|
|
NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Beim Coiffeur - «Die honduranische Frau ist kompliziert.»
© Sarah Jäggi, Zürich
|
| Carlos García Ramírez, Tegucigalpa, Honduras. |
|
 |
Von Sarah Jäggi
Carlos García Ramírez, Tegucigalpa, Honduras, ist 21 Jahre alt; er arbeitet seit vier Jahren in der Barbería Jerez und wohnt mit seiner Mutter, seinen Geschwistern und Verwandten in einem Haus, das der Familie gehört. Die sieben Personen teilen sich vier Zimmer. In seiner Freizeit spielt Carlos Fussball, er ist Torhüter bei den Pumas. Und wenn er Geld hat, geht er mit seiner Freundin aus. Carlos García Ramírez verdient 7000 Lempiras pro Monat, das entspricht 437 Franken. Eine Alters- oder Krankenversicherung hat er nicht.
Welcher Haarschnitt ist zurzeit angesagt?
Ganz klar der «corte europeo», der europäische Schnitt. Er heisst so, weil viele Fussballer in Europa ihn tragen: an den Seiten kurz und oben eine Linie, die lang bleibt, so dass man mit Gel einen Kamm formen kann.
Wie sind Sie Coiffeur geworden?
Als Bub habe ich meiner Mutter geholfen, auf der Strasse «tamales» zu verkaufen, das ist ein landestypisches Gericht: in Bananenblätter eingewickelt Maismasse mit Fleisch. Wir hatten unseren Stand direkt vor dem Salon auf dem Trottoir. So haben wir den Besitzer kennengelernt und auch seinen Sohn, der das Geschäft heute führt. Wir verstanden uns gut, und eines Tages fragten sie mich, ob ich bei ihnen lernen wolle. Das war vor vier Jahren, ich war damals 17 Jahre alt.
Wie sah die Ausbildung aus?
Ich habe die Primarschule besucht und dann meiner Mutter geholfen. Als Coiffeur habe ich einen Kurs absolviert, vier Monate lang, hier in diesem Salon bei meinem Chef. Er hat mir alles gezeigt, was man wissen muss. Mir gefällt es, dass wir in unserem Beruf nicht einsam sind, dass wir nicht draussen an der Sonne arbeiten müssen und nicht schmutzig werden. Und man verdient auch nicht schlecht.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Mein Traum wäre ein eigener Salon, am besten eine ganze Kette. Und zwar am Boulevard Morazán, wo die Stadt moderner ist und die Leute mehr Geld haben. Anders als hier. Es wäre auf jeden Fall ein Herrensalon.
Warum kein Damensalon?
Wissen Sie, die honduranische Frau ist sehr kompliziert. Es ist schwierig, sie zu verstehen, mir gelingt es eigentlich nie.
Die Männer sind weniger kompliziert?
Viel weniger. Wenn einer kommt und sagt, schneide mir die Haare so und so, dann weiss ich, was er meint, weil ich selber ein Mann bin. Man weiss einfach, worum es geht.
Wer schneidet Ihre Haare?
Mein Chef. Und ich schneide seine.
Haben Sie viele Stammkunden?
Ja, wir sind seit 12 Jahren hier und haben viele Kunden, die regelmässig kommen. Manche kommen jede Woche, andere nur jedes Vierteljahr.
Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?
Für mich sind alle Kunden gleich. Und wenn sie zufrieden sind und sich wohl fühlen, habe ich meine Arbeit gut gemacht.
Hatten Sie schon unzufriedene Kunden?
An einen erinnere ich mich, ja. Der wollte, dass ich ihm den Kopf rasiere. Mit dem Rasierapparat. Ganz kurz. Das hab ich gemacht, aber es gefiel ihm nicht. Er hat nichts bezahlt, ging raus und kam nie wieder.
Haben Sie prominente Kunden?
Wir haben zwei, drei Fussballer, aber das sind keine berühmten Namen.
Wem würden Sie gern die Haare schneiden?
Cristiano Ronaldo, meinem Lieblingsfussballer.
Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?
Ja. Bei einem Herrn, der sein Haar lang trug und wollte, dass ich ihm einen Stufenschnitt mache. Ich habe ihm gesagt, das sei eine Frauenfrisur, das mache ich nicht. Ich habe ihn in einen Schönheitssalon geschickt.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?
Der schönste Ort von Tegucigalpa ist El Picacho, ein Berg. Da gibt es viel Grün, einen Zoo und eine Statue, den «Cristo del Picacho», ähnlich wie in Rio. Man hat eine herrliche Sicht über die Stadt. Wann immer es geht, gehe ich sonntags nach der Arbeit dort hinauf.
Und im Stadtzentrum?
Hier im Barrio Abajo ist es ab neun Uhr abends gefährlich, dann hält man sich besser nicht im Quartier auf. Tagsüber ist es kein Problem, es gibt viel Verkehr, und die Leute sind nett. Da ist es gemütlich.
Ist Ihnen noch nie etwas passiert?
Doch, einmal wurden wir von drei bewaffneten Männern überfallen. Meine Freunde und ich haben keinen Widerstand geleistet.
Wie verbringen Sie Ihren Abend?
Ich bin gerne mit meiner Freundin zusammen, meist sehen wir fern.
Waren Sie schon in den Ferien?
Ich habe drei Tage Urlaub im Jahr. Einmal war ich in Tela, an der Karibikküste von Honduras, da gibt es wunderbare Strände.
Sarah Jäggi ist freie Journalistin und lebt in Zürich.
Barbería Jerez Der Herrensalon lebt von der Stammkundschaft. Bis zu 20 Kunden werden dort täglich die Haare geschnitten oder der Bart gestutzt. Ein Haarschnitt kostet etwa 2 Franken, das Frisieren des Schnauzes 1 Franken.
Honduras Einwohner: 7 Millionen BIP pro Kopf: 1270 CHF Milch: 1l CHF 0.90 Brot: 1kg CHF 5.– Tortilla: 1kg CHF 1.20 Kinobillett: CHF 1.80 Zigaretten: CHF 0.85 Taxi: 10 km CHF 4.30
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|