamkeit deshalb jetzt vornehmlich auf das Einschleusen der Delikterlöse ins Finanzsystem. Kürzlich erliess das italienische Parlament zu diesem Zweck ein Verbot für Bargeldoperationen von mehr als 20 Millionen Lire (etwa 24 000 Franken) und schärfere Aufsichtsbestimmungen für die zuvor fast unkontrollierte Tätigkeit von Finanzgesellschaften, für Leasing und Factoring, für Anlagefonds, Wertpapierhäuser und ähnliche Institute. Die Finanzoperateure wurden zudem angewiesen, die Identität ihrer Kunden zu ermitteln und bei Verdacht auf illegale Herkunft der Gelder die Behörden zu benachrichtigen.
Weil es selten gelingt, die italienischen Drogenschieber auf frischer Tat zu ertappen, weil die mit Racket-Forderungen erpressten Unternehmen aus Angst vor Retorsionen schweigen, weil sich Begünstigungen bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen, von Entwicklungs- und Erdbebenhilfen wegen der Kollusion durch Beamte und Kontrollinstanzen nicht nachweisen lassen, ist das neue Gesetz von den im Mafiakampf engagierten Behörden gut aufgenommen worden. Der Gesetzgeber hat damit eine wichtige, aber nicht ausreichende Voraussetzung für Ermittlungen am Schreibtisch geschaffen. Nicht überwunden werden konnte im Parlament anderseits der Widerstand gegen die gleichzeitig geforderte Einrichtung einer auf nationaler Ebene operierenden elektronischen Datenbank zur Analyse der im Finanzsystem zu sammelnden Informationen. Somit wird es den Ermittlungsbehörden künftig kaum gelingen, die zahlreichen und weit verstreuten Detailinformationen zu aussage- und beweiskräftigen Indizien zusammenzufügen.
Die Verweigerung der Datenbank oder auch das Festhalten an einem beispiellos strikten Bankgeheimnis sind symptomatisch für die passive Unterstützung, die die Mafia bei Behörden und politischen Parteien geniesst; sie profitiert von gewissen Permissivitätsräumen in der gesellschaftlichen Organisation des Landes. Durch seine totalitäre Vergangenheit geschockt, gab sich Italien 1948 ein politisches System mit schwacher Regierung und umfassenden Parlamentskompetenzen. Diese wurden in den letzten Jahrzehnten jedoch zunehmend durch Konsenspraktiken zwischen den Zentralen der politischen Parteien ersetzt und ausgeschaltet. Die wichtigen Entscheidungen werden heute faktisch nicht mehr in den demokratisch legitimierten Institutionen, sondern in den unkontrollierbaren Parteizentralen getroffen. Italien ist zu einer Partitocrazia geworden, zu einer Parteiendiktatur, die sich eher an visionslosen und egozentrischen Partikulärinteressen als am Volkswohl orientiert - wie beispielsweise die Manöver in der Verwaltung, im grossen staatlichen und halbstaatlichen Wirtschaftssektor oder die alarmierende Finanzlage des Staates zeigen.
Die Partitocrazia kommt letztlich auch den Mafiaorganisationen zugute. Dank ihrer kapillaren Gebietskontrolle im wirtschaftlich rückständigen Süden durch Einschüchterungen und willkommene Vermittlerdienste (Arbeitsplätze, Renten usw.) vermögen sie das Wahlverhalten zu beeinflussen und den Parteien Wählerstimmen zuzuhalten. Es ergeben sich gigantische Interessenkollisionen, die das Machtpotential der Parteien gegen den staatlichen Antimafia-Apparat mobilisieren. Dringend benötigte Instrumente zur Mafiabekämpfung werden verweigert oder unwirksam gemacht und die staatlichen Aufsichts- und Kontrollfunktionen geschwächt. Die schärfste Waffe der Ermittlungsbehörden, Straferlasse für pentiti, für geständige Mafiosi, wurde abgestumpft, weil diese, von der Polizei nicht ausreichend geschützt, oft Racheakten zum Opfer fallen. Selbst der Versuch einer Koordination der staatlichen Abwehrkräfte ist gescheitert (die Carabinieri sind dem Verteidigungsministerium unterstellt, das Innenministerium ist für die Polizei und das Finanzministerium für die Guardia di Finanza verantwortlich). Das zu diesem Zweck eingerichtete Mafia-Hochkommissariat soll deshalb jetzt wieder abgeschafft werden.
