ARISTOTELES ERSCHIEN die Schönheit «wirkungsvoller als alle Empfehlungsschreiben». Man könnte auch sagen: sie ist selbst das machtvollste Empfehlungsschreiben; machtvoller vielfach als Geld, Abkunft und Geist; ein Empfehlungsschreiben, das die Unterschrift der Natur trägt und eben deshalb von uns, die wir mit nichts und niemandem so hingebungsvoll Krieg führen wie mit der Natur, als zutiefst ambivalent erfahren wird. Bewunderung und Empörung, Hingabe und Rebellion umschreiben das Spektrum unserer widersprüchlichen Reaktionen. Es scheint uns zu erschrecken, wenn wir unvermutet der sozialen Macht der Schönheit innewerden. Deshalb wohl befestigen wir stets aufs neue die Schranken des Tabus; deshalb lügen und heucheln wir nirgends so konsequent wie dort, wo es um die Schönheit geht, genauer: um ihren Machtanspruch und ihren sozialen Prestigerang.
Schönheit ist, vor allem anderen, Artgenossenschönheit: Wenn wir den Artgenossen beurteilen, bewegen wir uns gleichsam «in unserem Medium». Hier leitet uns die gewiss immer auch bestechliche Gewissheit langer Erfahrung: Wir begegnen uns und unseresgleichen. Wir beurteilen etwas, das wir teilen. Grundlage unserer Unterscheidung und unseres Urteils ist die Anteilhabe mehr als die Anteilnahme. Gewiss gilt auch hier, dass «die Geschmäcker verschieden» sind; doch ebenso gewiss geht diese Verschiedenheit nicht so weit - wie uns mancher weismachen will -, dass alles relativ sei und es sich nicht lohne zu streiten.
Schönheit ist soziale Macht von Anfang an. Das hübsche Baby erfährt mehr Anteilnahme und Zuwendung als das weniger niedliche. Dem schönen Kind wird leichter verziehen, es kann mit mehr Aufmerksamkeit rechnen, es wird sich mit den Noten in der Schule leichter tun, genauso wie mit den Freundschaften und anderen Sozialofferten, die ihm auf allen Stationen seines Lebenswegs überreichlich angetragen werden. Und weil es mehr Ermutigung erfährt, wird es auch selbstbewusster, schlagfertiger und sozial «offensiver» - und damit in den Augen vieler noch attraktiver . . .
Der Schöne lebt in einer anderen Welt; ihn umgibt ein Faradayscher Käfig sozialer Hegung und fürsorglichen Begehrs. Die Bevorzugung der Schönen in unterschiedlichsten Lebenssituationen - von der Tanzstunde bis zur Kontaktchoreographie des Urlaubs, der Einladungen und Parties - ist inzwischen durch eine Reihe von Studien zweifelsfrei belegt. Von der Partnersuche bis zum Gerichtsprozess, von den Freizeitangeboten bis zum Arbeitsplatz schneiden die Schönen einzig auf Grund ihrer Schönheit und der damit verbundenen sozialen Macht, für sich einzunehmen und sich ihre Mitmenschen gewogen zu machen, deutlich besser ab als die Minder-«Begabten».
In den Personalbüros ganz unterschiedlicher Firmen wurden in Versuchsreihen aus identischen, aber mit unterschiedlichen Fotos unterlegten Bewerbungen ganz überwiegend die attraktiveren Personen gewählt. Eine andere, bereits 1975 durchgeführte Untersuchung über das Verhalten von Lehrern und Erziehern belegte die deutlich besseren Noten- und Bildungschancen von hübscheren Kindern: Wurde den Zeugnissen und IQ-Werten eines Schülers das Foto eines schönen Kindes beigefügt, so war zum Beispiel die Bereitschaft der Erzieher, in sogenannten hoffnungslosen Fällen die Sonderschule für Zurückgebliebene zu befürworten, deutlich geringer.
