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Der Ganzkörperturnschuh
© Jost Wildbolz, Zürich
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| «Ohne Turnschuhe geht nichts in der Szene»: Fabian Staehlin, 28, Rapper und Produzent. |
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In Herzogenaurach entwickelt das Adidas-Innovationsteam «intelligente» Sportschuhe. Eignen die sich auch für unsportliche Typen? Ein Selbstversuch.
Von Burkhard Strassmann
Pressekonferenzen riechen sonst anders. Nach Kaffee, Keksen und bedrucktem Papier. Hier riecht es nach Duschgel. Keine öden Powerpoint-Präsentationen – ein von stampfenden Rhythmen unterlegtes Werbevideo läuft, in dem hübsche junge Menschen mit sauberen, farbenfrohen Sportschuhen über grüne Wiesen joggen. Und wir Zuschauer werden auch nicht wie üblich als die «verehrten Kolleginnen und Kollegen von der schreibenden Zunft» tituliert. Sondern als «liebe Athleten». Ich blicke an mir hinab, ich taxiere die anderen Bäuche im Raum – und mir ist klar: Ich bin ziemlich fehl am Platze. Das «PR Running Media Event» von Adidas im fränkischen Stammsitz Herzogenaurach besuchen ausser mir nur Journalisten von Fitnessmagazinen und Publizisten aus dem innersten Kreis der Runner-Szene. Waschbrettbauchtypen mit Marathonambitionen.
In einem futuristischen Glaskasten namens «Brand Center» («längste Beamer-Wall der Welt») wird uns heute etwas vorgestellt, was schwer zu beschreiben ist, aber einen Namen trägt: Formotion. Naiv ausgedrückt präsentiert Adidas der Welt einen neuen Turnschuh. In der Sprache des Marketings: Formotion ist ein Innovationskonzept. Eine Philosophie. Doch eigentlich geht es Adidas um nichts Geringeres als den Ganzkörperturnschuh.
In der Schweiz sollen laut einer Studie aus dem Jahre 2000 18 Prozent der Bevölkerung regelmässig joggen. In Deutschland tun es sogar 20 Prozent. Erstaunliche Zahlen, wenn man davon ausgeht, dass so viele Menschen etwas für ihre Gesundheit tun (und erschreckende Zahlen, weil man befürchten muss, dass alle vor irgendetwas weglaufen). Auf jeden Fall ist das aber ein gigantischer Markt, denn für Laufschuhe geben die Leute völlig hemmungslos 200 Franken aus. Immerhin halten die flotten Treter laut Hersteller nur rund 1000 Stunden, dann sind neue fällig.
Oder schon vorher. Wenn nämlich schon wieder eine revolutionäre Innovation passiert ist: mehr Bodenhaftung durch Materialien aus der Weltraumforschung etwa oder schweissabführendes Obermaterial. Endlich der nicht selbstlösende Schnürsenkel. Ganz neu gemischtes Gel für die Federung. Vor zwei Jahren kam Adidas sogar mit einem «intelligenten» Laufschuh heraus. Mit Sensoren und einem Rechner ausgestattet, checkt der Adidas_1 Untergrund, Laufstil und Gewicht des Athleten und reguliert umgehend die Dämpfung des Schuhs. Und im vergangenen Sommer erschütterte Erzrivale Nike die Welt mit einem Schuh, der mit dem iPod kommuniziert und dem Läufer zum Beispiel seine Herzschlagfrequenz zurufen kann. Jetzt musste sich die Firma mit den drei Streifen wieder etwas einfallen lassen, um an Nike dranzubleiben: Formotion eben.
Wumm wumm wumm wumm, die Musik dröhnt, wird dann leiser, Auftritt Thomas Buchhorn. Der energiegeladene Sportmediziner aus Straubing ist locker in der Hüfte, fröhlich und selbstredend Marathonläufer. Er skizziert die Lage. Sie ist elend. Runner’s World bevölkern Millionen von zu dicken, zu alten, völlig ungeübten, mit degenerierten Muskeln und Sehnen ausgerüsteten Möchtegern-Ironmen. Sie hetzen durch den Stadtpark oder am Fluss entlang. Die Folge: Hüftschmerzen, im Steiss reisst es, die Oberschenkelhalsknochen tun weh, die Fussgelenke kippen und klappern wie beim Knochenmann. Und das Knie leidet unter seitlichem Druck und Verdrehung und entwickelt schliesslich das böse Patellofemoral Pain Syndrome, das sind Schmerzen hinter der Kniescheibe. Unter Läufern ein Riesenthema. Laufen ist, so gesehen, ein durch und durch medizinisches Thema. Abhilfe schafft konsequenterweise – der orthopädische Laufschuh.
