Am westlichen Ende des Kanals, dort wo die Gäste im Edelrestaurant Zeffirini vor Impepata di cozze e vongole sitzen und aus den offenen Bogenfenstern das Wasser überblicken, beginnt Leonardo «O sole mio» zu singen. Das japanische Paar liegt sich, so gut es trotz den Sicherheitsgurten in der Gondel geht, in den Armen, während Leonardo mit einem Ruderschlag an Ronaldo vorbeigleitet. Auch der wartet, bis er das Ende des Kanals erreicht hat, bevor er für seine Fahrgäste «Santa Lucia» anstimmt. Der dichte Gondelverkehr auf dem 400 Meter langen Kanal verlangt nach strenger Disziplin, zumal an der Uferpromenade auch Casanova und seine Gespielinnen mit italienischem Liedgut unterwegs sind und man von der Liftfahrt aus dem 36. Stock des Hotelturms noch Vivaldi im Ohr hat.
Als die Japaner Leonardo in gebrochenem Englisch fragen, wie er mitten in der Wüste zum Gondoliere wurde, erzählt er ebenso gebrochen seine Familiengeschichte: von Vater und Onkel, die dieses Geschäft lange Jahre in Venedig betrieben hatten, von der Schwester, die in New York lebt, vom Hotelmanagement, das ihn angefragt habe, hier zu arbeiten. Die Sonne geht immer noch hinter den Palazzi unter, die den Kanal säumen, als er das Paar zehn Minuten und fünf Brücken später am Markusplatz absetzt. Der blaue Himmel hängt dort tief - genau 13 Meter über dem Pflaster - und wurde von einem geschickten Maler mit weissen Wolken überzogen. Die Kellner in den Restaurants am Platz irritieren mit der Frage, ob man drinnen oder draussen sitzen wolle. Den Tag hat man um halb fünf Uhr nachmittags angehalten. Wechselnde Lichtverhältnisse würden sich negativ auf die Kaufgewohnheiten auswirken, sagt Stacy Solovey von der Presseabteilung. «Sobald es dunkel wird, gehen die Leute nach Hause.»
Abgesehen vom ewigen Sonnenuntergang ist man um Authentizität bemüht. Die Souvenirs, die auf dem überdachten Markusplatz verkauft werden, kommen ebenso aus China wie jene in Venedig, und das Zeffirini ist ein Ableger jenes berühmten italienischen Restaurants in Genua, in dem, wie man auf dem Weg zur Toilette auf gerahmten Zeitungsausschnitten lesen kann, schon Frank Sinatra, Muhammed Ali und der Papst eingekehrt sind. «Man isst dort unheimlich gut, der Chef spricht kein Wort Englisch», sagt Solovey. Während Leonardo vier neue Passagiere bunkert, schaut er stolz zum Torre dell'Orologio hoch. Von dort überblickt der Markuslöwe, der einem hier bis zu den Handtuchhaltern in den Toiletten verfolgt, das klimatisierte Treiben auf dem Platz. «Doch, doch», sagt Leonardo, «Sheldon hat ganze Arbeit geleistet.»
Sheldon ist Sheldon Adelson, vor 67 Jahren als Sohn eines Taxifahrers in Boston geboren, mit der Computermesse Comdex zum grossen Geld gekommen, heute laut dem Wirtschaftsmagazin «Forbes» einer der 400 reichsten Amerikaner. Dass er auf dem Grund des Sands, des legendären Hotels in Las Vegas, ein kleines Venedig bauen könnte, schlug seine Frau vor. Ihre Hochzeitsreise vor neun Jahren hatte die beiden in die Lagunenstadt geführt. Der Milliardär sorgte dafür, dass die Erinnerung an die Flitterwochen nicht wie eine billige Plastic-Kopie von Venedig aussieht, sondern wie eine teure: 1,6 Milliarden Dollar hat The Venetian gekostet.
Die Einfahrt führt am Dogenpalast und am 95 Meter hohen Campanile vorbei, beides massstabsgetreue Kopien, unter der Rialtobrücke (mit automatischem Laufband) hindurch zum Eingang, wo Türsteher mit schwarzen Hosen, rotweiss gestreiften Pullovern und falschem italienischem Akzent die Gäste in die kirchenartige Halle begleiten. Dort, wo man den Altar vermuten würde, hängt ein Stück tiefroter Samt mit der goldenen Stickerei «Golf & Car Rental», im Querschiff will die Theke der Rezeption erst nach dreissig Metern aufhören. Über den wartenden Gästen flattern Engel um Wolken, und Ritter kämpfen gegen Drachen. «Alles Kopien aus der Sixtinischen Kapelle in Venedig», erzählt ein Angestellter, dessen Kunstverstand das Versprechen auf der roten Schärpe, die er trägt, nicht einlöst: «Ambassador of Venice».