Dass Fernsehmoderatorinnen, Verkäuferinnen in Modeboutiquen oder Stewardessen bevorzugt nach ihrer Attraktivität ausgewählt werden, kann kaum überraschen: dass aber auch unter Westpoint-Kadetten eindeutig die hübscheren schneller reüssieren, ist schon bemerkenswert; ebenso, wie sehr die Schönheit des weiblichen (Ehe-)Partners auf die Einschätzung der Attraktivität des Mannes abfärbt. So wurden Versuchspersonen aufgefordert, auf Fotos mit Paaren nur jeweils den Mann zu beurteilen. War ihm eine schöne Partnerin zu seiten, so schlug sich dies fast immer auch in Gestalt einer Steigerung seiner Persönlichkeitswerte nieder: er wurde für interessanter, erfolgreicher oder intelligenter erachtet, als wenn die Frau an seiner Seite einen unscheinbaren Eindruck machte.
Die Liebe mag, wie es in Shakespeares «Sommernachtstraum» heisst, «nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen (sehen)» - doch das Herz sieht allemal zuerst mit dem Auge. Wie sehr auch in der Liebe die Liebenden auf die Schönheit verpflichtet sind, zeigt sich vor allem in den Ausmassen, in denen sie sich wechselseitig auf- und umschönen.
Gewiss sollte man in Sachen der Liebe und der Schönheit auf das mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung aus den Zeitgenossen Herausgefragte nicht allzuviel geben. Aber interessant ist eben doch, wie viele Verheiratete oder in einer festen Verbindung lebende Personen ihren Partner als «schön» bezeichnen, obgleich die mit Fotobeispielen unterlegte Frage nach ihrem Schönheitsideal häufig ganz andere - und plausiblere - Ergebnisse zeitigt. Hier scheint öfter der Wunsch Vater des Gedankens zu sein, wobei offen bleiben muss, ob die schonungsvolle Rücksicht auf den Partner oder aber die Angst vor der narzisstischen Selbstkränkung die Regie führt.
Im Umgang mit der Schönheit leisten wir uns eine fragwürdige Doppelmoral. Zeichen dieser Doppelmoral ist vor allem, dass Schönheit in zwei hermetisch gegeneinander abgeriegelten Separatwelten existiert: In der Welt des ernsten Diskurses, in den Sozialwissenschaften beispielsweise, kommt Schönheit so gut wie nicht vor; in der Regenbogenpresse aber ist sie der kommunikative Normalfall. Hier wird mit der Erwähnung von Schönheit und Aussehen ganz offen darauf spekuliert, dass etwas ins Spiel kommt, was in besonderer Weise unsere Phantasie erhitzt und unsere Aufmerksamkeit fesselt.
Auch wenn der «seriöse Diskurs» dies geflissentlich ausblendet: Gesicht und Körper einer Frau gehören in einem viel unmittelbareren Sinn zu ihrem gesellschaftlichen «Wert», als dies für Männer gilt, obwohl auch hier «Körperwerte», zumal die physische Grösse, eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Vergabe von Karriere- und Teilhabechancen spielen. Noch entscheidender - und vielleicht noch ernüchternder - ist das in solchen und ähnlichen Untersuchungen vielfach belegte Faktum, dass sich Fremd- und Selbsteinschätzung so weitgehend annähern, dass manche Autoren, in Analogie zur Hackordnung bei bestimmten Tierarten, von einer «Schönheits-Hackordnung» auch beim Menschen ausgehen, jedenfalls in «kompetitiv» erfahrenen Konstellationen rivalisierender Sexualattraktivität.
