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NZZ Folio 04/03 - Thema: Der Fotograf Inhaltsverzeichnis
Wie die Bilder lügen lernen
Digitale Bildfälschungen sind leichter zu entlarven als herkömmliche, sagt der Bildgutachter Anders Uschold. Und beweist es.
Von Markus Hofmann
Staub verrät den Fälscher. «Hier sieht man Staubkörner: im Himmel, im Meer und bei den Personen. Aber da, auf dem Ball, erkenne ich kein einziges Staubkorn.» Anders Uschold verschiebt die Fotografie am Computermonitor mit der Maus von oben nach unten. Das Bild zeigt eine vierköpfige Familie, die am Strand im knöcheltiefen Wasser steht. Am unteren Bildrand schwimmt ein rotweiss gestreifter Ball. Ein unverdächtiges Ferienbild. Es gibt eigentlich keinen Grund, so etwas zu fälschen.
Uschold hat das Foto so stark vergrössert, dass man die einzelnen Pixel erkennt. Das digitale Bild besteht aus Millionen solcher Bildpunkte, die abhängig von ihrer Position im Bild eine bestimmte Farbe annehmen. Tatsächlich, im blauen Himmel gibt es einige etwas zu dunkle Punkte, und im weissen Meerschaum finden sich graue Pixel: Hinweise auf Staubkörner. Im Ball aber weisen weder die roten noch die weissen Farbflächen Flecken auf.
«Das könnte ein Indiz dafür sein, dass der Ball nachträglich ins Bild hineinmontiert wurde», sagt Uschold, den wir gebeten haben, das Foto auf Unstimmigkeiten zu untersuchen. Uschold ist ein Meister darin, Echt von Falsch zu unterscheiden. Er ist Sachverständiger für analoge und digitale Fotografie – von der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern öffentlich bestellt und vereidigt. Bei strittigen Bildern vor Gericht hat sein Wort Gewicht.
Seit es sie gibt, wird Fotografie benutzt, um zu belegen, dass etwas so und nicht anders stattgefunden hat. In Zeitungen und Zeitschriften, auf Büchern und Plakaten oder vor Gericht. Anders als die Malerei verspricht sie Echtheit.
Die Menschen glauben der Fotografie, obwohl sie schon unzählige Male von ihr betrogen worden sind. Zum Beispiel aus politischen Gründen in der Ära Stalins. Damals war es üblich, in Ungnade gefallene Genossen kurzerhand aus Bildern wegzuretouchieren. Manipuliert wird aber auch heute, etwa um eine Szene zu dramatisieren. So geschehen am 19. November 1997 in der Boulevardzeitung «Blick». Die Berichterstattung über den Terroranschlag im ägyptischen Luxor war mit einem Foto illustriert, auf dem ein rotes Rinnsal über die Treppe des Tempels der Hatschepsut fliesst. Doch die «Blutspur des Grauens» (Bildlegende) war bloss eine Wasserpfütze. Der Computergrafiker des «Blicks» hatte das Wasser nachträglich rot eingefärbt.
Oder man lässt zusammenwachsen, was so noch nicht zusammengehört. In Ermangelung eines Fotos des Babys von Stéphanie von Monaco klebten verschiedene Klatschpresse-Redaktionen der Prinzessin 1992 einfach irgendein Baby in den Arm. Die Montage flog nicht nur auf, weil auf jedem Titelbild ein anderes Baby als Stéphanies Nachwuchs verkauft wurde, sondern auch, weil das Kind zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren war.
Die Fälschungen waren zudem so schlecht gemacht, dass sie auch das ungeübte Auge sofort erkannte. Im Fall von Luxor aber empörte sich die Öffentlichkeit über die Manipulation der Pressefotografie erst, nachdem sie von der Konkurrenz, der «Sonntags-Zeitung», aufgedeckt worden war. Selber hatte man sie nicht bemerkt.
«Die Leute haben Angst vor der digitalen Bildbearbeitung», sagt Uschold, während er seinen Blick vom Bildschirm löst. Nachdem der Computer die Dunkelkammer aus den Redaktionen verdrängt hatte, verlor auch die Pressefotografie – einst Garant redlicher Berichterstattung – an Überzeugungskraft. Holger van den Boom, Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, sprach bereits Anfang der 1990er Jahre von der «Furcht vor dem Schein», die entsteht, wenn die Leute sehen, «dass sich vor ihren staunenden Augen mehr und mehr Bestandteile der Wirklichkeit in Software auflösen».
