NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Graubünden autofrei wäre

Von Jost Auf der Maur
Der Kreispostdirektor von Chur nimmt im Sommer des Jahres 1900 den Bericht eines aufgebrachten Postillons entgegen. Der hatte geschrieben: «Seit einigen Tagen kursiert auf unseren Landstrassen ein Ungetüm von einem Automobil. Wir hatten Gelegenheit zu beobachten, wie die ­Pferde bei dessen Anblick geradezu rasend wurden.» Postwendend bringt der Direktor die Reklamation dem Regierungsrat zur Kenntnis, der dem Spuk zwei Wochen später ein Ende macht. Am 17. August 1900 verkündet er: «Das Fahren mit Automobilen auf sämtlichen Strassen des Kantons Graubünden ist verboten.» Dabei bleibt es. Für ein Vierteljahrhundert. Nachdem das Wallis eine ähnliche Anordnung 1911 aufgehoben hat, ist Graubünden der einzige Staat auf der Welt, der ein explizites Verbot für privaten Motorverkehr auf der Strasse kennt und auch durchsetzt.

Was wäre geschehen, wenn am 21. Juni 1925 die stimmberechtigten Männer Graubündens das kantonale Fahrverbot nicht wieder aufgehoben hätten? Zur Ausgangslage: Graubünden, grösster Kanton der Schweiz, besitzt im Jahr 1900 ein Strassennetz, um das es beneidet wird. Der florierende Waren- und Personenverkehr über die Alpen entlang der sogenannten Commercial- und Passstrassen hatte bis Mitte des 19. Jahrhunderts diese grosszügige Infrastruktur hervorgebracht. Das Netz misst gegen 1000 Kilometer. Kutsche und Fuhrwerk kommen flott voran. Diese Strassen können 1925 also problemlos einen forcierten öffentlichen Motorverkehr aufnehmen. Die 150 Täler Rätiens sind erschlossen, die Pässe erobert. Die Rhätische Bahn ist präsent und baut ihre Verbindungen laufend aus. Nach der Lockerung des Automobilverbots dürfen Ärzte, Sanitätswagen, Militärfahrzeuge, Feuerwehren und Postautos durch Graubünden fahren. Die Sicherheit ist gewährleistet.

Auf dieser tatsächlich vorhandenen Grundlage kann sich nun von 1925 ausgehend die Vision eines weitgehend autofreien Graubündens entfalten: Der wertvollste Wirtschaftszweig, der Tourismus, steht dank der Verkehrsbefreiung auf einem Fundament, das weltweit einzigartig ist.

Die Verkaufsargumente gute Luft, intakte Natur und wohltuende Ruhe wirken glaubwürdig. Bald einmal muss der Zustrom von Touristen limitiert werden: Der Kanton bekommt die Kompetenz, Touristenvisa auszustellen. Nun ist die Destination Graubünden endgültig in den Rang eines begehrten, raren Gutes erhoben. Zugleich ist der öffentliche Verkehr von einer Qualität, die keine Wünsche offenlässt. Als grünes Unikum in einer vom Auto gemarterten Welt braucht das Heidiland Graubünden kaum noch die Werbetrommel zu rühren. Die Produkte der Landwirtschaft, der Kosmetik und der Mineralwasserquellen tragen den Namen in alle Welt.

Die Menschen Graubündens werden im Laufe des 20. Jahrhunderts bekannt wegen ihrer Langlebigkeit, ihrer Kondition, ihrer spielend erworbenen Fitness. In Chur entwickelt sich aus einem führenden Herz- und Gefässinstitut eine erstklassige Universität. Die Schatulle des Kantons wird nicht jährlich wegen der irrwitzigen Ausgaben für den Strassenunterhalt geplündert, nein, dieses Geld fliesst in die Bildung. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts etabliert sich in Müstair zudem das führende Anti-Aging-Zentrum Europas. «Gesund wie ein Bündner» wird zum festen Begriff. Das Bündnerland ist als Ganzes zum Biosphärenreservat erklärt worden. Für die Wissenschaft ist es Referenzgrösse für Vergleiche aller Art. Ja, es ist ein gelobtes Land. Und: Die 4485 Verletzten und 128 Toten im automobilen Verkehr, die zum Beispiel in den Jahren zwischen 2003 und 2007 zu beklagen waren, wären Graubünden erspart geblieben.

Jost Auf der Maur ist Autor der NZZ am Sonntag; er lebt in Chur.

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