NZZ Folio 03/94 - Thema: Im Gehirn   Inhaltsverzeichnis

Die fehlende Hälfte

Von einem, der den Mailänder Dom nur halb sieht.

Von Edoardo Bisiach

Der 72jährige mailänder Rechtsanwalt N. V. erlitt am 2. Dezember 1977 einen Hirnschlag. Eine kleine Blutung im hinteren Teil seiner rechten Grosshirnhälfte führte - was in solchen Fällen nicht ungewöhnlich ist - zu einer schweren Schädigung der Motorik und Sensorik in der linken Körperhälfte. Unter anderem war N. V. zu keiner Wahrnehmung auf der linken Seite seines Gesichtsfeldes mehr fähig. Diese sonderbare Form des Wahrnehmungsverlusts ist den Medizinern als Neglect-Syndrom bekannt. Es tritt häufiger und gravierender bei Verletzungen der rechten Hirnhälfte auf, wird allerdings auch bei Patienten mit Verletzungen der linken Hemisphäre beobachtet.

Bei N. V. wirkte sich diese Schädigung aber noch weiter aus: Sie betraf selbst sein Vorstellungsvermögen für ihm sehr vertraute Orte und Gegenstände. Aufgefordert, aus dem Gedächtnis den Blick zu beschreiben, den man von der gegenüberliegenden Seite des Mailänder Doms auf den Platz hat, zählte er auf: «Ich sehe den Dom, das Denkmal des Vittorio Emanuele II, die Lauben, die Ecke des Palazzo Reale, den Arengario, das Ende der Via Mazzini und die Piazza Missori, die Konditorei Alemagna.» Alles, was N. V. in seiner Vorstellung sah, lag in der rechten Hälfte seines Gesichtsfeldes, die linke existierte nicht. Das Phänomen wiederholte sich, als man ihn kurz darauf bat, den Domplatz noch einmal zu beschreiben, aber nun so, wie wenn er aus dem Zentralportal des Doms hinaustreten würde. Nun sah N. V. plötzlich, was er vorher nicht wahrgenommen hatte: den Palast der Orefici, die Loge der Mercanti, den Palast der Rechtsgelehrten, die Galerie mit den Terrassen und die Konditorei Motta, die Via San Raffaele und die Piazza San Fedele - wiederum verschwunden war die linke Hälfte des Platzes; N. V. erinnerte sich ausschliesslich an die rechte Hälfte dessen, was vor seinem geistigen Auge lag.

Der fast vollständige Verlust der linken Hälfte seines Gesichtsfelds zeigte sich erneut, als der Patient das Arbeitszimmer beschreiben sollte, in dem er einen grossen Teil seines Lebens verbracht hatte. Stellte er sich vor, an seinem Renaissancetisch zu sitzen, wusste er von der linken Hälfte des Raums nicht mehr, als dass dort die Tür zum Flur lag und ein Flügel stand - er hatte jeden Tag ein paar Stunden darauf gespielt. Bat man ihn dagegen, sich vor den Schreibtisch zu stellen, sah er den zuvor nur bruchstückhaft erinnerten Teil des Raumes in allen Details, bis hin zur Büste von Dante auf dem Büchergestell.

Diese verblüffende Eigentümlichkeit, die sich im Fall von N. V. manifestiert, ist in den letzten Jahren bei zahlreichen weiteren Patienten beobachtet worden; bei ihnen allen hatte eine Verletzung der rechten Grosshirnhälfte zu einer Störung der linken Seite des Gesichtsfeldes geführt, und zwar sowohl in der Wahrnehmung als auch im Vorstellungsvermögen. Als sich zum Beispiel ein Patient in New York vorstellen sollte, er blicke nach Kalifornien und müsse beschreiben, welche Bundesstaaten er aus dieser Perspektive sehe, erwähnte er lediglich jene Staaten, die rechts von seiner imaginären Blicklinie lagen.

Noch verblüffender ist, dass das Neglect-Syndrom auch bei Aktivitäten auftritt, die nicht offensichtlich visuell-räumlicher Art sind. Das zeigte sich bei einem Patienten, der Worte zu buchstabieren versuchte, die ihm vorgesprochen wurden. Dabei unterliefen ihm immer am Wortanfang viele Fehler, ganz gleich, ob er das Wort von vorne nach hinten buchstabierte oder umgekehrt. In seiner Vorstellung, so berichtete der Patient, erscheine ihm die linke Hälfte des Wortes getrübt.

