KNACKARSCH UND WASCHBRETTBAUCH. Seit der Körper nicht mehr Körper heisst, sondern Body, hat er ganz entscheidend an Bedeutung zugelegt. Das zeigt sich zum Beispiel in den Verkuppelungs-Sendungen am Privatfernsehen. Auf die Qualitäten angesprochen, die ein passender Partner denn aufweisen müsse, sagt fast jede Kandidatin kichernd «Knackarsch» und «Waschbrettbauch», was zusammen den obligaten «Schnügel» ausmacht, den jede junge Frau gern als Mann an ihrer Seite möchte. Selbstverständlich nicht ohne sogleich nachzuschieben, dass er daneben aber bitte auch noch Ausstrahlung haben sollte.
Strammer Hintern und fehlender beziehungsweise muskulöser Bauch sind also weit wichtiger als etwa Herzensbildung, sichere Position oder Kinderwunsch, was allenfalls noch in Bekanntschaftsanzeigen katholischer Wochenblätter gefragt ist. Solches mag weltfremde Idealisten erstaunen, wir aber fragen uns und alle anderen nur: Wo bleibt der Bizeps?
Vor wenigen Jahren noch das primäre sekundäre männliche Geschlechtsmerkmal schlechthin, scheint er heute kaum mehr der Rede wert zu sein. Einst fast als viriler Gegenpol des Hirns betrachtet und verachtet, ist der Bizeps heute zu schierer Bedeutungslosigkeit abgesunken. Eigentlich schade, denn Bizeps tönt immerhin anständiger als Knackarsch und intellektueller als Waschbrettbauch. Und konkreter als Ausstrahlung, auch wenn dies alles letztlich wohl so ziemlich dasselbe meint.
DAS ORIGINAL AUS DER TV-WERBUNG! Hot-TV ist eine Art Versandhauskatalog per Fernsehen, und so sehen seine Sendungen auch aus. Sie bieten beispielsweise Küchengeräte an, Puppen, Schmuck, Heimwerkermaschinen, Uhren, Mode für die vollschlanke Dame. Und Fitnessgeräte und Artverwandtes. Oder mit den Worten der aufgedrehten Moderatorin Jutta Niedhardt: «Alles für Spass, Spiel, Fun, Action, Gaudi, Sport, Gesundheit, Fitness und Freizeit.» Also zum Beispiel den beliebten Heimtrainer «TS 2 mit Pulsmesser und Kaloriencheck für nur 189 statt 349 Mark für spassiges Fettverbrennen».
Der Vorteil von Hot (das Kürzel steht für Home Order Television) gegenüber Katalogen besteht darin, dass die Dinge von allen Seiten und in Funktion gezeigt werden können. Und zwar jeder einzelne Artikel rund 20 Minuten lang, was den Präsentatoren einiges an Phantasie und Redundanz abverlangt. Was in einem normalen Werbespot in wenigen Sekunden erzählt wird, wird hier auf die rund 50fache Länge gedehnt. Erschwert wird die Aufgabe noch dadurch, dass die Sendungen gemäss deutschem Mediengesetz auf keinen Fall unterhaltsam sein dürfen. Dies wurde zu Beginn auch streng geprüft von einem Juristen, der jede Sendung vorvisionierte. Heute darf Hot live übertragen, was mit einer entsprechenden Einblendung stolz verkündet wird.
Trotzdem ist die Sendung «Schlank & Fit» zuweilen ziemlich lustig. In einer tristen Kulisse werden die Geräte so lange vorgeführt und derart oft ihre Vorteile und ihr Superpreis erwähnt, dass man es fast nicht glauben will. Weil der Präsentator Robbi Dienersberger keine Witze reissen darf, bricht er immer wieder völlig unmotiviert in irres Lachen aus, was von der «charmanten und überaus tüchtigen Ute» mit überaus vielsagender Mimik quittiert wird. Ute muss 20 Minuten lang auf dem TS 2 in die Pedalen treten und weiss nicht, wohin sie schauen soll, wenn Robbi zum fünftenmal den Kaloriencheck erklärt oder das mühelose Verstellen des Widerstandes per Drehknopf demonstriert.
Besser ergeht es den Statisten, die pausenlos auf dem «Roller Micro Skate Scooter» zu DM 299.? herumkurven dürfen. Denn ihr Treiben wird zwischendurch von einem Film unterbrochen, der ebenfalls fröhliche Leute auf dem «ganz, ganz trendigen Fun-Gerät» zeigt. Aber auch Ute darf mal Pause machen, wenn der starke Chuck Norris persönlich ins Bild kommt und sich für «Total Gym, das Multi-Trainingsgerät für Sie & Ihn», stark macht. Es erlaubt mehr als 50 Übungen und ist sowohl toll als auch sagenhaft und überdies multifunktionell, bewährt und trotzdem günstig. Chuck Norris nimmt es übrigens immer mit, wohin er auch geht, was man ihm durchaus ansieht.