«Schönheit ist immer eine Ausnahme», schreibt John Berger, «deshalb berührt sie uns.» Exklusivität umschreibt im selben Masse die psychologische Bedingung ihrer Wirkung wie bei einer Muschel, die nur in meeresfernen Gegenden zur Ikone exotischer Verheissung avancieren kann. Was aber, wenn aus der raren Ausnahme der scheuen Schönheit die Standardregel alltäglicher Wohnzimmerpräsenz wird? Was wird im Zeichen einer «television totale» aus der Schönheit, was aus ihrer Fähigkeit, uns zu berühren? Und was bewirkt die notorische Bildschirmübervölkerung mit besonders gelungenen Exemplaren unserer Gattung für Lebensgefühl und Lebenschancen der weniger üppig Ausgestatteten?
Studenten gelangten im Rahmen eines Forschungsseminars zu Zahlen, die auf die zehnfache Überrepräsentanz von Artgenossenschönheit am Bildschirm gegenüber der vergleichbaren täglichen Realsituation schliessen lassen. Manches spricht dafür, dass die Abwertung der Realität im Namen einer systematisch aufgeschönten Imagination auch bei den neuesten Phänomenen sozialer Unduldsamkeit Pate gestanden haben könnte; einer Unduldsamkeit, die, zumindest in der Tendenz, das fremde Unschöne in das Unwerte umdeutet. Wäre es psychologisch wirklich so unplausibel, wenn die Bildschirmkonditionierung auf Schönheit uns gegen wirkliche und vermeintliche Hässlichkeit oder körperliche Unzulänglichkeit der sozialen Nahwelt unduldsamer machte? Was bedeutet es für die Möglichkeiten toleranten Zusammenlebens unterschiedlichster Gruppen und Individuen, wenn sich auf den Brettern, die (heutzutage) die Welt bedeuten, all jene erotischen Fabelwesen ein Stelldichein geben, die sich im wirklichen Leben partout nie in meine Nähe verirren? Was bedeutet es für eine «gemischte» Alltagserfahrung, wenn im suggestiven Augenmedium sich alles bis aufs Peinlichste dem Code der Körperschönheit fügt?
Wir sind in einem Masse auf übergrosse Strahleaugen, makelloses Gebiss, Wespentaille, lange Beine und das füllig aufgefönte Haupthaar geeicht, dass wir - auch ohne bösen Willen und wohl schon weitgehend automatisch - das Fehlen dieser «Selbstverständlichkeiten» bemängeln. «Sie ist ganz nett, obwohl sie dicke Beine hat» - diese Charakterisierung der neuen Klassenkameradin lässt keinerlei Zweifel an der sozialen Wirksamkeit solcher Deutungsmuster. Hier tut sich eine bedenkliche Kluft auf: Längst sind die geschönten Abziehbilder der Welt, die uns Fernsehen und Werbung liefern, mit jenen Bildern, die sich unter Bedingungen der Nachdenklichkeit, der Anteilnahme und der kundigen Besorgnis formen, gänzlich unvereinbar.
Fast noch bedenklicher erscheint ein weiterer Aspekt der von den Medien induzierten Schönheitsprivilegierung: Schönheit erscheint nämlich nicht nur um das Zehnfache vermehrt und gesteigert auf dem Bildschirm, sie ist auch fast immer einem affirmativen Kontext zugeordnet: Die Guten sind zuverlässig schön, die Bösen, das heisst die Fremden und Bedrohlichen, die wir als unsympathisch oder unheimlich wahrnehmen sollen, sind ebenso berechenbar hässlich. Wo immer wir uns auf die Mitmenschen in unserem sozialen Umfeld einlassen, sind unvermeidlich auch diese moralisch eingefärbten Musterrollen mit im Spiel, die Vorurteile pro und contra nicht auflockern, sondern bestärken.
