Jeder Tag endet im Staatsfernsehen feierlich. Die Kamera schwenkt über Panama City und zeigt die atemraubenden Wolkenkratzer an der Pazifikküste, dann den Panamakanal. Am Ufer steht eine riesige Menschenmenge: Weisse, Schwarze, Mischlinge und Indianer schauen gebannt zu, wie ein Ozeanriese von Lokomotiven durch die Schleusen gezogen wird. Marschmusik ertönt. Den Höhepunkt bildet eine Sequenz mit dem blau-weiss-roten Banner Panamas im Stadtzentrum am grünen Hügel Ancon Hill, der bis vor kurzem der US-Armee gehörte.
«Mädchen, schalte endlich um», wird die Kellnerin im Restaurant Acapulco lautstark aufgefordert. Auf einem andern Kanal beginnt die Übertragung des Boxkampfes in Las Vegas. Alle Tische sind besetzt. Die Gäste streiten sich, ob der alternde panamaische Boxchampion sich gegen seinen jungen nordamerikanischen Herausforderer behaupten kann. «Als Roberto das letztemal zum Essen kam, war er schlecht gelaunt und sagte, dass er am liebsten hier in diesem Raum kämpfen würde», erzählt der spanische Patron im Speisesaal Panama de ayer (Panama von gestern). Sieben grosse Bilder zieren dort die Wände und verewigen Panama als multikulturelles Naturparadies. Braungebrannte Bauernmädchen in Nationaltracht tanzen auf einer Wiese. Etwas weiter sitzen bemalte Emberá-Indianerinnen mit blossen Brüsten auf einem Baumstamm. Hinter dem japanischen Fernsehapparat ist ein unberührter Strand mit tropischen Pflanzen und Vögeln zu sehen.
«Roberto, gib's ihm, knall ihm eine, wo bleibt deine Linke», rufen einige Männer dem panamaischen Boxer am Bildschirm zu. Er hängt erschöpft in den Seilen und scheint noch die Hoffnung zu haben, dass sein junger Gegner einen Fehler machen könnte. Aber nach der letzten Runde ist allen klar, wer der Sieger ist.
Für die Kellnerin Aida beginnt jeder Tag mit einer beschwerlichen Fahrt. Der erste Schichtwechsel im Restaurant Acapulco, das während 24 Stunden in Betrieb ist, erfolgt um 6 Uhr. Bei Morgendämmerung bilden sich in Panama City unendliche Blechlawinen, die sich im Zeitlupentempo zwischen Zentrum und Aussenbezirken bewegen. Aida wohnt in einem Arbeiterviertel, etwa 20 Kilometer von der Stadtmitte entfernt. Für diese Strecke brauchen die schnellsten Autos zu Stossverkehrszeiten etwa zwei Stunden - die klapprigen Busse einiges mehr.
Dröhnende Motoren und ein Hupkonzert wecken die Gäste im Hotel über dem Restaurant Acapulco kurz nach Sonnenaufgang. Mit dem Morgenlicht erscheint der Ancon-Hügel vor den Fenstern. Während der Trockenzeit ist die ganze Stadt zu sehen. Zwischen glitzernden Wolkenkratzern und verwahrlosten Holzhäusern stehen renovierte Kolonialkirchen und imposante Handelshäuser im Art-nouveau-Stil. Fast die Hälfte der etwa drei Millionen Panamaer leben in Panama City, wo orientalische Basarstimmung, Kuna-Indianer-Folklore, American way of life, zentralamerikanisches Elend und europäische Eleganz oft in derselben Strasse zu finden sind.
Etwa um dieselbe Zeit wie der Bus von Aida hält ein schwarzer Buick vor dem Hotel. Der Fahrer ist auf unerfahrene Touristen spezialisiert. Er muss sich gegen unzählige Konkurrenten durchsetzen und vertreibt sich die Wartezeit mit seinem Transistorgerät. «Sie hören Radio Nacional de Panama. 1999 ist das Jahr der Rückgabe des Kanals», wird laufend verkündet. Der Buick-Fahrer lässt sich nicht ablenken. «How do you do, sir»? spricht er die Hotelgäste auf der Strasse an. «Ich offeriere Ihnen Taxiservice, geführte Kanaltouren, Dschungelexpeditionen und Sightseeing», sagt er einen auswendig gelernten englischen Text auf.
