Wer in seinem Keller neben den vollen auch eine nette Anzahl leerer Flaschen stehen hat, sollte nicht gleich als unordentliche Weinnase beschimpft werden. Das Sammeln alter - leerer - Flaschen kann nämlich auch ein Anzeichen wahrer, höchst entwickelter Leidenschaft sein; ja ich möchte gar behaupten: der wirkliche Weinliebhaber zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er gewisse Flaschen, statt sie schnöde im Altglascontainer zu entsorgen, mit einem Platz in seiner Kellergalerie ehrt.
Gewisse Flaschen sind Genuss-Souvenirs, Erinnerungsstücke aus Sternstunden der Kellerkunst. Verdient die noble Erscheinung einer alten, hochschultrigen Bordeaux-Flasche aus grobem Glas und mit einem vom Zahn der Zeit angenagten Etikett nicht stille Bewunderung? Eine Flasche Château Mouton-Rothschild, mit dem Jahr für Jahr von einem andern Künstler gestalteten Etikett, ist zweifelsfrei ein ideales Sammlerobjekt. Und wie wunderbar sind Raritäten wie jene bauchige Flasche Château Talbot 1961 mit dem neckischen Zusatzetikett, das einen Gutsbesitzer selig zeigt!
Besonderer Gunst erfreuen sich bei den Sammlern aussergewöhnliche Etiketten und Formen - und je grösser die Flasche, desto schöner. Nicht übel ist bei den Bordeaux die Magnumflasche (1,5 Liter), noch besser die Doppelmagnum (3,0 Liter), die Jéroboam (4,5 Liter) und die Impériale (6 Liter).
Bei den Champagnern schliesslich sind ausser der Magnum (sie fasst beim Schaumwein 1,6 Liter) und der Jéroboam (3,2 Liter) noch weitaus mächtigere Grossformate im Handel: die Rhéoboam (4,8 Liter), die Methusalem (6,4 Liter) sowie - atemraubend - die Salmanazar, die Balthasar und die Nebukadnezar (die Franzosen sagen Nabuchodonosor) mit einem Fassungsvermögen von gut 9 beziehungsweise gut 12 und 15 Litern.
Gelten die Franzosen als die Klassiker des Flaschendesigns, so ist unter den Italienern die Avantgarde zu finden. Das Gebinde des «Terre di Tufo» fasst die Eleganz dieses trockenen Weissweins in trendsetzendes Flaschenglas; der lockere Pinselstrich auf dem Etikett des «Opera prima» signalisiert den Aufstieg der Weinbauern des Piemonts auch graphisch.
Wer sich unter neueren Gewächsen nur ein bisschen umschaut, bemerkt schnell einmal, dass eine Weinflasche mehr als nur Verpackung ist. Sie ist Glas gewordene Inspiration, Animation - Verführung. Und solange man nicht nur Opfer des schönen Scheins wird, sollte man dies nicht beklagen. Zu bunt wird das Tun der Flaschengestalter erst, wenn der Materialaufwand übermässig und die Form unpraktisch oder der Lagerung des Weines gar abträglich ist.
Zwei Dinge muss man über Flaschen wissen: Erstens sollte das Glas einen optimalen Lichtschutz garantieren; das heisst, es sollte von brauner oder (dunkel)grüner Farbe sein (weisses Glas eignet sich nur für sofort zu konsumierende Weiss- oder Roséweine); und zweitens ist zu beachten, dass die Grösse der Flasche Einfluss auf die Reifung des Weines hat; je grösser der Flascheninhalt, desto langsamer und damit besser entwickelt sich der Wein. Dies liegt darin begründet, dass das Verhältnis von Weinvolumen zur Fläche des Korkenbodens und zum Luftkissen zwischen Weinoberfläche und dem Korken den Oxydations- und Reifevorgang mitbestimmt. Grössere Volumen verkraften den Luftkontakt einfach besser. Ein Wein, der aus einer Magnum oder Doppelmagnum kredenzt wird, ist somit riech- und schmeckbar harmonischer als das gleiche Erzeugnis aus einer Normal- oder Halbflasche.
Faustregel unter F wie Flaschen: Kleine Flaschen mögen praktisch sein, grosse hingegen versprechen ein Trink-Ereignis - und sind, als Trophäe, ein bisschen für die Ewigkeit bestimmt.