Täglich beweisen uns Werbung und Film die Manipulationspotenz des Digitalen. Mannequins werden mit wenigen Mausklicks Hautunreinheiten weggeätzt und Beine verlängert. Dörfer werden verlegt und Berge versetzt. Mit der Software «Photoshop» kann sich zu Hause jeder Hobbyfotograf von der scheinbaren Leichtigkeit der Bildmanipulation überzeugen. «Um die Glaubwürdigkeit der digitalen Fotografie ist es schlecht bestellt», sagt Uschold. Ihr traut man alle Täuschungen zu. Mehr noch: Sich selbst traut man nicht zu, die Fälschungen zu erkennen.
Die digitale Fotografie stösst deshalb bei der Justiz, die ihre Argumentationen auf stichhaltige Beweise aufbauen muss, zum Teil auf Ablehnung. Im vergangenen Jahr erschien in der renommierten «Neuen Juristischen Wochenschrift», dem Leibblatt deutscher Juristen, ein Artikel über die «Verwendung digitalisierter Fotos in technischen Gutachten». Er fasst das Missbehagen gegenüber dem Digitalen zusammen: «Im Vergleich zu konventionell hergestellten Fotos begegnet die Beweissicherheit digital hergestellter Fotos erheblichen Bedenken.»
Dem digitalen Bild – so der Tenor des Artikels – ist grundsätzlich zu misstrauen. Digital lässt sich alles beweisen: «Manipulationen am Bildinhalt sind bei digital gefertigten Lichtbildern stets problemlos möglich.» Der schlechte Ruf der digitalen Fotografie in Sachen Zuverlässigkeit kommt der herkömmlichen Fotografie zugute: «Der Informationsinhalt konventionell hergestellter Fotos ist gegenüber digital hergestellten Fotos aufgrund der besseren Fertigungsqualität derzeit erheblich höher.» Vergessen sind Stalins Retouchen und die Basteleien der Klatschhefte. Die analoge Fotografie hat an Glaubwürdigkeit gewonnen.
Aber dass die analoge Fotografie weniger anfällig für Manipulationen sei als die digitale, hält Uschold für einen Mythos: «Schon in vordigitalen Zeiten konnte man ohne weiteres aus einer Illustrierten ein Bild herausschneiden, es in ein anderes Foto kleben, das Ganze fotografieren und auf ein kleines Format von 9 mal 13 vergrössern. Wird das sauber gemacht, hat man grosse Mühe, zu erkennen, ob das Foto authentisch ist oder nicht. Das ist simple analoge Technik.»
Das Fälschen von Bildern ist mit der digitalen Fotografie nicht einfacher geworden, denn die neue Technik steht nicht nur dem Fälscher bei der Manipulation zur Verfügung, sondern auch dem Detektiv bei der Enttarnung. Digitale Bilder besitzen zum Beispiel Kennzeichen, die nur schwer zu manipulieren sind. Um die mit einem digitalen Foto gespeicherten Daten wie Datum, Zeit oder die technischen Rahmenbedingungen der Aufnahme zu ändern, sind profunde Computerkenntnisse notwendig.
«Negativstreifen von konventionell hergestellten Bildern können hingegen durch ein paar ziemlich einfache Techniken manipuliert werden, die bezahlbar und jedermann zugänglich sind», sagt Uschold. Man scanne das Negativ ein, bearbeite es am Bildschirm und lasse von der digitalen, nun veränderten Vorlage im Fotolabor wieder ein Negativbild herstellen. Genauso wie bei der Betrachtung eines digitalen Bildes müsse man sich auch bei einem Negativ fragen, ob nicht bereits dieses gefälscht worden sei. «Die Annahme, ein Negativ sei immer ein Original, ist schlicht naiv.»
Schärfe, Kontrast, Farbtemperatur, Licht: All das sei im Nachhinein schwierig zu manipulieren, sagt Uschold und wendet sich wieder unserem Familienfoto zu. «Fragen wir uns einmal, wo die Sonne steht. Betrachtet man die Gesichter der Personen, dann sieht man, dass die Sonne etwa 80 Grad von rechts kommt. Die Schattenlinien kann man verlängern und dann auf die anderen Gegenstände im Bild übertragen. Jetzt vergleichen wir das mit dem Schattenwinkel beim Ball. Der ist anders als bei den Personen. Ein Hinweis, dass der Ball nachträglich ins Bild kam.»
