SERIFEN, DAS SIND die feinen Häkchen an den Enden der Buchstaben. Sie geben dem Zeitungsleser das Gefühl, dass die Lettern ordentlich befestigt sind und nicht auf den Teppich rieseln. Online, auf der matten Scheibe des Bildschirms, machen sie keine gute Figur. Die Schrift zeigt Krallen und sieht zerfranst aus. Deshalb mag der Printjournalist Serifen, der Online-Journalist aber nicht.
Was sie im Kleinen scheidet, setzt sich im Grossen fort: Beide stehen im Impressum, technisch leben sie getrennt. Der eine denkt an Druckplatten, der andere an Festplatten. Auf der einen Seite ist die Deadline Richtschnur, auf der anderen gibt die Ungeduld der Online-Welt den Takt. Privat mögen sie sich gut verstehen, beruflich bilden sie ein Katz-und-Maus-System: Was ein wahrer Gutenberg-Apologet ist, vermutet im Computer die Primadonna-Version der Schreibmaschine, im Online-Kollegen den Kannibalen der Druckausgabe und im Cyberspace einen Ort zur Mehrung journalistischer Kümmerformen. Umgekehrt beginnt der beflissene Jünger der Technik sofort zu gähnen, wenn jemand nur gebrochen HTML spricht. Obwohl Papier keinen Strom braucht, sieht er den Tag der letzten Druckausgabe heraufdämmern.
Immerhin, dank Tom und Jerry kommt ein Artikel heute überall hin. Er erreicht den Flaneur im Kaffeehaus genauso wie den Trendsetter mit WAP-Handy beim Canyoning. Die gute alte Tante Zeitung hat sich neu erfunden und in ein Informationssystem verwandelt, dessen endgültige Gestalt immer noch ein Rätsel ist. Bei der «Financial Times» führen Print- und Online-Journalisten die Nachrichtenschlacht Schulter an Schulter in gemeinsamen Ressorts, bei der «Chicago Tribune» ist es schon vorgekommen, dass sie nacheinander denselben Interviewpartner heimsuchten. Die totalen Reporter des «Orlando Sentinel» schreiben Texte, speichern sie zwischendurch W3C-konform ab und treten nebenbei im Fernsehen auf. Kamera am Kopf, Mikrophon am Revers, Tastatur am Handgelenk - kommen die Redaktoren künftig so zur Pressekonferenz?
Als das American Press Institute 1988 Fachleute aus aller Welt bat, Vermutungen über die Zeitung im Jahr 2000 anzustellen, sahen die Auguren bloss mehr Schmuckfarben und kürzere Artikel. Einer von ihnen, der Medienexperte Roger Fidler, prophezeite Zeitungen in Computern. «Die Bemerkung wurde ignoriert», wie er rückblickend anmerkt. Doch die Zukunft ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.