Das Venetian soll das Gebäude mit den meisten Deckenmalereien der Welt sein, behaupten seine Erbauer. Das entbindet offenbar von der Verpflichtung, auch zu wissen, was da an die Decken gepinselt wurde. Der Bau dieses Hotels schien eine einzige Rekordjagd gewesen zu sein: genug Marmor am Boden für zehn Fussballfelder, genug Armierungseisen für ein Schlachtschiff, genug Blech für zwölf Freiheitsstatuen. 6350 Fernseher, 8125 Lavabos, 19 000 Türen. Die Grösse der Standardzimmer liess man im «Guinness Book of Records» eintragen: 65 Quadratmeter, mehr als doppelt so viel wie der Durchschnitt in Las Vegas. Das Wort «Zimmer» hat man dem Personal im Venetian ausgetrieben. «Suite» heisst es und folgerichtig auch nicht «Zimmerservice» sondern «In-Suite Dining». Doch der wichtigste Rekord will erst noch gebrochen werden: Im nächsten Jahr soll auf demselben Grundstück ein zweiter identischer Hoteltrakt hochgezogen werden und sich die Zahl der Zimmer von jetzt 3036 auf 6072 verdoppeln. Damit würde das Venetian zum grössten Hotel der Welt.
Adelson hat mit dem Venetian die ungeschriebenen Gesetze von Las Vegas' Hotellerie gleich mehrfach gebrochen. Hotels in Las Vegas finanzieren sich normalerweise zu einem grossen Teil über ihre Casinos und setzen die Zimmerpreise deshalb tief an. Im Venetian bezahlt man dagegen zwischen 109 Dollar pro Übernachtung während der Sommerflaute und 599 Dollar, wenn gerade die Juweliere tagen. Adelson hat es nicht nur auf die Touristen abgesehen, die am Wochenende zum Spielen nach Las Vegas kommen, sondern auch auf Messebesucher und Konferenzteilnehmer, die das Hotel zwischen Montag und Donnerstag auslasten. Die Sands-Messehallen, die Adelson ebenfalls besitzt, liegen neben dem Hotel und sind direkt mit ihm verbunden. Deshalb führen im Venetian nicht mehr alle Wege durchs Spielcasino, und die Zimmer haben - in Las Vegas ein Novum - Minibars («In-Suite Refreshment Center»). In den andern Hotels werden die Gäste so oft wie möglich an den Roulette- und Black-Jack-Tischen vorbeigeführt - und sei es, indem man sie am andern Ende des Casinos eine Flasche Wasser holen lässt, wenn sie mitten in der Nacht Durst kriegen.
Nach anfänglichen Zweifeln glauben heute viele Experten, Adelsons Rechnung könnte aufgehen. 750 000 Leute haben im letzten Jahr durchschnittlich 2,5 Tage im Venetian verbracht und die hohen Preise bezahlt. Die Zimmer sind zu 95 Prozent ausgebucht. Selbst wenn in allen gleichzeitig warm geduscht und gebadet würde, fiele die Temperatur des Wassers nicht um ein einziges Grad. Dafür sorgt Richard Pidruzny, verantwortlich für die Energieversorgung des Venetian.
Nachdem Pidruzny im Nebengebäude den Raum mit den Kühlaggregaten betreten hat, folgt sein Blick zufrieden den Rohren, die pro Stunde 80 000 Liter Kühlwasser für die Klimatisierung ins Hotel pumpen. «Es ist die schönste Energiezentrale im ganzen Land», sagt Pidruzny, der es schade findet, dass die Gäste sie nie zu sehen bekommen, «kürzlich hatten wir sogar Silvester Stallone hier für eine Filmszene».
Pidruzny zeigt dem Besucher in der nächsten halben Stunde Umrichter, Boiler und Kühlaggregate, die ausreichen würden, eine Kleinstadt zu versorgen. Das Venetian braucht so viel Strom wie alle Hotels und Restaurants in der Stadt Zürich zusammen. Die Stromrechnung beträgt annähernd eine Million Dollar pro Monat. Nicht Energieeffizienz ist hier das höchste Ziel, sondern die augenblickliche Befriedigung der Bedürfnisse der Gäste.