Charlie verbringt oft ganze Tage in seinem Auto. Als ich ihn eines Abends bitte, zum «Kolibri» zu fahren, wo ein Stück des Literatur-Nobelpreisträgers Dario Fo aufgeführt wird, bleibt er ratlos. Nur die Adresse auf dem Programmheft hilft weiter. Nach einem Blick auf den Titel des Stückes, «Sex? Danke, aber mit Vergnügen! Techniken und Hinweise für den Geschlechtsverkehr», wittert Charlie ein Geschäft. «Hör zu, Freund», beginnt er väterlich, «ich kenne viele Mädchen: sinnliche Schwarze, bildschöne Weisse, durchtriebene Mischlinge und auch exotische Indianerinnen. Sag mir, was du willst, und ich fahre dich zum Ziel», drängt Charlie. Er schildert ausführlich die Leistungen und die Preise. Erst die Eintrittskarten überzeugen ihn, dass im «Kolibri» tatsächlich Theater gespielt wird.
Der empörte schwarze Mann - von seiner jungen Frau liebevoll «Papito» genannt - kann sich noch gut erinnern, wie 1968 General Omar Torrijos an die Macht kam und eine Revolution ohne Gewalt begann. «In meinem Dorf wurde eine Schule gebaut. Der Lehrer brachte uns bei, wer für die Armut in Panama verantwortlich ist: die weisse Oligarchie mit Grossgrundbesitz, die Rabiblancos», erzählt Papito. Zwar steht eine konsequente Agrarreform auch heute noch aus. Doch die «sanfte Militärdiktatur» von Torrijos, der 1981 bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben kam, hat einiges in Bewegung gebracht. Die Rabiblancos wurden zurückgedrängt. Eine neue Mittelschicht entstand, die zusammen mit Arbeiter- und Studentenorganisationen auf Reformen drängte. 1977 gelang es Torrijos, den USA einen Vertrag abzuringen, der die Rückgabe des Kanals und der US-Militärbasen an Panama bis Ende 1999 regelt.
Die Euphorie von Radio Nacional und anderen Medien lässt «Papito» aber kalt. «Die Politiker wollen nur davon ablenken, dass lediglich dubiose Geschäftemacher von der Rückgabe des Kanals profitieren», wiederholt er eine weitverbreitete Meinung. Wie ein grosser Teil der Bevölkerung beurteilt auch Papito die Entwicklung in den neunziger Jahren negativ. «Die Regierung von Ernesto Pérez Balladares hat das Land an die Ausländer verkauft», sagt er zornig und kritisiert auch seine Landsleute. «Unsere Wesensart hat sich verändert: Früher war der Panameño solidarisch und hilfsbereit, heute sind wir rücksichtslos und schreien uns wegen Nichtigkeiten an.»
Über die Zukunft und den Machtwechsel nach der Wahlniederlage des regierenden Partido Revolucionario Democratico (PRD) spricht er mit gemischten Gefühlen. Er glaubt, der geschlagene Präsidentschaftskandidat Martin Torrijos, der Sohn des legendären Generals, hätte eine Hoffnung für das Land sein können. «Er ist aber viel zu jung und unerfahren: die korrupten Führer der PRD haben ein leichtes Spiel mit ihm.» Der unerwartete Wahlsieg des früheren Oppositionsbündnisses Union für Panama (UP) lässt ihn kalt. «Zwar gibt es dort einige fähige Leute, die nach der Invasion der Gringos 1989 das Land schnell wieder auf die Beine gebracht haben, aber die neue Präsidentin Mireya Moscoso ist nicht einmal eine richtige Hausfrau. Ihre einzige Leistung besteht darin, dass sie vor mehr als 35 Jahren blendend aussah und deswegen vom Präsidenten Arnulfo Arias geheiratet wurde», sagt Papito.