Und noch ein weiteres Element des Lichts fällt auf. Die Reflexion der Oberfläche ist beim Ball sehr weiss. Bei den Personen ist sie wärmer. Uschold vermutet daher, dass der Ball geblitzt worden ist, die Familie hingegen nicht. Hier liegt der Bilddetektiv daneben: Das Bild des Balls wurde nicht geblitzt, es wurde jedoch zu einer anderen Tageszeit, bei einem anderem Licht, aufgenommen.
Von Spezialisten kann der Stand der Sonne zwar noch einigermassen angepasst werden, doch andere Korrekturen kriegt «nicht einmal der Geheimdienst» hin, sagt Uschold. Zum Beispiel die für jedes Objektiv typischen Farbsäume.
Sieht man sich die Kanten vergrössert an – also die Übergänge von einem Bildgegenstand zum anderen –, erkennt man, dass sie auf beiden Seiten von einem farbigen Saum umgeben sind. «Das sind typische Fehler von Objektiven», sagt Uschold. Der Farbsaum ist eine Art Fingerabdruck des Objektivs. Selbstverständlich sollten die Kanten im ganzen Bild dieselben Farbsäume aufweisen, wenn es mit ein und derselben Kamera gemacht worden ist. Auf dem Familienbild gibt es aber verschiedene Säume: Bei den Personen sieht man blau-grüne, die Kanten des Balls dagegen haben rote Säume.
Besser erkennbar als die Verschiedenartigkeit der Farbsäume ist das sogenannte Rauschen, «die ungleichmässige Wiedergabe gleichmässiger Flächen», wie Uschold erklärt. Bei einem herkömmlichen Film wäre das die Körnigkeit. Wenn man eine Aufnahme genau betrachtet, ist eine einfarbige Fläche nicht überall gleichfarbig. Es gibt hellere und dunklere Stellen, die charakteristisch für eine Aufnahme sind: Das Rauschen sollte im ganzen Bild gleich sein. In unserem ist das nicht der Fall. «Beim Ball ist das Rot sehr homogen. Es gibt kaum ein Rauschen. Aber beim Badekleid des Mädchens finde ich ein ganz differenziertes Rotrauschen. Das macht mich stutzig.»
Uschold hat genug Indizien gesammelt. Staubkörner, der Lichteinfall und die Schatten, die Farbsäume und das Rauschen: Dieses Bild ist manipuliert worden. Tatsächlich stammt das Bild von einem Werbeauftrag, bei dem eine Familie mit Ball hätte fotografiert werden sollen. Der Kunde fand aber die Familie auf einem Bild ohne Ball am besten fotografiert. So fügte man den Ball auf diesem Bild nachträglich hinzu.
Selbst wie die Fälschung hergestellt wurde, kann Uschold erkennen: Das Familienfoto war ursprünglich ein Dia, das gescannt wurde, und zwar mit einem Flachbettscanner. Von diesem Vorgang stammen die verräterischen Staubkörner. Der Ball wurde bei anderem Licht fotografiert, ebenfalls gescannt (allerdings mit weniger Staub) und dann ins Bild montiert.
Uschold hat seine Aufgabe erfüllt. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sagt: «Bei allem technischen Know-how, das man beim Aufspüren von Manipulationen benötigt, muss man ein Bild erst einmal unvoreingenommen betrachten und sich fragen: Ist das Dargestellte plausibel? Wurde das Foto gestellt? Sind die Schärfen logisch?» Es könne zum Beispiel nicht sein, dass ein unmanipuliertes Bild mit guter Schärfentiefe im Vorder- und im Hintergrund scharf sei, dazwischen aber nicht. Zudem müssten immer die Schwierigkeiten und der Aufwand für eine Montage bedacht werden. «Bei unserem Bild zum Beispiel wäre es schwierig gewesen, eine der Personen, die im Meer stehen, hineinzumontieren. Diese Bewegung des Wassers, das um die Beine spült: Das ist kaum machbar.»
Wie fälscht man nun gut? Man benötigt dazu kein Computerwissen, und man muss keine Bildbearbeitungssoftware auf seinem Rechner installiert haben. «Wenn ich ein Bild fälschen müsste», sagt Uschold, «würde ich es in einem grossen Format aufbauen. Dann würde ich es ausdrucken und es anschliessend leicht unscharf abfotografieren, am besten mit einer normalen Kamera, um seine Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Damit sind alle Merkmale einer Fälschung, die wir soeben überprüft haben, verwischt.»
Markus Hofmann ist Inlandredaktor der NZZ.
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