DIE ENTDECKER jener Kunst, die heute als Art brut bekannt ist, waren Psychiater. Und zugleich ist es die Psychiatrie, welche die grössten Hindernisse aufbaute für ein Verständnis und eine Würdigung der künstlerischen Leistungen ihrer Patienten. Cesare Lombroso geriet wegen seines Buches «Genie und Irrsinn» (deutsch 1887) in Verruf, Paul Meunier musste «L'Art chez les fous» (1907) unter dem Pseudonym Marcel Reja herausgeben. Walter Morgenthaler, dessen Buch über Adolf Wölfli «Ein Geisteskranker als Künstler» 1921 erschienen ist, erzählte Jahre später, dass ihm dieses Buch seinerzeit mehr geschadet als genützt habe. Auch der 1922 erschienene Band «Bildnerei der Geisteskranken» von Hans Prinzhorn hat zwar bei den zeitgenössischen Künstlern Anklang gefunden, aber auf die Psychiatrie keinen Einfluss gehabt. Und der berühmte Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger erblickte noch 1956 im Fehlen jeglicher Beziehung zu künstlerischen Vorbildern und Überlieferungen den entscheidenden Beweis dafür, dass Kunst und schizophrene Bildnerei unvereinbare Begriffe seien.
Nun ist gerade jenes Kriterium, das Binswanger bewog, Arbeiten psychiatrischer Patienten nicht als Kunst zu betrachten - nämlich die fehlende Beziehung zur kulturellen Kunst -, zu einem der Hauptkriterien jener Kunst geworden, die der Maler Jean Dubuffet eben als «Art brut» bezeichnet hat. Schon als junger Mensch hatten ihn die Abbildungen in Prinzhorns Buch fasziniert. Dubuffet unternahm 1945 eine Reise in die Schweiz. Dabei besichtigte er in der Anstalt Waldau bei Bern die Werke der schizophrenen Patienten Adolf Wölfli und Heinrich Anton Müller und lernte in Lausanne die schizophrene Patientin Aloïse Corbaz und ihre aussergewöhnlichen Zeichnungen kennen. Dubuffet war beeindruckt von der Eigenständigkeit dieser Kunst, die ohne Beziehung zu künstlerischen Vorbildern und fern des Kunstbetriebs, in der Abgeschlossenheit des Anstaltslebens, entstanden war. Die Kunst dieser Menschen repräsentierte für ihn einen extremen Individualismus, frei von sozialen und kulturellen Zwängen.
Dubuffet entschloss sich, solche Bilder zu erwerben und sie bekannt zu machen. Er setzte sich vierzig Jahre lang, nämlich bis zu seinem Tod 1985, für diese Kunst ein, sammelte sie, stellte sie aus, kämpfte für ihre Anerkennung. Seine Collection de l'Art brut war die erste Sammlung der Kunst psychiatrischer Patienten ausserhalb einer psychiatrischen Institution. Er entwickelte in seinen zahlreichen Schriften eine Theorie dieser Kunst, und in seinen Sammlungen, Ausstellungen und Publikationen zeigte er, was er unter Art brut verstand.
Für die Anerkennung einer Produktion als Art brut verlangte Dubuffet völlige Unabhängigkeit von kultureller Kunst, etwas Überraschendes, selbst Erfundenes, das Schaffen aus einer inneren Notwendigkeit, einer extremen Spannung, einem «hohen Fieber» heraus. Echtes künstlerisches Schaffen habe immer etwas mit Wahnsinn und Manie zu tun, sei niemals «normal». Während die von keiner Tradition abhängigen Werke unausgebildeter schizophrener Patienten für Binswanger künstlerisch wertlos waren, waren sie für Dubuffet höchster Bewunderung wert.
Was seine Vorgänger, die Psychiater, nicht erreicht hatten, ist Dubuffet gelungen: Er hat diese Kunst vielen Menschen nahegebracht und ihre Anerkennung in der Kunstwelt bewirkt. Zu diesem Erfolgt trug bei, dass Dubuffet Künstler war und man ihm künstlerische Kompetenz zugestand. Vor allem aber war es der Umstand, dass Dubuffet betonte, Art brut sei keine Kunst der Geisteskranken, keine «psychopathologische Kunst». Menschen, die nicht in psychiatrischen Anstalten leben, könnten ebenfalls Art brut hervorbringen, wenn sie sozial weitgehend isoliert sind.