Mireya bedeutet Veränderung, verspricht die biedere Dame mit hellbraun gefärbten Haaren, die Führerin der Arnulfisten-Partei und «politische Nachlassverwalterin von Doctor Arnulfo Arias Madrid». Der 1988 verstorbene Grossgrundbesitzer und Demagoge wurde dreimal zum Präsidenten gewählt und dreimal von Putschisten gestürzt - zuletzt 1968 von General Torrijos. Der erste Staatsstreich war das Werk der Gringos: Sie bekämpften Arias als gefährlichen «Faschisten», als dieser sich 1941 zu weigern schien, am Krieg gegen Hitlerdeutschland teilzunehmen. Arias lernte die Lektion und nahm später mehr Rücksicht auf die Herren in Washington - die bei der Geburtsstunde der Republik Panama eine etwa acht Kilometer breite Randzone beidseitig des Kanals militärisch besetzt und als US-Territorium «auf Ewigkeit» definiert hatten. Arias richtete seinen ultranationalistischen Slogan «Panama den Panameños» immer mehr gegen die schwarzen und chinesischen Underdogs, die beim Kanalbau eingesetzt wurden und im Land blieben. Gegen die rassistischen Hetzreden und Gesetze von Arias konnte Washington kaum etwas einwenden, da die USA in ihrer Kanalzone Apartheid praktizierten.
Die Frage, ob Panama heute als Schmelztiegel bezeichnet werden kann, wird im renommierten Forschungszentrum CEASPA differenziert beantwortet. «Der <Hombre Panameño> und seine Mestizo-Identität bestehen aus weissen, schwarzen und gelben Komponenten aus Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika. Zwar bilden Mischlinge die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, doch die Festreden über die <Regenbogengesellschaft> ohne ethnische Spannungen sind irreführend», sagt Universitätsprofessor Francisco Herrera.
Zur Realität in Panama gehören auch enorme soziale Unterschiede: Nach offiziellen Angaben lebt fast die Hälfte der Bevölkerung in Armut, etwa ein Viertel in Elend. «In den ärmsten Regionen und Slums wohnen vornehmlich Afro-Panameños oder Indigenas, während die wirtschaftliche und politische Elite von Weissen gebildet wird», sagt Professor Herrera. «Bis jetzt hat es aber niemand gewagt, diesbezügliche Statistiken zu erstellen», räumt der Soziologe ein.
Das Unbekannte treibt die Phantasie an, was zur Verzerrung der Realität führen kann. Auf die Frage, wer in Panama die Macht hat, gibt die Publizistik-Studentin Karina eine weitverbreitete Antwort: «Die Juden.» Im gleichen Atemzug nennt sie bombastische Zahlen, die sonst nur in antisemitischen Publikationen zu finden sind.
Don Francisco, der Nachfahre einer spanischen Aristokratenfamilie in der Provinz Chiriqui, hat ebenfalls Ressentiments. Als sich seine Tochter Virginia an der Universität in einen schwarzen Kommilitonen verliebte, wurde sie von ihrem Vater gewarnt: «Unsere Familie konnte die europäische Kultur während Jahrhunderten nur deswegen bewahren, weil sie sich bewusst von unzivilisierten Völkern fernhielt. Ich will das nicht ändern und akzeptiere keinen Affen aus Afrika als Schwiegersohn.» Virginia war nicht zu überzeugen und wurde nach der Hochzeit enterbt.
Der Kleinbauer José könnte in einem Prospekt als panamaischer «Mestizo» mit europäischen, indianischen und afrikanischen Gesichtszügen figurieren. Der ausgemergelte Körper und die armselige Hütte von José eignen sich allerdings nicht für werbewirksame Aufnahmen. José geht es schlecht: Er ist verschuldet, wie die meisten Kleinbauern in Panama, und verbittert. «Der Hindu dort breitet sich aus und wird bald alles in der Umgebung haben», zeigt er gereizt auf die Geflügelfarm eines indischstämmigen Unternehmers im Dorf Santa Rita.
Die Hauptstadt, kaum eine Autostunde entfernt, lockt: Jeden Tag landen mehrere tausend Glücksuchende aus den armen Regionen in Panama City. Aber gleich hinter dem Busbahnhof Chorillo beginnt die harte Realität. Nackte Kinder spielen auf Abfallbergen. Zwischen zerfallenden Holzhäusern erhebt sich die neue Kirche einer evangelischen US-Sekte. An den himmelblauen Wänden stehen unheilvolle Zeichnungen und Botschaften. Bewaffnete Banden - wie etwa «Toca y Muera» (Berühre es und stirb) - raten davon ab, die Gegend zu betreten.