Das darf man aber nur denken, nicht sagen. Denn hier kommt das Adidas-Innovationsteam ins Spiel, 60 Spezialisten, die eine Hälfte arbeitet in Herzogenaurach, die andere in Portland, Oregon, provokanterweise direkt vis-à-vis dem Nike World Campus. Die Leute entwickeln medizinische Schuhe, die nicht so aussehen dürfen. Schuhe, die alles an Muskeln, Sehnen und Polstern ersetzen, was dem bleichen Fuss des Schreibtischtäters fehlt – Hightech-Krücken in attraktivem Design. Die Prototypen erhält Darren Stefanyshyn. Der Biomechaniker, der die Innovationen an Knieverletzten und Kniegesunden testet, ist eigens von der kanadischen Universität Calgary ins Fränkische gekommen, um zu jubeln: «Fast alle, die vom Laufen Schäden davongetragen haben, profitieren von diesen Schuhen», sagt er begeistert und legt Statistiken vor.
Dann erscheint Julio Rey. Spanischer Marathonläufer, Silbermedaillenträger (Leichtathletik-WM 2003), seit 2001 Mitglied des Club Atletismo Adidas. Er legt sein Hemd ab, schlüpft in neue Laufschuhe, sein Körper wird mit Markern beklebt. Dann läuft er, von Hochgeschwindigkeits- und Infrarotkameras verfolgt, ein Stück durch die Halle. Hinterher kann man sich in Slow Motion und Computeranimationen anschauen, was beim Laufen mit dem Fuss passiert. Der schiebt und rutscht und knickt nämlich, dass man erschrickt, und die Schuhe dämpfen, bremsen, halten den Fuss, dass es eine Wonne ist. Dabei brauchte einer wie Rey solche Schuhe gar nicht. Denn seine Muskeln sind kräftig genug, selbst barfuss ans Ziel zu kommen. Wohingegen unsereiner schon nach wenigen Kilometern ein Fall für die Sanitäter wäre.
Apropos unsereiner: Wir sollen Formotion natürlich am eigenen Leibe erfahren. Dazu werden wir zunächst darauf eingestimmt, dass es hier und heute nicht bloss um Schuhe geht, wie ja auch Adidas knapp die Hälfte seines Umsatzes von 10 Milliarden Euro (2006) mit Textilien macht. Formotion im weiteren Sinne heisst nämlich: Alles, was der Läufer trägt, Shirts, Hose, Socken, Windjacke – die ganze zweite Haut, ist auf den Athleten und seine Körperkonturen hin optimiert. Wir sprechen von 3-D-Geweben! Beulen in Hemd und Hose sind da, wo beim Sport Beulen am Körper entstehen. Platz da, wo die Bewegung Platz braucht.
Wir Journalisten werden komplett neu eingekleidet. Meine Füsse ziert alsbald ein Supernova CLT, in dessen Sohle sich Kunststoffplatten aus geheimem Hightech-Material mit definiertem Widerstand aneinander reiben. Er wird die Pronation, also das seitliche Kippen meines Fussgelenkes beim Auftreten, um satte 15 Prozent reduzieren. Phantastische 30 Prozent der aufs Knie einwirkenden Kräfte fängt dieser tolle Schuh ab.
Schon treten wir zu einem kleinen Viertelmarathon (die meisten) oder einem winzigen Rundkurs (ich) an. Optisch falle ich nicht einmal so sehr aus dem Rahmen: Die Laufprodukte sind chic, ich sehe gleich aus wie einer, der täglich ein Stündchen abspult. Im besagten Formotion-Ganzkörperschuh hoppele ich über Strassen und Wege, Stock und Stein, durch Wind und Sturzregen, und schon bin ich der letzte. Wobei eine sehr rundliche Amerikanerin bei mir bleibt (sie geht). Nach zehn Minuten tun mir die Fesseln weh. Dann die Kniegelenke. Dann die Hüften. Dann eine Bandscheibe. Mühsam, aber eisern laufe ich mit letzter Kraft ins Hotel, das praktischerweise auf dem Firmengelände untergebracht ist. Wenige Meter vor dem Ziel werde ich von den Langstreckenläufern überrundet. Erniedrigt und geschlagen wanke ich unter die Dusche. Ich habe Innovationen erlebt, Hightech, Philosophie – und nichts davon gespürt. Am Abend reden die Kollegen beim Essen angeregt über ihre Lauferfahrungen. Und verabreden sich zu einem Zusatzlauf in der frühen Morgenstunde. Ich werde da fehlen.