Diese klinischen Beobachtungen sind natürlich von Bedeutung für die Hirntheorie. Um die Funktionsweise unseres Geistes zu verstehen, ist die Klärung einer zentralen Frage entscheidend: Haben die Inhalte unserer Gedanken eine sinnhafte oder eine abstrakte, unanschauliche Struktur? Über dieser Frage haben sich Philosophen und Psychologen in unendliche Auseinandersetzungen verstrickt. Aber welche These auch immer favorisiert wurde: in der Regel gründeten die Argumente zumindest teilweise auf introspektiver Erfahrung.

Oft wurde dabei ein wesentlicher Umstand zu wenig berücksichtigt: Die Entwicklung des Gehirns - sowohl in der stammesgeschichtlichen als auch in der individuellen Evolution - wird geprägt von den physischen Eigenschaften der Umwelt, in der der Organismus lebt. Das wird klar am Beispiel der Fliege: Der sie umgebende Raum wird via das Auge in simpler Entsprechung auf ihr Nervensystem abgebildet - ähnlich wie ein Gegenstand fotografisch festgehalten wird. Es ist eine plausible Annahme, dass auch die reine Vorstellung beim Menschen geprägt ist durch physische Eigenschaften; das heisst, dass es eine Abbildungsidentität gibt zwischen dem Objekt, das man sich vorstellt, und den dabei ablaufenden Gehirnprozessen. Geht man von dieser These aus, wäre die andere Theorie falsch, die eine Übersetzung des Objekts in eine nicht-räumliche «Sprache des Geistes» annimmt.

Dagegen könnte man einwenden, dass in unserem Hirn kein roter Fleck erscheint, wenn wir einen solchen wahrnehmen oder uns vorstellen. Aber der Begriff der Abbildungsidentität geht davon aus, dass die Reize der Aussenwelt in einen Code umgewandelt werden. Dieser Code besteht aus den elektrischen Impulsen, die von den Neuronen, den Nervenzellen, erzeugt und an andere Neuronen weitergegeben werden. Hört man zum Beispiel ein Lied, lösen die verschiedenen Töne Entladungen von unterschiedlicher Frequenz in jenen Zellen der Hirnrinde aus, die für den Hörsinn zuständig sind. Im Fall der räumlichen Vorstellung im Gehirn zeigt sich die Identität zwischen dem, was im Hirn abgebildet wird, und dem Vorgang der Abbildung im Verhalten von Patienten wie N. V.: Die Verletzung der einen Seite des Hirns bewirkt die Störung in der Darstellung der gegenüberliegenden Seite des Raumes.

An dieser Stelle ergibt sich eine Schwierigkeit: Jeder von uns kann auf ein Blatt Papier einen Gegenstand zeichnen, den er eben wahrgenommen hat oder aus dem Gedächtnis abruft. Unsere Zeichnung ist das einfachste Beispiel für eine Abbildungsidentität. Im Gehirn scheint es also eine Abbildungsebene zu geben, auf der die Hirntätigkeit, die unser Zeichnen steuert, formal mit dem gezeichneten Gegenstand übereinstimmt. Aber diese Abbildungsebene liegt eher in der motorischen Peripherie des Nervensystems und ist strukturell verschieden von den zentralen Ebenen der Informationsverarbeitung im Gehirn. Beschreibungen einer vertrauten Umgebung, wie sie unser Patient N. V. gegeben hat, legen eine gewissermassen «gemalte» Abbildung nahe: eine Abbildung, die auf eine imaginäre Leinwand projiziert wird, auf der N. V. «sieht», was er im Begriff ist zu beschreiben. Die Zuweisung eines präzisen Blickwinkels, von dem aus N. V. die zu beschreibende Szene einordnen soll, könnte seinem Nervensystem genau diese Darstellungsart aufzwingen. Diese mag zwar abbildungsidentisch sein, ist aber wahrscheinlich auf einer Ebene entstanden, auf der es überhaupt keine Abbildungsidentität zwischen dem physischen und dem gedachten Gegenstand gibt.

Es gibt begründete Hinweise zugunsten der Annahme, dass der Gedankeninhalt aus sinnlich konkreten Abbildungen besteht und nicht einen der Sprache ähnlichen symbolischen Charakter hat. Wir führten Versuche durch, bei denen wir auf Vorgaben verzichteten, die möglicherweise zu falschen Schlüssen führten. Anders als bei N. V., der den Domplatz von einem definierten Punkt aus beschreiben sollte, haben wir es unterlassen, den Raum, den es für die Patienten zu erinnern galt, durch einen bestimmten Blickwinkel zu fixieren. Der Versuch bestand darin, dass wir Neglect-Syndrom-Patienten aufforderten, sich vorzustellen, sie müssten einem Fremden den Weg zu einem bestimmten Ort in ihrer Stadt beschreiben.