Dabei ist ja für das von den Leitbildern der Emanzipation und der Egalität getragene Lebensgefühl der modernen Welt Schönheit eher ein Ärgernis; und den Sachwaltern und Pflichtverteidigern einer politischen Moderne ist sie zutiefst suspekt. Folgen wir Talcott Parsons, so ist ein Kennzeichen der modernen Gesellschaft im Unterschied zur traditionalen, dass sie sich weitgehend vom Joch der übertragenen Statuszuweisungen befreit hat und sich ganz auf die erwerbbaren Attribute konzentriert: Leistung, Erfolg, Einkommen, Disziplin, Fleiss. Moderne Gesellschaften sind «Meritokratien»: Was wir verdienen, soll verdient sein. Schönheit als vormoderner Reflex wird im Selbstverständnis der Leistungsgesellschaft zum ärgerlichen Atavismus. Gerade ihre Käuflichkeit jedoch transformiert sie - etwa als Kosmetik oder Schlankheitskur - in einen Wert, der sich durch Leistung und Anstrengung erreichen lässt: «Mach mehr aus deinem Typ!» Aus einem übertragenen ist (scheinbar) ein erworbener Status geworden.
Der gesellschaftlich auferlegte Schönheitsstress in den USA scheint noch in eine andere Richtung zu weisen: Der gnadenlose Körperkult der California Culture zwingt ein ganzes Volk unter das Joch eines kollektiven Schönheitsideals. Was wir in Parks und auf Strassen schwitzen sehen und keuchen hören, müht sich nicht ab auf ein individuelles Lebensziel hin. Joggen ist, jenseits aller persönlichen Überzeugungen und Passionen, verbindlich-verbindende Weltanschauung vieler. Wer joggt und sich demonstrativ fit hält, baut immer auch an einer «sozialen Plastik». Das ist der Kern jener unverwechselbar amerikanischen Obsession des «Existential Runner». Das unaufhörliche Laufen und das beharrliche Meisseln am eigenen Körper ist der Dienst an der Gemeinschaft, den das Individuum schuldet. Keiner hat das Recht, die anderen mit seiner behebbaren Hässlichkeit, zum Beispiel seiner monströs ausufernden Körperfülle, zu belästigen.
Der «Zwang» zur Schönheit, das gesellschaftliche «Schönheitsdiktat» hat eine lange Tradition. Der attraktivitätssteigernde Eingriff: das Umwickeln der Füsse, das Einschnüren der Taille, das Verlängern von Hals und Ohrläppchen, das Bleichen und Tätowieren der Haut, das Färben von Haaren und Nägeln und die das Auge betonende Technik des Schminkens - all das ist kulturhistorisch vielfach belegt. Die Make-up-Utensilien, die die Archäologie aus dem alten Ägypten zutage gefördert hat, datieren ins sechste vorchristliche Jahrtausend zurück. Schwarzblaue Lippenstifte, Mascara und Antimon-Eyeliner dienten ebenso geläufigen Techniken des Auf- und Umschönens wie Rouge und Henna und die ganz zeitgenössisch anmutenden Glitzereffekt-Lidschatten, die aus pulverisierten Käferpanzern hergestellt wurden. Halten wir uns vor Augen, mit welchem Raffinement seit Jahrtausenden in den Parfümerien und Schönheitssalons längst untergegangener Kulturen vor allem am weiblichen Körper- und Erscheinungsbild gemodelt wurde, so muten die verjüngenden Operationen in der avantgardistischen Schönheitsfarm des 20. Jahrhunderts - das Liften von Augen-, Wangen- und Lippenpartie, das Absaugen von Fett aus Schenkeln und Bauchdecke - gar nicht mehr so exotisch an.
Die Flüchtigkeit der Zeit, in der wir leben, die die Menschen und Dinge entlang des Weges nur für einen Moment sichtbar werden lässt, um sie sofort wieder zu verlieren, sie scheint die Macht der Schönheit noch um ein Vielfaches zu steigern: denn Schönheit ist im unübersichtlichen Inferno sich verbrauchender Reize und Sensationen gerade das, was bleibt und was offensichtlich ist. In der schnelllebigen Signalkultur wird Schönheit zum Signal der Signale: die sichtbare Schönheit ist alles - nichts sonst zählt! Es bliebe ja auch nicht Zeit und Musse, anstelle des schönen Körpers Kultiviertheit und Charakter, das Antlitz der schönen Seele, einzufangen. Die Signalkultur prämiert, was ins Auge fällt; sie privilegiert, was sich dem ersten Blick eröffnet.
