ALS FRIDOLIN BARGETZI nach drei Ferienwochen aus Neapel zurückkehrte, erfrischte er sich nur rasch unter der Dusche und begab sich gleich in sein Büro an der Berner Marktgasse. Solches entspricht nicht eben dem Bild, das sich das Volk vom typischen Bundesbeamten macht. Aber Volkes Stimme ist es gerade, die dem Fünfzigjährigen keine Ruhe lässt. Und er hatte sich nicht getäuscht: nach drei Wochen stapelten sich auf Bargetzis Pult rund 150 Briefe «an die da oben in Bern», die es allesamt zu beantworten galt.
Diesen Sommer war es nichts mit der üblichen Flaute; das Volk hat zur Feder gegriffen wie kaum je zuvor. Es sorgt sich um die Bundesfinanzen; es ängstigt sich vor einem EU-Beitritt, fürchtet, dass zuviel Geld ins Ausland geht und zu viele Ausländer in die Schweiz kommen; es macht sich Gedanken über den Krieg auf dem Balkan, zur Neat, zum Drogenproblem und zur Umwelt; es liest der Landesregierung die Leviten, oder es stärkt ihr den Rücken. Und für immer mehr Leute aus dem Volk ist der Bundesrat der letzte Strohhalm, sie wenden sich mit ihren persönlichsten Problemen direkt an ihn und erwarten Hilfe wenn nicht vom Himmel, so doch «von oben». Briefkastenonkel, Pfarrer, Sozialarbeiter, Rechtsberater, Blitzableiter des Bundesrats - mit diesen Begriffen umschreibt Bargetzi seine Tätigkeit.
Zur Förderung einer bürgernahen Verwaltung richtete Anfang 1984 der damalige Bundeskanzler die Kontaktstelle für Anfragen aus der Öffentlichkeit ein. Im Einmannbetrieb hat Bargetzi seither rund 11 000 Briefe erledigt, 33 000 Telefongespräche geführt und zahlreiche bedrängte Bürgerinnen und Bürger empfangen. Bargetzi hat sein Ohr derart nah am Volk, dass er jeweils schon zum voraus spürt, was zu reden geben wird: Instinktsicher beschafft er sich Informationen zu bundesrätlichen Entscheiden, parlamentarischen Vorlagen oder allgemeinen politischen Fragen, die zum Thema von Bürgerbriefen werden könnten.
Die Schreiben kommen aus allen Schichten der Bevölkerung, stilistisch ausgefeilt die einen, andere frisch von der Leber weg: «Bitte verschwinden Sie alle miteinander. Es ist eine Katastrophe, was Sie alle den ganzen Tag bieten.» Der Ton ist denn auch nicht immer vom feinsten. An die Adresse eines Bundesrats kann es schon mal heissen: «Sie finde ich einen ganz verflucht gewissenlosen Kerl.» Wird allzu grobes Geschütz aufgefahren, schlüpft Bargetzi in die Rolle des Erziehers. Wer unter die Gürtellinie zielt, erhält beispielsweise folgende einleitende Bemerkung: «Wir bestätigen den Empfang Ihrer nicht gerade in einem höflichen Ton abgefassten Zuschrift. Vorweg möchten wir mit Betonung festhalten, dass Briefe, die von pauschalen Beleidigungen gegen Behördemitglieder nur so strotzen, wie es bei Ihrer Zuschrift der Fall ist, in der Regel nicht beantwortet werden und dort landen, wo sie nämlich hingehören: in den Papierkorb. Ausnahmsweise sind wir dennoch bereit, Ihnen zu antworten.»
Die Ermahnung scheint zu wirken. Nicht selten folgt postwendend ein ausgesprochen höflicher Brief mit dem Bekenntnis, man habe es nicht so gemeint. Freilich, mit der Wut des Volkes hat Bargetzi auch schon ganz andere Erfahrungen gemacht: Bei der «Fichen»-Demonstration vom März 1990 landeten zwei grosse Steine in seinem damaligen Büro im Westflügel des Bundeshauses. Die Erinnerungsstücke hat er, wie Findlinge auf dem Naturlehrpfad säuberlich beschriftet, an die neue Adresse in der Berner Innenstadt mitgezügelt.
Wie unter den Leserbriefschreibern gibt es auch bei der Korrespondenz an den Bundesrat die sogenannten Vielschreiber, vor allem ältere Leute, die Zeit haben, sich schriftlich zum Zeitgeschehen zu äussern. Bei Vollmond nimmt die Zahl der komplizierten und wirren Schreiben und Anrufe eindeutig zu. Bargetzi ist jedoch überzeugt, dass die Briefe an die Landesregierung ein unverfälschteres Abbild der Volksseele sind als Leserbriefe in Zeitungen, da die Autoren nicht mit dem Abdruck ihrer Zeilen kokettieren. Viele sind überrascht, überhaupt eine Antwort zu erhalten, und möchten begeistert die Korrespondenz weiterführen . . .
