NUN WIRD ES zum letztenmal Sommer in diesem Jahrhundert - und da sollten alle findigen Journalisten auf der Lauer liegen, ob sie ihn nicht rasch noch zum «Jahrhundertsommer» befördern können. Es eilt, Kollegen! Den Superlativ liebt ihr doch, sehr hoch sind die Anforderungen an einen solchen nicht, Leser sind vergesslich, knallige Floskeln stets beliebt - und vom Jahr 2000 an werdet ihr es auf Jahrzehnte nicht riskieren, euch fürs ganze Jahrhundert festzulegen. Also, frisch gewagt! Mehr als ein, zwei Grad über dem langjährigen Durchschnitt sind nicht erforderlich.
Ein Blick ins Archiv würde nur stören, wenn man den Jahrhundertorden verleihen will, egal wofür. Man erführe dann zum Beispiel, dass nicht die Lawinenunglücke vom vorigen Februar ein «Jahrhundertereignis» waren, wie vielerorts zu hören und zu lesen - sondern dass der Jahrhundertwinter 1916/17 zuschlug, mit acht Metern Schnee in Südtirol und 300 Toten bei einer einzigen Lawine. Schrecklich wütete das Feuer im Montblanc-Tunnel; es als «Jahrhundertbrand» vorzustellen, wie viele Zeitungen dies taten, hat noch keinen Toten lebendig gemacht, aber das doppelte Ärgernis erzeugt, selbst die Leichen zum Superlativ zu türmen - und obendrein zu einem falschen: Der «Jahrhundertbrand» fand 1995 im U-Bahn-Tunnel von Baku statt, mit 337 Toten.
Wer immer mit dem Schmuckwort «Jahrhundert» prunkt, bei dem darf man unterstellen, dass seine Affenliebe zum Superlativ sich mit der Ahnungslosigkeit oder der Leichtfertigkeit verheiratet hat. Lasen wir 1997 dutzendfach vom «Jahrhunderthochwasser» der Oder, so durften wir nach aller Lebenserfahrung davon ausgehen, dass es in unserem Jahrhundert in Mitteleuropa drei, fünf, sieben höhere Hochwasser gegeben hat. Bezeichnet ein Verlag das neue Buch des Holländers Harry Mulisch als «Jahrhundertroman», so nehmen wir uns die Freiheit, Proust, Joyce, Thomas Mann gegen ihn ins Feld zu führen oder, was den Erfolg angeht, «Vom Winde verweht». Wenn die rot-grüne Koalition in Bonn ihre mühselig zusammengeschusterte Steuerreform als «Jahrhundertwerk» anpreist, lachen sowieso die Hühner.
Was bleibt superlativverliebten Journalisten als Trost in der Öde der kommenden Jahrzehnte, solange der grössere Teil des Jahrhunderts seine Tief- und Höhepunkte mit Nebel bedeckt? Nun, es gibt Behelfe. Für manche Zeitungen zum Beispiel war der Brand im Montblanc-Tunnel zugleich eine «Mega-Katastrophe», und an der kann kein Kalender kratzen.
«Mega» ist griechisch und heisst eigentlich nur «gross»; eine grosse Katastrophe aber ist sprachlich so sinnvoll wie eine grössere Sintflut oder ein ziemlich starker Hurrikan. Mathematisch dagegen bedeutet «Mega»: eine Million mal (wie bei der Megatonne, in der man die Sprengkraft der Wasserstoffbombe mass: so gross wie die von einer Million Tonnen Trinitrotoluol). Wollten die Urheber des Wortgebildes das Unglück mal eben mit einer Million multiplizieren - oder wollten sie andeuten, dass sie ein herzliches Verhältnis zu Dynamit und Schlimmerem besitzen?
Ach nein: Weder «gross» noch «Million» meinten sie - «Mega» wollten sie unterbringen, das klingt jung, frisch und gewaltig, und da muss es ja nicht auch noch einen Sinn haben. Die Wirtschaft hallt wider von Mega-Fusionen, die, im Wechsel mit den Elefantenhochzeiten, die gefürchteten Mammutkonzerne produzieren; und wenn der Star (ein Stern am Himmel, man bedenke!) selbst als Superstar nicht mehr genügend leuchtet, wird er zum Mega-Star gemacht.
Es sei denn zum Idol, zur Legende, zur Ikone. Das Idol ist zwar eigentlich ein Götzenbild, ein Gegenstand übertriebener Verehrung, aber wer eine kreischende Dame als «Popidol» bezeichnet (am besten Popi-dol zu lesen), will die Übertreibung offenbar nicht tadeln. Pelé ist eine «Fussballlegende», das heisst: entweder eine erbauliche Erzählung oder eine unglaubhafte Geschichte oder eine Bildunterschrift (das sind die drei lexikalischen Bedeutungen); Ferrari aber, dem «Spiegel» zufolge, Italiens «Sportwagenikone», also ein Kultbild der orthodoxen Kirche (was immer die in Italien verloren haben mag).
Nach den Ikonen des «abgelaufenen» Jahrhunderts zu fragen ist daneben vergleichsweise seriös. Natürlich kann man im Rückblick die meistgespielten Schlager ermitteln («Yesterday» von den Beatles), als das typischste Kleidungsstück den Bikini vorstellen, die «100 Wörter des Jahrhunderts» sammeln (wobei im Alphabet dann die bizarre Reihenfolge «Völkerbund - Völkermord - Volkswagen» entsteht). Das lässt sich hören und hat den Vorzug, dass wir mit weiteren Superlativen solcher Art nun 100 Jahre lang nicht mehr behelligt werden.
Wie aber, wenn im Juni gar der Jahrtausendsommer anbräche? Vorsicht! Der fand nämlich 1540 statt, einer Untersuchung des Historischen Instituts der Universität Bern zufolge: Den Rhein konnte man durchwaten, Fische greifen, die bauchoben trieben, und noch im Januar 1541 in ihm baden. Eine solche Sommerikone sollten wir uns so wenig wünschen wie Super-Mega-Katastrophen überhaupt. MEGA: Das hiess mal «Marx-Engels-Gesamtausgabe», in der DDR nämlich; aber die ist lange tot, und Mega möge sterben.