ALS DIE Y2K-BUGS loskrabbelten, hiess unser kleiner Liebling flugs wieder Blechtrottel. Zwischen Nordpol und Antarktis schrillten alle Alarmglocken, ein paar Programmierer kündigten ihm gar die Freundschaft und zogen in die Berge. Ganz oben auf der Katastrophenskala, im roten Bereich neben Atommeiler und Genlabor, war noch ein Plätzchen frei, und dort kam uns die gefeierte Maschine teuer zu stehen. Die computergesteuerte Gesellschaft bemerkte, dass sie computergesteuert war: Ausgerechnet in einem runden Ablaufdatum spiegelte sich die neue Ära, das gab dem Silvester erstmals tieferen Sinn.
Es lässt sich nicht länger unter den Desktop kehren: Der hoffnungsvolle Spross der Hochtechnologie ist zu einem vollwertigen Mitglied der Risikogesellschaft geworden. Wie Raumschiff Enterprise dringt er auf Gedeih und Verderb in Zeiten und Räume vor, für die er nicht konstruiert wurde, und jedesmal ergibt sich daraus eine Folge absurden Theaters, in der alle mitspielen müssen.
Nehmen wir nur die Geschichte vom Aufstieg und Fall der Word-Makros, mit der unser kleiner Freund sein einzigartiges Talent zum weltbewegenden Dramatiker andeutete: Einerseits war die Maschine so nett, Handgriffe mit Befehlen zu verbinden und die Büroarbeit von lästigen Wiederholungen zu befreien. Andererseits ermöglicht die Verbindung der Büros mit dem Netz, dass die Handgriffe von aussen kommen und der Maschine befohlen wird, sich von aller Arbeit zu befreien. Noch schneller als Dateien löschen können Computer Nerven töten: Elektronischer Sinn und Unsinn sehen einander zum Verwechseln ähnlich und werden mit ein und demselben Schaltkreis erzeugt.
Es herrscht ein grosses Durcheinander im globalen Dorf, das man als Zuhause von Logik, Mass und Ordnung wähnte. Doch das sind nur potemkinsche Kulissen, dahinter erstreckt sich eine Wildnis aus Irrtum und Leichtsinn, in der Monopol und Enfopol, Banalität und Brutalität skurrile Blüten treiben. Noch nie hatte man so gute Chancen, Opfer eines binären Spuks zu werden.
Unserem kleinen Freund kann das nichts anhaben, er ist an der Macht. Seinem Publikum bleibt nur, sich mit der Vertreibung ins digitale Paradies abzufinden. Die Pressetexte aus dem Silicon Valley wünschen dazu auch für das Jahr 2000 unverdrossen viel Glück und ein happy, healthy computing.