Längst nicht alle Briefe aus der Öffentlichkeit landen bei der einschlägigen Dienststelle. An die einzelnen Bundesräte adressierte Schreiben werden von diesen gelesen und vielfach von den persönlichen Mitarbeitern beantwortet. Einige Mitglieder der Landesregierung nehmen die Zuschriften aus der Bevölkerung sehr ernst und sehen in diesem Briefverkehr einen Draht zum Volk. Wie etwa Rentenbezüger über Entwicklungshilfe, Flüchtlings- und Europapolitik denken, bekommt vor allem Aussenminister Flavio Cotti zu spüren. Dass er sich hin und wieder Qualifikationen wie «Idiot» und «Verräter» gefallen lassen muss, wird durch Fanpost aus dem Altersheim kompensiert: Eine Betagte schickte mehrmals Tonbandkassetten, auf denen sie Cotti zu Ehren Lieder singt und Gedichte rezitiert.
Mit einem Mehr an Post hat jeweils der Bundespräsident zu rechnen, der als Prügelknabe für pauschale Vorwürfe an die Landesregierung oder als Klagemauer herhalten muss. Schwer beleidigende Schreiben sind dabei eher selten, gang und gäbe scheint hingegen, dass sich die Leute am Exponenten des Bundesrats «die Schuhe abputzen». Besonders nach öffentlichen Auftritten lassen die Reaktionen nicht auf sich warten. Und gerade für solche Reaktionen ist beispielsweise der derzeitige Bundespräsident Kaspar Villiger sehr empfänglich. Er liest nicht nur jeden einzelnen Brief, er versieht die Schreiben mit Ausrufzeichen und Kommentaren und unterschreibt persönlich die allermeisten Antworten - sogar jene auf ausfällige Äusserungen. Es gibt auch Rührendes: «Ihr Aktivdienst war nicht für die Katze», beruhigt Villiger beispielsweise einen Achtzigjährigen.
Generell lassen die Briefe den Schluss zu, dass trotz angeblichem Autoritätsverlust der Behörden gerade in ländlichen Gegenden ein Bundesrat nach wie vor hohes Ansehen geniesst. Und für das berühmte «einfache Volk» schien namentlich Bundesrat Otto Stich die Identifikationsfigur schlechthin. Fuhr ihm das Boulevardblatt, das doch über den direkten Blick in die Volksseele verfügt, wieder einmal an den Karren, hagelte es in den folgenden Tagen Durchhalteparolen und aufmunternde Zuschriften. Man teilte die Sorgen des Finanzministers über die Defizite des Bundes und legte verschiedenste Rezepte zur Einnahmenbeschaffung vor. Sogar im Urlaub beschäftigte das Thema: «Aus den Ferien aus dem Tessin zurückgekehrt, machte ich mir meine Gedanken. Warum zahlt man eigentlich keine Gebühr für die Durchfahrt des Gotthardtunnels?»
Eine Schreiberin hatte eben gelesen, dass die Mehrwertsteuer eine Milliarde mehr als budgetiert einbringen soll, und bat den Finanzminister, ihr mit 3000 Franken auszuhelfen, damit sie die Steuern zahlen könne: «Meine Lage ist ernst, sonst würde ich Ihnen nicht schreiben.» Immer wieder schickten ältere Leute dem Finanzminister eine Zehner- oder Zwanzigernote, um das Loch in der Bundeskasse zu stopfen. Als Stich nach der letzten Sanierungsdebatte dem Parlament gehörig die Leviten gelesen hatte, kam ein Kuvert mit 1000 Franken. Solches Geld geht jeweils an die Absender mit Dank und dem Vermerk zurück, dass der Staat schon zu seinem Geld kommt, wenn alle ordentlich ihre Steuern bezahlen. Vor allem ältere, einsame Frauen wandten sich auch mit ganz persönlichen Gedanken vertrauensvoll an den Finanzminister: «Ich musste mir das einmal von der Seele schreiben», hiess es beispielsweise.
Für Erheiterung sorgte jener alte Mann, der periodisch ein Blatt voller Witze schickt - handgeschrieben mit grosser, krakeliger Schrift. Und auch Kinder richten sich unbefangen an den Bundesrat. Einen Jungen beschäftigte die letzte Religionsstunde. Kurzerhand wandte er sich an den Finanzminister mit der Frage: «Was halten Sie vom Heiligen Geist?»
Nicht allzuviel halten offenbar gewisse Volksvertreter von der Vox populi. Als ein «Schweizer Demokrat» im Parlament im Zusammenhang mit dem bundesrätlichen Bericht zu einem EG-Beitritt von «millionenschwerer Propaganda» sprach, «von der Joseph Goebbels noch einiges hinzulernen könnte», schützte er das Volk vor. Proteste wies er mit der Bemerkung zurück, er habe die harten Worte - «wahrhaftig nicht mein Stil» - ausdrücklich als Sprache des Volkes bezeichnet. «Setzen Sie gelegentlich eine dunkle Brille auf und besuchen Sie eine Beiz, und Sie werden so schlimme Dinge über uns Politiker und den Bundesrat hören, dass das, was ich gesagt habe, ein Nonnengebet war.» Doch auch Nonnen gehören schliesslich zum Volk.
Monika Rosenberg, Bern, ist Mitarbeiterin der NZZ.