Was steht hinter jenen Körpervermessungen, die in neuerer Zeit vor allem in den USA so populär geworden sind? Ein Egalitätsexzess, wie man gemeint hat? Oder nur der schlichte Wunsch, über ein objektives und unbezweifelbares Kriterium für Schönheit zu verfügen? Oder möglicherweise noch etwas ganz anderes, das zwar in den beiden genannten Absichten auch schon enthalten ist, zugleich sich aber auch hinter ihnen verbirgt; nämlich das Bemühen, die Macht der Schönheit zu zerbrechen; ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen, sie berechenbar, nahbar und beliebig verfügbar zu machen? Die Objektivierung der Schönheit, der Versuch, sie in Computerrelationen einer auf Durchschnitts(nenn)werten basierenden Schönheitsgeometrie einzufangen, ist nur eines der Kapitel jenes unerschöpflichen Buches vom Kampf wider Macht und Allgegenwart der Schönheit.
Ein anderes wird von der feministisch inspirierten Leugnung der Schönheitsmacht umschrieben, der Leugnung dessen, was offensichtlich ist: Die soziale Macht der Schönheit ist weit überproportional soziale Macht von Frauen über Männer. Warum aber verwahren Frauen sich heute so vehement gegen die «Zumutung», schön zu sein oder schöner, eben das «schöne Geschlecht»? Ich vermute: indem sie - oft sicher wider besseres Wissen oder doch Ahnen - das «Naturprivileg» der Schönheit von sich weisen, weisen sie in Wahrheit «die Natur» von sich, genauer, die Einsicht, dass es in den sozialen Rollendifferenzen auf der Basis der Geschlechterdifferenz sehr vieles gibt, was in Wahrheit, allen politischen Emanzipationsansprüchen zum Trotz, unverfügbar ist, demokratisch und egalitär nicht domestizierbar, weil «von Natur».
Die Vermutung, dass die Schönheit des Körpers und die Lauterkeit der Motive nicht nahtlos übereinstimmen, ist uralt. Sie gerinnt schon in der Luzifer-Gestalt des Alten Testaments zum bildmächtigen Vorurteil wider die Besserungskraft des Schönen: Der «Lichtträger» fiel von Gott ab, weil er «abgöttisch» in die eigene Schönheit vernarrt war, jenen Funken vom Feuer Gottes, der ihn Mass und Ziel vergessen liess. Alle Vorbehalte wider die Schönheit können sich auf ein «klassisches» Vorbild in der abendländischen Wahrnehmungstradition berufen: auf Sokrates, genauer, den Sokrates des platonischen «Gastmahls». Er spielt mit wahrhaft unbarmherziger intellektueller Virtuosität die eigene «schöne Seele» gegen den «bloss schönen Körper» des bedauernswerten Alkibiades aus. Schönheit ist Urgewalt, und die Alten wussten schon, weshalb sie ihr in vielfältigen Formen Dämme errichteten: Traditionen und Gebote, Gebräuche und Sitten, Stand und Geburt, religiöse Institutionen und repressive Ideologie - fast nichts ist, was sich nicht bei näherem Zusehen kulturgeschichtlich auch als Misstrauenserklärung an die Schönheit lesen und als Machtmissbrauchsvorkehrung wider sie deuten lässt.