Fast die Hälfte der Werke, die sich in der Collection de l'Art brut in Lausanne befinden, stammt von Insassen psychiatrischer Krankenhäuser, die als schizophren bezeichnet werden. Viele Art-brut-Künstler haben geringe oder keine Schulbildung. Sie wurden nicht zu Künstlern, nachdem sie andere Kunstwerke betrachtet oder sich mit künstlerischen Zeitströmungen auseinandergesetzt hatten, wie das bei professionellen Künstlern der Fall ist, sondern waren imstande, als Erwachsene, manchmal sogar in höherem Alter, als Zeichner und Maler dort anzuknüpfen, wo sie als Kinder aufgehört hatten, nun aber mit grösserer Intensität und Ausdauer. Der englische Literaturhistoriker Roger Cardinal nennt diese Gruppe von Art-brut-Künstlern die «innocents».
Eine Ausgabe der «Publications de la Collection de l'Art brut» trägt den Titel «Gugging». Es werden darin fünfzehn Künstler aus der Anstalt Gugging bei Wien vorgestellt. Sieben von ihnen leiden oder litten an schweren chronischen schizophrenen Psychosen, nämlich Oswald Tschirtner, August Walla, Johann Garber, Rudolf Horacek, Franz Kernbeis, Otto Prinz und Max. Bei fünf weiteren Patienten war eine manisch-depressive Erkrankung zu diagnostizieren, ihre manischen Phasen erreichten das Ausmass einer Psychose (Johann Hauser, Philipp Schöpke, Franz Gableck, Johann Scheiböck und Johann B.). Bei Josef Bachler lautete die Diagnose: chronischer Alkoholismus, bei Johann Korec: Schwachsinn mittleren Grades. Der Grund, der zur Einweisung in die Anstalt geführt hatte und sich schliesslich auch in ihrer Kunst äusserte, war aber eine leichte chronische Manie. Fritz Opitz war Epileptiker und litt zeitweise an Dämmerzuständen.
Mangelhafte Schulbildung und geringe Intelligenz weist die Hälfte der Gugginger Künstler auf. Aber nicht nur die «innocents», sondern alle Gugginger Künstler sind völlig frei von eigener Auseinandersetzung mit jenem sozialen und kulturellen Phänomen, das man die «bildende Kunst» nennt.
Jean Dubuffet prägte den Satz, der oft zitiert wird: «Es gibt so wenig eine Kunst der Geisteskranken, wie es eine Kunst der Magenkranken oder der am Knie Erkrankten gibt.» Meiner Verehrung für ihn als den Entdecker von Art brut und einen Freund der Gugginger Künstler tut es keinen Abbruch, wenn ich in dieser Hinsicht nicht völlig mit ihm übereinstimme. Man kann psychische Störungen, die die ganze Persönlichkeit verändern, mit körperlichen Krankheiten nicht gleichsetzen. Wir kennen freilich keine Kunst der Magenkranken oder der am Knie Erkrankten; wir kennen aber eine Kunst der Schizophrenen, der Manisch-Depressiven, der Epileptiker und der zerebral Geschädigten. Art brut ist im grossen und ganzen doch eine Kunst psychisch schwer gestörter Menschen.
Die völlige Unabhängigkeit von «kultureller» Kunst ist bei den Schizophrenen aber nicht nur durch ihre Isolierung in einer Anstalt bedingt, sondern auch durch den Realitätsverlust, den die Psychose bewirkt. Seit Freud hat man die Vorstellung, dass die Psychose (im Gegensatz zur Neurose) ein primärer Realitätsverlust ist, genauer gesagt, ein teilweiser Verlust jener Bezüge zur realen Umwelt, die für den Menschen von existentieller Bedeutung sind. Der schizophrene Mensch kann seine subjektive Innenwelt mit der Aussenwelt nicht mehr in Einklang bringen; er ist an einem Punkt angelangt, an dem ein wesentlicher Teil dieser Aussenwelt für ihn irrelevant geworden, scheinbar nicht mehr vorhanden ist. Der Ausbruch einer schizophrenen Psychose wird oft als Weltuntergang erlebt. Ist der Realitätsverlust so gross, dass soziale Position und Selbsterhaltung dadurch in Gefahr geraten, bezeichnen wir einen solchen Menschen als krank und behandeln ihn wie einen Kranken.
