Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?
AUF EINER Polizeiwache. A, lang und dürr, steht mit geschlossenen Augen vor den Beamten, neben ihm seine Frau B, einen Packen Manuskripte unter dem Arm, den sie im Pfandleihhaus versetzen wollte. A ist fest davon überzeugt, seine Frau ermordet zu haben, und erklärt sich ihre Gegenwart deshalb als Halluzination.
A: Als ich heute ins Pfandleihhaus ging, begegnete ich meiner ermordeten Frau. Ich bekenne mich schuldig. Doch ich fühle mich etwas verwirrt. Wie erklären Sie es, dass die Ermordete hier steht? Ich erkenne sie am Rock! Helfen Sie mir! Befreien Sie mich von dieser Halluzination! Sie geht mir nach, schon über eine Stunde. Ich höre ihren Rock, er riecht nach Stärke. Sie spricht sogar. Sie müssen wissen, dass ihr Sprachschatz aus fünfzig Worten bestand, trotzdem sprach sie nicht weniger als andere Menschen, helfen Sie mir! Beweisen Sie mir, dass sie tot ist!
B: Hör auf, um Gottes willen! Hör auf! Ich bin es, die Angst hat, ich! Du machst mir Angst! Wenn du so weitermachst, verlass' ich dich, das schwör' ich dir.
A: Einen Teil der Schuld trägt sie selbst. Wochenlang musste ich, aus Furcht vor einer Plünderung meiner Manuskripte, zur Wächterstatue erstarrt dahinleben. Ich habe sie eingesperrt. Es lag an ihr, sich in Ruhe verhungern zu lassen. Tausende indischer Büsser sind vor ihr diesen Tod gestorben und dachten sich durch ihn erlöst. Warum rang sie sich nicht zu diesem Entschluss durch? Sie hing zu sehr am Leben. Sie hätte Menschen gefressen, wären welche in ihrer Nähe gewesen. Da griff sie zum letzten Mittel: sie frass ihren Leib. Fetzen für Fetzen, Streifen für Streifen. Das offene Fleisch stank zum Himmel. In meiner Bibliothek!
B: (besorgt) Ruhig, jetzt, ruhig. Niemand hat dir weh getan. Und bald geht es dir auch wieder besser, das versprech' ich dir. Kannst du mich hören?
A: Der Zeuge fand ihre Knochen vor, vom blauen, gestärkten Rock zusammengehalten. Er warf sie in den Sarg. Ein Fleischerhund sprang auf den Sarg, zerrte den Rock hervor und zerbiss ihn in kleine Stücke. Diese frass er. So kommt es, dass der Rock nicht mehr existiert.
B: Du musst wieder gesund werden, wir brauchen dich. Wir kosten nicht viel. Wir wüssten ja gar nicht, was wir ohne dich machen sollten. Und du wüsstest es auch nicht, ganz ohne uns. Du närrischer Kerl kannst dir ja nicht mal dein Fleisch selber schneiden!
A: Sie hat diesen Tod verdient. Ich weiss noch heute nicht, ob sie geläufig lesen und schreiben konnte.
B: Ja, ja, du hast recht. Ich bin nicht sehr gescheit, und sicher war es nicht immer leicht für dich, mit einer dummen Gans zu leben. Aber ich habe gut für dich gesorgt, das musst du zugeben. Und auch, dass wir Spass miteinander hatten! Hörst du mir auch zu? Ich möchte, dass du eines weisst. Es war der schönste Tag meines Lebens, als du mich geheiratet hast. Und solange ich lebe, werde ich die geachtetste Frau der Welt sein. Hörst du mich?!
A: Es lebe der Tod!
B: (drückt das Paket schützend vor die Brust) Ich berechne die Manuskripte, die ich verkaufe, nach der Tinte. Wieviel Zeilen, soviel Schilling. Das scheint mir der einfachste Weg. (Sie verlässt - eine Säule der Rechtschaffenheit - die Wachstube.)
Die historische B hat die künstlerische Grösse ihres Mannes kaum jemals wirklich erfasst. Dessen körperliche Grösse war so bescheiden wie diejenige des Autors von A, und sein Hausrat kam tatsächlich allmählich ins Leihhaus.
Wer und wer? A ist Peter Kien aus Elias Canettis Romans «Die Blendung» (1935); B ist Constanze, Mozarts Frau, aus dem Stück «Amadeus» von Peter Shaffer (1979).