Nur ein hoffnungslos romantischer Schwärmer vermöchte zu übersehen, dass Schönheit immer auch zur Quelle für Leid und Verzweiflung, für Missgunst und Verrat werden kann und dass ihrem sozialen «Chaospotential» auch der von alters her mit Erbitterung gegen sie geführte Kampf geschuldet ist, der einst mit den Waffen der Moral und der Frömmigkeit ausgefochten wurde und der sich heute bevorzugt mit denen der Egalität und der Demokratie wappnet. Ginge es uns aber besser ohne jene verstörenden Himmelsqualen, hinter denen sich nur zu oft der enttäuschte Schönheitswunsch verbirgt? Wären wir als schönheitsblinde Wesen glücklicher, jedenfalls aber sozial weniger zerrissen und paralysiert? Wozu brauchen wir die Schönheit, wenn sie uns nur den Verstand vernebelt und uns heimtückisch und rachsüchtig macht, schwermütig und depressiv, für uns und andere unberechenbar, eine ständige Quelle für Unfrieden und soziale Disharmonie? Wer so fragt, übersieht, wie vielfältig und unmittelbar Schönheit in die vitalen Strategien der zeugenden Sexualität verwoben ist. Sie ist eben, zumindest als Körperschönheit der Artgenossen, keineswegs ein «transutilitaristisches Projekt». Sie steht immer auch in den Diensten eines uns unverfügbaren Vitalprogramms, das kein Genug kennt, wohl nicht einmal ein definitives Zuviel.
Doch noch entscheidender ist etwas anderes: Es ist vor allem auch die Schönheit, die uns zu sozialen Wesen macht, die uns am anderen interessiert sein lässt und uns ihm zuführt. Vielleicht gar ist der Schönheitssinn der Grund dafür, dass wir, obgleich wir uns immer mehr als Individuen erfahren, dennoch nicht völlig vereinsamen, uns von der Welt abwenden und nach innen flüchten. «Die Tatsache, dass wir einen Kristall oder eine Mohnblume schön finden, bedeutet, dass wir weniger allein sind, dass wir tiefer in das Leben involviert sind, als dies den Anschein hat, wenn man einen einzelnen Lebenslauf betrachtet», schreibt John Berger.
Schönheit ist, im Sinne des Wortes, eine soziale Macht, die uns vor dem Nomadenstatus bewahrt, dem Alleinsein in einer untröstbaren, kalten Welt. Schönheit, die wir sehen und hören, riechen und schmecken können, die uns entgegenschreitet, uns anblickt oder gar selber als schön erkennt, sagt uns ja immer auch unüberhörbar: Du gehörst dazu, du bist Teil dieser Welt, sie ist, mit allem was sich in ihr findet, für dich gebaut; wäre es anders, könntest du sie nicht wahrnehmen. Dass wir etwas als schön erkennen, bedeutet, dass wir ihm zugehörig sind, auch wenn wir von uns selber wissen, dass wir nicht schön sind. Auch wo wir an der Welt des (oder wohl besser der) Schönen leiden, bedeutet sie uns ja vor allem, dass wir an einer geheimnisvollen Ordnung teilhaben; dass die Welt ein eigens für uns errichteter Kosmos ist, ein einziger, machtvoller Damm wider die Abgründe und Gezeiten der Sinnlosigkeit.
Vielleicht begegnen wir ja in der Schönheit jener Herausforderung des menschlichen Unterscheidungsvermögens, die ganz am Anfang der Menschwerdung des Menschen steht. Vielleicht ist mit der Fähigkeit, schön und hässlich zu unterscheiden, eine der Urformen allen Unterscheidens gesetzt. Und vielleicht müssen wir daher auch die Schönheit als jenes geheimnisvolle Movens sehen lernen, das - im Kleinen wie im Grossen - «die Welt bewegt» und als dynamisierende Kraft hinter vielen unserer disparaten Strebungen wirkt. Es ist alles andere als zufällig, dass die Schönheit gerade in einer Zeit der grossen Relativierungen, des Urteilsverfalls und des drohenden Urteilsfähigkeitsverlustes so stark in den Vordergrund rückt. Sie bietet die Möglichkeit zweifelsfreier Zuordnung und bewahrt damit ein Stück unabdingbarer Orientierungsgewissheit auch in unübersichtlichen Zeiten.