Auch der «extreme Individualismus», den Dubuffet seinem Art-brut-Begriff zugrunde gelegt hat, findet sich in stärkster Ausprägung bei den schizophrenen Kranken. Die Schizophrenie macht die Menschen ja nicht gleich. Ganz im Gegenteil, die individuelle Eigenart psychotischer Menschen ist viel stärker ausgeprägt als die der Gesunden. Nicht zu Unrecht sah man deshalb schon im vorigen Jahrhundert in der Psychose eine «bis aufs äusserste gesteigerte Individualität».
Schon Prinzhorn hatte die völlige autistische Vereinzelung seiner schizophrenen Künstler hervorgehoben, das Monologische ihrer Kunst. Dubuffet schätzte es, wenn ein solcher Künstler seine Werke verbarg, sie nicht hergab und niemandem zeigte. Vielleicht hatten sie einen «imaginären Adressaten», vielleicht gar keinen, waren es nur Botschaften an sich selbst. Der ideale Art- brut-Künstler schafft seine Kunst nur für sich, nicht für andere.
Michel Thévoz, Leiter der Collection de l'Art brut, erzählt die Geschichte von einer 75jährigen Dame, die in einem Altersheim lebte und extravagante Strickarbeiten herstellte. Als er davon erfuhr, besuchte er sie und fand sie in ihre Arbeit vertieft; sie strickte gerade ganz aus der Phantasie an einem Wollbild von verblüffender Originalität. Thévoz wollte es der alten Dame abkaufen; er erzählte von seinem Museum und schlug ihr vor, eine Ausstellung mit ihren Arbeiten zu machen. Sie lehnte alles ab und erklärte ihm, dass sie ihre Strickarbeiten auftrenne, sobald sie fertig seien, um die Wolle hierauf wieder zu verwenden. Thévoz brachte dieses extreme Beispiel für die Haltung des Art-brut-Schöpfers, dessen Kunst sich ganz auf den schöpferischen Akt konzentriert, ohne für andere eine Spur zu hinterlassen.
Das fehlende Bedürfnis nach Kommunikation mit Hilfe seines Werkes, das den echten Art-brut-Künstler kennzeichnet, wirft jedoch verschiedene Probleme auf. Je mehr man nämlich die bildnerischen Werke der Art- brut-Künstler mit ihrer autistischen Geistesverfassung in Zusammenhang bringt, um so mehr werden sie zum Symptom der Schizophrenie, und man muss sich fragen, ob es dann notwendigerweise Bildnereien hätten sein müssen, ob das Zeichnen und Malen nicht mehr oder weniger zufällig zustande gekommen sei und ob diese Kranken ihre Symptome nicht auch in einer ganz anderen, weniger spektakulären Symptomatologie hätten ausleben können.
Ich sass unlängst mit Aurel, einem schizophrenen Kranken, in einem Restaurant zusammen beim Mittagessen. Aurel hatte vor nahezu fünfzig Jahren in einer Abteilung unseres Krankenhauses mit grosser Hingabe bestimmte Motive immer wieder gezeichnet. Aurel hatte guten Appetit und war gesprächig. Er nahm einen besonders kleinen Kinderlöffel aus seiner Rocktasche und hielt ihn so, als wolle er damit etwas auffangen. Dann sagte er, er müsse jetzt warten, bis das Telefon klingle. Er bekämpfe auf diese Weise seine Feinde. «Was haben Sie denn für Feinde, Aurel?» fragte meine Frau. «Die bilde ich mir ein», antwortete Aurel ganz naiv. Dann erzählte er, dass er einige Zeit vor der Stiftskirche gestanden sei und auf den Glockenschlag gewartet habe; Vorübergehende hätten ihn gefragt, ob ihm etwas fehle; sie hätten nicht verstanden, dass er auf den Schlag der Kirchenglocke habe warten müssen. Im Kaffeehaus habe er einen fremden Mann eine Zeitlang angeschaut, bis der Fremde aufgestanden sei und gesagt habe: «Was starrst du mich so an, willst a Fotzen (eine Ohrfeige) haben?» Da sei er schnell aufgestanden und weggegangen.