Obwohl eine Laufschrift ständig um Geduld bittet, weil die Telefone heiss laufen, wird als Kaufanreiz stets die Zahl der verkauften Geräte eingeblendet. Oder auch, wenn der Artikel zur Neige geht, als Countdown die Anzahl verbleibender Exemplare. Dann sind die Leitungen erst recht «überlegt, äh, überlagert, Verzeihung, überlastet», und der Präsentator ist es auch.
ZIEL- UND ZAHLPBULIKUM. Ganz grob lässt sich der Fitnessmarkt in zwei Hauptsegmente einteilen: Zahlenmässig die weitaus grösste Gruppe ist jene der eher unsportlichen Menschen, die gerne schlank, fit und stark wären. Bei ihnen steht das Aussehen und die Gesundheit im Vordergrund sowie natürlich das schlechte Gewissen. Diese Gruppe ist das Zielpublikum von «Schlank & Fit» auf Hot und umfasst Männer und Frauen fast jeden Alters, die lieber ein Trainingsgerät kaufen, als selbst zu trainieren. Besonders dann, wenn sie bereits einmal das teure Jahresabonnement eines Fitnessstudios nur zu knapp 13 Prozent amortisiert haben.
Wer auch nur über eine minimale Lernfähigkeit verfügt, wird in seinem Leben höchstens einmal einen Hometrainer im Keller zu Sperrmüll vergammeln lassen. Hanteln rosten nicht und halten ewig, und auch die meisten anderen Fitnessgeräte versprechen nicht nur eine hohe Lebenserwartung, sondern haben auch selbst eine. Man kauft sie also nicht mehrmals oder gar regelmässig, weshalb dafür aus der breiten Masse stets neue Kunden gefunden werden müssen.
Bei näherer Betrachtung erstaunt es deshalb kaum, dass sich in den Magazinen für die hartgesottenen Bodybuilder nur wenig Werbung für Geräte findet. Der wirklich starke Mann trainiert sowieso im Studio unter seinesgleichen an den neusten Profimaschinen. Er hat zu Hause vielleicht einen Satz Hanteln, aber kaum viel mehr. Dafür hat er Kühl- und Küchenschrank vollgestopft mit Auf- und Abbaupräparaten aller Art in Form von Pulver, Sirup, Kapseln, Riegeln und Ampullen.
Diese bestellt er etwa beim «Sport- &-Fitness-Vertrieb», dessen Anzeigen rund einen Drittel des gleichnamigen Magazins ausmachen. Dafür findet man in diesem Titel fast keine Werbung anderer Firmen. Das mag den Eindruck erwecken, dass der redaktionelle Teil nicht klar von der Werbung getrennt wird. Doch wenn die Reklame genau so informativ ist wie die Artikel und diese so suggestiv sind wie jene, hat der Bodybuilder natürlich nichts dagegen.
Ob nun für «Crea 2000 Zell Volumizer» oder für «Super-Kilo-Plus Weight-Gainer» geworben wird, die Inserate für solche Produkte sind derart wissenschaftlich und textlastig, wie sonst höchstens noch jene für den Frauenlockstoff oder für die Schriftstellerschule per Fernkurs. Da findet man etwa Sätze wie diesen: «Um 1994 wurde erkannt, dass Creatinemonohydrat synergistisch mit Chromium-III-Piccolinate, Dibencozide, Magnesium, Taurin, Vanadylsulfat und Dextrose wirkt, d.h. eine bessere Muskelaufbau-Nährstoff-Kombination ist.»
Ein normaler Werbetexter könnte da niemals mithalten, weder sportlich noch chemisch. Auch ein locker hingestreutes «Premium-Molkenprotein mit bioaktiven Peptiden (hergestellt mit Cross Flow Microfiltration) ist ein 100% Molkenprotein-Isolat mit der ultimativen biologischen Wertigkeit» sucht selbst in der Kosmetikwerbung seinesgleichen vergeblich.
MÄNNER UND MEMMEN. Es gibt, wenn man der Fachliteratur der Bodybuilder glauben will, und das wollen wir natürlich, drei verschiedene Körpertypen. Für die richtige Trainingsstrategie genauso wie für jene zur optimalen Ernährung ist es unerlässlich, seine «individuelle Genetik» zu kennen. Denn Strategie und Genetik sind auch im modernen Bodybuilding die zentralen Reiz-, Schlag- und Schlüsselwörter. Drum hier das Wichtigste zur Genetik in aller Kürze.
Der Ektomorph: «Weil der Ektomorph beim Muskelaufbau einer grösseren Herausforderung gegenübersteht als der Mesomorph, ist es für den Ektomorphen wichtig, beim Widerstandstraining geduldig mit Muskelzuwächsen zu sein», sagt Dr. Brett A. Dolezal, Direktor am Center for Resistance Training Research an der North Dakota State University. Und der muss es ja wohl wissen. Der Ektomorph ist ein ziemlich schwerer bzw. eben leichter Fall, ein typischer Hardgainer nämlich. Deshalb ist er ein guter Kunde für «Super Mega Mass 2000», «Pro Gain XXL» oder natürlich für «Super-Kilo-Plus-Weight-Gainer (mit der Get-big-quick-weight-gain-super-Formula)».