Am nächsten Vormittag gibt es für die meisten Kollegen nur ein Ziel: das Adidas Factory Outlet, dort werden uns 30 Prozent Zusatzrabatt gewährt. Ein kleines Trüppchen macht sich aber noch ins Allerheiligste auf, in den Bereich der Firma, wo aus Philosophie Materie und aus einer innovativen Idee ein Turnschuh wird. Viele Türen bleiben uns verschlossen, dahinter entstehen ganz im Geheimen unter anderem Welt- und Europameisterschaftsbälle. Oder man tüftelt an Schuhen, die Normalsterbliche erst in zwei Jahren sehen werden.
In der Forschung und Entwicklung geht es auch sonst zu wie in der Autoindustrie. Ein neuer Sportschuh wird am Computer entworfen. Dem Rechner wird mitgeteilt, welches Design gewünscht wird, welche Materialien benutzt werden, in welcher Stärke, mit welchen Eigenschaften. Dann können aufwendige Rechenprogramme die Belastungen simulieren. Das Vier- bis Fünffache des Körpergewichts muss ein solcher Schuh auf Schritt und Tritt aushalten, und zwar das ganze Schuhleben lang. Am Bildschirm kann man den virtuellen Schuh von einem virtuellen Fuss anziehen lassen und nachsehen, wo es drückt.
Erst wenn theoretisch sicher ist, dass der neue Schuh funktioniert, wird ein Prototyp gebaut, der tatsächlich Langzeittests unterworfen wird. Mit ihm tritt ein Kunstfuss im Dauertest rund 100 000 Mal auf und rollt ab. Taugt der Prototyp, geht der Schuh in die Produktion, das heisst, die Computerdaten werden nach Südchina oder Vietnam geschickt. Die Dasslers, die im Namen Adidas (Adolf Dassler) verewigt sind, haben zwar mal als Schuhmacher angefangen – doch die wirklichen Schuhmacher der Welt sitzen schon lange in asiatischen Niedriglohnländern.
In Herzogenaurach und Portland wird dagegen mehr über die nächsten Innovationen nachgedacht. Den Leuten vom Innovationsteam sind leider – selbst unter Einsatz von alkoholischen Getränken – keine Details zu entlocken. Allenfalls ein paar Spinnereien zur weiteren Entwicklung des Ganzkörperschuhs. Was wäre zum Beispiel von einem Laufhemd zu halten, das im Bereich des Herzens rot anläuft, wenn der Pulsschlag in den roten Bereich gerät?
Und auch das ist kein echtes Betriebsgeheimnis: dass die ganze Branche insgeheim an dem grossen und verführerischen Projekt der Bremsenergie-Rückgewinnung arbeitet. Was manche Autos heute schon können, würde uns Athleten schliesslich ebenfalls freuen: wenn ein neues Sohlenmaterial die Energie speichern könnte, die beim Auftreten auf den Boden als Wärme verloren geht. Um sie beim Abstossen vom Boden wieder rauszudrücken. Ein derart ausgerüsteter Schuh würde uns auf Schritt und Tritt hochkatapultieren und uns viel Mühe ersparen.
Absehbar ist jedenfalls, dass der Intelligenzquotient der Turnschuhe unaufhaltsam steigen wird. Auf der anderen Seite entwickeln viele Hersteller, gerade auch der amerikanische Lieblingskonkurrent Nike mit dem «Swoosh»-Logo, immer leichtere Schuhe. Abgespeckte Versionen, die irgendwie natürlicher wirken. Für Menschen, die beim Laufen wieder mehr auf ihre eigenen Füsse vertrauen wollen. Früher wogen Fussballschuhe mal über ein Pfund. Gute Laufschuhe bringen heute 350 Gramm auf die Waage, das gilt als leicht. Doch 100 Gramm oder weniger – das ist richtig cool. Fast wie Barfusslaufen. Heute gibt es so etwas nur für geübte Profiläufer. Hätten auch wir Dicke, Alte und Ungeübte hinlänglich stützende und dämpfende Leichtschuhe an den Füssen – das wäre dann fast wie Fliegen.
Burkhard Strassmann ist Autor der «Zeit»; er lebt in Bremen.
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