Ich war beeindruckt von den Handlungen Aurels in seiner psychotischen Welt, von den magischen Ritualen, die er ausführte und die ihn eigentlich den ganzen Tag beschäftigten. Sein ganzes fremdartiges Verhalten während des Mittagessens, das mich bloss deshalb nicht erschreckte, weil ich Aurel seit langer Zeit gut kannte, erinnerte mich sehr an seine frühere Kunstproduktion, ja schien mir aus der gleichen Quelle zu kommen. Sie hat mich stark berührt.
Aurels sonderbares Verhalten blieb den meisten Menschen im Pensionistenheim, wo er jetzt lebt, verborgen; weil sie es für unsinnig hielten, redete Aurel nicht darüber. Er war aber durchaus gesprächsbereit und willens, andere an seiner Innenwelt teilhaben zu lassen.
Wie sehr das Zeichnen und Schreiben der schizophrenen Kranken, worin allein wir ihre Kunst erblicken, von Zufällen der äusseren Anregung, der äusseren Möglichkeiten abhängig ist, zeigte auch der Fall unseres Patienten Johann Fischer.
Johann Fischer war schon viele Jahre hospitalisiert. Er war als ein ruhiger, freundlicher Patient bekannt, der den Ärzten seine absurden Wahnideen bei Befragung mitteilte, sonst aber nur durch gewisse Skurrilitäten seines Verhaltens auffiel. So sah man ihn manchmal auf der Anstaltsstrasse, die den Berg hinaufführt, rückwärts gehen, manchmal legte er sich auch für kurze Zeit der Länge nach flach auf die Strasse. Da wir in unserem Haus der Künstler noch einen Platz frei hatten und von der Direktion veranlasst wurden, das Haus voll zu belegen, nahmen wir Johann Fischer auf. Es war zunächst nicht geplant, dass er auch zeichnen würde. Er sass mit den andern Patienten im Tagraum und fügte sich in jeder Beziehung in die Wohngemeinschaft gut ein. Eines Tages legte meine Sekretärin Papier und Bleistift vor ihn auf den Tisch und fragte ihn, ob er auch etwas zeichnen wolle. Und als er sah, dass die anderen Patienten zeichneten, versuchte auch er es und wurde ein Künstler, dessen Arbeiten zwei Jahre später in der Ausstellung «Die Künstler aus Gugging» gezeigt wurden. Wie Johann Fischer wären viele Patienten, deren Arbeiten in der Collection de l'Art brut unter dem Titel Gugging präsentiert werden, niemals zu einem künstlerischen Schaffen gekommen, wären sie nicht dazu veranlasst worden. Auch die Gedichte Ernst Herbecks wären ohne Anregung nicht zustande gekommen.
Der ideale Art-brut-Künstler ist also der schizophrene Art-brut-Künstler: der sozialen Realität entfremdet, ein extremer Individualist, der nur für sich selbst schafft. Nicht alle Art-brut-Künstler entsprechen diesem Typus; es sind auch nicht alle Art-brut-Künstler schizophrene Kranke. Der manische Johann Hauser etwa wollte schon während des Zeichnens bewundert werden, der manische Franz Gableck brachte mir jedes seiner Werke mit einer persönlichen Widmung versehen. Philipp Schöpke, Josef Bachler, sie alle waren nicht autistisch, wollten gelobt werden und Anerkennung finden. Aber auch unsere schizophrenen Patienten haben ein Verlangen nach Gemeinschaft, ein Bedürfnis nach Einssein mit der Welt und nach einer Beziehung zu anderen Menschen. Ich denke, die Bilder und Texte geben uns - und ganz sicher auch den schizophrenen Kranken, die diese Werke geschaffen haben - ein Gefühl gegenseitiger Verbundenheit.
Prof. Dr. Leo Navratil war von 1946 bis 1986 Arzt an der Niederösterreichischen Landesnervenklinik Maria Gugging in Klosterneuburg bei Wien. Er war Entdecker und Förderer der Gugginger Künstler und Initiator des «Hauses der Künstler», das 1981 im dortigen Krankenhaus gegründet worden ist.