«Vor der Invasion der Gringos waren wir zwar auch arm, aber es war gemütlich hier», erzählen die Älteren in Chorillo über die Zeit vor 1989. «Vielleicht war Noriega ein Diktator, aber es gelang ihm, die Drogen von Panama fernzuhalten», sagt ein pensionierter Polizist. Die Comandancia, das Hauptquartier von Manuel Noriega und seiner Nationalen Garde, stand mitten in Chorillo. Beim Blitzkrieg der US Army im Dezember 1989 wurde das ganze Viertel bombardiert. «Alles stand in Flammen, die Strassen waren mit verkohlten Leichen übersät», erinnern sich Überlebende.
Erst einige Jahre nach der Invasion waren die Trümmerhaufen in Chorillo beseitigt. An der Stelle der Comandancia steht heute ein Kinderspielplatz - er ist gebührenpflichtig und menschenleer. Neue Hochhäuser mit etwa 5000 Wohnungen wurden gebaut und sorgen für Dauererregung. «Es sind enge Löcher, zum Teil ohne Wasser und Licht, und die meisten mit Asbest verseucht», beschreibt ein Bewohner die Zustände. Der US-Hilfsfonds wurde von panamaischen Verwaltungsbeamten geplündert. «Einige Diebe haben es sogar geschafft, bei den Gringos dort oben einzuziehen», sagt ein alter Mann und zeigt verächtlich auf das Villenviertel Ancon Hill in Sichtweite.
Die Height Road beginnt hinter Chorillo und führt direkt ins Paradies. Auf gepflegtem Rasen stehen schmucke Häuser, die bis vor kurzem der High Society aus den USA vorbehalten waren. «Alle verdächtigen Aktivitäten werden sofort unserer Polizei gemeldet», warnen verrostete Schilder auf englisch. In der Herrschaftsvilla hinter dem Springbrunnen - in der früheren Residenz der US-Gouverneure - wohnt heute ein Panamaer: Alberto Alemán Zubieta, der in Texas ausgebildete Chefverwalter des Kanalbetriebs. Er geniesst das volle Vertrauen Washingtons. «Mr. Alemán und die 9000 mehrheitlich panamaischen Kanalarbeiter beweisen Tag für Tag, dass sie hervorragend geschult, motiviert und talentiert sind», zerstreut der US-Direktor der Kanalkommission die Bedenken jener, die dem Abzug der Amerikaner mit Skepsis entgegensehen.
In einer schlichten Baptistenkirche in Panama City treffen sich Vergangenheit und Zukunft. Die kleine aber wachsende Gemeinde Monte Puron pflegt die Kultur der afrokaribischen Vorfahren, die als Kanalbauer nach Panama kamen. Bei den Messen werden nach wie vor dieselben Blumen und Früchte, dieselben Zeichnungen und Farben, dieselben afrikanisch-animistischen und europäisch-christlichen Symbole verwendet, wie bei der Ankunft der Urgrossväter in Panama vor etwa hundert Jahren. Etwas hat sich in letzter Zeit allerdings verändert: Immer mehr Menschen in der Monte-Puron-Kirche sprechen oder singen sowohl Spanisch als auch Englisch. «Viele weisse Panameños, die der katholischen Kirche den Rücken kehren, kommen zu uns, und es gibt immer mehr gemischte Ehen», erklärt Erzbischof Josef Parris. Er führt die Messe mit Hilfe einer Pastorin zweisprachig.
Nach dem Gottesdienst holt Lucy ihre betagte Tante mit dem Auto ab. Die in Panama geborene Lucy ist die Tochter einer schwarzen Jamaicanerin und eines weissen Kolumbianers. Sie war lange in der US-Kanalzone angestellt und erwarb die begehrte Green Card. Nach einiger Zeit in New York begann sie als Sprachlehrerin in asiatischen und lateinamerikanischen Ländern zu arbeiten. Vor drei Jahren übernahm Lucy ein Übersetzungsbüro in Panama Stadt und will nun den Rest ihres Lebens dort verbringen. «Panama ist ein faszinierender Schmelztiegel, es ist das beste Land, das ich kenne», ist sie überzeugt.
Andreas Petyko-Herzka ist seit 1988 freier Korrespondent in Lateinamerika und arbeitet an einem Buch über die Indigena-Völker in Panama. Sein letztes Buch, «Kuba: Abschied vom Kommandanten?», ist 1998 im Suhrkamp-Verlag erschienen.