Die Mafia hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht, wie oft zu hören ist, wegen der Absenz des Staates, sondern wegen seiner perversen Präsenz in Form von korruptionsanfälligen politischen Parteien und einer erpressbaren Justiz kräftig entwickeln und ausbreiten können. Die Wachstumsimpulse kommen aus der Erschliessung neuer und lukrativer Einkommensquellen und wohl kaum, wie ebenfalls oft behauptet wird, aus Sonderfunktionen, die die Mafia im Auftrag obskurer Geheimdienste und Geheimlogen auszuführen hat. Berührungen mit solchen Organisationen hat es zwar, wie beispielsweise die Ermittlungen gegen die geldwaschenden Bankiers Sindona, Calvi und Erzbischof Marcinkus zeigen, oft gegeben. Damit ist aber noch lange nicht bewiesen, dass die Mafiaorganisationen auf deren Befehle hören würden. Die Art, wie sich Mafia, 'ndrangheta und Camorra der politischen Parteien bedienen, lässt eher auf umgekehrte Abhängigkeiten schliessen. Die italienischen Mafiaexperten sprechen heute denn auch nicht mehr vom Zusammenleben von Mafia und Staat, sondern von der klaren Unterordnung des letzteren. Über weite Strecken haben die staatlichen Autoritäten ihren Einfluss ganz an die illegalen Machtzentren abgetreten. Diese sprechen heute faktisch auch Recht, bestimmen, wer was produziert, verteilen die öffentlichen Aufträge, entscheiden über den beruflichen Erfolg der Bürger und den Schulerfolg von deren Kindern. Längst wird die Macht nicht mehr getarnt und versteckt, sondern offen zur Schau gestellt. Die Präpotenz der Mafia ist heute im ganzen Land präsent; selbst aus dem nördlichen Piemont wird von Gemeinden berichtet, deren Regierung dazu genötigt werde, die Sitzungen direkt am Domizil des dorthin verbannten sizilianischen Mafiabosses abzuhalten. Laut Luciano Violante, einem Mitglied der Römer Antimafia-Kommission, ist die in die Institutionen vordringende Mafia längst nicht mehr nur ein pathologisches Problem. Heilung sei nicht mehr möglich, der Staat könne lediglich versuchen, verlorenes Terrain wieder zurückzuerobern.
Davon ist allerdings bisher fast nichts zu sehen. Die mutigen Einzelkämpfer in den Reihen der Staatsanwälte und der Ordnungskräfte stehen auf verlorenem Posten, solange sie von den staatlichen Autoritäten keine Rückendeckung erhalten. Und die vielen, nicht selten widersprüchlichen und sinnlosen gesetzlichen Einzelmassnahmen erinnern oft fatal an die Empfehlung von Fürst Fabrizio Salina in Tomasi die Lampedusas «Gattopardo», etwas Bewegung zu veranstalten, um alles beim Alten lassen zu können. Solange Italiens Parteizentralen selber obskure Machtzentren sind und die Partitocrazia nicht zurückgebunden wird, hat man mit dem weiteren Anschwellen der Mafiamacht zu rechnen, mit noch mehr Korruption, einer weiteren Unterwanderung der Wirtschaft, einer noch brutaleren Kriminalität.
Thomas Kreyenbühl ist Wirtschaftskorrespondent der NZZ in Rom.