Niemand hätte grösseren Nutzen vom Abkürzen der Wörter gehabt als die Steinmetze, die einst in die Friese von Tempeln und Palästen die Inschriften zum Ruhme von Königen und Göttern meisselten: DEP statt «Der erhabene Pharao» - wie viel Mühe hätte das gespart! Doch die Sprache galt damals noch als heilig und Kurzatmigkeit nicht als eine Tugend.
Der Wandel setzte mit dem Telegrafen ein, vor anderthalb Jahrhunderten: Jeder Buchstabe wurde kostbar, jede Sekunde war Geld. Rasch bediente sich das Militär der neuen Chance, denn Schlachten wollten schnell geschlagen, Listen rasch geschrieben sein, und dass mit der Abkürzung meist eine Entseelung der Wörter einhergeht, dagegen sprach militärisch wirklich nichts. Dieser Ehe aus Zeitgeist und Kälte ist die MALZA entsprungen, die Modische Affenliebe zur Abkürzung, wie Behörden, Firmen und Verbände sie seit Jahrzehnten pflegen, zur Genugtuung der Journalisten mit ihrem stets knappen Überschriftenraum («Erfolge an der GV der UIT»).
Das sind zwei Akronyme, aneinandergereihte Anfangsbuchstaben, die häufigste Art der Abkürzung und oft die ärgerlichste: Schriftbild hässlich, Verständlichkeit gering. Wer weiss denn schon, dass der AdA in der Schweiz der «Angehörige der Armee» ist und KnVNG in Deutschland das Knappschaftsrentenversicherungsneuregelungsgesetz? Dass die Ursprungswörter eher noch scheusslicher sind, macht die Abkürzung nicht besser. An andere gereihte Anfangsbuchstaben haben wir uns gewöhnt - an DRS und ZDF zum Beispiel, an die UNO und das FBI, und die meisten erkennen in der Abkürzung noch die verstümmelten Wörter; die Namen unserer grossen Parteien lesen und hören wir sogar lieber in der Form blosser Grossbuchstaben.
Wer aber kann die NATO, die NASA oder AIDS in die herkömmliche Wortsprache zurückübersetzen? Da wird es problematisch: Drei Institutionen, die Menschheitsprobleme behandeln und Milliarden einfordern - doch was ihr Name eigentlich besagt, haben wir in der Weise erfahren, dass uns die zunächst fremdartige Buchstabenkette oft genug unter den Augen durchgezogen wurde; wobei uns der Umstand tröstete, dass die Kette sich dank der Mischung aus Konsonanten und Vokalen sprechen liess wie ein Wort (und immer häufiger auch so geschrieben wird: Nato, Nasa, Aids, siehe NZZ).
Oft sind Akronyme der Absicht entsprungen, das Ursprungswort zu tarnen oder es zu verunglimpfen. Aus der «Deutschen Demokratischen Republik» wurde erst dann die DDR, als die SED beschlossen hatte, dem Bestandteil «Deutsch» die Erkennbarkeit zu rauben; das war der erste Schritt. Der zweite: Die DDR begann, die Bundesrepublik Deutschland ausschliesslich BRD zu nennen, in der klaren Absicht, dem hochmütigen Nachbarn die sprachliche Gleichheit aufzuzwingen. Dritter Schritt: Viele Westdeutsche, zumal linke Intellektuelle, übernahmen gern das Kürzel BRD, weil sie damit ein Mittel gefunden hatten, ihre Vorbehalte gegen die reiche, satte, ungeliebte Heimat zu artikulieren.
Ganz klar schliesslich war die schmähende Absicht bei jenen Linksradikalen, die sich über die im deutschen Grundgesetz fixierte freiheitlich-demokratische Grundordnung lustig machten, indem sie sie durchweg als FDGO zitierten, als wäre sie eine blosse amtliche Verordnung. Und ebenso klar war der Spott beim Gröfaz: «Grösster Feldherr aller Zeiten» hatte Hitler sich ja 1940/41 titulieren lassen, und da geschah es ihm recht, dass Millionen Deutsche in den letzten Jahren des Krieges das Akronym mit verstohlenem Grinsen als Synonym für Hitler benutzten.
Mit Abkürzungen lassen sich also Werturteile fällen - was man, je nach politischem Standort und Zeitumständen, beklagen oder begrüssen mag. Das beste aber, was sich über sie sagen lässt, ist, dass eine Gruppe von ihnen die Seele des Ursprungsworts hörbar bewahrt, während sie gleichzeitig seine Umständlichkeit aus der Welt schafft. Es war natürlich ein Fortschritt, dass aus dem Kinematographentheater das Kino wurde, das Auto ist griffiger als das Automobil, der Zoo praktischer als der Zoologische Garten, der Krimi hübscher als der Kriminalroman. Ebenso haben Studenten auf ihre Weise recht, wenn sie von Uni, Frust und Demo sprechen: Die volle Buchstabenprozession durch die Mundhöhle ziehen lassen mag man nicht, und so hört man einfach früher auf zu sprechen (ein schönes Rezept auch für andere Lebenslagen).
Die neuste Mode führt leider in die Tiefen der sinnlosen Buchstabenreihung zurück. Ihr Tummelfeld sind die Handbücher für Computerbenutzer sowie die E-Mail aus dem Computer selbst, die elektronische Post, an einen Partner gerichtet oder an eine unbekannte Menge: «Da kann ich nur lachen» heisst im E-Mail-Jargon LOL (Laughing Out Loud) - lachen zum Beispiel über FAQ, eine allzuoft gestellte Frage (Frequently Asked Question). Und wer selbst dieses Schriftbild noch zu literarisch fände, weil es sich der verstaubten Erfindung des Buchstabens bedient - der kann Satzzeichen zu einer neuen Bilderschrift zusammenfügen: :=) soll «Ich lächle» heissen, mit der Begründung, man brauche das Bild nur nach rechts zu drehen. KAKFIF! sollten wir dem entgegenhalten (Kommt auf keinen Fall in Frage). Alles in allem sind wir schliesslich ganz gut mit ihr gefahren, der mehr als dreitausendjährigen Kultur der Lautschrift, die das Abendland immer noch regiert und ihm einst die Welt regieren half.