Ein typisches Beispiel ist die Patientin A. S., die wir baten, uns den kürzesten Weg vom Mailänder Dom zum Universitätsspital anzugeben. «Ich folge dem Corso Vittorio Emanuele», sagte sie ohne das geringste Zögern, «dann biege ich in die Via Monforte ein, gehe bis zur Via Sforza, der ich bis zur Universitätsklinik folge.» Die Beschreibung von A. S. führt zwar zum Ziel, aber auf einem völlig absurden Umweg, da sie nur Abbiegungen nach rechts angeben kann. Und auch bei der Beschreibung des Wegs in umgekehrter Richtung verliess A. S. das Vorstellungsvermögen, als sie nach links hätte abbiegen müssen. Dieselbe Unsicherheit stellten wir bei einem Patienten aus Marseille fest, der eine imaginäre Fahrt entlang der Küstenstrasse bis nach Cassis schildern sollte. Wo er eine Abzweigung nach links hätte nehmen müssen, verfuhr er sich in einem Wirrwarr von Nebenstrassen, bis er eine Kreuzung erreichte, auf der er endlich nach rechts abbiegen konnte. Seine Erleichterung war deutlich spürbar, als er ausrief: «Ah, jetzt bin ich gerettet!»

Obwohl wir in der Geschichte der Menschheit Beispiele zur Genüge dafür finden, dass sich das Denken in verschiedenste Formen des Wahnsinns zersetzen kann, ist die Erkenntnis erstaunlich, dass das Denken, so wie bei unseren Patienten, an einer einzigen Raumkoordinate zerbrechen kann. Was um so mehr erstaunt, als alles, was auf der anderen Seite dieser Koordinate liegt, grundsätzlich intakt bleibt. Es gibt in der Tat Patienten, die jegliches Bewusstsein der einen Hälfte des Raumes, der sie umgibt, verloren haben; und die sich dennoch - wie der halbierte Ritter von Italo Calvino - ihre menschliche Individualität bezüglich der überlebenden Seite erhalten haben. Gegenüber Menschen und Gegenständen, die sich in jener Hälfte des Raumes befinden, die sie wahrnehmen können und in die sie ihre geistigen Repräsentationen projizieren können, verhalten sich Patienten wie N. V. und A. S. wie vor dem Ausbruch der Krankheit: intelligent, überlegt, scharfsinnig.

Akzeptiert man diese neue Erkenntnis und ist man bereit, sie in die Gesamtheit unserer Vorstellungen über die Funktionsweise des Geistes aufzunehmen, scheint die Tatsache weniger erstaunlich, dass geistige Prozesse durch einfache physiologische Eingriffe beeinflusst werden können. Zum Beispiel durch die Stimulation des Gleichgewichtsorgans im Ohr, dessen Wirkung sich offenbar nicht auf die Regelung der Lage des Körpers im Raum beschränkt. Bei Patienten mit dem Neglect-Syndrom wirkt ein ganz simples Verfahren: spritzt man in den äusseren Gehörgang auf der Seite, die nicht vom Syndrom befallen ist, warmes Wasser ein, so verschwinden dank dieser sensorischen Reizung die Wahrnehmungs- und Erinnerungsstörungen zumindest vorübergehend. Diese Wirkung liess sich bei Patienten wie N. V. und A. S. beobachten, aber auch in anderen Fällen hat man damit Erfolge erzielt, zum Beispiel bei schwer gestörter Eigenwahrnehmung, die sich so äussern kann, dass jemand seinen Arm oder sein Bein nicht als sein eigenes Körperglied wahrnimmt und als zu einer fremden Person gehörig betrachtet.

Es mag beängstigend wirken, dass sich unser Geist so brutal auf physische Prozesse der organischen Materie reduzieren lässt. Es wäre allerdings wünschenswert, dass diese Bestürzung nach reiflichem Nachdenken der Bewunderung weicht; Bewunderung für das Grossartige, das die Natur mit der Schaffung des menschlichen Geistes erreicht hat. Und der Kultur, die aus dem Geist entstanden ist und deren kühnstes und schwindelerregend paradoxes Unterfangen das Studium ist, das der Geist sich selber widmet.

Edoardo Bisiach ist Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Padua; er lebt bei Como.


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