Wenn der Fortschritt vor allem als ein Fortschreiten in der Richtung einer immer genaueren Wahrnehmung zu lesen ist, dann hat die Schönheit samt der von ihr stimulierten Verfeinerung des Wahrnehmungs- und Selektionsinstrumentariums unentbehrliche Schrittmacherdienste geleistet. Die für alle technische Innovation massgebliche Idee des Stimmigen und Gelungenen könnte nicht unmassgeblich von der Beobachtung des Stimmigen und Gelungenen am Artgenossen beeinflusst sein. Was könnte die Kultur der Wahrnehmung und des Urteils, der Unterscheidung und der Diskretion stärker hervorgezwungen haben als der Schönheitssinn? Jene uns in letzter Konsequenz wohl stammesgeschichtlich angeborene rätselhafte Fähigkeit, Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge, Landschaften und späterhin auch Zeichen, Töne, Bilder und Ideen entlang jener prekären, stets umkämpften Grenzlinie zwischen dem geläufigen Unvollkommenen und dem exzeptionell Schönen zu gruppieren und zuzuordnen? Wieviel wache Beobachtung ist vonnöten, welche Schulung des Auges erfordert, um - wie weiland der heillos überforderte Paris - das Urteil auf der Grundlage einer minutiösen Abweichung der Linien des Mundes, des Augenabstands, der Höhe des Brauenbogens zu sprechen; um Länge, Stärke und Lineatur von Arm und Bein, Schulter und Becken zum Kriterium des aktiven Wohlscheins zu erheben?
Für den ungeschulten Beobachter vom anderen Stern haben wir schliesslich alle die gleichen Beine, eine Nase, zwei Augen und einen Mund. Erst wenn man sich bewusst in die Differenzierungsnöte dieses fiktiven extraterrestrischen Beobachters hineinversetzt, enthüllt sich einem das soziale Mysterium des Schönheitssinns: auch mit noch so viel Scharfsinn, Beobachtungs- und Vermessungsaufwand könnte dieser schönheitsimmunisierte Fremde nicht nachvollziehen, was jedes Kind intuitiv ermisst und entscheidet: diese(r) ist schön, jene(r) ist nicht schön.
Noch ahnen wir nicht, geschweige denn erkennen wir und vermögen zu benennen, was von dieser hochkulturellen Mitgift eines uralten Menschheitserbes für das Gelingen des Sozialen wie für die anthropologische Fortentwicklung abhängen mag. Doch «instinktiv» zucken wir vor der Schönheit zurück, sie ist uns nicht geheuer; vielleicht, weil wir eben doch ahnen, dass wir hier einem Stück unverfügbarer Natur begegnen, das sich nicht beugen, biegen und beherrschen lässt?
Wir begegnen der Schönheit ja nicht nur in der Körperschönheit des Artgenossen und in den selbstgeschaffenen Kunstschönheiten, sondern auch in der Schönheit des Sonnenuntergangs und der Schneekristalle unter dem Mikroskop. Steht diese Universalität der Schönheit und unsere Fähigkeit, sie wahrzunehmen, nicht auch mit grosser Beredsamkeit ein für den Traum von der wesentlichen Einheit des Ganzen, zu der uns freilich noch der Schlüssel fehlt, der uns den Zugang eröffnen könnte?
Schönheit ist soziale Macht - doch nicht nur im Sinne der Macht über andere; sie ist immer auch Macht für das Soziale: für das Soziale einstehende, es fördernde und verdichtende Macht. Gäbe es ohne die urzeitliche Schulung in der Wahrnehmung des Schönen und vollendet Gelungenen am Artgenossen eine Idee des Schönen von Menschenhand in der Kunst, eine Idee vom gelungenen Leben, eine Vorstellung vom politischen Zusammenwirken und von sozialer Harmonie?
Bernd Guggenberger ist Professor für Politologie an der Freien Universität Berlin und bildender Künstler. Zurzeit lehrt er in Stanford, USA.