«Der Gang durch unser Casino ist wie ein Spaziergang im Wald», sagt Pidruzny, «unsere Frischluftzufuhr beträgt dreissig Prozent, bei der Konkurrenz sind es nur zehn.» Wenn es die Gäste wünschen, wird die gekühlte Luft im Hotel mit Hilfe von Dampf aus Pidruznys fünf 800-PS-Boilern wieder erwärmt - auch wenn es draussen 42 Grad warm ist. «Wir geben den Leuten alles, was sie glücklich macht. Wenn es sein muss, auch eine Heizung in der Wüste.» Bei einem Stromausfall werden innerhalb von sechs Sekunden die Notstromaggregate hochgefahren, damit die zwei wichtigsten Teile des Hotels ohne Unterbruch weiterfunktionieren: die Brandschutzvorrichtungen und das Casino. Selbst wenn ganz Las Vegas ohne Strom wäre, würden die Leute an den 122 Spieltischen und 2500 Spielautomaten nichts davon merken.
Wenn Spieler mit viel Geld aus Mexiko im Hotel ankommen, steigt auch mal ein Techniker aufs Dach und richtet die Satellitenantenne so aus, dass die Gäste die mexikanischen Abendnachrichten schauen können. Die Konkurrenz ist hart. Las Vegas hat mit über 120 000 Hotelzimmern jetzt schon mehr Übernachtungsmöglichkeiten als New York oder Paris.
Doch weil es hier eigentlich gar nichts zu sehen gibt, müssen die Hotels selbst zum Anlass des Besuchs werden - und sei es, indem falsche Gondolieri motorgetriebene Polyestergondeln durch ein 400 Meter langes Planschbecken steuern. Das Venetian ist eine Fabrik, die sich auf die Fliessbandproduktion erstaunter, aber zufriedener Gäste verlegt hat.
Fast 4500 Leute sind in Hotel und Casino angestellt, noch einmal so viele in den eigenständigen Betrieben im Gebäude: Fitnesscenter, Restaurants, Läden. Die grösste Population bilden die 800 Croupiers und Dealer, die pro Jahr 15 Millionen Spielkarten verbrauchen. Es folgen 550 Zimmermädchen und Putzleute, die jeden Tag 20 Tonnen Bettwäsche und Handtücher wechseln und Teppich mit einer Fläche von 44 Fussballplätzen staubsaugen. 75 Leute sitzen in der grössten Telefonzentrale von Las Vegas und nehmen pro Tag bis zu 30 000 Anrufe entgegen - durchschnittlich alle drei Sekunden einen. 200 Serviererinnen mit tiefem Ausschnitt versorgen die Spieler mit 48 verschiedenen Getränken, die über fünf Kilometer Rohre an die Zapfstelle geleitet werden. 200 Sicherheitsleute überwachen mit 700 Kameras die ganze Anlage und zeichnen auf 300 Videorecordern alles auf.
Einen Job, den es im Venetian nur einmal gibt, versieht Dillon Horger. Er kümmert sich im neunten Stockwerk des Parkhauses um die Tauben. Zu jeder vollen Stunde zwischen ein und vier Uhr Nachmittags lädt er hundert von ihnen in einen fahrbaren Vogelkäfig und bringt sie auf die andere Seite des Hotels. Von dort fliegen die trainierten Vögel die 300-Meter-Strecke am Dogenpalast vorbei über die Rialtobrücke zurück in ihre Voliere im Parkhaus.
Im Moment ist Horger gerade dabei, einen neuen Schwarm für einen Auftritt um fünf Uhr zu trainieren. Drei Monate dauert die Ausbildung zur Taube von Venedig. «Die Tauben müssen sehr präzise fliegen, sonst findet man sie im ganzen Parkhaus verteilt.» Bei starkem Wind fallen die Flüge aus. «Die Zwischenräume der Gebäude hier wirken wie ein Windkanal. Da werden die Tauben davongetragen.» Auch das heisse Wetter macht den Vögeln zu schaffen. Wenn Horger im Sommer mehr als 100 Tauben verladen will, muss er einen Ventilator am Vogelkäfig montieren, sonst kriegen die Vögel einen Hitzschlag und sind nicht imstande loszufliegen. Wie die meisten Angestellten des Hotels bis ins hohe Management hat Horger Venedigs Tauben noch nie im Original gesehen.