Der Mesomorph: «Haben Sie je einen Kerl gesehen, der ins Studio kommt, nicht genau weiss, was er tut, und nicht lange bleibt, doch wie Unkraut wächst?» fragt Jimmy Peña in «Muscle & Fitness» rhetorisch und nicht ganz neidlos. Und fügt hinzu: «Er ist wahrscheinlich ein Mesomorph.» Und Jimmy Peña wahrscheinlich nicht, fügen wir dem bei. Aufbaupräparate braucht der Mesomorph kaum, dafür kommt die «Competition-Formula-Posing-Creme» an seinen Muskeln besonders schön zur Geltung.
Der Endomorph: «Im Gegensatz zum Ektomorph muss sich der Endomorph auf den maximalen Fettverlust konzentrieren, indem er aerobes Training hinzufügt», sagt ebenfalls Dr. Dolezal und ergänzt: «Endomorphe haben normalerweise kein Problem mit dem Muskelaufbau.» Doch Jimmy Peña gibt zu bedenken: «Diese Muskeln zu sehen ist jedoch ein weiteres Problem.» So stellt sich denn die schwierige Frage, wer wohl übler dran ist: der Ektomorph, dessen Muskeln man sehen könnte, wenn er welche hätte, oder der Endomorph, der welche hat, die man aber nicht sieht.
SPORT UND DURST. «In Extremfällen geben Bodybuilder innerhalb kurzer Zeit bis zu drei Liter Schweiss ab», verrät uns die Anzeige für den «Sport- &-Fitness-Vitamin-Mineral-Drink».
Obwohl wir das eigentlich gar nicht unbedingt hätten wissen wollen und uns, wenn schon, eher interessieren würde, wem oder wo sie denn all diesen Schweiss abgeben. Doch auf die brennenderen Fragen gibt die Werbung ja kaum je eine vernünftige Antwort, drum bleibt sie uns auch diese schuldig. Um dafür reichlich schulmeisterlich zu erklären: «Man trinkt im Sport nicht, um den Durst zu stillen, sondern um die Leistungsfähigkeit zu erhalten.» Vielleicht ein weiterer Grund, warum wir nicht im Sport sind.
DIE BAUCHWEG-ROLLE. Leider ist die Bauchweg-Rolle weggerollt. Mit anrollender Fitnesswelle in den siebziger Jahren war sie ein geradezu allgegenwärtiges Gerät, das für wenig Geld und wenig Zeit nicht nur weniger Bauch, sondern auch mehr Muskeln versprach. Ein Einrad, das im liegenden Handstand an Ort gefahren wurde, was weitaus schwieriger tönt, als es tatsächlich war.
Warum die Bauchweg-Rolle auf der Müllhalde der Fitnessgeschichte landen musste, ist nicht restlos geklärt. Wahrscheinlich ging bei fleissigem Training nicht nur der Bauch, sondern auch der Rücken weg. Abgelöst wurde sie durch den «Bauchkiller» zu 49 Franken, der ebenfalls als schneller und günstiger Weg zur guten Figur angepriesen wird.
DAS KELLERVELO. Unbestrittene Leader unter den Fitnessgeräten sind schon seit Jahren jene für das Velofahren an Ort. Man kann auf ihnen nichts anderes als treten, und sie kosten zwischen 300 und 3000 Franken. Einen kleinen Computer mit Anzeige von fingiertem Tempo, Puls und Kalorienverbrauch haben sie fast alle. Doch je teurer sie sind, desto medizinischer kommen sie daher. Dies kommt daher, dass sie sich mit steigendem Preis an eine immer besser verdienende Kundschaft richten, für welche der Herzinfarkt entweder Albtraum oder bereits Trauma ist. Prävention und Rehabilitation sind denn auch die Hauptargumente, mit denen sie angepriesen werden, und die Spitzenmodelle heissen nicht mehr Trainingsgerät, sondern Ergometer.
DER EXPANDER. Der Expander ist der Klassiker unter den Trainingsgeräten für die Oberarme und stammt aus der Zeit, als der Bizeps noch das Mass aller Dinge war. Zwei Griffe, vier Federn und jede Menge Gefahren bei unsachgemässer Handhabung. Zwar schmerzhaft, aber relativ harmlos war das Einklemmen von Haut und Haar in den Federn, was später durch den Ersatz der Stahlfedern durch Gummizüge vermieden werden konnte.
Systemimmanent und somit unvermeidlich bleibt aber der Expander- GAU, bei dem dem Sportler der Griff aus der Hand rutscht und an Kopf und Kiefer knallt. Nicht häufig, aber häufig schlimm. Wohl deshalb ist der Expander im Handel kaum mehr anzutreffen.
Joni Müller ist Texter in Zürich.