NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...?   Inhaltsverzeichnis

Am Apparat -- Morsezeichen

Von Franz Zauner

Plötzlich hörten sich Neuigkeiten anders an: dahdahdah, dididit. Mit dem elektromagnetischen Schreibtelegrafen erfand Samuel Morse 1833 eine Hardware für blitzschnelle Gedankenübertragung, die die berittenen Boten bald um ihre Existenz brachte. Und sein Mitarbeiter Alfred Lewis Vail ersann den Code, den der Deutsche Friedrich Clemens Gerke zu jenem System hektischer Piepser verfeinerte, das auch heute noch fast jeder unter dem Namen Morsezeichen kennt: kurz, lang, Schweigen – oder Punkt, Strich und Pause, wie es offiziell heisst. Man könnte auch 0 oder 1 und Void sagen: unschwer lassen sich in den Morsezeichen die Affen erkennen, von denen die Bits abstammen.

Da sich handgemachter Binärcode nicht wirklich für ausschweifende Mitteilungen eignet, liefen Fernschreiber und Sprechfunk den Morsezeichen den Rang ab. Trotzdem hielt sich die Heldenrolle des unbekannten Morsers bis weit ins 20. Jahrhundert. Unermüdlich hämmert er «SOS» in die Apparatur – meist vergeblich, wie man bei allen Filmuntergängen der Titanic sah. Obwohl bei diesem Untergang angeblich noch der Vorläufer von SOS, CQD, gefunkt worden war.

Das SOS-Zeichen wurde erst 1914 verbindlich genormt und passte ganz gut in dieses Katastrophenjahr: dididit, dahdahdah, dididit – auf der einen Seite ein technisch perfekter Hilferuf, auf der anderen die schwindende Hoffnung auf Brüderlichkeit.
Oft sind es Amateurfunker, die nach Umweltkatastrophen die Kommunikation trotz zerstörter Infrastruktur aufrechterhalten. Zwar wurde der Morsecode im Seenot- und Amateurfunk ausser Dienst gestellt, praktisch ist er immer noch im Einsatz. Auch mit schrottreifer Hardware und bei heftigem Signalrauschen lässt es sich trefflich morsen. Insider schätzen, dass ein Drittel des weltweiten Amateurfunks immer noch über Morsezeichen läuft.

Vielleicht sind technische Notwendigkeiten dabei nur eine Ausrede – bekommen die Morsenden doch, wenn sie Wortsinn in elektromagnetische Schwingungen versetzen, eine Art klassische Musik des Äthers zu hören.


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