Einer der wenigen, die Venedig aus eigener Erfahrung kennen, ist der Designer Robert Hlusak. Er reiste im Auftrag von Adelson dreimal nach Italien, von wo er mit 3000 Fotos zurückkam. Er stellte einen Katalog zusammen, woraus Adelson die Gebäude auswählte, die er reproduziert haben wollte: aussen die Fassaden des Dogenpalasts, der Biblioteca Marciana, des Ca' Doro, dazu die Rialtobrücke, die Seufzerbrücke und den Campanile. Drinnen im ersten Stock über dem Casino eine Partie des Markusplatzes mit dem Glockenturm, einen Kanal samt Gondeln und gepflasterte Gassen mit romantischen Stadthäusern.
Hlusak, dessen Firma eigentlich in Arizona beheimatet ist, zog nach Las Vegas um, mietete drei Fertigungshallen mit einer Bodenfläche von mehr als einer Hektare und stellte in drei Jahren 80 000 Statuen, Fresken, Friese, Bogenfenster und andere Dekorationsstücke im Wert von 20 Millionen Dollar her. Den grössten Teil davon in den drei Monaten vor der Eröffnung im Mai 1999, als 300 Leute in drei Schichten rund um die Uhr Säulen aus Styropor schnitten, Kapitelle in glasfaserverstärkten Beton gossen und Löwenköpfe in Schaumstoff schnitzten. «Vieles war ähnlich wie damals in Venedig, bloss benutzten wir oft anderes Material.» Nicht für die Fassade des Dogenpalastes. Dazu verwendete Hlusak Marmor aus dem selben italienischen Steinbruch, aus dem die richtige Fassade stammt.
In Venedig war er bald bekannt wie ein bunter Hund. Es gab Einheimische, die sich mit ihm fotografieren lassen wollten, und andere, die ihm feindlich gesinnt waren. Die Zeitung «La Repubblica» sprach von einer «Vergewaltigung Venedigs und seiner einmaligen Kultur», und der Bürgermeister forderte einen Copyright-Schutz Venedigs. Doch Hlusak ist sich keiner Schuld bewusst. «Auch die Venezianer waren bekannt dafür, Kunst und Ideen aus dem ganzen Mittelmeerraum zusammenzustehlen», sagt er und wagt einen kühnen Vergleich, «die zwei Städte sind einander erstaunlich ähnlich. Beide bestehen aus einer Mischung aus Kunst und Kultur ihrer Zeit, Venedig im Wasser, Las Vegas in der Wüste.» Dass man bei der Authentizität einige Abstriche machen musste, sei von Anfang an klar gewesen. «Hey, das ist Las Vegas!»
Als besonders schwierig stellte sich der Bau der Gondeln heraus. Die Las-Vegas-Version musste breiter sein als das Original, damit sie nicht so leicht kentert, und kürzer, damit die Gondeln im kleinen Canal Grande der Wüste wenden können. Hlusak stellte einen Kanubauer aus Kanada und einen Schiffbauingenieur an, die einen Prototyp bauten. Doch das Boot bestand die Kentertests nach den Richtlinien der Küstenwache nicht. Schliesslich einigte sich Hlusak mit den Beamten darauf, Sicherheitsgurten anzubringen, damit die Leute in der Gondel nicht aufstehen und das Boot so zum Kentern bringen können. «Das war eine etwas sonderbare Lösung, denn die einzige Chance, im 70 Zentimeter tiefen Wasser des Kanals zu ertrinken, hat man wohl, wenn man angegurtet ist», sagt der «Leiter der ältesten und grössten Gondelwerft in Las Vegas», wie sich Hlusak zum Spass nennt.
Trotz dem grossen Aufwand hat sich kürzlich eine Frau bei der Hotelleitung wegen mangelnder Authentizität beschwert. Sie hat sich nicht an den sauberen Hausfassaden gestört, die Hlusak gerne etwas mehr gealtert hätte, auch nicht daran, dass alle Angestellten Englisch sprachen oder dass die Gondelfahrt inklusive Gesang nur zehn Dollar kostete - in Venedig bezahlt man dafür über dreissig, Vokalbegleitung extra. Nein, die Frau hatte herausgefunden, dass ihr Gondoliere nicht Italiener war, sondern Amerikaner. Es war der ausgeprägte Sinn der Amerikaner für Bürgerrechte, der ihm zum Verhängnis wurde: Zwar stand auf seinem Namensschild Ronaldo, er sprach mit italienischem Akzent und sang wie ein Herrgott - doch Ronaldo ist ein Schwarzer. Er heisst in Wirklichkeit Ron und kommt aus Chicago. Auch Leonardos italienische Herkunft darf trotz schwarzem Haar und weisser Haut angezweifelt werden. Es gibt Leute, die wollen ihn früher als Schauspieler im Musical «Bye Bye Birdy» gesehen haben.